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Wissenschaft der Veränderung: Was die Forschung über den Jobwechsel lehrt

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Wirtschaftswissenschaftler, Psychologen und sogar Biologen erforschen Ursachen, Abläufe und Folgen von beruflichen Veränderungen. Die neusten Erkenntnisse im Überblick.

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Biologie des Wechsels

Entscheidungen trifft man – das Bauchgefühl in allen Ehren – doch meist mit dem Kopf. Und da Hirntätigkeit vor allem ein Zusammenwirken von Nervenzellen und Botenstoffen ist, hat auch die Entscheidung, den Job zu wechseln, eine neurobiologische Komponente. Und die ist nicht unbedingt wechselfreudig. „In den meisten Fällen bremst uns das Gehirn bei Veränderungen eher aus“, sagt der Neurobiologe Gerhard Roth von der Universität Bremen.

Der Grund? Das Gehirn liebt Automatismen und Gewohnheiten, so Roth. Folge man alten Routinen, schütte es Opioide aus, so dass wir für das Beharren im Festgefahrenen auch noch belohnt werden. Das heißt im Umkehrschluss: Die aktuelle Situation muss einen sehr großen Leidensdruck erzeugen oder die neue Stelle eine sehr große Verlockung darstellen, damit der Kopf sich darauf einlässt, den bequemen Alltag zu verlassen und etwas Neues zu suchen. Gerhard Roth formuliert es so: „Die goldenen Berge müssen leuchten, bis ein Mensch einen solchen Schritt macht.“

Verdienst nach Veränderung

Die angesprochenen „goldenen Berge“ können aus mehr Verantwortung bestehen, aus größerer Freiheit – oder schlicht aus mehr Geld. Damit könne man bei einem freiwilligen Jobwechsel im Durchschnitt schon rechnen, so der allgemeine Tenor der Karriereforschung. Das Problem dabei: Nicht jeder Forscher hat dabei die Besonderheiten des deutschen Arbeitsmarktes im Blick.

Während Löhne in weniger regulierten Märkten wie den USA, Großbritannien oder teilweise auch den Niederlanden höher liegen, ist das meist auch mit weniger weitgreifendem Kündigungsschutz erkauft. Eine Studie von Ökonomen um Markus Latzke von der Wirtschaftsuniversität Wien über den deutschen Arbeitsmarkt zeigt aber, dass man im Durchschnitt auch hier mit steigenden Gehältern rechnen kann, wenn man von sich aus den Job wechselt.

Die Forscher haben dazu etwa 20.000 Erwerbsbiografien aus dem Sozio-ökonomischen Panel (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) analysiert. Wer zwischen den Jahren 1985 und 2013 seinen Job freiwillig gewechselt hat, hat in diesem Zeitraum einen Lohnzuwachs von 10,7 Prozent erhalten. Wer seinen Job nicht gewechselt hat, verbuchte nur 4,7 Prozent zusätzlich. Doch Vorsicht: Auch wenn die Durchschnittswerte für mehr Gehalt nach einem Wechsel sprechen, blieb es bei einem Drittel der Fälle gleich oder wurde sogar weniger.

Zufriedenheit nach Wechsel

Eine bewusste Karriereveränderung kann noch eine weitere positive Auswirkung haben, wie Adrian Chadi von der Universität Konstanz und Clemens Hetschko von der Freien Universität Berlin empirisch belegen konnten. Die Forscher haben ebenfalls Befragungen des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) ausgewertet und die berufliche Zufriedenheit der Deutschen aus volkswirtschaftlicher Sicht vermessen. Ihr Ergebnis: Die „Magie des neuen Jobs“ macht erst mal glücklich.

