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“Ich würd mich gern mal mit Julian Reichelt auf Twitter zoffen” – was die Autorin und Moderatorin Sophie Passmann antreibt

“Schreibt Dinge ins Internet”: Autorin Sophie Passmann
"Schreibt Dinge ins Internet": Autorin Sophie Passmann

Immer mehr junge Medienmacherinnen und -macher nutzen Instagram als Plattform für starke Meinungen und politische Debatten. Im Gegensatz zu den perfekt inszenierten Heile-Welt-Fotos, die einst den besonderen Reiz des Netzwerkes ausmachten, sind ihre Inhalte rauer; unverstellt und oft provokant. Die Autorin Sophie Passmann ist eine von ihnen. Sie sagt: Wir brauchen mehr Haltung und weniger Selfies. Ein Porträt.

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Sophie Passmann sitzt in einem Café in Berlin-Mitte, trinkt schwarzen Kaffee und blättert durch die Print-Ausgabe der Springer-Zeitung Welt. Ihr Smartphone lädt in der Steckdose neben dem Tisch. Mit den Worten „Ich muss noch einmal schnell drauf gucken, ich hab grad was Lustiges getwittert“ greift sie kurz danach, bevor sie schließlich die Signaltöne ausschaltet und es mit dem Display nach unten von sich schiebt. Ihr Blick fällt wieder auf die gedruckte Zeitung neben ihr. „Das hier“, sagt sie und tippt auf den Rand der Titelseite, „ist eine großartige Sache.“ Sie meint die „FreeThemAll“-Kampagne der Welt, die nach der Freilassung von Deniz Yücel jeden Tag einen anderen zu Unrecht verhafteten Journalisten vorstellt. „Das ist endlich mal wieder unironischer Aktionismus, der mir wirklich Hoffnung macht.“

“Eine starke Meinung ist wichtiger als nette Selfies”

Es gibt viele Themen, für die Sophie Passmann brennt, auf die sie sich regelrecht „stürzt“, wie sie selber sagt. Die Inhaftierung Deniz Yücels im Speziellen und Pressefreiheit im Allgemeinen gehören dazu. Aus ihrem Politikstudium in Freiburg hat sie mitgenommen: Jede Unzulänglichkeit eines Staates, alles, was geändert werden muss, ist immer eng verknüpft mit jemandem, der das aufschreibt. Haltung zu zeigen, ist ihr wichtig. Stellung zu beziehen zu gesellschaftlichen Entwicklungen, die aus ihrer Sicht schief laufen. „Eine starke Meinung ist viel wichtiger als nette Selfies. Vor allem, wenn man in der Unterhaltungsbranche arbeitet“, sagt sie. Fehlende Haltung und fehlende Solidarität machen ihr Angst: “Wir brauchen mehr kluge, besonnene Menschen, die ihre Stellung gut nutzen und sich für eine Sache einsetzen.”

Sophie Passmann nutzt dafür die sozialen Netzwerke, sie sind ihr Sprachrohr, über das sie jede kreative Idee und jeden Gedanken “einfach rausballern” kann. “Dort kriegt man die Möglichkeit, jeden Tag genau die Dinge zu erzählen, die man möchte. Ohne Redaktion, ohne Produktionskosten”, sagt sie. “und solange mir niemand eine eigene Late-Night-Show gibt, mach ich meine Witze eben bei Insta.”

Vor allem Instagram hat sich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt, ist diverser geworden. Es ist nicht mehr nur die Schöne-Heile-Welt-Plattform, auf der wohl gestaltete Menschen ihr noch schöneres Essen und ihre perfekten, weißen Wohnungen zeigen. Zwar gibt es diese Inhalte immer noch, doch es hat sich längst eine Gegenbewegung gebildet, die das Netzwerk echter, rauer, politischer, journalistischer und auch provokanter werden lässt. Sophie Passmann trägt dazu bei. Bei Instagram folgen ihr über 23.000 Menschen; bei Twitter sind es mehr als 35.000. Auf beiden Kanälen äußert sie sich zu Politik, Umweltschutz, Feminismus. Bei Twitter häufig verpackt in kurz pointierte Witze, die hundertfach geteilt werden. Bei Instagram vor allem über die Story-Funktion.

Als Journalistin will sich Sophie Passmann dabei jedoch nicht zwangsläufig verstanden wissen, wie sie zuletzt auf der Veranstaltung Spiegel Live sagte. “Ich erkläre die Innenpolitik der SPD mit einem Falafelteller”, so Passmann während des Podiums, “wer das als Journalismus bezeichnet, gehört eingeliefert.“ Ihre Anziehungskraft wachse aus der Unterhaltung heraus. An drei aufeinanderfolgenden Tagen erzähle sie in ihrem Kanal Quatsch, am vierten käme sie mal mit Informationen um die Ecke. Wenn da etwas hängen bleibe, habe sie ihr Ziel schon erreicht. In dem Café in Berlin-Mitte sagt sie auf die Frage, wie sie ihre Social-Media-Aktivität einem 90-Jährigen erklären würde: “Ich schreibe Sachen ins Internet und kläre manchmal junge Leute über Politik auf.”

