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Das Nachrichtenmagazin und sein Zukunftsprogramm: Wie lange plant der Spiegel mit seinem Chefredakteur?

Geschäftsführer Thomas Hass (l.),  Chefredakteur Klaus Brinkbäumer: “Sondierungsgespräche” für potenzielle Nachfolge dementiert, aber kein klares Bekenntnis zum Ersten Journalisten
Geschäftsführer Thomas Hass (l.), Chefredakteur Klaus Brinkbäumer: "Sondierungsgespräche" für potenzielle Nachfolge dementiert, aber kein klares Bekenntnis zum Ersten Journalisten Fotos: Der Spiegel / dpa, Montage: MEEDIA

Der Spiegel tüftelt am selbst auferlegten Change-Programm. Es geht um die Digitalisierung der Marke, die Zusammenführung der Redaktionen und um die Frage, wer dieses Großprojekt gestalten wird. Konzept und Zeitpunkt der nächsten Stufe der Transformation des Nachrichtenmagazins sind noch unklar. Indes verdichten sich die Hinweise: Der derzeitige Chefredakteur dürfte dabei keine Rolle mehr spielen.

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Dass der Spiegel mit seiner Berichterstattung für Krisensitzungen in so manchem Unternehmen, Ministerium oder Parteizentrale sorgt, das mag Deutschlands größtes Nachrichtenmagazin ausmachen. Mindestens zur Regel geworden ist es aber auch, dass im Verlagsgebäude an der Ericusspitze in Hamburg selbst Krisensitzungen abgehalten werden, wenn der Spiegel im Brennpunkt der Berichterstattung steht. Wie am Montag der Vor-Osterwoche.

Nach der großen Konferenz samt Blattkritik baten Chefredaktion und Geschäftsführung die Redakteurinnen und Redakteure noch einmal um Aufmerksamkeit in eigener Sache. Geschäftsführer Thomas Hass wollte einige Dinge deutlich machen, erklären und in diesem Zuge teilweise dementieren, was bereits am Freitag zuvor veröffentlicht worden war.

Das Hamburger Abendblatt hatte berichtet, dass innerhalb des Hauses wie auch in Gesellschafterkreisen bereits über die Nachfolge von Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, 51, nachgedacht und sogar bereits mit potenziellen, nicht näher genannten Nachfolgern gesprochen werde. Für die Demission des amtierenden Chefredakteurs, so ist dagegen aus dem Haus zu hören, gebe es trotz einer allgemeinen Ernüchterung über die Gesamt-Performance des Ober-Blattmachers zwar keinen akuten Grund. Man mache sich allerdings, heißt es zeitgleich, Gedanken darüber, wie Strukturen sowie eine Chefredaktion, mit denen der Spiegel die mediale Zukunft bestreiten kann, aussehen müssen. Ähnliche Informationen bestätigten Quellen anschließend auch gegenüber MEEDIA. Das ist alles andere als ein Bekenntnis zu Brinkbäumer, sondern bei Licht betrachtet aus Sicht des seit gut drei Jahren amtierenden Spiegel-Machers eher ein Affront.

Hass bestätigte die Berichterstattung des Abendblatts gegenüber den Mitarbeitern in weiten Teilen. In der Verlagsleitung werde derzeit an der Konzeptionierung der Zukunft gearbeitet. Dazu zählten nicht nur der Relaunch digitaler Produkte wie beispielsweise das Bezahlangebot Spiegel Plus, sondern auch die redaktionelle Aufstellung der Redaktionen – allen voran denke man darüber nach, wie die Zusammenführung von Print- und Online-Redaktion endlich funktionieren könnte.

Der Geschäftsführer dementierte aber die Darstellung des Abendblatts aus der Funke-Gruppe in einem entscheidenden Punkt auch: Weder er noch die Gesellschafter – allen voran die mächtige Mitarbeiter KG – führten “Sondierungsgespräche” mit Kandidaten für die Chefredaktion. Es gäbe keinen Grund, die aktuelle Chefredaktion um Klaus Brinkbäumer ihres Amtes zu entheben. Dies sei auch nicht geplant. Man beschäftige sich in Geschäftsführung und Chefredaktion gemeinsam mit den Zukunftsfragen.

Was wohl als Abwiegelung von seit längerem in der Branche kursierenden Trennungsgerüchten gedacht war, bewirkte im Haus eher das Gegenteil. Denn der Geschäftsführer sagte, was nicht zutreffend sei anstatt, nach Einschätzung von Teilnehmern, dem Blattmacher den Rücken zu stärken. Damit nahm er zugleich in Kauf, dass die Mutmaßungen über einen in absehbarer Zeit anstehenden Wechsel an der Spitze des Magazins erst recht anfachen.

Klaus Brinkbäumer, das ist der Tenor des Flurfunks an der Ericusspitze, ist ein Chefredakteur auf Abruf. Dass man im Management oder im Kreis der Spiegel-Gesellschafter auch nur erwägt, die Zukunft ohne den amtierenden Mann an der Spitze zu planen, demonstriert Zweifel an den Qualitäten, die es für zukünftige Aufgaben braucht. Wäre das Nachrichtenmagazin ein Fußballclub, dessen Präsidium sich derart lau zur Rückendeckung für den in der Kritik stehenden Cheftrainer einlassen würde, ginge die Halbwertszeit der Restlaufzeit von dessen Vertrag gegen null. Beim Spiegel aber ist eben alles anders, weil aufgrund der vielschichtigen Machstrukturen der Gruppe komplizierter. Angeschossen heißt hier noch lange nicht abgeschossen.

