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“Sinneswandel oder nur Versuch, die Debatte zu beenden?” Der ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt über die Wende beim Einreiseverbot

Hajo Seppelt darf nun doch zur Fußball-WM nach Russland einreisen
Hajo Seppelt darf nun doch zur Fußball-WM nach Russland einreisen

ARD-Sportjournalist Hajo Seppelt darf nun doch zur Fußball-Weltmeisterschaft nach Russland einreisen. Auf einer Liste "unerwünschter Personen" steht er aber weiterhin. Bei Einreise droht ihm zudem eine Vernehmung vor einem staatlichen Untersuchungskomitee. Mit MEEDIA hat der Dopingexperte über die ursprüngliche Entscheidung und die aus Seppelts Sicht überraschende Wende gesprochen.

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Woher kommt der plötzliche Sinneswandel der russischen Regierung?
Das weiß ich nicht, da es mir keiner mitteilte. Die Frage ist, ob es überhaupt ein Sinneswandel war oder nur der strategische Versuch, auf diese Weise die öffentliche Debatte zu beenden. Ich nehme an, dass von verschiedenen Seiten Russland darauf hingewiesen wurde, dass es sich mit der Visa-Verweigerung für einen Journalisten nicht an die Fifa-Verpflichtungen eines Gastgeberlandes hält. Und dieses Argument konnten die Verantwortlichen in Russland schwerlich entkräften. Wäre es bei dem Entzug des Visums geblieben, hätte die Diskussion um Pressefreiheit in Russland zur spürbaren Belastung für die WM werden können. Womöglich bleibt sie uns jetzt aber auch so erhalten.

Die WM ist ein Ereignis, das in Russland stattfindet, aber nicht von Russland veranstaltet wird. Das Land muss sich demnach an das sogenannte Pflichtenheft der Fifa halten. Was steht da drin?
Dort steht, dass der freie, ungehinderte Zugang für Medienvertreter aus aller Welt zum Großereignis gewährleistet werden muss. Somit hätte Russland gegen diese Verpflichtung verstoßen. Dass das Land diesen Schritt in der Form durchsetzen wollte, lässt die Frage aufkommen, ob in dieser Angelegenheit ein Verantwortlicher in der Visa-Abteilung über diese speziell nur für die Fußball-WM geltende übergeordnete Verpflichtung womöglich schlicht nicht im Bilde war. Man könnte es auch so sagen: Zur Fußball-WM muss Russland gemäß des Pflichtenheftes, ob es will oder nicht, auch Personen ins Land lassen, die es als „unerwünscht“ bezeichnet.

Wie bitte, das ursprüngliche Einreiseverbot könnte ein bürokratischer Fehler gewesen sein?
Dass da jemand in der russischen Konsulatsverwaltung eine Liste mit unerwünschten Personen vorliegen hatte, doch dieser jemand hatte das Vorgehen nicht mit den Verantwortlichen der Fußball-WM abgesprochen, die sich womöglich ganz anders verhalten hätten. Diese sogenannte Liste, so nehme ich an, dürfte es schon länger geben, nur war uns das nicht bekannt, denn ich habe einige Zeit gar keinen Antrag zur Einreise gestellt. Eins ist klar: Es ist ein PR-Desaster für Russland. Man wollte womöglich vermeiden, dass Themen wie Pressefreiheit und Doping eine große Rolle im Vorfeld oder während der WM spielen. Das Gegenteil ist nun der Fall.

Die ARD, Ihr Arbeitgeber, sprach von einem “beispiellosen Eingriff in die Pressefreiheit”.
Das ist tatsächlich eine unerwartete und neue Dimension. Sie berührt grundlegende Fragen zum Berufsstand des Sportjournalisten. Einem Sportjournalisten soll quasi die Erlaubnis entzogen werden, über ein Sportereignis zu berichten. Es ist zwar so, dass mitunter Veranstalter versucht haben, einem Journalisten die Akkreditierung zu verweigern oder zu entziehen. Hier ging es jedoch nicht um eine Akkreditierung, denn die wurde von der Fifa sogar erteilt. Hier ging es um das Visum, das überhaupt die Voraussetzung ist, um die Akkreditierung in Anspruch nehmen zu können.