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“Netzfeminismus ist ein krudes Synonym geworden für hysterisch, übertrieben, ungebumst”

Die 24-Jährige ist eine der Medienmacher*innen aus der Kategorie “diese jungen Leute” – und ein klassischer Tausendsassa. Ihre selbstgewählte Berufsbezeichnung lautet “Schreiben und Sprechen”. Konkret bedeutet das: Sie moderiert bei 1Live, steht für Jan Böhmermanns “Neo Magazin Royale” vor der Kamera, verfasst Kolumnen für Spiegel Daily.

Sophie Passmann ist Perfektionistin. Und sie treibt sich ständig weiter an. Während ihres Volontariats beim “Hitradio Ohr” in Offenburg freute sie sich bereits auf ihr Studium. Während des Studiums war sie gedanklich bereits bei der Zeit danach, packte so viele Kurse wie möglich in ein Semester, um schneller fertig zu werden. “Ich wollte immer unbedingt zu 1Live, sagt sie, “hier will ich jetzt auch erstmal stehenbleiben.” Manchmal müsse sie sich selber daran erinnern, dass sie erst 24 ist, so Passmann.

Ein anderer Traum von ihr war es, bei Kiepenheuer & Witsch zu veröffentlichen – so wie eines ihrer literarischen Idole, Benjamin von Stuckrad-Barre. Und tatsächlich schreibt sie für den Verlag gerade ein Buch über die “alten, weißen Männer” beziehungsweise ihre Suche nach dem einen alten, weißen Mann. Dafür trifft sie verschiedene Männer und versucht eine Annäherung. “Ich will ein unterhaltsames, freundliches Buch über Feminismus schreiben, das nicht verklärt ist”, so Passmann. “Ich sage: Komm, wir gehen beide einen Schritt aufeinander zu, vielleicht können wir ja reden?”

Feminismus ist für Sophie Passmann eine Grundhaltung; mit dem relativ neuen Medienbegriff Netzfeministin identifiziert sie sich nicht. “Dann bin ich auch genauso Zeitungsfeministin oder vor allem Kneipenfeministin.” Außerdem habe sie das Gefühl, dass das Wort in der aktuellen Gleichberechtigungsdebatte ins Negative umgewandelt und abgewertet wird. “Netzfeminismus ist mittlerweile oft ein krudes Synonym für hysterisch, übertrieben, umgebumst. Und das ist ganz furchtbar.”

Generell mag Sophie Passmann keine Labels; als Netzfeministin mag sie genauso wenig kategorisiert werden wie als Influencerin oder Anti-Influencerin. “Zwar nutze ich generell dasselbe Werkzeug wie Influencer, aber ich verdiene mein Geld nicht mit meiner Reichweite. Ich bin nicht darauf angewiesen, dass mir irgendwelche Mode-Unternehmen einen Fuffi in den Rachen werfen, damit ich ein T-Shirt in die Kamera halte”, sagt sie, “ich hab schon auch viel Verachtung für diese Branche.” Trotz ihrer großen Reichweite will sie die sozialen Netzwerke deshalb nicht als ihr Geschäftsmodell verstanden wissen. “Mein Beruf ist nicht zu Ende, wenn es diese Plattformen nicht mehr gibt. Social Media ist einfach eine logische Konsequenz aus meinem Beruf, ein weiterer Kanal für meinen Mitteilungsdrang.”

“Wir müssen uns in den sozialen Netzwerken mehr streiten, aber uns auch einfach mehr zuhören”

Sie glaubt, dass den sozialen Netzwerken sogar noch mehr Diskussionen und Auseinandersetzungen gut tun würden – aber mit einer gelasseneren Grundhaltung. “Es bringt einfach nix zu sagen, dass alle Impfgegner ihre Kinder umbringen wollen, alle AfDler Nazis sind und alle Männer, die behaupten, sie könnten Frauen jetzt gar keine Komplimente mehr machen, verachtungswürdige Sexisten. Wir müssen uns mehr streiten, aber uns auch einfach mehr zuhören.”

Und mit wem würde sich Sophie Passmann gern mal so richtig auf Twitter zoffen? “Ganz klar: mit Julian Reichelt”, sagt sie, “der wirkt immer über jeden Zweifel erhaben. Das ist nicht unbedingt sympathisch, aber auf jeden Fall spannend. Außerdem will ich mit ihm mal über ‘Reichelt streichelt’ sprechen, seine frühere Kolumne in der Tier Bild.” Sich mit Bild-Chef Julian Reichelt auf Twitter streiten? Das sollte so schwer nicht sein.

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Alle Kommentare

  1. Jung , links, extrem selbstgerecht und durch Wohlstandsverwöhnung verblödet. Wenn ” Haltung und Gesinnung” Verstand und kritisches Denken ersetzen, kommt nicht nur der Journalismus auf den Hund – aber bei dem sieht man’s sofort.

  2. „Netzfeminismus ist mittlerweile oft ein krudes Synonym für hysterisch, übertrieben, umgebumst. Und das ist ganz furchtbar.“

    Yep, IST auch ganz furchtbar.

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