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"Fake News von einer journalistischen Instanz": Kritik an Friedrichsen wegen Bericht über Mordprozess gegen Flüchtling

Gisela Friedrichsen sagt dazu: "Mir die Verbreitung von 'fake news' zu unterstellen, ist absurd."

Zwei Millionen oder doch eher 6.000 Euro? Wegen einer Falschinformation über die Kosten der Altersfeststellung im Mordprozess gegen Flüchtling Hussein K. steht Gisela Friedrichsen in der Kritik. Die Augsburger Allgemeine enthüllte den Fehler und hält der renommierten Gerichtsreporterin „Fake News von einer journalistischen Instanz“ vor. Eine Geschichte über sich widersprechende Zahlen.

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„Zwei Millionen Euro sollen allein die Untersuchungen zur Feststellung von K.s ungefährem Alter gekostet haben.“

Diesen Satz hat die Gerichtsreporterin Friedrichsen in ihrem Artikel für die Welt am 21. März geschrieben, in dem sie über den Prozess des mittlerweile verurteilten Mörder Hussein K. berichtete. In dessen Verlauf mussten verschiedene Verfahren zur Altersfeststellung eingesetzt werden, um zu überprüfen, ob der Geflüchtete Hussein K. mindestens volljährig ist. Zwei Millionen Euro? Ganz schön viel Geld, dachte sich wohl Philipp Kinne, Reporter bei der Augsburger Allgemeinen, „um herauszufinden, ob ein Flüchtling über sein Alter gelogen hat?“ Mit dieser Frage begann die Recherche des Journalisten in seinem Beitrag  „Hussein K.-Prozess: Fake News von einer journalistischen Instanz“, der am Donnerstag voriger Woche erschien.
Nachdem die hohe Zahl erstmals in der Öffentlichkeit war, wurde sie umgehend von rechtspopulistischen Blogs wie PI News und dem Politmagazin Tichys Einblick aufgegriffen. Sie war Wasser auf die Mühlen vieler rechtsgerichteter Kritiker einer Altersüberprüfung. PI News sprach vom „afghanischen Mörderflüchtling“, der sich in Deutschland „einen schönen Lenz“ mache. Kinne fragte also bei der Staatsanwaltschaft Freiburg nach und fand heraus: Die von Friedrichsen verbreitete Zahl „ist völlig falsch und aus der Luft gegriffen“. So steht es in dem Artikel. Die Kosten für die Altersfeststellung lägen bei etwa 6.000 Euro, teilte die Staatsanwaltschaft gegenüber der Augsburger Redaktion mit.

„Eine umfassende Richtigstellung wird nicht mehr kommen“

Im Gespräch mit MEEDIA erklärt Michael Mächtel, Oberstaatsanwalt und Sprecher der Freiburger Staatsanwaltschaft, dass die Kosten zur Feststellung des Alters bislang nicht berechnet seien. Sie würden, so seine Einschätzung, im unteren fünfstelligen Bereich liegen. „Die Gutachten kosten einige Tausend Euro“, erklärt Mächtel. „Am Ende werden es zwischen 10.000 und 20.000 Euro sein.“
Die Redaktion der Welt hat indes eine Richtigstellung unter Friedrichsens Beitrag gestellt, in dem zugegeben wird, dass die konkrete Summe „nicht zu belegen ist“. Zusätzlich wurde die besagte Passage entfernt. Dass es viel niedrigere Kosten sind, erfährt der Leser in den wenigen Sätzen nicht. Für Philipp Kinne geht dieser Schritt deshalb nicht weit genug, teilt er gegenüber MEEDIA mit. Der Journalist glaubt: „Eine umfassende Richtigstellung wird nicht mehr erfolgen.“
Ob es sich nun um 6.000 Euro oder einen anderen Betrag im niedrigen fünfstelligen Bereich für die Altersüberprüfung von Hussein K. handelt, ist an dieser Stelle nicht entscheidend. Auch wenn man sich wundern darf, warum die Staatsanwaltschaft sich offenbar nicht auf eine einheitliche Aussage gegenüber der Presse geeinigt hat. Die Diskrepanz zur von Friedrichsen verbreiteten Zahl bleibt so oder so immens – und damit die Irritation. Wie kommt die Grande Dame der Gerichtsberichterstattung auf zwei Millionen Euro?

