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“Parallelentwicklung der Mediatheken ist Untergang des ÖR Web-Angebots”: Dieser ZDF-Fernsehrat fordert eine Internetintendanz

Fordert eine “Internetintendanz” und mindestens 200 Millionen Euro Budget – ZDF-Fernsehrat Leonhard Dobusch
Fordert eine "Internetintendanz" und mindestens 200 Millionen Euro Budget – ZDF-Fernsehrat Leonhard Dobusch

Seit 2016 sitzt Leonhard Dobusch im beratenden Fernsehrat des ZDF. Der österreichische Wirtschaftswissenschaftler, der "für das Internet" im Gremium sitzt, wie er sagt, bringt eine eigene Agenda mit: Mit der "Internetintendanz" fordert er eine radikale, digitale Reform, nach der ein Großteil der Web-Aktivitäten aller Anstalten gebündelt werden. Im Interview mit MEEDIA erläutert er seine Idee.

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Herr Dobusch, Sie fordern für die öffentlich-rechtlichen Aktivitäten im Web eine „Internetintendanz“ – wird das jetzt die Bürokratisierung des Netzes?
Keinesfalls. Es handelt sich um einen konkreten Vorschlag, wie man öffentlich-rechtliche Inhalte im digitalen Zeitalter adäquat organisieren und präsentieren kann. Zugegeben: Der Begriff der Internetintendanz klingt sperrig und nach neuer Bürokratie. Dahinter steckt tatsächlich auch die Idee des Intendantenprinzips. Es ist aber ein schlanker Apparat.

Wieso braucht es eine eigene Intendanz?
Ich halte es naiv, zu glauben, dass eine zeitgemäße Organisation der öffentlich-rechtlichen Aktivitäten in den bestehenden Strukturen langfristig erfolgreich möglich ist. Nicht, weil die Leute das nicht wollen, sondern weil es neben den etablierten Routinen und Strukturen für den linearen Sendebetrieb einfach nicht machbar ist.

Sprechen wir hier von einer weiteren, dann elften oder zwölften Anstalt. Braucht es das wirklich?
Vor einer weiteren Anstalt würde ich aufgrund der Vielzahl warnen. Der Vorschlag einer Internetintendanz bedeutet nicht, einen weiteren Apparat aufzubauen. Dann hätte ich es Internetanstalt genannt. Die Internetintendanz hat auch nicht den Auftrag, Inhalte zu produzieren oder Aufträge dafür zu vergeben. Ihre Aufgaben wären allen voran der Aufbau und Betrieb einer zentralen öffentlichen Plattform, die alle kleinen Mediatheken ersetzt. Dass es aufhören muss, dass die Anstalten alle parallel zueinander Mediatheken entwickeln, darüber dürften sich alle einig sein. Wer das nicht verstanden hat, hat absolut gar nichts verstanden. Die Parallelentwicklung der Mediatheken ist der Untergang des öffentlich-rechtlichen Web-Angebots. Hier können nicht nur Kosten gespart werden, sondern die Wettbewerbsverhältnisse deutlich verbessert werden.

Die Idee einer zentralen Mediathek gibt es bereits.
Die Idee der „Supermediathek“, die seitens der ARD angestoßen wird, geht bereits in die richtige Richtung. Sie ist aber zu kurz gesprungen und zu technisch gedacht. Sie ist dennoch der richtige Ansatz, auch weil sie für Inhalte Dritter geöffnet werden könnte – nicht nur für mediale Anbieter, sondern für Museen, Schulen, Universitäten. Diese Kuratierung wäre die zweite Aufgabe. Es gibt aber noch weitere Aufgaben für die Internetintendanz, mit der ich mich im Fernsehrat sicher unbeliebt mache.

Alles andere wäre eine Überraschung.
Wie gesagt soll die Internetintendanz weder selbst produzieren noch Aufträge für Inhalte vergeben. Sie soll aber Mittel für kulturelle Aufgaben außerhalb der Anstalten bekommen und verteilen. Dabei geht es darum, innovative Ideen zu finden und zu fördern.

Das klingt nach einem öffentlich-rechtlichen Fonds.
Ich würde es so nicht nennen. Es geht ja nicht um die Maximierung von Gewinnen.

Dann sprechen wir doch übers Geld. Über welches Volumen soll die Intendanz verfügen?
Man kann hier mit rund 200 Millionen Euro pro Jahr planen, das entspricht etwa 2,5 Prozent des Rundfunkbeitrags und ist in etwa das fünffache von dem, was das öffentlich-rechtliche Jugendangebot funk bekommt. Das ist meines Erachtens nach die absolute Untergrenze. 75 Prozent der Mittel müssten allerdings in die Förderung neuer Inhalte und Angebote außerhalb der klassischen Aufgaben des Öffentlich-rechtlichen ausgeschüttet werden.  

Haben Sie hier ein Beispiel, wie diese Projekte aussehen könnten?
Ich stelle mir so etwas vor wie mediale Bildungsangebote, auch um die Medienkompetenz zu fördern. Die BBC in Großbritannien macht so etwas wie den programmierbaren Mini-Computer Micro Bit. Es geht aber auch um Ausschreibungen für nicht kommerzielle Medien-Innovationen, die im öffentlichen Interesse sind. Hier will ich gar keinen Rahmen vorgegeben wissen. Aber hier fehlt es den Öffentlich-Rechtlichen doch ungemein.

