Partner von:
Anzeige

Wochenrückblick: Karl Lagerfelds “Hass” auf Madame Merkel und der “Neonazi-Club” BRD

“Reconquista Internet”, Karl “Hater” Lagerfeld. Spiegel Plus Werbung, Tom Buhrow
"Reconquista Internet", Karl "Hater" Lagerfeld. Spiegel Plus Werbung, Tom Buhrow

Jan Böhmermann hat für seine Anti-Rechts-Aktion "Reconquista Internet" viel Beifall bekommen, nun kommt auch Kritik hinzu. Der Spiegel wirbt mit einem etwas unglücklichen Motiv für einen Plus-Artikel. In Sachen WDR und #MeToo gibt es eine Resolution des Rundfunkrats und Karl Lagerfeld hält die BRD für einen "Neonazi-Club". Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

Anzeige

Jan Böhmermann hat wirklich ein Händchen für spektakuläre Aktionen. Erinnert sei an das Grimme-prämierte “Varoufake” oder die Sache mit diesem Gedicht auf den türkischen Staatspräsidenten. Jetzt hat er mal wieder einen Coup gelandet, indem er die Aktion “Reconquista Internet” ins Leben rief. Das ist eine Gegen-Bewegung zu “Reconquista Germanica”, ein Sammelsurium extrem rechter Zeitgenossen, die sich virtuell auf einem Gameserver “treffen”. Böhmermann hat die Aktion in seiner Sendung “Neo Magazin Royale” vorgestellt und innerhalb kurzer Zeit an die 50.000 Unterstützer dazu gebracht, bei “Reconquista Internet” mitzumachen. Das ist beachtlich. Grob gesagt will Böhmermann damit dem rechten Hass im Netz Liebe und Nettigkeit entgegensetzen. Einige sind nun aber der Meinung, dass nicht alles an “Reconquista Internet” so nett ist. Böhmermann hat nämlich auch zwei automatisch erstellte Listen mit Twitter-Accounts veröffentlicht, verbunden mit dem Aufruf, diesen Accounts “Liebe” entgegenzubringen oder sie kollektiv zu blocken, falls man Ruhe haben will. Die erste Liste mit Twitter-Accounts enthält solche, die mit “Reconquista Germanica” in Verbindung stehen, die zweite besteht laut Böhmermann aus irgendwie rechten Gesellen/Trollen. Auf der zweiten Liste finden sich auch Leute wie die ehemalige CDU-Politikerin Erika Steinbach, der Publizist David Berger oder der frühere WiWo-Chefredakteur und jetzige Macher von “Tichys Einblick”, Roland Tichy. Man muss die Einstellungen der Leute auf der zweiten Liste nicht teilen, aber alle dort Genannten mit “rechten Trollen” und “Reconquista Germanica”-Spinnern in einen Topf zu werfen, geht dann doch etwas weit. Entsprechend rührte sich Kritik an der Aktion. Stefan Niggemeier hat das bei Übermedien.de aufgeschrieben und Jochen Bittner bei Zeit Online. Auf entsprechende Anfragen antwortet ZDFneo übrigens auf Twitter immer nur mit der Stanze, dass das ZDF und ZDFneo zu keiner Zeit in den sozialen Netzen Listen mit Twitter-Accounts öffentlich gemacht und auch nicht zur Denunziation aufgerufen hätten.

Da macht es sich das ZDF ein bisschen sehr einfach. Natürlich war es nicht “das ZDF”, wohl aber eine Redaktion, deren Produktionsgesellschaft vom ZDF bezahlt wird. Natürlich hat der Sender da auch eine übergeordnete Mit-Verantwortung. Genauso einfach macht es sich übrigens Böhmermann häufig, wenn er solche Aktionen lostritt, die dann eine Riesen-Welle machen und er sich bei Kritik auf den Standpunkt zurückzieht, er sei ja nur ein kleiner Quatschmacher. Über diesen Status ist er längst hinaus.

+++

Manchmal ist es gut, wenn nochmal einer drüberschaut. Was im Journalismus gilt, sollte bei Werbung für Journalismus auch gelten. So wäre es ganz vielleicht eine gute Idee gewesen, doch ein anderes Bildmotiv für die Facebook-Werbung für die Spiegel-Plus-Story über die Rolle von Vätern in der Erziehung (“Papa ist der Beste”) zu wählen. Das Foto mit der Papa-Zeile könnte unter Umständen ungute Assoziationen wecken.

