Anzeige

Söder – Kippa – Echo: unbequeme Notizen von der Außengrenze der Abrechnungskultur

Thomas Fischer, Bundesrichter a.D., ist Autor der MEEDIA-Kolumne Fischers kleine Presseschau

Empörung macht sich breit in der Nation: Ganz Deutschland diskutiert, befeuert von den Medien. Es geht um Kreuz und Kippa, um Leitkultur, allgegenwärtigen Antisemitismus und – mal wieder – um die Grenzen der Kunst. Eine Moraldebatte mit doppeltem Boden, in der auch ein Feuerzeug-Schwenkungs-Künstler ran darf, um „abzurechnen“, meint Ex-Bundesrichter Thomas Fischer in einem Gastbeitrag für MEEDIA.

Anzeige

Von Thomas Fischer

Die Abrechnung

Am 28. April war in der Süddeutschen Zeitung zu lesen, dass der Schlagersänger Marius Müller-Westernhagen „mit der Musikindustrie abrechnet“. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen, weil ich erstens Marius W., zweitens unsere Musikindustrie und drittens das Abrechnen kenne. Das Schöne an Abrechnungen solcher Art ist es ja, dass sie ihren Höhepunkt bereits beim Aussprechen des Ankündigungs-Worts erreichen.

Herr Müller-Westernhagen ist, das muss man ehrlich sagen, ein Feuerzeug-Schwenkungs-Künstler der allerersten Liga. „Freiheit“ zum Beispiel, der Mega-Hit, der zusammen mit Ronald Reagan und David Hasselhoff den Kommunismus besiegte, ist bekanntlich für Klampfe und Einwegfeuerzeug geschrieben, wird heute aber meist in LED transponiert. Man nennt das „Funktionieren“: Es funktioniert, wenn Netrebko beim Butterflying eine interaktive Leuchtdiode angenäht wird. Mehr muss der Dramaturg auch gar nicht wissen; den Rest machen Mädels von irgendeiner zertifizierten Acadamy.

Marius, ein Wind-of-Change-Popstar aus den Tagen der ersten Flipper-Staffeln, schrieb einst das bewegende Libretto:

„Alle die von Freiheit träumen / sollen Freiheit nicht versäumen.“

Dem abendländischen Kunstfreund der

Der Vogelfänger bin ich ja, stets lustig, heißa hopsassa!“-

Klasse erscheint dies Libretto natürlich unterkomplex. Aber er sollte sich nicht täuschen: Der Reim ist gut gemeint, mit geringfügigen Versmaß-Anpassungen vielseitig verwendbar („Alle die von Bundesliga/Lufthansa/Ziehung der Lottozahlen/Spargelcremsuppe – usw.- träumen…“), und vor allem je nach Stimmung auch im zweiten Teil frei anpassbar („hassen – nicht verpassen; … schweigen – nicht vergeigen; Hafen – nicht verschlafen; erben – früher sterben; usw.). Wunderbar.

Nehmen wir dagegen einen einst dahingerotzten Papageno zum Vergleich: schon allein tierschutzmäßig hochproblematisch:

„Drum kann ich froh und lustig sein /
Denn alle Vögel sind ja mein“…

Man sollte darüber nachdenken, diesen insbesondere für Kinder verstörend gewaltbejahenden und daher traumatisierenden Text behutsam zu modernisieren zu:

„Der Vogelpfleger bin ich ja / stets traurig, heissa hopsassa…“;

und

drum muss man nur verzweifelt schrei‘n / denn alle Vögel pfleg‘ ich fein

Herr Westernhagen jedenfalls hat es der Musikindustrie knallhart gegeben und ihr vorgeworfen, dass sie an Geld interessiert sei. Er orientierte sich bei dieser Abrechnung an großen Vorbildern: Herrn Ecclestone, Herrn Ackermann, Herrn Springer, die einst mit dem Boxenludertum, dem Finanzkapitalismus und der Bild-Zeitung abgerechnet haben. MMW hat angekündigt, er werde zur Strafe für das schockierende Desinteresse von Warner Brothers an Qualität alle seine Dreifachplatin- und Sechsfachgold-Platten zurückgeben.

