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“Dogmatische Printjournalisten sind in diesem Programm fehl am Platz”: Facebook bezahlt Journalisten-Ausbildung an der HMS

Der Studiengangleiter der Hamburg Media School, Stephan Weichert und Facebook-Kommunikator Guido Bülow wollen Journalisten fit für die Digitalisierung machen
Der Studiengangleiter der Hamburg Media School, Stephan Weichert und Facebook-Kommunikator Guido Bülow wollen Journalisten fit für die Digitalisierung machen

Mit dem “Digital Journalism Fellowship” startet die Hamburg Media School ein einjähriges Weiterbildungsprogramm für Journalisten. Bezahlt wird das Angebot komplett von Facebook. Im MEEDIA-Interview erklären Professor Stephan Weichert von der HMS und Guido Bülow von Facebook, wer an dem Programm teilnehmen darf, warum genau ein solches Angebot braucht und warum es sich dabei um keine Bestechung durch das US-Netzwerk handelt.

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Auf dem Lehrplan des “Digital Journalism Fellowship” stehen Module, die das gesamte Spektrum des Digitalen Journalismus – von mobilem Storytelling, über Entrepreneurial Thinking, bis hin zu digitaler Medienethik – abdecken sollen. Den Abschluss bildet ein 10-tägiger Innovation Field-Trip nach New York City und ins Silicon Valley.

Bevor sich das Narrativ festsetzt, dass Facebook jetzt Journalisten in seinem Sinne ausbildet. Um was für einen Studiengang handelt es sich?
Stephan Weichert: Das Digital Journalism Fellowship ist streng genommen kein Studiengang, sondern ein nicht-akademisches Weiterbildungsprogramm für freie und festangestellte Journalistinnen und Journalisten, das von mir initiiert und konzipiert wurde und das nun mit Unterstützung von Facebook realisiert werden kann.

Wie ist die Idee dazu entstanden?
Weichert: Ich hatte schon länger den Wunsch, einen neuen Lehrgang für berufstätige Journalisten zu konzipieren, der komplementär zu meinem Masterstudiengang Digital Journalism angelegt ist, gewissermaßen ein Spin-off für Kolleginnen und Kollegen mit mehrjähriger Praxiserfahrung, die sich an der Hamburg Media School bisher eher punktuell in Einzelseminaren journalistisch fortbilden. Nach einem Besuch von Guido Bülow und Campbell Brown, Facebooks globaler News Partnerships Chefin, in einem meiner Seminare hier bei uns an der HMS im vergangenen Herbst, haben wir diese Idee dann gemeinsam weiter verfolgt und in den vergangenen Monaten schrittweise konkretisiert.

“Zugelassen sind Journalisten aus Deutschland, die über mindestens fünf Jahre Berufserfahrung verfügen”

Das heißt aber auch: Zugelassen sind keine Marketer, PR-Profis oder Social-Media-Manager. Das Programm richtet sich ausschließlich an Journalisten?
Weichert: Ja. An Journalisten aus Deutschland, die über mindestens fünf Jahre Berufserfahrung verfügen. Sonst gibt es keine weiteren Restriktionen. Interessierte können sich über unsere Website ab dem 15. Juni bewerben.

Das ist alles. Keine weiteren Kriterien und Regeln?
Weichert: Es wird schon noch ein paar mehr Kriterien geben, die wir in den kommenden Wochen noch genauer ausarbeiten. Bewerber sollten vor allem eines haben: Leidenschaft für den digitalen Journalismus und die Lust am lebenslangen Lernen. Gerade jetzt sind Journalisten sehr gefordert, sich publizistisch und handwerklich weiterzuentwickeln. Eine kontinuierliche Weiterbildungspraxis gehört daher zu den Grundbedürfnissen jeder Redaktion, die guten Journalismus machen will, der zum Beispiel in der Lage ist, junge Zielgruppen zu erreichen. Dogmatische Printjournalisten, die meinen, dass sie in den nächsten 20 Jahren nichts mehr dazulernen müssen, sind in diesem Programm fehl am Platz.
Guido Bülow: Ich lerne immer mehr Journalisten kennen, die seit 10 oder 20 Jahren im Beruf sind und eine große Lust spüren, sich zu verändern und Neues auszuprobieren. Viele haben einen
großen Drang hin zum Digitalen. Aber es fehlt noch immer am Know-How und passenden Weiterbildungsangeboten. Genau diese Kandidaten und Kandidatinnen könnten für das Programm prädestiniert sein.
Weichert: Von den Bewerbern wird allerdings auch einiger Einsatz – vor allem Hingabe und Zeit – erwartet. Dafür erhalten sie an der HMS die Chance, ihren Job-Skills ein komplettes Update zu verpassen – auch mit Mitte, Ende 40. Den Redaktionen und Personalabteilungen wird ebenfalls etwas abverlangt: Sie sollten ihren Mitarbeitern für diese berufliche Weiterbildung keine Steine in den Weg legen, sondern sie ein Jahr lang regelmäßig freistellen, damit sie an Seminaren teilnehmen können.

Nicht Facebook, sondern ein unabhängiger Beirat entscheidet über die Zulassung

Wer entscheidet dann, wer in das Programm kommt. Facebook?
Weichert: Nein. Wir werden einen unabhängigen Beirat aus Branchenexperten und -expertinnen einberufen, aus dessen Kreis sich wiederum ein Arbeitskreis bildet, der sich in das Auswahlverfahren der Teilnehmerinnen und Teilnehmer einbringt und zusammen mit mir die Teilnehmer auswählt. Man muss sich das so ähnlich wie das Bewerbungsverfahren an einer Journalistenschule vorstellen.