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Wie finden Sie, dass sich die Politik in ihrem Fall so stark engagiert hat?
Dass Journalisten in Russland einen schweren Stand haben, ist bekannt. Dass es sich um ein Land handelt, in dem Medien staatlich beeinflusst und gelenkt sind, ist auch kein Geheimnis. Mein Fall tangiert solche zentralen Fragen und insofern ist es schon eine sehr medienrelevante Frage und hat eine politische Dimension. Daher habe ich Verständnis dafür, dass der Fall auf politischer Ebene diskutiert wird.

Der russische Sportpolitiker Dmitri Swischtschow sagte gegenüber der Agentur R-Sport: „Was will ein Mensch, der mit Dreck wirft, mit unbestätigten Fakten arbeitet und in Russland nur das Negative sucht?“ Außerdem betonte er, dass Sie sogar ein Super-Visum ausgestellt bekommen würden, sobald sie „objektive Filme über Russland“ drehen würden. Was sagt so ein Statement über ein Land und dessen Auffassung von Presse- und Meinungsfreiheit aus?
Solche Aussagen zeugen von einem bemerkenswerten Selbstverständnis über die Rolle, die Journalismus in einer Gesellschaft spielen soll. Hier werden Behauptungen in die Welt gesetzt, die nichts mit dem zu tun haben, was faktisch längst bewiesen ist. Der Weltsport hat die Enthüllungen zum russischen Staatsdoping zum Anlass für umfangreiche Ermittlungen genommen. Diese führten zu zahlreichen Sanktionen gegen den russischen Sport, oft auch gegen russische Athleten. Es geht hier um systematische Vertuschung von Doping über Jahre hinweg, bei der auffällige Dopingproben verschwanden oder ausgetauscht worden sind. Positive Proben, die verschwunden sind, haben zur Folge, dass in Einzelfällen der Nachweis nicht mehr zu führen war. Die systematische Korruption ist von der Welt-Anti-Doping-Agentur, selbst vom sonst zögerlichen Internationalen Olympischen Komitee anerkannt worden. Das systematische Vorgehen russischer Sportfunktionäre und Politiker ist hinlänglich dokumentiert und belegt. Wenn dann ein russischer Sportpolitiker immer noch behauptet „Die Erde ist eine Scheibe“, das alles stimme nicht und es seien unbewiesene Fakten veröffentlicht worden, dann ist das realitätsfremd. Es offenbart eine Strategie, die wir von russischer Seite immer wieder beobachten: Alles abstreiten und sei es noch so absurd. Ein Verhalten, das vielleicht auch eher nach innen gerichtet ist als nach außen. Jedem vernünftigen Menschen, der die Fakten kennt, ist klar, dass das an den Haaren herbeigezogene Verteidigungsstrategien sind.

Wie können Sie nach einem derartigen Vorfall überhaupt noch unbefangen aus Russland berichten?
Distanz zu wahren, auch in einer solchen Situation ist wichtig. Ich kann sagen, dass dieser Vorfall die konkreten Inhalte meiner Arbeit gar nicht berührt. Eher schwierig wird es womöglich dann sein, wenn unsere Arbeit vor Ort noch mehr als früher unter Beobachtung stehen sollte. Damit müssen wir nun rechnen.

Zu Ihrem Fall hat sich am Montag noch ein anderer gesellt: Die deutschen Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan haben sich mit dem türkischen Präsidenten Recep Erdoğan getroffen und für einen Sturm der Entrüstung gesorgt. Bekommen wir in diesem Jahr eine besonders politische Fußball-WM?
Das Bemerkenswerte in dem Fall Russland ist ja, dass dort stets behauptet wird, Sport und Politik hätten nichts miteinander zu tun. Doch die russische Staatsführung hat hier entgegen der eigenen Aussagen das Gegenteil bewiesen. Sport ist massiv von politischen Einflüssen betroffen, wie ja allein schon Putins Inszenierungen auf der Bühne des Sports seit Jahren zeigen. Eigentlich handelt es sich bei dieser Entscheidung um einen Offenbarungseid der russischen Führung: Sie haben damit zum Ausdruck gebracht, dass das Doping in Russland und die Berichterstattung von zahlreichen internationalen Medien darüber innerhalb der vergangenen drei Jahre längst eine staatspolitische Dimension für sie erreicht haben.

Die Pressemitteilung der russischen Botschaft in Berlin zum Fall Seppelt lesen Sie hier.

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