Ein herzlicher Gruß also an Herrn Westernhagen! Ihm verdanken wir neben der oben zitierten Hymne die folgenden „lyrics“:

Ihr Name war Fräulein Meyer / Meyer mit Y-hip-silon /

sie schaffte täglich zehn Freier / was für ne Kondi-tion.

Das kann, vers-technisch wie philosophisch, schon deshalb neben Catull oder Beaudelaire stehen bleiben, weil Marius W. bei Frau Meyer, die mit bürgerlichem Namen vielleicht Makeda („Die Schöne“) Osambu hieß, ja nicht bezahlt hat, sondern möglicherweise auf Gutscheinbasis ein paar Freinummern abarbeiten durfte, weil er anschließend mit der Meyerindustrie abrechnen wollte. An dieser Stelle hat nun also Papageno einen Vorteil, denn mit „Sie schlief an meiner Seite ein / Ich wiegte wie ein Kind sie ein“ ist er auch lesbenmäßig auf absolut zertifizierungsfähiger Laufhöhe.

Harte Zeiten verlangen harte Entscheidungen, das wussten schon Thomas Middelhoff und Julius Caesar, und daher hilft nur noch eins: Marius Müller-Westernhagen, Brillen-, Hut- und Bundesverdienstkreuzträger, der härteste Abrechner, den die Musikindustrie jemals am Hacken hatte, muss die quittierten Gutscheine aller seiner Meyer-Nummern aus dem Jahr 1994 unter Protest zurückschicken. Es hat sich herausgestellt, dass das Schaffen von zehn Freiern pro Tag (plus einem Blues-Imitator mit Gutschein) Frau Meyer von Anfang an keinen Spaß gemacht hat. Notfalls bringe ich locker ein paar Erikas bei, die was auch immer bei der Heiligen Jungfrau von Irkutsk eidesstattlich versichern.

Ich gehe davon aus, dass steuerrechtlich alles bleiben kann, wie es ist: Gewiss hat Herr Westernhagen die Taxifahrten zu den Freinummern im Zwangsprostitutions-Milieu nicht noch irgendwie als Betriebsausgaben geltend gemacht. Aber in der Kunst läuft so was ja völlig locker, wie wir von Picasso und Mozart wissen und wie es einst unser Schiller so unvergleichlich humorvoll hintupfte:

Die Muse kommt, die Muse geht / was kümmert mich der Pizzakäse /

Es hat noch stets der Wind geweht / nach meiner langen Näse.

Deutschland diskutiert!

Damit sind wir bei dem Phänomen angekommen, dass, wie man lesen darf, „Deutschland über Antisemitismus diskutiert“. Ich muss freilich einräumen: Das einzige, was mir hinsichtlich Deutschlands großer Diskussion über Antisemitismus zu Ohren gekommen ist, waren die Pressemeldungen darüber, dass Deutschland über Antisemitismus diskutiere. Anders gefragt: Wo findet diese Diskussion Deutschlands mit sich selbst eigentlich statt? Und warum gehöre ich nicht dazu? Habe ich, um Herrn Westernhagen zu zitieren, etwas versäumt?

Drei Fragen für Quizfreunde:

(1) Wie viele Juden lebten 1933 in Deutschland: a) 50.000; b) 500.000; c) 5 Mio.; d) 12 Millionen?

(2) Wie viele Juden leben heute in Deutschland? a) 9.000; b) 90.000; c) 900.000; d) 9 Millionen?

(3) Bitte ordnen sie die in Deutschland lebenden Anhänger folgender Religionen nach ihrer der Anzahl: a) Hindus, b) Juden, c.) Buddhisten, d) Zeugen Jehovas!

Bitte spontan notieren, nicht googeln! Auflösung folgt am Ende!

Den Anti-Semiten lehnt der Deutsche bekanntlich ab: Hitler, Stalin, Luther, Bin Laden, Richard Wagner. Deshalb sind alle echten Deutschen (von den Bewohnern der neuen Bundesländer ganz zu schweigen, die mit Ausnahme von Björn Höcke von einem getauften Juden aus Trier abstammen) seit 73 Jahren „gegen jede Art“ von Anti-Semitismus.

