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„Einfach mal die Klappe halten“ – Medienrechtler Höcker hält den Gang in die Öffentlichkeit von Henke und Frauen im Fall WDR für einen Fehler

Die zahlreichen Belästigungsvorwürfe halten den WDR in Atem. Der bekannte Medienrechtler Ralf Höcker hält es für einen schweren Fehler, dass der beschuldigte WDR-Manager Gebhard Henke selbst den Schritt in die Öffentlichkeit gegangen ist. Auch dass sich betroffene Frauen äußern, hält er für einen Fehler.

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Sie haben in der taz erklärt, dass Sie es für einen Fehler halten, dass Gebhard Henke mit seinem Namen an die Öffentlichkeit gegangen ist. Als er diesen Schritt tat, wurde es zunächst als ein Zeichen von Stärke gewertet. Warum genau, war der Schritt Henkes in die Öffentlichkeit ihrer Meinung nach ein Fehler?
Ralf Höcker: Weil er sich damit ohne Not seinen Anonymitätsanspruch versaut hat. Er ist ja kein Tom Buhrow und er wird – soweit ich das überblicke – auch keiner Straftat beschuldigt. Er war beim WDR nur im mittleren Management und die Vorwürfe dürften allenfalls arbeitsrechtliche Bedeutung haben. Die Presse hätte seinen Namen deshalb niemals nennen dürfen, wenn er ihn nicht selbst öffentlich gemacht hätte. Jetzt ist er der einzige der beschuldigten WDR-Mitarbeiter, der öffentlich im Feuer steht und zu dem sich Hinz und Kunz öffentlich äußern – so wie Charlotte Roche oder ich jetzt gerade. Hinzu kommt: Man äußert sich nicht und schon gar nicht öffentlich, bevor man nicht einmal weiß, welche konkreten Vorwürfe der Arbeitgeber überhaupt erheben wird. So etwas ist viel zu riskant und kann nur nach hinten losgehen.

Henkes und sein Anwalt Peter Raue hatten dem WDR ursprünglich eine Frist bis zum 10. Mai gesetzt, um Vorwürfe konkret zu benennen oder die Freistellung aufzuheben. Nun hat Henkes Anwalt eine Erklärung abgegeben, wonach der WDR mitgeteilt habe, dass man hoffe sich bis zum 18. Mai äußern zu können. Wie beurteilen Sie das Verhalten des WDR in dieser Sache?
Dem WDR ist nicht vorzuwerfen, dass er sorgfältig aufklärt. Er durfte Henke aber nur freistellen, wenn die Vorwürfe schwer wiegen und eine Weiterbeschäftigung die Interessen des WDR gravierend beeinträchtigt hätte. Denn eine Freistellung ist nur als ultima ratio zulässig. Meines Wissens sind die vorgeworfenen – mutmaßlichen – Ereignisse strafrechtlich irrelevant und liegen auch schon Jahre zurück. Man kann auch nicht ohne weiteres unterstellen, dass sie sich ohne die Freistellung wiederholt hätten. Ob der WDR noch Pfeile im Köcher hat, kann ich seriös nicht beurteilen. Klar ist aber, dass der WDR angesichts der von Henke selbst hergestellten Öffentlichkeit nun eher versucht sein wird, seine Entscheidung zu rechtfertigen. Denn natürlich lässt sich auch der WDR durch öffentlichen Druck treiben. Auch deshalb war Henkes Outing falsch. Man klärt solche Fälle nicht unter dem Druck einer gierigen Medienöffentlichkeit, sondern intern. Sonst ist die Gefahr viel zu groß, dass am Ende sachfremde Motive entscheiden.

Charlotte Roche hat aktuell der Zeit nochmal ein Interview gegeben, in dem sie detailliert ihre Erfahrung mit Gebhard Henke schildert. Wie würden Sie dieses Interview einordnen?
Ich halte generell nichts davon, Menschen öffentlich an den Pranger zu stellen. Das bewirkt selten Gutes.

Wie beurteilen Sie die Arbeit der Medien in dem Fall Henke/WDR?
Es ist wie immer: Die Medien suchen sich einen aus, auf den eingedroschen wird. Das sind jetzt Herr Henke und der WDR. Damit üben sie öffentlichen Druck aus und erschweren eine sorgfältige Aufklärung. Ob am Ende von den Vorwürfen etwas übrig bleibt, interessiert dabei niemanden. Henkes berufliche Existenz und sein Ruf sind auch so zerstört. Genau deshalb schützt das Presserecht Personen, die eines Fehlverhaltens verdächtigt werden auch vor einer solchen Berichterstattung. Dieser Schutz greift aber eben nur, wenn man nicht das tut, was Herr Henke getan hat und was Presserechtler „Selbstöffnung“ nennen. Ich kann nur davor warnen, auf manche PR-Berater zu hören, die in solchen Situationen „volle Transparenz“ empfehlen. Einfach mal die Klappe halten ist meist das Beste – übrigens auch für die betroffenen Frauen. Ich möchte wetten, dass viele von ihnen auch kein Interesse daran haben, dass dieser Fall jetzt öffentlich verhandelt wird.

Wie könnte ein Sender wie der WDR aus juristischer Sicht idealerweise mit Belästigungsvorwürfen, wie sie hier im Raum stehen, umgehen?
Sorgfältig aufklären, die Öffentlichkeit draußen halten und dann die angemessene arbeitsrechtliche Sanktion wählen – falls eine Sanktion angemessen ist.

WDR-Intendant Buhrow hat betont, dass der WDR eine Firma ist wie jede andere auch und es solche Vorfälle überall gibt. Warum glauben Sie, steht  derzeit der WDR dann so stark im Fokus?
Das ist ein altbekanntes Phänomen, das mir erstmals in den 80er Jahren aufgefallen ist, als nach einem Störfall Gifte aus einer Pharmafirma in den Rhein flossen. Plötzlich gab es fast täglich solche Meldungen. Man musste den Eindruck bekommen, es gebe eine plötzliche massive Mehrung von Giftunfällen gerade am Rhein. Dabei gab es diese Fälle garantiert schon immer und nicht nur am Rhein. Der WDR ist halt die Sau, die gerade durchs Dorf getrieben wird. Morgen ist jemand anderes dran.

Wie beurteilen Sie die Figur, die der WDR und Tom Buhrow bei der Aufarbeitung der Vorwürfe machen?
Das kann ich von außen nicht beurteilen, wünsche allen Beteiligten aber, dass sie dem öffentlichen Druck Stand halten und die Fälle so objektiv und unaufgeregt wie möglich aufklären. Hysterie hilft niemandem.

Hinweis: Peter Raue, der Anwalt von Gebhard Henke hat der Darstellung von Ralf Höcker widersprochen. Das Interview mit Peter Raue lesen Sie hier.

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