Vielleicht deshalb stellte Brinkbäumer-Vize Dirk Kurbjuweit in bester Sportjournalisten-Manier in versammelter Runde die Vertrauensfrage in Richtung der Geschäftsführung – und sorgte damit für weitere Irritationen. Auf die sinngemäß erhobene Frage, ob die Verlagsleitung der aktuellen Chefredaktion überhaupt zutraue, diese zukünftigen Aufgaben umzusetzen und die Zukunft zu gestalten, reagierte Hass mit einer Wiederholung des zuvor Gesagten, wie Konferenzteilnehmer berichten. Man werde über Strukturen nachdenken. Bleibt alles unklar, so das Signal, das die Mannschaft vernahm.

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Auf Anfrage erklärte eine Spiegel-Sprecherin zum Verlauf der Versammlung: “Die Redaktionskonferenz war eine interne Sitzung, zu deren Inhalten wir offiziell nichts sagen werden.”

Hinter vorgehaltener Hand bringen Mitarbeiter des Hauses ihre Zweifel an der Führungsstärke des Chefredakteurs zum Ausdruck. So sei Brinkbäumer, dem grundsätzlich die Offenheit und Kooperationsbereitschaft für die Pläne der Verlagsleitung attestiert wird, nicht in der Lage, seine Überzeugung und Unterstützung mit einer eigenen Idee zu begründen. Als der Chefredakteur in der Konferenz danach gefragt worden sei, habe er eher mit Allgemeinplätzen reagiert, erinnert sich ein Teilnehmer. Stanzen von der Art, dass man nur gemeinsam stark sei, wäre doch ein bisschen wenig Vision, wird intern gemeint. “Es muss echte Überzeugungsarbeit geleistet werden”, heißt es aus Redaktionskreisen. Denn: Noch immer gäbe es beim Spiegel einige, die es sich in den vergangenen Jahren bequem eingerichtet haben, kein Interesse am Fortschritt haben und eher als Blockierer gelten. Andere, so der interne Eindruck, zeigen hingegen wachsende Bereitschaft. “Sie wollen aber überzeugt werden.”

Hinzu kommt: Überzeugungsarbeit muss nicht mehr nur in der Print-Redaktion geleistet werden. Sie galt in den vergangenen Jahren zwar als größter Gegner von Zusammenführung und Zusammenarbeit. Print-Redakteure des Spiegel genießen Privilegien. Anders als die Onliner sind sie Teil der Mitarbeiter KG, die Mehrheitsgesellschafter des Verlages ist. Mittlerweile muss die große Vision aber auch den Digitalen wieder schmackhaft gemacht werden. Dort habe man in den vergangenen Jahren ein neues Selbstvertrauen entwickelt, ein Bewusstsein, auf den Print-Spiegel, seine Umsätze und Kompetenzen nicht mehr angewiesen zu sein, heißt es. Zudem verliert die KG an Attraktivität – Sparprogramme und sinkende Gewinne haben ihren Teil dazu beigetragen.

Der Spiegel, so die immer öfter zu vernehmende Überzeugung, brauche einen Strategen an der Spitze, einen Politprofi, der beide Welten – Print und Online – begeistern und auf einen gemeinsamen Kurs einschwören könne. Aber fehlt es auch an Ideen, wer dieser Aufgabe gerecht werden und wer den Segen aller Gesellschafter bekommen könnte. Kein Wunder also, dass die Spekulationen im Haus ins Kraut schießen, selbst wenn die Geschäftsführung versichert, dass es weder Kandidaten noch Verhandlungen gebe.

Die Liste der Namen, die in Redaktionskreisen als mögliche Nachfolger gehandelt werden, zeigt nur, wie wenig Klarheit darüber herrscht, welches “Beuteschema” die Geschäftsführung dereinst beim Jobprofil einer möglichen Nachfolge an der Redaktionsspitze haben könnte: Die Spekulationen des Fußvolks reichen von Ex-Chef Georg Mascolo über Gabor Steingart, Holger Stark bis hin zur NDR-Journalistin Anja Reschke, außerdem eine Reihe von Spiegel-Köpfen, denen mindestens einige in der Redaktion den Topjob zutrauen würden: SpON-Chefredakteurin Barbara Hans, Produktchef Stefan Plöchinger, sogar KG-Chefin Susanne Amann wird genannt. Und natürlich Giovanni di Lorenzo, der im Kandidaten-Gerüchte-Karussell nicht fehlen darf.

Ob eine zeitnahe Entscheidung allerdings notwendig sei, wird ebenso bezweifelt. “Es ist nicht so, dass alles furchtbar ist”, erzählt jemand über die derzeitige Lage. Brinkbäumer mache durchaus ein gutes Blatt, der kürzlich vollzogene Relaunch sei ihm gelungen. “Er hat das Heft besser gemacht.” Zudem bringe er grundsätzliches Verständnis für das Internet mit. Auch deshalb gebe es keine Dringlichkeit für personelle Kurzschluss-Entscheidungen. Man wolle erst über Strukturen entscheiden und dann über Personalien sprechen.

 

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