Hier muss ich einmal kurz abschweifen und, mit Verlaub, einmal ganz direkt werden: Die Deutsche Frau wirft, wie es sich gehört, ihre gebrauchten Binden und Tampons nicht ins Klo, sondern gibt sie dem Bio-, bestenfalls dem Restmüll bei, wo sie meist ein Moslem entsorgen tut, der für neun Euro die Stunde an einem Restmüll-Laufband steht und sich gar nichts dabei denkt. Und das ist gut so! Nicht nur für die Deutschen, sondern auch für den Moslem, der, wenn er ein Jude oder ein Afrikaner ist, das Menstruationsblut vielleicht unrein findet, sich aber am Riemen reißt, weil er sich integriert.

Der Moslem ist nicht ganz so hart wie der Hindu, dem seine in Art. 4 Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit garantiert, dass er sich durch die Ewigkeiten emporarbeiten darf, zum Beispiel im First-Life als Kakerlak, im Second-Life als Hosenknopf-Annäher in Indien und im Third-Life als Marius Müller-Westernhagens Fräulein Meyer. Der Moslem legt Wert auf einen Entwicklungsmodus schon im ersten Leben und bleibt hartleibig, was das Kopftuch betrifft: 50 Jahre nachdem man ihm am Bahnhof von Leverkusen das erste TürkenMoped überreichte, weigern sich ganze Gruppierungen noch immer, ihre Kopftücher abzulegen, geschweige denn sie ablegen zu lassen. Und dies, obwohl hierzulande wirklich jeder machen kann, was er will! Und sich der Biodeutsche überall auf der Welt, stets durch rasche und konsequente Integration beliebt gemacht und spätestens nach 200 Jahren seine Trachtenhüte, Lodenjanker und Volkstänze symbolisch ertränkt hat. Noch heute beherrschen zahllose GRÜNEN-Wähler mehrere namibische Sprachen zumindest auf einem EU-Zertifizierungs-konformen Level, was man weder vom Moslem noch vom Hindu, noch nicht einmal von jedem Juden sagen kann.

Der Hindu, das weiß der Deutsche aus den seit 45 Jahren vielmal jährlich wiederholten Dokumentarsendungen auf arte, nimmt‘s, wie es kommt. Im Gleichklang mit der Natur wirft er die Leichen seiner Lieben in den Ganges und zieht im Gegenzug die Cholera heraus. Die Zurückhaltung insbesondere der „Hindu-Extremisten“, von denen die Tagesschau-App mir immer einmal wieder berichtet, wird hierzulande nicht genügend gewürdigt: Sie massakrieren hier einmal 100, dort vielleicht einmal 60 Moslems, aber sie lassen den Deutschen in Ruhe. Der Herr Bundespräsident müsste einmal sagen: Man muss sich zum Hindu, ich sage es in aller Deutlichkeit, allerdings auch in Anerkennung der Leistungen, die, was hier nicht verschwiegen werden darf, auch schon für die, deutlich distanzieren, soweit er gesagt hat, einmal in aller Offenheit bekennen.

Eines ist jedenfalls sicher: Der Hindu ist mit 1.000.000.000 wiedergeborener Existenzen etwa 12,5 mal häufiger als der Deutsche, 80,3 mal häufiger als der Bayer und 122 mal häufiger als der katholisch getaufte Bayer.

Söder & Kollegah

Ich finde es vollkommen in Ordnung, dass nach der jüngsten unerträglichen Provokation der Rapper Söder & Kollegen eine harte Grenze gesetzt und nach der Verantwortung derjenigen gefragt wird, die mutmaßlich seit Jahren davon wussten.

Wir sind beim Battle-Rap angelangt, einer Kunstform, welche, wie ich jüngst erfahren musste, alle Feuilleton-Redakteure von Freiburg bis Flensburg (sorry, kleiner Scherz!) praktisch mit der Muttermilch (sorry, VeganerInnen!) aufgesogen (darf man das Wort sagen? Nicht doch besser „getankt“?) haben, jedenfalls mir erklären möchten, müssen und können.

Grundkurs

Battle-Rap ist, liebe FAZ-Redaktion, nicht wirklich schwer, allerdings auch nicht so leicht, wie das beim schallgedämpften Rasenmähen in Heusenstamm (heute) oder Königstein (morgen) erscheinen mag. Nehmen wir ein paar spontan rausgekotzte Lines:

Fick Dich bis die Schwa-harte kracht /Voll die ha-ha-harte Nacht /

mach die Currywurst klar Du Judensau /

mit rotweiß ketschupp ha ha sieben Euro fünfundfünfzig.

