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Nach Vorwürfen wegen sexueller Belästigung: 16 Frauen aus der Fernsehbranche verteidigen WDR-Programmbereichsleiter Henke

WDR-Programmbereichsleiter Gebhard Henke
WDR-Programmbereichsleiter Gebhard Henke

Der WDR hat einen weiteren Mitarbeiter nach Vorwürfen sexueller Belästigung freigestellt. Dabei handelt es sich um Gebhard Henke, den Leiter des Programmbereichs Fernsehfilm, Kino und Serie. In einem offenen Brief fordern nun 16 Frauen aus der deutschen Film- und Fernsehbranche einen differenzierteren Umgang mit Belästigungsvorwürfen.

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Initiiert hat den Brief die Autorin und Künstleragentin Heike-Melba Fendel. Zu den insgesamt 16 Unterzeichnerinnen gehören unter anderem die Produzentinnen Anja Uhland und Annette Pisacane, die Regisseurinnen Feo Aladag und Hermine Huntgeburth sowie die Schauspielerinnen Barbara Auer und Anna Schudt.

“Blinder Aktionismus und Übereifer”

“Wir haben in der Vergangenheit persönlich mit Gebhard Henke zusammengearbeitet“, heißt es in dem Schreiben. Es habe zwar durchaus Konflikte und Machtkämpfe gegeben und man sei auch nicht frei von unterschiedlichen Auffassungen über Männer- und Frauenbilder. Dennoch sei die Zusammenarbeit “immer frei von Übergriffen jedweder Art und Schwere”, so die Unterzeichnerinnen des Briefes. Es sei ihnen bewusst, dass dies keinesfalls andere Sichtweisen und Erfahrungen von Kolleginnen ausschließe. “Wir können und wollen daher nur für uns und über unsere Erfahrungen sprechen. Das aber möchte wir hiermit tun und ausdrücklich sagen: Gebhard Henke ist uns und unserer Arbeit in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten stets respektvoll begegnet.“

Die Freistellung von Gebhard Henke lege den Eindruck nahe, dass Differenzierung unerwünscht sei, so die Frauen. Sie kritisieren sie an der aktuellen #MeToo-Debatte, dass „das lange Verschweigen, Vertuschen und Verharmlosen von Übergriffen und Machtmissbrauch bisweilen in blinden Aktionismus und Übereifer mündet“. Eine Auseinandersetzung mit Vorwürfen dürfe aber nur differenziert geführt werden und dies “im Rahmen einer einer sorgfältigen Wahrheitsfindung und Meinungsbildung”, heißt es in dem Schreiben. Die Unterzeichnerinnen kritisieren auch andere Medienhäuser, die offenbar unter Druck stünden, “den nächsten Skandal in Form möglichst prominenter Opfer und/oder Täter zu finden”.

Der offene Brief im Wortlaut:

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Wir setzen uns für eine Film- und Fernsehbranche ein, die Geschlechtergerechtigkeit zügig, konkret und im konstruktiven Miteinander der Geschlechter ermöglicht. Wir halten auch nichts davon, dass Übergriffe, die mit Machtmissbrauch zu tun haben, aus Angst nicht benannt werden.#MeToo hat hier wesentliche Impulse geliefert.

Wir beobachten allerdings, dass das lange Verschweigen, Vertuschen und Verharmlosen von Übergriffen und Machtmissbrauch bisweilen in blinden Aktionismus und Übereifer mündet. Der Wettbewerb zwischen den Medienhäusern erzeugt enormen Druck, den nächsten Skandal in Form möglichst prominenter Opfer und/oder Täter zu finden. Die daraus resultierende Angst vor Gesichtsverlust und Shitstorms führt zu Kurzschlusshandlungen.

Aktuell legt die Freistellung von Gebhard Henke den Eindruck nahe, dass Differenzierung unerwünscht ist. Die Auseinandersetzung mit Vorwürfen darf aber nur differenziert geführt werden. Und dies im Rahmen einer sorgfältigen Wahrheitsfindung und Meinungsbildung.

Wir haben in der Vergangenheit persönlich mit Gebhard Henke zusammengearbeitet. Durchaus nicht ohne Konflikte und Machtkämpfe. Auch nicht frei von unterschiedlichen Auffassungen über Männer- und Frauenbilder. Immer jedoch frei von Übergriffen jedweder Art und Schwere. Uns ist klar, dass dies keinesfalls andere Sichtweisen und Erfahrungen von Kolleginnen ausschließt. Wir können und wollen daher nur für uns und über unsere Erfahrungen sprechen. Das aber möchte wir hiermit tun und ausdrücklich sagen: Gebhard Henke ist uns und unserer Arbeit in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten stets respektvoll begegnet. Wir schätzen ihn, seine Arbeit und seine Integrität.

Vertragsverlängerungen von WDR-Direktoren vertagt

Der WDR hatte Gebhard Henke am Sonntag nach Vorwürfen sexueller Belästigung freigestellt. Henkes Anwalt, Peter Raue, hatte den öffentlich-rechtlichen Sender daraufhin nach eigenen Angaben die Vorwürfe bis zum 10. Mai zu konkretisieren und Henke dazu Stellung nehmen zu lassen – oder die Freistellung aufzuheben. Henke wurde seinem Anwalt zufolge vor wenigen Tagen damit konfrontiert, dass es „konkrete Hinweise auf Vorwürfe wegen sexueller Belästigung“ gebe. Wer die Vorwürfe erhoben habe, um welche Vorhaltungen es gehe, habe man ihm aber nicht mitgeteilt. Nur wenige Wochen zuvor war ein ehemaliger ARD-Auslandskorrespondent wegen des Vorwurfs sexueller Belästigung vom WDR freigestellt worden. Die WDR-Geschäftsleitung hatte Mitte April ein Maßnahmenpaket für eine bessere Vorbeugung beschlossen und eine dauerhafte externe Ombudsstelle angekündigt, an die sich Betroffene wenden können. Zudem soll die frühere Gewerkschaftschefin und EU-Kommissarin Monika Wulf-Mathies auf Veranlassung von Intendant Tom Buhrow in „völliger Unabhängigkeit“ prüfen, wie der WDR mit Hinweisen auf sexuelle Belästigung umgegangen sei.

Der Rundfunkrat des WDR vertagt derweil offenbar die vorzeitigen Vertragsverlängerungen von Fernsehdirektor Jörg Schönenborn und Hörfunkdirektorin Valerie Weber. Dies berichtet Kai-Hinrich Renner in seiner Morgenpost-Kolumne. Man wolle warten, bis der WDR die Belästigungs-Vorwürfe gegen insgesamt sieben Mitarbeiter aufgeklärt hat.

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