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Die ewige Nervensäge: die Liebe-Hass-Beziehung der Medien zur neuen SPD-Frontfrau Andrea Nahles

Andrea Nahles bei ihrer Rede vor der Wahl zur SPD-Bundesvorsitzenden
Andrea Nahles bei ihrer Rede vor der Wahl zur SPD-Bundesvorsitzenden

Was denkt der gemeine Medien-Nutzer, wenn er den Namen Andrea Nahles hört oder liest? Laut, Provinz, Bätschi, Jusos, Macht. Etwas in dieser Richtung. Für den medialen Apparat ist eine Politikerin wie die frisch mit schlechtem Ergebnis gewählte Nahles ein gefundenes Fressen. An ihr zeigt sich exemplarisches das widersprüchliche Anforderungsprofil der Medien an die Politik: Ecken und Kanten einfordern und sobald diese sichtbar werden den Schleif-Apparat anwerfen.

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Das Kondensat des Sub-Genres Andrea-Nahles-Verriss liefert einmal mehr Bild-Briefe-Onkel Franz Josef Wagner mit seinem aktuellen Brief an die “Liebe Andrea Nahles“. Es ist ein unverschämtes Stückchen Text, das sich ganz und gar an Äußerlichkeiten abarbeitet

Ein erhöhtes Gesundheitsrisiko droht, Schlaflosigkeit, Depressionen. Sie haben ein Organ wie eine Kreissäge. Geräusche bringen unser vegetatives Nervensystem durcheinander.
Besonders wenn Sie „Bätschi, Bätschi“ schreien oder: „Für die Leute machen wir das, verdammte Kacke.“ Oder „Sie kriegen in die Fresse.“

Noch was vergessen? Ach ja, dass sie im Bundestag mal reichlich unpassend das Pippi-Langstrumpf-Lied angesungen hat. Wagner schließt seinen Brief mit einer schroffen Anweisung: “Den niedrigsten Geräuschpegel haben das Gezwitscher der Vögel und der Wind in den Bäumen. Unsere Ohren wollen genau das hören. Sei leiser, Andrea Nahles.”

Es ist das alte Spiel: Medien (und in Teilen auch das Publikum) wünschen sich stets Politiker mit den berühmten “Ecken und Kanten”. Aber wehe eine solche Persönlichkeits-Kante zeigt sich in real life. Dann wird sofort die Schleifmaschine angeworfen. Bei Andrea Nahles kommt aber noch etwas dazu. Der Grund-Vorwurf des alten, weißen Wagners lautet: Die Nahles ist zu laut, die nervt. Er ziemlich sicher nicht der einzige, der so denkt. Objektiv betrachtet stimmt das ja sogar. Andrea Nahles ist laut, ihr Humor bisweilen rustikal. Sie hat eine Art zu betonen, die von manchem als schrill empfunden wird. Hysterie liegt in der Luft.

Die Medien nehmen solche Eigenschaften immer wieder dankbar auf. Als Nahles den berühmten Satz sagte, dass “sie” (der bisherige Koalitionspartner CDU/CSU) dann wieder “auf die Fresse” kriegen würden, war das klar unernst gemeint. Und doch lief die mediale Empörungs-Maschinerie auf Hochtouren, befeuert von Klicks und dem Kommentar-Grundrauschen in den Sozialen Medien.

Man sollte sich die Frage stellen: Hat das vielleicht auch damit zu tun, dass Andrea Nahles eine Frau ist? Ober präziser formuliert: Dass sie sich als Frau nicht so verhält, wie gewisse Männer das  erwarten? Der moderne Mann hat es nicht leicht, das wissen wir seit Jens Jessens “Armer Mann”-Aufsatz in der Zeit. Aber die Frau hat es nicht unbedingt leichter. Apart und zart soll sie sein, und fraulich leise Bitteschön. Die Sache mit der Kindererziehung erledigt sie geräuschlos nebenher (das tut Andrea Nahles anscheinend tatsächlich unter Mithilfe ihres Ex-Mannes und der nahen Verwandtschaft).

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Auf fachlich-professioneller Ebene gibt es von Medien und Kollegen erstaunlich wenig bis gar nichts zu meckern an der Politikerin Andrea Nahles. Stets ist die Rede davon, dass Nahles exzellent im Thema ist, dass man mit ihr professionell und konstruktiv zusammenarbeiten kann. So entwickelte sich in der der vergangenen GroKo zwischen ihr und dem damaligen Innenminister Thomas de Maizière (CDU) eine Duz-Freundschaft, die für Außenstehende überraschend war. Hinter den Kulissen arbeitet das vermeintliche Trampeltier oft sehr leise.

Ihre Bilanz als Arbeitsministerin war tadellos. Über die Eignungen von Andrea Nahles als Polit-Profi gibt es keine zwei Meinungen. Über die private Andrea Nahles sind auch keine Gruselgeschichten bekannt. Sie gilt als heimatverbunden und fest verwurzelt in ihrem Eifeldorf, wo sie jedes Jahr an Weiberfastnacht einen Schnapsstand zu betreiben pflegt. Solche Bodenständigkeit ist eigentlich etwas, womit man in der Politik punkten kann.

Umso erstaunlicher, dass Andrea Nahles in der öffentlichen Wahrnehmung immer so sehr polarisiert und in Teilen sogar auf offene Feindseligkeit trifft. Das Etikett der ewigen Nervensäge wird sie nicht leicht los, auch dank solcher Herren wie Franz Josef Wagner. Sie versucht es allerdings auch gar nicht. Ihre burschikose Art und passt weder zum Sauerbraten-Schema, das sich Angela Merkel als privates Signet ausgesucht hat, noch zum mutmaßlichen Frauenbild eines FJW. In dieser Betrachtung muss die Frau entweder supersexy sein oder als Mutti am Herd stehen, in jedem Fall aber die Klappe halten oder halt wenigstens leise reden. Für die hart ackernde, laut lachende, Schnaps trinkende Maurers-Tochter ist da kein Platz.

