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WDR-Intendant Tom Buhrow zur Affäre um übergriffigen Korrespondenten: “Wir dulden sexuelle Nötigung nicht” 

WDR-Intendant Tom Buhrow
WDR-Intendant Tom Buhrow

Ein ehemaliger WDR-Auslandskorrespondent soll Praktikantinnen sexuell belästigt haben. Das Recherchebüro Correctiv und der stern hatten den Fall vergangene Woche aufgedeckt. Kritik gab es auch an der Senderspitze, die den Fällen nicht gründlich genug nachgegangen sei. Jetzt äußert sich WDR-Intendant Tom Buhrow in einem Interview zum Umgang des Senders mit dem Fall. Er appelliert an alle Opfer, sich zu melden.

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In den vergangenen Tagen ist der Fall eines ehemaligen ARD-Auslandskorrespondenten bekannt geworden, der möglicherweise über Jahre hinweg Praktikantinnen sexuell belästigt hat. Haben Sie da bisher nicht richtig hingeschaut?
Tom Buhrow:
Unser klares Signal ist nicht erst jetzt: Wir dulden sexuelle Nötigung und Missbrauch nicht. Aber es ist offenbar so, dass die Veröffentlichungen in den vergangenen Tagen das Bewusstsein geschärft haben. Ich begrüße es sehr, wenn jetzt Kolleginnen oder ehemalige Kolleginnen kommen, die sich vorher zurückgehalten haben, und Hinweise geben. Denn erst dann können wir handeln.

Aber bisher hat es dieses Klima ja offenbar nicht gegeben, in dem sich Frauen, die belästigt wurden, auch meldeten.
Keiner musste Angst haben, sich an unser Interventionsteam zu wenden. Das haben wir vor drei Jahren bewusst als Anlaufstelle gegründet, damit Betroffene sicher sein können, dass kein Vorgesetzter eine Beschwerde ignorieren kann. Die Fälle, die dort gemeldet wurden, sind auch verfolgt worden – bis an die Grenze dessen, was arbeitsrechtlich möglich war. Allerdings habe ich festgestellt, dass viele Kolleginnen und Kollegen von der Existenz dieses Ausschusses zu wenig wissen, und deshalb informieren wir gerade nochmal breit darüber.

Kann es sein, dass der WDR noch stärker als andere Unternehmen für Missbrauch anfällig ist durch den Fernseh-Glamour? Prominenz bringt ja noch einmal zusätzliche Macht.
Nein, ich glaube, überall dort, wo ein Machtgefälle da ist, gibt es auch eine Gefährdung – ob in der Finanzbranche oder in Industrieunternehmen oder in der Medienbranche. Nur Verlage scheinen davon auf wundersame Art ausgenommen zu sein. Offenbar arbeiten dort nur charakterfeste Menschen… Ernsthaft: In jeder Branche kann es Verfehlungen geben. Die Frage ist: Kehren Vorgesetzte so etwas unter den Teppich oder schaffen sie ein Klima, in dem so etwas nicht geduldet wird?

Wie ist es beim WDR?
Der WDR duldet so etwas nicht. Aber wir müssen natürlich konkrete Hinweise bekommen, um mögliche Übergriffe prüfen und im erwiesenen Fall dann auch arbeitsrechtlich ahnden zu können. Es melden sich gerade Frauen mit ihren Erlebnissen und ich nehme das als Zeichen des Vertrauens, dass solche Hinweise ernst genommen werden.

Anderes Thema: In der letzten WDR-Rundfunkratssitzung vertraten mehrere Mitglieder den Standpunkt, dass das Referendum in der Schweiz über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auch die ARD unter Druck gesetzt hat. Sehen Sie das genauso?
Ich würde nicht sagen, es setzt uns unter Druck, aber wir können uns nicht zurücklehnen und sagen: In der Schweiz ist es gut ausgegangen, also weiter so wie bisher. Wir dürfen nie stehen bleiben, wir müssen uns weiter verschlanken und reformieren. Wir hier im WDR haben bereits vor Jahren einen beispiellosen Reformkurs eingeschlagen.

