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Zwischen Klassentreffen und Mainstream: die re:publica auf Expansionskurs – und am Scheideweg

Die re:publica ist die größte Digitalkonferenz Europas – wie lange kann sie ihren aktivistischen Kern noch bewahren?
Die re:publica ist die größte Digitalkonferenz Europas – wie lange kann sie ihren aktivistischen Kern noch bewahren?

Die Digitalisierung ist Mainstream geworden und mit ihr die re:publica. Auch deshalb wollten die Verantwortlichen ihre Digitalkonferenz in diesem Jahr weiter öffnen – internationaler, politischer, "mainstreamiger" sollte es werden, um weiter in die Gesellschaft zu rücken. Ist das ehemalige Bloggertreffen bereit dafür?

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Erwachsen wollte die re:ublica nicht werden. Zu viel gehe auf dem Weg dorthin verloren, hatte Co-Gründerin Tanja Haeusler vergangenes Jahr erklärt. Doch Gesetze der Natur gelten auch für die früher als Blogger-Klassentreffen bezeichnete re:publica. Die Digitalkonferenz ist zu einer der größten ihrer Art in Europa herangewachsen. Mehr als 9.000 Menschen wurden schätzungsweise in den vergangenen drei Tagen in Berlin begrüßt. Die re:publica will eine breitere Öffentlichkeit ansprechen.

Dass die Macher mit der selbst verordneten Öffnung hin zum “Mainstream” noch hadern zeigte in diesem Jahr nicht zuletzt der Umgang der Bundeswehr. Die Reaktion der Verantwortlichen auf die Guerilla-Aktion der Parlamentsarmee kann man als klare Haltung begrüßen oder als pubertär kritisieren. Paradox ist das Aussperren in Anbetracht von Vorankündigungen, wie in diesem Interview mit der Berliner Morgenpost, allemal.

Da war der Auftritt von Chelsea Manning, der als Geheimnisverräterin verurteilten Whistelblowerin, die kurz vor Amtsübergabe von US-Präsident Barack Obama begnadigt worden war. Manning hatte Hunderttausende Militär-Dokumente und Informationen an Wikileaks durchgestochen. Jemanden wie sie auf der Bühne zu haben, erfordert Fingerspitzengefühl. Dass die Veranstaltung mit ihr nicht zuletzt wegen der Moderatorinnen eher einer Heldinnenverehrung glich, ist nach außen nur schwer vermittelbar.

Das ist nur ein Beispiel für den Spagat, der der re:publica gelingen muss. Oft kritisierte und mächtige Tech-Konzerne wie Google sind fester Bestandteil der Konferenz; sie laden die Teilnehmer abends zum Bier ein. Auch andere Wirtschaftsgrößen, die Politik und das öffentlich-rechtliche Fernsehen nutzen die Konferenz als Werbefläche. Das ist ebenso gewollt wie notwendig. Dass mit Wachstum und neuer Größe auch eine Verwässerung der ursprünglichen Idee einhergeht, ist dabei unausweichlich.

Die noch im vergangenen Jahr kritisierte Kommerzialisierung – auch auf den Bühnen – des Events haben die Macher in diesem Jahr zurückgefahren. Dafür gelang dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine dominante Inszenierung. Auf die Qualität der Panels hat das alles weniger eingezahlt, was auch an den teils harmlosen Moderationen gelegen haben mag.

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Dass Teilnehmer in diesem Jahr die inhaltliche Aufstellung kritisieren, ist ebenfalls Folge der. Mit “POP” war das Motto unkonkreter als in den Vorjahren, was auch dem Zeitgeist geschuldet sein mag. Es herrscht eine “Web-Ernüchterung“, hatte MEEDIA vorab geschrieben. Konzerne und die Gesellschaft haben Hemmungen vor der Digitalisierung abgelegt. Mit dem Skandal um Cambridge Analytica hat sich bewahrheitet, wovor jahrelange gewarnt worden war. Zum Hass und der neuen Rechten im Netz scheint langsam ebenfalls alles gesagt. Das nächste große Thema fehlt noch. Das wurde auch bei der angekündigten “Kraftrede” von Sascha Lobo deutlich. Zwar wurde sie als deutlich politisch wahrgenommen und dafür gelobt, für wirklichen Gesprächsstoff sorgte der “Klassensprecher” in diesem Jahr aber nicht.

Und dann war da noch das Publikum. Für die Konferenz-Besucher ist die inhaltliche Ebene nur das halbe Vergnügen, in Teilen sogar zweitrangig. Es geht ums Sehen und Gesehenwerden, um den Austausch unter Freunden und Kollegen oder einfach nur darum, seinen Twitter-Followern auch mal die Hand zu schütteln. Das ist der wahre Kern der re:publica, den ihre Fans seit Jahren schätzen. Worüber aber auch schon mal gewitzelt wird.