Ihre Vorstellungsrede zur Wahl der SPD-Vorsitzenden begann Nahles mit den Worten: “Mein Name ist Andrea Nahles, ich bin 47 Jahre alt und lebe mit meiner Tochter Ella in der Eifel. Katholisch, Arbeiterkind, Mädchen, Land. Muss ich noch mehr sagen?” Nö, das hätte prinzipiell gereicht. Was danach kam, war eine Liste alter SPD-Hüte vom Trump-Bashing über die Solidarität, die bösen Rechtspopulisten, die Klimaziele, die gierigen Internet-Plattformen und die Friedenspolitik. Der Lohn waren müder Applaus und magere 66 Prozent Zustimmung. Im Gegenschnitt auf das Publikum sah man immer wieder Leute, die auf ihren Smartphones herumtippten oder sich unterhielten.

Ihre Bewerbungsrede für den SPD-Vorsitz, teils vom Blatt abgelesen, war routiniert, aber nicht mit diesem Herzblut vorgetragen wie neulich, als sie mit einem spontanen Beitrag das Ja der Genossen zu Koalitionsverhandlungen mit der CDU/CSU heiser herbeibrüllte. Da war schon ein bisschen was glattgeschliffen. Die 66-Prozent-Schlappe muss Andrea Nahles aber nicht wirklich persönlich nehmen. Es ging diesmal vielen derjenigen, die sie nicht gewählt haben, womöglich auch darum, mal wieder einen Kontrapunkt zu setzen und zu demonstrieren, dass in der SPD “noch wirklich” diskutiert wird – als ob das jemals bezweifelt worden wäre. Die 66 Prozent für Andrea Nahles sind mindestens so trügerisch, wie es die 100 Prozent für Martin Schulz waren. Schulz konnte von den 100 Prozent eigentlich nur noch abstürzen. Nahles kann auf den 66 Prozent aufbauen. Ob eine eckige Person wie sie in der immer noch Männer-dominierten Macht- und Medienwelt der Politik noch höher steigen kann, als bis zum SPD-Vorsitz, das werden die nächsten Jahre zeigen.

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Alle Kommentare

  1. Ecken und Kanten sind gerade das, was Nahles sich abgeschliffen hat beim wendigen langen Weg nach oben. Geblieben ist der Eindruck einer Strippenzieherin, die bei ihrer geschmeidigen Karriere möglichst jedes Votum über sich vermeidet, die Dinge lieber im Hinterzimmer regelt, und das mit dem unbeholfen kaschiert, was sie für rustikale Volkstümlichkeit hält. Ich glaube nicht, dass sie intern in Gremien auch so redet oder wenn sie da jemanden zur Schnecke macht. Das ist fürs Publikum, entsprechend aufgesetzt wirkt es. Andrea Nahles hat in ihrer Rede gesagt, dass die SPD ihr ihre (Karriere-)Träume erfüllt hat, für sie ansonsten eine ganz tolle Partei. Ecken und Kanten. Naja.

  2. Wo sehen Sie denn noch kantige ‘weiße’ Männer in Politik/Medien im widewidewit Merkelande, Herr W.? Kauder? DiLorenzo? Spahn? BERlin-Müller? Hofreiter? Röttgen? Maas? Altmayer? Tauber? Scholz?…

    Sie sind doch der lebende Beweis dafür, dass ‘weißer, alter Mann’ anders als Kollegah & Co allenfalls noch in Subordination geduldet ist. Einzig mögliche Form des Protests: ECHO zurück werfen. Die selbstverbrockte Suppe kann meinethalben die vulgäre GroKo-Genossin selbst auslöffeln.

  3. Herr Winterbauer! KOMPLIMENT.. Das Frauenthema auf den Punkt unter einen Hut gebracht. Ich bin überzeugt davon, dass genau das alles in den Köpfen der Männer abgeht. Und die Frauen – wie man seit der ARD/ZDF-Studie “Gender und Fernsehfilm” erschreckend klar weiß – arbeiten wegen eigener stereotyper Zuweisungen an Frauen auch lieber mit Männern und das ist schon ein Teil der ganzen Katastrophe. In allen Bereichen des Lebens sind die meisten Frauen zuständig, kümmern sich vielseitig, leisten unendlich vieles.. und müssen sich ständig mit Vorverurteilung oder bewusster Verunglimpfung bzw. Diskriminierung herumschlagen. Von Männern werden die Frauen meistens generös getätschelt, weil die sich eher weniger um ihr Patriarchat und ihre Buddy-Strukturen – vorerst noch – größere Sorgen machen müssen. Und “die Politik”.. Die labert sich eins, begreift nichts und tut nichts.

  4. Wenn die Nahles nicht 40 Prozent Gegenstimmen hätte, würde ich ihr gar nicht zuhören.
    Unvergessen ist die Kunstpause bei der Groko-Rede: “Die zeigen uns einen………… ………… ……..VOGEL !

    FJ Wagner muss ich in Schutz nehmen. Ohne dessen “Brief” wäre der Winterbauer–Nahles-Text nie entstanden. Da ich FJ persönlich kenne, weiß ich, dass er bei seinen meisterhaft übersteigerten Klischees stets subtile Selbstironie reinpackt. Sonst könnte er so einen aufregenden Macho-Text gar nicht schreiben – der wäre sonst langweilig.
    Das hat Winterbauer nur noch nicht erkannt.t.

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