„Die Zahl ergibt überhaupt keinen Sinn“

Auf Anfrage von MEEDIA sagt Friedrichsen dazu: „Die Zahl wurde meiner Erinnerung nach im Rahmen eines inoffiziellen Pressegesprächs während einer Verhandlungspause genannt.“ Der Oberstaatsanwalt Eckart Berger habe „inmitten eines Pulks von Journalisten“ gestanden, „die ihn von allen Seiten mit Fragen bestürmten“. „Die Zahl ergibt überhaupt keinen Sinn“, sagt wiederum Mächtel. Er habe mehrmals mit Berger darüber gesprochen und dieser habe ihm jedes Mal versichert, dass er jene Summe nie genannt habe. „Das ist abwegig.“
Gegenüber der Augsburger Allgemeinen hatte Friedrichsen darauf beharrt, dass Oberstaatsanwalt Berger womöglich die Entwicklungskosten des aufwendigen Verfahrens zur Altersfeststellung gemeint habe. Auch dies verneinte Berger gegenüber Kinne und seiner Redaktion. Diese seien ihm nicht bekannt, heißt es in dem Artikel. Gegenüber MEEDIA bleibt Friedrichsen bei der Version, dass mit der Summe die „Gesamtkosten der Entwicklung von Methoden zur Altersfeststellung“ gemeint sein könnten. Diese beinhalte, erklärt Friedrichsen, schließlich mehrere Disziplinen wie die Rechtsmedizin, Psychiatrie und Anthropologie.
Die Zahl habe sie nicht erstaunt, sagt sie, „nachdem ich die sehr eindrucksvollen Ausführungen von Professorin Wittwer-Backofen gehört hatte, die beschrieb, dass verschiedene Wissenschaftler über fünf Jahre in Vollzeit mit der aufwändigen Entwicklung der Methode zur Altersfeststellung mittels der Zahnzementanalyse beschäftigt gewesen seien.“ Die Wissenschaftlerin und Anthropologin Ursula Wittwer-Backofen war Gutachterin in dem Prozess um Hussein K. Sie hat das Alter des damals Angeklagten mit Hilfe eines entsprechenden Verfahrens ermittelt, bei dem im Zahnzement die dortigen Ablagerungen wie bei „Jahresringen“ gezählt werden können. Kann Gisela Friedrichsen mit den zwei Millionen Euro die Gesamtkosten gemeint haben? Eine Anfrage an Wittwer-Backofen wegen der Entwicklungskosten blieb bislang unbeantwortet.
Michael Mächtel betont im Gespräch zudem, dass auch die Berechnung der Prozesskosten ausstehe. „Die exakte Summe steht erst fest, wenn das Urteil rechtskräftig ist“, sagt der Jurist. Und dies ist bislang nicht der Fall: Hussein K.s Verteidiger hat Revision gegen das Urteil eingelegt. Heißt: Auch damit können die angeblichen zwei Millionen Euro aus dem „inoffiziellen Gespräch“ nicht gemeint gewesen sein. Was es mit der ominösen Millionensumme auf sich hat, bleibt ein Rätsel.

„Es kann sich um einen Hörfehler gehandelt haben“

Friedrichsen erläutert, dass sich eines nicht ausschließen ließe. „Es kann sich um einen Hörfehler gehandelt haben, da viele Leute durcheinander sprachen.“ Da drängt sich die Frage auf, warum eine Reporterin wie Friedrichsen mit jahrzehntelanger Erfahrung, jene unglaublich hoch wirkende Zahl nicht angezweifelt hat – noch dazu, da sie im Nachhinein eingesteht, dass es sich um einen „Hörfehler“ im Pulk von lärmenden Journalisten gehandelt haben könnte. Wäre sie sich beim Schreiben des Artikels unsicher gewesen, hätte eine telefonische Nachfrage bei der Staatsanwaltschaft in Freiburg geholfen. Innerhalb weniger Minuten wäre die Sache geklärt gewesen.
Die im Fokus stehende Passage klingt eindeutig, eben nicht so, als hätte Friedrichsen damit die Gesamtentwicklungskosten von wissenschaftlichen Verfahren zur Altersfeststellung gemeint. Falls doch, stellt sich die Frage: Warum benennt sie das nicht konkret? Wer den Satz liest, kann nur zu dem Schluss kommen, dass allein die Untersuchung zur Feststellung von Hussein K.s Alter zwei Millionen Euro gekostet haben soll.
Friedrichsen versichert indes, dass sie die Millionenzahl nicht erfunden habe. „Mir die Verbreitung von ‚fake news‘ zu unterstellen, ist absurd“, sagt sie. Außerdem betont die Journalistin, dass die „Kosten der reinen Gutachtenerstattung in der Hauptverhandlung natürlich weit darunter liegen.“

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