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Sie schreiben in Ihrem Vorschlag davon, dass die Intendanz jenseits der etablierten Anstalten von ARD, ZDF und Deutschlandfunk agieren soll. Was heißt das?
Das bedeutet, dass die Intendanz an keiner bestehenden Anstalt aufgehängt werden soll, wie das beispielsweise bei funk ist. Die Internetintendanz ist kein „Angebot von…“, sondern eine eigenständige Größe, die mit den anderen Anstalten und Intendanten auf Augenhöhe kommuniziert.

Sie schlagen vor, den etablierten Anstalten das Internet wegzunehmen. Das gefällt denen sicher gar nicht.
Genau dieser Gedanke ist der falsche – es wird niemandem etwas weggenommen. Es wird organisiert. Die Anstalten sollen weiterhin ihre Internet-Auftritte haben, sollen sich aber deutlicher auf die Produktion und Bereitstellung von Inhalten konzentrieren. Darin liegt ihre Kernkompetenz. Die vorliegenden Zahlen zeigen den Öffentlich-Rechtlichen, dass sie auch im Netz keine unter 25-Jährigen bekommen. Die Herausforderung sollen sie an jemanden auslagern, der sich konsequent darauf fokussiert.

Sie haben funk bereits angesprochen. Dort findet diese Auslagerung doch statt.
funk ist ein Glücksfall in doppelter Hinsicht und durchaus ein Vorbild. Es zeigt, dass es Bereitschaft zur Veränderung gibt. Denken Sie daran, dass funk ursprünglich in Senderlogik gedacht worden war, sich die Verantwortlichen dann aber umentschieden haben. funk in seiner jetzigen Form kann frei davon denken und experimentieren. Ihre Projekte werden viel schneller getestet, gestartet und im Zweifel wieder beendet, funk arbeitet gezielt plattformgerecht und – vor allem – non-linear. funk ist ein öffentlich-rechtliches Multichannel-Network und noch mehr: Es ist ein öffentlich-rechtlicher Innovationsinkubator.

Das klingt fast euphorisch.
Ja! Weil man sich bei funk getraut hat, einfach mal etwas auf die grüne Wiese zu stellen. Und das muss bei der Internetintendanz auch geschehen. Einfach nur zu glauben, dass eine Supermediathek, bei der alle Anstaltsverantwortlichen auch noch zusammenkommen, eine Super-Idee ist, reicht nicht aus. So wird es nicht überleben.

Gibt es auch nur eine Intendantin oder Intendanten, der Ihren Vorschlag kennt und sich darüber freut?
Ich stelle die Idee bei der re:publica das erste Mal vor. Und natürlich werde ich mich bei vielen Verantwortlichen unbeliebt damit machen. Es ist aber ein Vorschlag, der aus meiner Arbeit in einem Rundfunkgremium resultiert.

Wir haben noch gar nicht darüber gesprochen, wo Sie die 200 Millionen Euro eigentlich hernehmen wollen.
Auch das ist ein Grund, weshalb der Vorschlag kein geliebter sein wird. Eine Erhöhung des Rundfunbkbeitrages wird es dafür vermutlich nicht geben, also muss es an anderer Stelle genommen werden. Für funk wurde ein Spartenkanal eingespart, von denen ARD, ZDF und Deutschlandfunk noch einige haben. Auch die Ausgaben für bestimmte Sportrechte sind langsam nicht mehr zu rechtfertigen, nicht zuletzt sparen die Anstalten Geld, wenn sie keine eigenen Mediatheken mehr bespielen müssen. Wenn sich 40 Millionen für ein Jugendangebot gefunden haben, dann sollten 200 Millionen Euro für öffentlich-rechtliches Internet schnell zusammenkommen.

Wie setzt sich die Intendanz zusammen, und wer kontrolliert sie?
Hier handeln wir ganz pragmatisch: Die Intendanz wird durch die Vollversammlung aller Rundfunk- und Fernsehräte gewählt. Hier zu einem Konsens zu kommen wird sicherlich nicht einfach. Auf der anderen Seite wird es womöglich mehr als zwei Kandidatinnen und Kandidaten geben, was eine Wahl deutlich spannender macht. Zur Kontrolle: Die Trennung zwischen Verwaltungs- und Rundfunkrat wird aufgehoben, stattdessen gibt es einen schlanken Aufsichtsrat, wenn man so will. Größe: Vielleicht 20 Vertreter aus Gremien und zehn zufällig ausgewählten Gebührenzahlern, also sowas wie “Rundfunkschöffen”. Diese Idee, gebe ich zu, habe ich von meinem Rundfunkratskollegen Christoph Bieber geklaut. Dafür ist sie grandios.

Klingt so, als müssten sie für Ihre Idee nur noch die Politik überzeugen.
Dem ist so. Auch wenn die Zustimmung der Intendanten schön wäre, braucht es sie für die Umsetzung nicht. Die Internetintendanz muss gesetzlich beschlossen werden und dann gibt es sie. Die Schwierigkeit ist, das im Rundfunkrecht verankerte Einstimmigkeitsprinzip – also alle 16 Bundesländer müssen zustimmen. funk aber stimmt optimistisch.

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Alle Kommentare

  1. Wenn man der Internet-Intendanz auch noch die Verpflichtung für ein Zugangs-Kontroll-System und das Fahnden nach Kopien im Internet aufdrückt, wäre das eine gute Idee.

    In den 1980ern wurde ja schließlich auch keine öffentlich-rechtliche Videothekenkette (Name z. B. „funk“) eröffnet, in der jeder Filme abholen konnte, ohne Leihgebühren zu bezahlen, damit man nacher einen Haushaltsbeitrag mit „jeder kann sich die VHS-Kassetten ausleihen“ rechtfertigt.

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