Je größer, je “mainstreamiger” die re:publica wird, desto mehr könnte auch ihre Identität mit der Zeit verloren gehen. Dass die re:publica ihren Expansionskurs stoppt, darf dabei als ausgeschlossen gelten. Im Gegenteil: Nachdem die Konferenz in diesem Jahr zum ersten Mal auch in Irland und Griechenland stattgefunden hat, wollen die Verantwortlichen als nächstes nach Afrika gehen, wie CEO Andreas Gebhard bekannt gab. Das Klassentreffen ist längst auch eine Klassenfahrt.

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Alle Kommentare

  1. re:publica ist eine selbstgefällige Veranstaltung der Eigner von

    “republica GmbH”,

    die ungeniert Förderungen der ” Medienboard Berlin-Brandenburg GmbH”
    und “Bundeszentrale für politische Bildung” beanspruchen, aber demokratische Gepflogenheiten außer Acht lassen: Meinungsvielfalt nicht zulassen, als Zensoren auftreten (Parlaments-Streitkräfte blieben außen vor, ernteten sogar Kritik auf öffentlichem Grund): eine nie dagewesene Deutungsarroganz, die auch in vielen inhaltsleeren Veranstaltungen spürbar wurde,
    siehe auch Rubrik Kritik des re:publica-Wikipedia-Eintrages:
    https://goo.gl/iN5LGq

  2. Meedia hätte in der Tat mal die Finanzierzung beleuchten können!

    Unglaublich aus wieviel öffentlichen und öffentlich-rechtlichen Töpfen hier Geld für die links-linken Spielwiese fliesst.

    Und man muss ja nur zwischen den Zeilen lesen und bei den Interviews richtig hinhören, die Veranstaltung ist LANGWEILIG und “behind the curve”

    Statt Kübra, Pierre Vogel, statt Lobo, Martin Sellner und statt Böhmermann Patrick Schröder einladen, steigert das intellektuelle Niveau, die Unterhaltung und man ist wieder am Puls der Zeit.

  3. Eine Veranstaltung für die mediale Gestapo 2.0 eines heruntergewirtschaftetes Regierungssystems, welches sich panisch für den Erhalt der Deutungshoheit an eine gefällige linksversiffte Pressearbeit klammert, denen in Scharen die Leser davon rennen.
    Immerhin diesmal mehr als genug Kritik an dieser Irrelevanz der üblichen Verdächtigen.

  4. Hat was von Resterampe. Der ÖR ist praktisch draußen – nahezu null Relevanz bei den Jüngeren/Mittelalter. Er bleibt lediglich als Plattform für politische Player übrig und hier hat sich der ÖR durch eine eindimensionale Berichterstattung, durch Unterdrücken von Fakten und absichtliche Falschberichterstattung ins Abseits gekegelt. Das wissen inzwischen alle von 3 bis 99 Jahre. Der ÖR ist nur noch Staatsfernsehen – ein Medium der Politik, die sonst in der Bedeutungslosigkeit verschwinden würde ( sagen selbst die Zeitungsverleger in ihrem Brandbrief)
    Dass man (ÖR) nun sozusagen als Schmarotzer auf diesen Veranstaltungen (siehe oben) Präsenz zeigt, dass man von der Datenkrake wie Facebook die Finger nicht lassen kann und dafür bereit ist, die Daten der Zwangsbeitragszahler zu verscherbeln – all das macht es noch viel schlimmer. Es ist das letzte Aufbäumen. Was bietet der ÖR, der doch viel in neue Ausstattung und Formate investieren möchte und darum viel viel mehr Geld benötigt. Dann schauen wir mal auf YouTube, mit welch minimalem Aufwand hier Qualität produziert wird. Nehmen wir den Technikbereich, die vielen Reviews, Tests, etc.. zu Themen die Menschen interessieren. ÖR= Fehlanzeige. Nehmen wir Bildungsvideos – der ÖR pocht immer auf seinem Bildungsauftrag – tja…nix, zumindest qualitativ machen das viele Blogger auf Spitzenniveau. Nehmen wir Autotests…schon lange im ÖR Fehlanzeige. Was macht der ÖR ? Der SWR z.B. baut in der Stuttgarter Königstraße einen kleinen Tisch auf, nimmt sein Kamerateam und lässt Senioren Apfelsorten probieren und fragt dann, welche am besten geschmeckt hat. Gesendet wird der Beitrag ca.10min im Marktcheck zur Primetime um 20.15 und hat 2.800€ Produktionskosten verursacht. Und in der kommenden Woche das gleiche Spiel nur mit Würstchen. Ganz ehrlich: Wer will das sehen ? Nicht mal die Würstchen-Hersteller !

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