Sie glauben, dass das die Billig-Version war? Da täuschen Sie sich aber gewaltig! Aber das versteht nur, wer ein bisschen synkopisches Verständnis hat (und, liebe FeuilletonistInnen, selbstverständlich die Adorno-Verachtung für die Synkope!), und ein bisschen Bob Marley im Neuruppiner Blut.

Auf der „Voll der Baudelaire-und Kinski“-Preisliste des von mir beherrschten „lyrics“-Produzenten-Teams war es jedenfalls die Grundversion „Gina-Lisa“ (kleiner Scherz darf sein, Stokowski!), mit Knoblauch. Für nur 62 Euro mehr kriegen Sie schon die Rechte an lyrics wie diesen:

Kunst ist in der Eff-Ah-Zett/

mach die Beine Breit Alte /

und schmier mir ein Mett /

Brötchen mit Zwiebel /

ja der Fritz Walter/ und der Otmar /Hitzfeld /

der mit dem Schwitzfleck unter dem Auge /

lass es gut sein/ geil dass Du da bist/

jüdische Bibel.

Das ist allemal einen EchoEcho wert, Bruder! Sie können es mit einem wie original-klingenden André-Rieu-Arrangement haben (827 €) oder als Remix, wahlweise Bernhard Brink-Style (19,95 €) oder Hildegard Knef (3.275 €)! Diesen Monat 25 % Nachlass auf Style Nana M. mit Vollbrille (1.775 €) oder „75-Jahre Nena“ (im Schuber mit signiertem Höschen 127,80 €; mit signiertem Luftbild von Hagen 800,00 €). O.k., ich weiß, dass das jetzt möglicherweise ein bisschen embedded advertisement war; aber wir sind ja unter uns! Und auch die schönste Echo-Rückgabe braucht eine BUNTE, die sie fotografiert, oder?

Spartacus

Es schreit das Lumpenproletariat aus den Kellern: Söder und Kollegen! „Wie sehr schämt sich der deutsche Jude?“, fragt die FAZ möglicherweise schon morgen. Ja mein Gott, und die wunderbaren Neger von der CSU! Wie er ein Kreuz an die Wand nagelt! Ich fordere: Man muss Herrn Dr. Markus Söder zum Ehren-Neger ernennen, allein schon dafür, dass er ein Kreuz an die Wand genagelt hat. Und man muss eine Gedenktafel direkt daneben anbringen: „Hier nagelte Markus Söder ein Kreuz an die Wand.“ Ein Bild daneben, wie er schaut, der Söder, als er ein Kreuz an die Wand nagelt. Mit diesen schräggestellten christlich-jüdischen Augen, oder kommt das vom strafzollfreien bernsteinfarbenen Gold aus Tennessee? Egal: Der Jude Markus ist ja bei uns so zuhause wie der Jude Jesus.

Antisemitismus

Es ist also, wie Kollege Söder, Farid Bang und Judith Rakers nicht müde werden uns zu erklären, zu unterscheiden zwischen dem strukturellen, dem poststrukturalen, dem christlich-jüdischen und dem muslimischen Antisemitismus. Der hierzulande gefährlichste ist natürlich der christlich-jüdische Antisemitismus, denn er tarnt sich am hinterlistigsten. Er sagt, dass der Jude zu Deutschland gehört, nagelt aber ein Kreuz und keine Kippa an die Wand des Staates, und führt daher etwas anderes im Schilde.

Jemand sollte diesen Bundespräsidenten sagen lassen, dass der jüdische Glaube zum Deutschtum gehört wie der deutsche Glaube zum Judentum. Aus dem Satz könnten sich dann ZDF und Deutschlandradio drei Wochen lang herauszufressen versuchen, was sie aber garantiert nicht schaffen würden. Dann könnte man alle Preise zurückgeben, die in der Vergangenheit an Vollidioten und Menschenschinder-Claqueure verliehen wurden.