Im Verlauf des Lebens ist die Zufriedenheitskurve der meisten Menschen eine horizontale Linie. Anders gesagt: Optimisten bewahren ihr Lächeln, Pessimisten ihre Miesepetrigkeit. Entscheidet sich ein Mensch aber für einen Jobwechsel, haben die Forscher ein interessantes Muster festgestellt, das sie „Honeymoon-Hangover-Effekt“ nennen: Wer freiwillig auf eine andere Stelle wechselt, dessen Arbeitszufriedenheit steigt zunächst signifikant – die beruflichen Flitterwochen beginnen. Erst nach zwei, spätestens drei Jahren ist der Wechseleffekt größtenteils verpufft und die Zufriedenheit rutscht wieder auf das persönliche Normalniveau ab – sozusagen der Kater nach dem Rausch des Wechsels.

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Für Clemens Hetschko ist die Studie daher ein klares Plädoyer für den Jobwechsel. Denn auch das zeigen die Daten: Mit jedem weiteren Jahr auf der gleichen Stelle sinkt die Arbeitszufriedenheit. „Wer sich dazu durchringt, von sich aus etwas zu ändern, wird glücklicher“, sagt der Ökonom. Entscheidend ist der Vorsatz: Wer seinen Job gezwungenermaßen wechselt, etwa im Wege einer Kündigung, dessen Zufriedenheitslevel verändert sich nicht.

Timing ist alles

Den Moment, in dem er sich nicht mehr im Job wohl fühlt, sucht sich kein Mensch selbst aus. Er kann ohne Vorwarnung eintreten. Eine Studie der Personalberatung CEB aus dem Jahr 2016 hat aber gezeigt, dass es bestimmte Daten gibt, bei denen dieses Gefühl verstärkt auftritt. (PDF, Seite 49). An Geburtstagen, Firmenjubiläen oder auch nach Klassentreffen zum Beispiel sinkt die berufliche Zufriedenheit und das aktive Suchverhalten nach einer neuen Herausforderung im Job nimmt zu.

Ob man dann auch sofort wechseln sollte, ist eine andere Frage. Der US-Autor Daniel Pink hat in seinem Buch „When“ hunderte wissenschaftliche Erkenntnisse zur Bedeutung des Timings zusammengefasst, auch zum Jobwechsel. Das Ergebnis? „Den perfekten Moment“, sagt Pink, „gibt es nicht.“ Doch auch er hat beobachtet, dass sich viele Menschen an bestimmten, wiederkehrenden Daten orientierten und mehr Angestellte als üblich zum Beispiel aus Anlass eines Firmenjubiläums kündigten.

Für den Autor ist das kein Zufall: „Man kann Meilensteine zum Anlass nehmen, um zu prüfen, wie man sich gerade in diesem Unternehmen, mit diesen Kollegen und bei dieser Aufgabe fühlt“, sagt Pink. Man müsse sich dann fragen, ob man sich beim nächsten Jubiläum auch noch dort sehe. „Lautet die Antwort ‚Nein‘, ist es Zeit, sich nach etwas Neuem umzusehen.“

Nicht kündigen ohne Alternative

Merkt man nach reiflicher Überlegung, dass es im aktuellen Job nicht weitergehen kann, sollte man aber auf keinen Fall ohne konkrete Perspektive kündigen. Arbeitsmarktforscher der Zentralbank von New York haben dafür auch eine wissenschaftliche Erklärung. Ein Team um Jason Faberman analysierte dazu eine Stichprobe aus fast 3500 Menschen, Arbeitslose wie Festangestellte, auf der Suche nach einem neuen Job.

Das Ergebnis: Menschen in einem Anstellungsverhältnis bekamen nicht nur mehr, sondern auch bessere Jobangebote als Arbeitslose. Dafür haben die Ökonomen verschiedene Erklärungen: Zum einen könnten Personaler vermuten, die Fähigkeiten der Arbeitslosen seien veraltet und daher weniger wert. Auch könnten ihre Netzwerke weniger gut funktionieren. Zudem sei eine Stigmatisierung der Arbeitslosen denkbar, nach dem Motto: Die suchen doch nicht grundlos einen Job. Und schließlich befänden sich Arbeitslose in einer schlechteren Verhandlungsposition: Sie haben keine Alternative.

Der Text von Jan Guldner wurde zuerst bei Wiwo.de veröffentlicht.

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