Sie werden ja voraussichtlich noch bis 2025 im Amt bleiben. Müssen Sie in dieser Zeit nicht radikal etwas ändern, müssen Sie sich nicht von ganzen Programmen oder Bereichen verabschieden? Sie können doch nicht endlos hier und dort Stellen wegstreichen.
Der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm hat genau darauf richtigerweise hingewiesen: Viele Sender sind in einem schwierigen Reformprozess. Wer uns immer weiter verkleinern will, muss wissen, dass das nicht ohne Einschnitte ins Programm geht. Das wollen wir nicht und das wollen auch unsere Zuschauer, Hörer und User nicht. Die Menschen in Nordrhein-Westfalen schätzen den WDR sehr, und zwar gerade in seiner Vielfalt.

Wie wäre es, wenn Sie die dritten Programme bis auf drei, vier Stunden Regionalprogramm am Tag zusammenlegen? Da würde den meisten sicher nicht so viel fehlen, und Sie hätten kräftig gespart.
Es ist doch so: Wir haben uns ja nicht selber ausgesucht, was wir alles Schönes machen könnten. Wir haben einen gesetzlichen Auftrag. Und wir werden sicher nicht von uns aus sagen: «Ach, Teile des Auftrags, lieber Gesetzgeber, finden wir überflüssig.» Es ist Aufgabe der gewählten Volksvertreterinnen und -Vertreter, das zu bestimmen.

Wie sehr werden Sie durch die AfD unter Druck gesetzt, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk infrage stellt?
Das spielt in Nordrhein-Westfalen für mich keine Rolle. Der WDR-Rundfunkrat ist nur zu maximal einem Drittel von politischen Vertretern besetzt. Einen Sitz davon hat seit der letzten Landtagswahl die AfD.

Aber dahinter steht ja eine wachsende, teilweise sehr radikale Ablehnung von ARD und ZDF und der klassischen Medien überhaupt.
Ich glaube, die Ablehnung ist nicht so groß, wie man denkt. Dazu gab es neulich noch eine Untersuchung der Universität Mainz. Daraus ging hervor: Der überwiegende Teil der Leute findet uns gut. Aber es gibt Gruppen, da ist die Ablehnung besonders intensiv. Das hat sich über Jahrzehnte aufgebaut und ist zu wenig beachtet worden.

Woran liegt das?
Ich glaube, das liegt zum Teil daran, dass Journalistinnen und Journalisten, auch bei den Zeitungen, überwiegend in Metropolen leben, meist studiert haben, gern in andere Länder reisen. Journalisten müssen sich immer fragen, ob sie die Lebenswirklichkeit und Vielfalt in Deutschland abbilden.

Was tun Sie dagegen?
Wir halten unsere Regionalberichterstattung hoch, denn da sind wir ganz nah dran an der Lebenswirklichkeit und den Problemen der Menschen. Wenn da irgendetwas passiert, dann reisen unsere Berichterstatter ja nicht von weitem an – die sind vor Ort und kennen die Menschen gut. Und deshalb gibt es gerade da ganz viel Liebe zum WDR. Unser Credo ist jeden Tag: Was können wir tun, um das Leben der Menschen zu bereichern? Bereichern – nicht berieseln oder bevormunden.

Ein Dauerthema ist die Auseinandersetzung mit den Verlegern über die Presseähnlichkeit der öffentlich-rechtlichen Internetangebote. Sie haben nun den Text-Anteil der WDR-Nachrichten-Website massiv reduziert. Aber andere, etwa der NDR, sehen das anders und wollen eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts. Ist es nicht schlecht, wenn Sie hier unterschiedliche Linien verfolgen?
Wir haben in der ARD eine gewisse Bandbreite, und innerhalb dieses Spektrums bewege ich mich. Für mich war das ein Signal an die Verleger, dass wir uns nicht vor Gericht um jedes Komma streiten müssen. Manchmal kann man einen Schritt aufeinander zu gehen. Oder auch mehrere.

Interview: Christoph Driessen, dpa

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