Söder

Söder hat sagen lassen, er habe das Kreuz als Symbol von „kultureller Identität“ angenagelt. Das war ein schwerer Fehler. Denn unter der Kultur des Kreuzes wurden in Bayern ja die Knechte gequält und die Mägde vergewaltigt, die Hungerleider fortgejagt und die Verhungerten verscharrt. Das Kreuz, das ein kultureller Söder an die Stirnwand der Staatsgewalt nagelt, kann niemals ein Kreuz der Hoffnung und der Menschenliebe sein.

Ich war drei Jahre lang Richter in Bayern. In den Gerichtssälen, in denen ich damals die kleinen „Sünder“ verurteilte, die sich das in phänomenaler Devotheit gefallen ließen, hing stets ein „Kreuz“ an der Wand. Ich schämte mich immer ein bisschen, denn weder war ich Christ noch dachte ich, dass es mit Christentum zu tun habe, was ich zu entscheiden hatte: Nichts als Missbrauch von Religion, Missbrauch von Kultur, Missbrauch von Bedeutungen.

Herr Söder hat keine Kippa annageln lassen im Eingangsbereich der bayerischen Behörden. „Kippa“ ist kein religiöses Symbol, sondern nur eine Symbolisierung eínes kulturellen! Ich weiß: das klingt zu schwierig für die bayerische Staatsregierung als solche. Herr MP Söder sagt allerdings, das Kreuz sei kein staats-religiöses Symbol, sondern ein staats-kulturelles. Dann allerdings hätte er vielleicht doch eine Kippa nehmen sollen, als Zeichen der jüdisch-christlichen Tradition Bayerns. Herrn Söders angenagelter Anti-Moslemismus ist sieben Milliarden Menschen auf dieser Welt und sieben Millionen bayerischen Katholiken ungefähr so viel wert wie ein Klacks Senf auf einer mittelfränkischen Bratwurst. Aber eine Kippa wäre schon was gewesen! Man hätte ja auch eine 14-tägige Kippa-Tragepflicht für alle Mitglieder der bayerischen Staatsregierung sowie der sog. politischen BeamtInnen anordnen können.

Insoweit also von hier aus ein klares „Suboptimal“ für Herrn Söders wichtigstes Wahlprogramm! Ich hoffe, dass unser Anti-Moslemit von allen bayerischen Juden-Freunden demnächst gezeigt kriegt, wohin und wie niedrig er sich seine albernen Kultur-Imitationen nageln darf.

Insassen

Abschließend noch zu den zwei Rap-Künstlern aus dem Echo. Die beiden inzwischen medienweit berühmten, ja ich möchte sagen, liebe Zuschauer: umstrittenen! Künstler haben in einem wegen seines gigantischen Erfolgs preisgekrönten Hit gesungen, dass ihre Körper so definiert seien wie die von zu Tode gepeinigten „Insassen“ des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz, das in Polen war, wo ja nur wenige Deutsche und überhaupt kein Pole jemals an der Vernichtung mitgewirkt haben, weshalb sich in Deutschland jeder schuldig macht, der behauptet, Auschwitz habe es nicht gegeben, und in Polen jeder, der behauptet, dass sich ein Pole des Antisemitismus schuldig gemacht habe.

Mein Gott, eine Provokation! Unser Feuilleton weiß nicht ein und aus! Provokation! Unser Lieblings-Feature! War nicht einst schon Riefenstahl eine einzige Provokation, und dann dieser Beuys, und Yoko-Yoko Ono, die Bekämpferin des Hundertdollarscheins? Ach, was lehrte man uns an der Fachhochschule für Mediengestaltung und philosophisch-feministische Körperkunde, als wir 23 Jahre alt waren im Jahr vor Einführung von Windows 10?

„Grenzen der Kunst“

Darf man Provokationen verbieten? Darf Kunst alles? Campino, sag‘ es Frau Marietta Slomka und dem Intendanten des Deutschlandradios, meinetwegen samt seiner albernen Silke Burmester! Campino (nicht gerade einer meiner Helden, ehrlich gesagt) sagte: Die Grenze, die Grenze, die Grenze. Schon das aber war einmal mehr zu viel für die Intendanten und die Sprechschau-Konzeptualisten. Sie lassen ihre üblichen Dackel los und schwatzen über die Grenzen der Kunst und die Grenzen der Provokation. Beides belanglose Fragen; und die Tatsache, dass und wie sie gestellt werden, zeigt den Blödsinn:

Es gibt keine „Grenze von Kunst“ – weder inhaltlich noch rechtlich. Das Bundesverfassungsgericht und der Bundesgerichtshof haben das schon 20 mal und seit 30 Jahren immer wieder gesagt. Die Medien-Maschine nimmt es notorisch nicht wahr, sondern beharrt in perfekt faschistischer Tradition darauf, es sei kategorial zu unterscheiden zwischen Kunst und Strafrecht, Kunst und Beleidigung, Kunst und Pornografie…

Nichts davon ist wahr: Kunst ist Kunst, und Käsebrot ist Käsebrot.

Wer mit Kunst Menschen schindet, oder das Menschenschinden künstlerisch bejubelt, soll halt dafür bestraft werden. Man muss endlich über andere Begriffe nachdenken, und über andere Grenzen. Wenn Herr Welke einen Plüschhasen ans Kreuz nagelt, Herr Achternbusch einen Frosch ans Kreuz bindet und Herr Söder im Namen des Staats ein Kreuz vor die zu 70 Prozent nichtchristlichen Bürger nagelt, denen er zu dienen hat, dann ist all das Kunst. Daraus ergibt sich allerdings vorerst gar nichts.

In Auschwitz nahmen Großväter und Großmütter derjenigen die Definition der Körper vor, die den zwei mutmaßlich blöden Personen einen Preis dafür verliehen, dass so viele Deutsche den Hit mit den definierten Körpern gekauft hatten. Das ist ja nun vielleicht eine Schande der Preisverleiher, vermutlich eine solche der Hit-Dichter, auf jeden Fall aber eine Schande der Hit-Käufer. Leider hat die super-empörte Feuilleton-Branche bis heute nicht an prominenter Stelle veröffentlicht, wie viele von diesen antisemitischen Schweinebacken und Drecksweibern unter uns Deutschen sind. Obwohl doch der so genannte „Echo“ in der Sparte „Pop“ eindeutig ein wirkliches Echo ist, also nur zurückruft, was man in den Wald hineingerufen hat. Was kann denn Volker Kauder dafür, dass Heckler & Koch so beliebt ist? Entweder wir machen eine Hitparade, oder wir machen keine Hitparade, sagte Dieter Thomas Heck, und ließ 1974 singen: „Ich führte sie zum Tanze / da fiel aus ihrem Kranze / ein Röslein rot.“ Das war, als Jassir Arafat, ein späterhin bekannter Gegner des Antisemitismus, seine erste Rede vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen hielt.

Noch einmal neu angesetzt: Wer von diesen erbärmlichen deutschen Antisemiten um uns her hat denn jetzt eigentlich diesen grauenhaften Auschwitz-Song gekauft, downgeloadet, angehört oder gelikt? Das muss sich doch rauskriegen lassen! Wofür haben wir denn diesen Herrn Maas (ich meine nicht den bestgekleideten näselnden Außenminister aller Zeiten, sondern den Gefahrvorhersehungs-Beauftragten)? Ich selbst bin diesmal völlig unschuldig, wie übrigens auch schon damals beim Gang-Banging von Fräulein Meyer!

Nun gut: Wenn man mal ganz nüchtern an die Sache herangeht, muss man sagen, dass die Opfer biodeutsch-industriell organisierter Menschenvernichtung im Namen der christlich-vorseherischen Münchner Kultur nicht zwingend jüdischen Glaubens, sondern in 130.000 Fällen auch Sinti oder Roma, in zahllosen anderen Fällen irgendetwas anderes waren, ihren Mördern jedenfalls hinderlich erschienen. Insoweit könnte man, wenn man kleinlich wäre, die enge Verbindung zwischen „Auschwitz-Insasse“ und „Antisemitismus“ bezweifeln. Aber da sind wir ja schon mitten in der Kunst des Mordens und der Ästhetik unserer Fitness-Freunde mit den Müttern aus der aus der „Unheimlisch-Leischt“-generation“: Alles fließt.

