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Weiterer Fall sexueller Belästigung beim WDR: Abmahnung für Hinweisgeber statt Konsequenzen für Beschuldigten

Nach dem Fall eines WDR-Korrespondenten, dem sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden, haben das Recherchebüro Correctiv und der stern nun einen weiteren Vorgang im größten ARD-Sender aufgerollt, bei dem sexuelle Belästigung eine Rolle spielt. Die Sender-Verantwortlichen kommen auch bei dem neuen Bericht nicht gut weg. Zwar habe es in diesem Fall eine Ermahnung als disziplinarische Maßnahme gegeben, diese habe aber der Hinweisgeber kassiert und nicht der Beschuldigte.

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Bei dem Beschuldigten handelt es sich diesmal laut Correctiv und stern um einen prominenten WDR-Journalisten, der bis heute für die ARD regelmäßig in „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ berichte. Die Vorwürfe gegen den Mann seien 2010 bekannt geworden. Der Journalist soll u.a. die Nähe zu einer WDR-Redakteurin mit Zeitvertrag gesucht haben, deren Vorgesetzter er war. Als die Redakteurin auf die Avancen nicht einging, soll der Vertrag nicht verlängert worden sein. Auch andere Mitarbeiterinnen hätten sich über sexuelle Belästigung, Mobbing und Machtmissbrauch in der Programmgruppe, in der der betreffende Journalist beschäftigt ist, beschwert.
Ein anderer männlicher Mitarbeiter gab einen Hinweis auf die Vorwürfe und vermittelte laut dem Correctiv- und stern-Bericht auf Bitte der damaligen Programmdirektorin Verena Kulenkampff die Zeuginnen an eine Personalrätin des WDR. Die soll daraufhin empfohlen haben, die Senderspitze solle sich mit der entsprechenden Programmgruppe in Verbindung setzen und deutlich machen, dass sexuelle Belästigung im WDR „keine Kleinigkeit“ sei. Stattdessen habe es drei Monate später eine disziplinarische Ermahnung des Hinweisgebers gegeben. Dem Mann soll untersagt worden sein, weiter von Fällen sexueller Belästigung in der Programmgruppe zu sprechen und zu sagen, dass es Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegeben habe. Correctiv und stern zitieren aus der Ermahnung: „Sollten Sie sich an diese Vorgabe nicht halten, kann das Auswirkungen auf Ihr Arbeitsverhältnis haben.“
Der WDR äußert sich in dem neuerlichen Correctiv- und stern-Bericht folgendermaßen: „Es gab in dem betreffenden Jahr Hinweise auf mögliches Fehlverhalten. Diesen wurde sehr sorgfältig nachgegangen. Der WDR hat möglichen Betroffenen einen Weg der Beschwerde geschaffen. So gab es zum Beispiel eine Ombudsperson, an die sich Betroffene wenden konnten. Diese baten aber ausdrücklich darum, die Anonymität zu wahren. Abschließend ergab die damalige Prüfung, dass die Vorwürfe nicht aufgeklärt werden konnten. Zu weiteren Details äußern wir uns aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht.“
Der neue Fall wirft wieder kein gutes Licht auf den Umgang mit solchen Fällen beim WDR. Schon nach Bekanntwerden des ersten Falls, hatte sich die Personalrätin Christiane Seitz aus Protest über den Umgang der Senderspitze mit solchen Vorgängen aus dem für Missbrauchsfälle zuständigen Interventions-Ausschuss zurückgezogen. Seitz hatte namentlich Intendant Tom Buhrow und Fernsehdirektor Jörg Schönenborn kritisiert: „Der Personalrat und die Gleichstellungsbeauftrage werden Schwarzer-Peter-artig in den Vordergrund geschoben – als seien sie die Handlungsmächtigen (Subtext: die Nicht-Handelnden) in dieser Angelegenheit.“ Entscheiden aber könnten nur die Vorgesetzten wie Fernsehdirektor Jörg Schönenborn und Intendant Buhrow. Anderen Gremien wie dem Ausschuss oder auch der Personalabteilung würde keine „eigenmächtige Rolle“ zugestanden.
Die dpa hat just am Tag des neuerlichen Correctiv- und stern-Berichts ein Interview mit WDR-Intendant Buhrow veröffentlicht, in dem dieser sagt, der Sender dulde sexuelle Nötigung nicht. Buhrow appellierte in dem Interview an potenzielle Opfer sexueller Nötigung oder Belästigung, sich zu melden: „Ich begrüße es sehr, wenn jetzt Kolleginnen oder ehemalige Kolleginnen kommen, die sich vorher zurückgehalten haben, und Hinweise geben. Denn erst dann können wir handeln.“

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