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Angst, Wut und „gefühlte Wahrheit“: Wie Sascha Lobo den Erfolg der Rechten in sozialen Medien erklärt

Standesgemäßer Abschluss des ersten re:publica-Tages von „Klassensprecher“ Sascha Lobo: Wie meist in den vergangenen Jahren beendete der Alphablogger den Auftakt der Digitalkonferenz mit seiner Rede zur Lage der Nation. Diesmal erklärte der 42-Jährige, warum sich rechtes Gedankengut so gut in sozialen Medien verbreite – und hielt eine Kraftrede für das Engagement gegen Populismus und Extremismus.

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Eigentlich ist es wie immer. Es ist Anfang Mai, die re:publica hat begonnen, und die Digitalszene trottet gedankenversunken mit gesenktem Blick auf das Smartphone zur Abschlussveranstaltung in die wie immer zum Bersten gefüllte Halle 1, in der gleich der Mann mit dem Irokesen-Haarschnitt seine Rede zur Lage der Internet-Nation hält.

Sascha Lobo ist seit der Frühphase der re:publica eine nicht weg zu denkende Institution der Digitalkonferenz: Er hat etwas zu sagen, kann sauber formulieren und ist immer für eine ironische Pointe gut, die zu einem Lacher einlädt.

Sascha Lobos politische Kraftrede: Lachen blieb im Halse stecken

Doch in diesem Jahr ist einiges anders. Sascha Lobo ist immer noch Sascha Lobo, er hat auch keine schlechte Laune wie noch im Vorjahr, aber er schlägt einen so ernsten Ton an wie nie, dass dem überwiegenden jungen Publikum oftmals das Lachen im Halse stecken bleibt. Gelacht wird auffällig seltener als im Vorjahr.

Eine Kraftrede sollte es sein, hatte der 42-jährige Berliner im Vorfeld verlauten lassen. Was bedeutete: Weniger eine Bierzelt-Rede wie am politischen Aschermittwoch, aber tatsächlich eine so politische Rede, dass sich mancher der Zuhörer gefragt haben dürfte, ob er sich auf einer (sozialdemokratischen) Wahlkampfveranstaltung befindet oder bei einer Internet-Konferenz.

Soziale Medien als Beschleuniger für Rechtspopulisten

Dass das Eine nicht von dem Anderen zu trennen ist, hat vermutlich jeder der geschätzt 10.000 Konferenzteilnehmer seit dem Wahlsieg von Donald Trump, dem Brexit und den knapp 13 Prozent der AfD bei der letzten Bundestagswahl verstanden. Was bis heute nicht hinreichend erklärt wurde, ist die Bedeutung des Internet – vor allem: der sozialen Medien – bei den Wahlerfolgen.

Lobo machte die Frage zum eigentlichen Thema seiner gut 75-minütigen Rede: Wie kommt es eigentlich, dass sich rechtspopulistische Parolen und Inhalte in den sozialen Medien so erfolgreich verbreiten? Seine Erklärung: Rechtspopulisten machten dafür empfänglichen Wählern in den Social Networks mit ihrer Slogan-Politik „ein verführerisches Angebot“.

Rechtspopulismus im Netz: Appell der „gefühlten Wahrheit“

Verführerisch deshalb, weil Rechtspopulisten sich das Prinzip der „gefühlten Wahrheit“ zunutze machten. Als Trigger-Mechanismus würden beständig Angst und Wut geschürt.

„Es gibt Menschen,  die behaupten, man müsse dem Rechtspopulismus einen Linkspopulismus entgegensetzen. Das ist großer Quatsch“, stellt Lobo klar. „Das Gegenteil von rechtsextrem ist nicht linksextrem, sondern nicht-rechtsextrem.

Man dürfe vielmehr nicht als Linker stigmatisiert werden, wenn man sich gegen Rechtsextremismus engagiere, denn das Handeln sei nicht links, sondern demokratisch, erklärte Lobo unter Beifall.

Im zweiten Teil der Rede wurde  Lobo gänzlich zum politischen Aktivisten. Es gehe ihm, so schließlich das Motto der Rede, darum zu kämpfen. Konkret: für einen „offensiven Sozial-Liberalismus“, in dem Minderheiten nicht länger diskriminiert werden dürften.

„Ich kämpfe für eine Gesellschaft, in der eine jüdische, arbeitslose, lesbische She-Male im Bikini betrunken knutschend an jedem Ort mit einer stillenden, schwarzen, behinderten Ex-Muslima mit Kopftuch auf der Straße tanzen kann – ohne Angst um ihre Existenz haben zu müssen“, brachte Lobo seine Mission auf den Punkt – und wurde dafür mit dem stärksten Applaus des Abends bedacht.

Bei Twitter erhielt Lobo weitere Zustimmung für seine Rede…

… die allerdings auch Teile des Publikums durch ihren politischen Charakter zu überfordern schien.

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