„Definiert“ ist ein Körper, wenn man – aus dem Blickwinkel von Fetischisten – die Skelett-Muskulatur erkennen kann. Das ist es jedenfalls, was die Künstlerinnen Madonna und Lohfink, die Künstler Westernhagen und Stallone, die Pornostars Amy Anderson und Stormy Daniels (die, wie wir erfahren, mit bürgerlichem Namen irgendwie anders heißt), die Zeitschriften „Hunger“ und „Schmerz“ uns sagen wollen: Erkenne Dich; befreie Dich vom Körper!

Kreuze und Wunder

Der Körper und seine Zermarterung ist für die Södersche Eingangsbereichs-Kultur von zentraler Bedeutung: Zerstöre den Körper, so wirst Du zur gefangenen Seele gelangen, sagt das bayerische Kulturkreuz. Martere, quäle, vernichte den Körper durch Schmerz – und die liebe Seele wird sich emporstürzen zur Wahrhaftigkeit des liebendes Gottes!

Aber was sagt nun der definierte Auschwitz-Körper dem Feuerzeug-Schwenker von 2018? Dieses Verhungern! Manche habe, wenn sie in den viergeschossigen Fächern lagen, die Exkremente der über ihnen Liegenden gefressen. Sie taten das keineswegs als Tiere und auf gar keinen Fall als Battle-Rapper. Sie taten es als wahre Menschen: Weil sie schlau waren und wussten, dass im Kot der zertretenen Brüder und Schwestern ein paar letzte Nährstoffe aufgehoben waren, die einem ein letztes Aushalten ermöglichen könnten. Es handelt sich also – so viel zum Neuhegelianismus – um eine Strategie, die evolutionär lange vor dem zentralen Nervensystem erfunden wurde.

So sind sie halt, die Menschen: die Sinti und die Hindus, die Juden und die Azteken: Sie wollen nicht sterben, selbst wenn man es noch so sehr will. Sie fressen, wenn es sein muss, wie die Ameisen und Kakerlaken die Scheiße der anderen, um einen Rest Hoffnung zu behalten vor ihren abend-oder morgenländischen Mördern. Sie leben, wenn es sein muss, unter der Erde, wenn oben die Kultur von Agent Orange und Napalm das Überleben von Gottes eigener Stock Exchange verteidigt gegen die Verfluchten. Wenn man da herauskommt, hat man für 1000 Jahre die Schnauze voll von der christlichen Söder-Kultur.

Die Kollegahs vom subproletarischen anderen Ufer darf man letzten Endes nicht davonkommen lassen: Blöd bleibt blöd. Jemand sollte sie vielleicht mal 40 Stunden in der Gedenkstätte Auschwitz arbeiten lassen: Nicht als Prospekt-Sortierer, sondern als Steine-Schlepper. Nicht ohne Essen, aber vielleicht ein bisschen knapper als normal: Matzen und Wasser. Der bayerische Ministerpräsident könnte sich zeitweise anschließen: Drei Männer im Auschwitz-Schweiß, mit nacktem Oberkörper im strahlenden Glanz, abwechselnd ein Kreuz, eine Kippa und ein Kopftuch tragend. Für diese Langzeit-Live-Reportage würde sogar, da bin ich sicher, Sigmund Gottlieb noch einmal in den Ring steigen.

Abspann

Erstens: Quiz-Auflösung

  • Juden 1933: 500.000.
  • Juden 2017: 90.000.
  • a) Buddhisten; b) Hindus; c) Zeugen Jehovas; d) Juden.

Zweitens: Es ist nicht alles Scheiße, was stinkt. Ich weiß es ja, dass das hart zu lesen ist, aber die eigentliche Frage kommt ja erst, wenn man diesen Reflex des Eingangsbereichs überstanden hat.

Drittens: Marius Westernhagen möge bitte den albernen Hut aus der mittleren Dylan-Periode weglassen. Wichtiger: Der 70-jährige Bundesverdienstkreuz-am-Bande-Träger möge bitte Fräulein Meyer (mit bürgerlichem Namen Makeba Osanku aus Yamoussoucro), die er mindestens 2 Millionen mal kostenlos im Büro-Abtritt ficken zu dürfen behauptet hat, ein sorgenfreies Alter ermöglichen. Das muss drin sein, mit 13 Millionen verkauften Einheiten.

Lesen Sie nächste Woche von Thomas Fischer: brandneue Gesetzentwürfe und Ultimaten der SPD!

Anzeige