Wer gehört diesem Beirat an?
Weichert: Die Mitglieder stehen zwar größtenteils schon fest, wir geben die vollständige Liste aber erst kommende Woche auf der Website bekannt. Ich kann an dieser Stelle verraten, dass der ehemalige Leiter der Deutschen Journalistenschule, Jörg Sadrozinski, dabei ist, Daniel Fiene von RP Online, Christina Elmer von Spiegel Online, Cordt Schnibben, der Chef der Reporterfabrik, sowie Alina Fichter von Zeit Online.

Wird Facebook denn auch in dem Beirat dabei sein, Herr Bülow?
Bülow: Wir werden einen der Sitze haben.

Wen entsendet Facebook in das Gremium?
Bülow: Das werde ich sein.

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Unterstützt Facebook irgendwo auf der Welt ein ähnliches Projekt?
Bülow: Wir unterstützen über das Facebook Journalism Project weltweit eine Vielzahl von Initiativen. Unser Ziel ist es, den Qualitätsjournalismus und damit auch die Gesellschaft zu stärken, aber etwas Vergleichbares ist tatsächlich nicht dabei. Für uns ist das ein globales Pilotprojekt.

Zwingt die Teilnahme an einem solchen Studiengang die Redaktionen jetzt nicht dazu, unter jedem Facebook-kritischen Text einen Disclaimer zu setzen, dass der Autor oder ein Mitglied der Redaktion an dem Programm teilnimmt?
Bülow: Wir fördern das Programm, um den Qualitätsjournalismus zu stärken und zu unterstützen. Guter Journalismus ist unabhängig. Journalisten dürfen und sollen über alles berichten, über das sie berichten wollen – auch wenn das unser Unternehmen betrifft. Ich sehe an dieser Stelle keinen Interessenkonflikt. Aber man sollte es gegebenenfalls schon kenntlich machen. Wir sind Förderer des Programms, aber die Auswahl der Teilnehmer geschieht durch die Hamburg Media School unterstützt den Beirat, nicht durch Facebook. Uns ist sehr wichtig, dass klar ist, dass wir über das Programm auch keinerlei Zugriff auf einzelne Redaktionen oder Journalisten bekommen.
Weichert: Facebook ist Enabler eines exzellenten Weiterbildungsprogramms aus dem Hause HMS.

Wäre es nicht sinnvoller, wenn Facebook in Deutschland einfach seine Steuern zahlen würde und damit ganz direkt das Bildungssystem stützt und so hilft, den Journalismus besser zu machen?
Bülow: Wir zahlen heute schon unsere Steuern in Deutschland. Insgesamt muss man sagen, dass wir uns unserer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung heute ganz anders bewusst sind.

Was heißt das genau?
Bülow: Das spiegelt sich in grundlegenden Veränderungen auf der Plattform wieder. Anfang des Jahres haben wir das Ranking im News Feed so angepasst, dass eher bedeutsame Interaktionen und Verbindung begünstigt werden, als bloßer Konsum. Gleichzeitig werden nun lokale Nachrichten stärker hervorgehoben und durch die Befragung der Menschen auf Facebook, welchen Medien sie vertrauen, wollen wir in Zukunft Qualitätsinhalten zu noch mehr Erfolg verhelfen. Und es spiegelt sich in der Zielsetzung des Facebook Journalism Projects wieder. Wir versuchen dieser Verantwortung unter anderem durch die Unterstützung von Projekten, wie wir sie jetzt mit der Hamburg Media School umsetzen, gerecht zu werden.

Trügt der Eindruck, dass sich Facebook gerade auch von den Medien immer wieder missverstanden fühlt und sich deshalb heute mehr Mühe gibt, sich und den digitalen Journalismus besser zu erklären?
Bülow: Ganz ehrlich…

Bitte…
Bülow: Das ist ein Prozess. Mit gerade einmal 14 Jahren sind wir wirklich noch ein junges Unternehmen. Wir haben in der Vergangenheit viele Fehler gemacht und werden wahrscheinlich noch weitere machen. Aber hoffentlich nicht mehr so viele. Wir lernen. In diesem Lernprozess stecken wir noch drin, gleichzeitig wollen wir die Teams, die mit den Verlagen zusammenarbeiten, so stärken, dass die Zusammenarbeit mit den Medien noch besser wird.

Die Zukunft des Qualitätsjournalismus und einer informierten Gesellschaft stärken, ist es ein signifikantes Investment”

Wie hoch ist das Investment von Facebook in das Projekt?
Bülow: Eine konkrete Zahl nennen wir nicht.

Wie viele Nullen hat die Zahl denn?
Bülow: Mehrere. Der Vision des Facebook Journalism Projects folgend, in Organisationen und Programme zu investieren, die die Zukunft des Qualitätsjournalismus und einer informierten Gesellschaft stärken, ist es ein signifikantes Investment.
Weichert: Es ist eine Förderung, die es uns erlaubt, die besten Dozenten auszuwählen und für die Teilnehmer eine kostenfreie Fortbildung zu ermöglichen, die auch die Reisekosten beinhaltet. Ich empfinde es als Privileg, ein Weiterbildungsprogramm ohne inhaltliche und finanzielle Einschränkungen umsetzen zu können, das aktuelle Trends aufgreift und dabei den hohen Standards internationaler Journalistenschulen genügt.
Bülow: Wir verbinden mit dem Programm die Hoffnung, dass die Teilnehmer den Input, die neuen Ideen und auch vielleicht einen gewissen digitalen Enthusiasmus mit in ihre Heimatredaktionen nehmen.

So eine Art Digital-Influencer?
Weichert: Eher digitale Botschafter, die das Gelernte in die gesamte Medienbranche tragen.

Interessenten können sich ab dem 15. Juni in einem offenen Verfahren auf insgesamt 20 Plätze bewerben. Fortlaufend aktualisierte Informationen gibt es hier.

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