Die gute alte SPD hat mit einem ähnlichen Fall schon mal vor Jahren schlechte Erfahrungen gemacht. Bei einer Kommunalwahl in Siegburg warb der SPD-Kandidat 2008 mit einem Motiv, das ihn hinter einem kleinen Mädchen zeigt, darüber stand die Zeile “Alles, was Spaß macht”.

Anzeige

Das Plakat machte damals im Social Web die Runde, das Motiv schaffte es auf die Liste der “dümmsten Wahlplakate”. Das Spiegel-Plus-Motiv ist nicht ganz so krass daneben, es geht aber in eine ähnliche Richtung.

+++

Der WDR und #MeToo – eine Geschichte ohne Ende. Diese Woche jedenfalls befasste sich der Rundfunkrat mit den zahlreichen bekannten sexuellen Übergriffen und Belästigungsvorwürfen beim größten ARD-Sender. Am Ende kam eine Resolution dabei heraus, die nicht überraschte. Intendant Tom Buhrow wird u.a. aufgefordert, die Aufarbeitung und Prävention “vorbehaltlos voranzutreiben” (was auch sonst?). Man bestärkt “den Intendanten, nach innen und außen offensiv und transparent zu kommunizieren, dabei aber das Prinzip der Unschuldsvermutung zu wahren und die Persönlichkeitsrechte Betroffener zu schützen (was auch sonst?). Man dankt “allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des WDR, die ihrer persönlichen Verantwortung für ein respektvolles und gedeihliches Miteinander durch eigenes Verhalten wie durch aktive Hilfestellung nachkommen” (was auch sonst?). Die anderen Punkte der Erklärung sind ähnlich vorhersehbar.

Buhrow hatte wohl zurecht darauf hingewiesen, dass Belästigungsfälle und Übergriffe in allen Firmen vorkommen und der WDR hier keine Sonderrolle einnimmt. Allerdings liegt der Fokus der Berichterstattung gerade auf dem Kölner Sender. Es wird spannend sein zu beobachten, ob es weitere Fälle geben wird, die aus anderen Häusern kommen. Vielleicht auch mal aus Privatmedien? Da ist es bislang in Sachen #MeToo noch ziemlich still.

+++

Zum Schluss kommen wir nochmal auf das Thema “Hass”. Die Bild hat groß aufgemacht, dass Modeschöpfer Karl Lagerfeld in einem Interview mit dem französischen Magazin Le Point gesagt hat, dass er Madame Merkel hasst, weil sie die Vergangenheit der Deutschen vergessen habe (wörtlich: “Je déteste Mme Merkel pour l’avoir oublié.” Gemeint ist natürlich das Dritte Reich. Die Bild bezog sich in ihrer Story weitgehend auf eine deutschsprachige Meldung der französischen Agentur AFP. Lagerfeld sagte in dem Interview noch anderes krudes Zeug, zum Beispiel: “Wenn das so weitergeht, gebe ich die deutsche Staatsbürgerschaft auf. Ich will nicht mehr Teil dieses Neonazi-Clubs sein” (Wörtlich: “Je ne veux plus faire partie de ce club de néonazis”). Der Teil mit dem “Neonazi-Club” fehlt im Bild-Bericht – vielleicht, weil er auch in der AFP-Meldung fehlt. Über den irren Erfolg der Lagerfeld-Aussage im Social Web haben wir übrigens im unserem täglichen #trending-Newsletter berichtet, den sie hier abonnieren können. Lagerfeld kann ja meinen was er will. Die Bundesrepublik als “Neonazi-Club” zu bezeichnen ist aber schon reichlich over the top. Womöglich qualifiziert er sich damit für die nächste Twitter-Blockliste von “Reconquista Internet”.

Schönes Wochenende!

PS: Im Podcast “Die Medien-Woche” spreche ich diesmal mit meinem Kollegen Christian Meier von der Welt auch über die Kritik an “Reconquista Internet”, es geht nochmal um die Aufarbeitung des Streits zwischen re:publica und Bundeswehr, wir geben einen Ausblick auf den ESC und debattieren über die Medien-Berichterstattung zu #MeToo-Fällen am Beispiel einer aktuellen Spiegel-Story. Würde mich freuen, wenn Sie reinhören!

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige
Werben auf MEEDIA
 
Meedia

Meedia