Don Alphonso wechselt von der FAZ zur Welt: “Man kann heute keine Geschichte mehr erzählen, ohne dass sich jemand betroffen fühlt”

Rainer Meyer aka Don Alphonso in seinem Element

Das hat nicht lange gedauert. Kaum sind die Blogs von Rainer Meyer alias Don Alphonso für die FAZ gestoppt, erscheint sein erster Text beim neuen Auftraggeber: Springers Welt. Don Alphonso ist eine streitbare Figur in der Web-Szene. Er publiziert dort sowohl im freien Bereich als auch im Pay-Angebots Welt Plus. MEEDIA hat mit ihm über den Wechsel und seine Rolle in der Medienlandschaft gesprochen.

von Stefan Winterbauer

Du wechselst mit Deinen Blogs von FAZ.Net zu Welt.de. Wie kam es dazu?
Die FAZ wollte die Blogs nicht mehr verbreiten, weil sie mal etwas Neues ausprobieren wollte, dem Vernehmen nach etwa Podcasts. Und die Welt hat mir fünf Minuten nach dem Bekanntwerden angeboten, die Blogs zu übernehmen.

War das Angebot der Welt das einzige?
Es gab in den ersten 24 Stunden gut ein Dutzend ernsthafte Angebote – darunter auch etliche, die sich in letzter Zeit ganz anders positioniert haben und explizit wieder einen alten weißen Mann wollten, weil sie den Eindruck hatten, dass ihnen und den Lesern ohne Gegenstandpunkt etwas fehlt. Wichtig war mir vor allem, dass es eine klare Strategie gibt, wohin das Medium mit dem Internet will, und dass es diesen Weg entschlossen geht. Da hat die Welt in den letzten Jahren viel nachgedacht, gehandelt und erreicht. Und es war mir wichtig, dass die Leitungsebene dahinter steht, die Blogs auch wirklich will, mit dem harten Ton im Netz umgehen kann, und nicht gleich einknickt – so wie seinerzeit Frank Schirrmacher und Mathias Müller von Blumencron, die das alles richtig einordnen konnten. Die Welt hat beispielsweise mit Birgit Kelle bewiesen, dass sie keinen Konflikt scheut.

Die beiden Blogs, “Stützen der Gesellschaft” und Deus ex Machina”, sind ja sowohl vom Namen als auch von den Inhalten her sehr speziell…
Ehrlich gesagt dachte ich das am Anfang auch, und ich war mir überhaupt nicht sicher, ob das im Rahmen der FAZ funktionieren würde. Ich habe daher erst einmal gesagt, dass ich nach einem Jahr Frank Schirrmacher die Kündigung anbiete, wenn ich den Eindruck habe, es läuft nicht. Allerdings hat das lose Mundwerk eines schlechteren Sohnes aus besserem Hause den Nerv getroffen – vielleicht, weil Don Alphonso tatsächlich viel sagt, worüber man sonst nicht spricht. Die Welt ist, im Gegensatz zur FAZ, deutlich mehr auf Berlin konzentriert, weshalb ich vielleicht noch mehr das Südliche, das Bayerische und das Barocke beschreiben möchte. Bei mir daheim gibt es, unabhängig von der politischen Ausrichtung, einen enormen Trend zur Heimat und da werde ich mehr beitragen. Wie Deus Ex Machina bei der Welt läuft, wird man sehen. Manche im Medienbetrieb sagen, es gäbe einen “Don-Alphonso-Sound” und ich fürchte, daran kann ich nichts ändern, selbst wenn ich wollte.

Nachdem bekannt wurde, dass die FAZ Deine Blogs nicht mehr weiterführen möchte, gab es bei einigen Social-Media-Nutzern zu einem – wie soll man das nennen – Sturm der Entrüstung. Der FAZ wurde teilweise ein Einknicken vor dem Meinungsmainstream vorgeworfen. Du selbst hast via Twitter zur Mäßigung aufgerufen. Wie hast Du diese Netz-Debatte erlebt?
Es gab eigentlich zwei Shitstorms. Einen gegen die FAZ und einen mindestens genauso hässlichen mit Morddrohungen (wie Schleyer im Kofferraum) gegen mich. Ich habe die erste Welle gar nicht mitbekommen, weil die Abläufe zu schnell waren. Die FAZ hat mich sehr kurzfristig über das kommende Ende informiert, und ich schrieb gerade erst meine Frage, was das konkret bedeute, als die Redaktion das Ende der Blogs schon bei Twitter verkündete. Es gab leider keinen Versuch, eine gemeinsame Sprachregelung zu finden. Etwa: Don Alphonso fährt eh nach Italien, darüber lassen wir das auslaufen. Und am Ende steht ein gleitender Wechsel im gegenseitigen Einvernehmen. Statt dessen hat die FAZ Twitter direkt gefüttert, und ich habe das erst durch die ankommenden Mails und DMs (Direct Messages, Anm.d.Red.) gemerkt. Das waren weit über 100 in der ersten Stunde, und so war ich erst mal ein paar Stunden ausgelastet. Es gab unendlich viel Solidarität. Den völlig überzogenen Hass auf die FAZ habe ich erst viel zu spät gemerkt. Die FAZ hat danach nichts Inhaltliches mehr gesagt, die Spekulationen blühten, und leider wurde das Feuer von manchen belüftet, die sicher keine FAZ-Ausgabe kaufen und nun behaupteten, man hätte mich erfolgreich aus der FAZ mit Shitstorms vertrieben und sollte weiter Druck machen: Martenstein, Kelle etc. als weitere Opfer.

Ungünstig waren auch die Einlassungen mancher Mitarbeiter, die man von außen nicht einordnen kann. Christina Dongowski zum Beispiel ist eine ganz normale freie, aber ihre Tätigkeit sehr in den Vordergrund stellende Autorin, deren Anwerbung ich mit ihrer Vorgeschichte als Schirrmacher-Hasserin ohnehin nicht verstehe. Wenn so eine Person dann aber jubelt und mit anderen Shitstormern aus dem linksbizarren Spektrum schon mal die Teilung meines Bärenfells öffentlich unter Einbeziehung der FAZ bei Twitter bespricht, sollte man sich nicht wundern, wenn es zu Verschwörungstheorien kommt. Sowas passiert halt. Es ist nicht die Schuld der FAZ, es ist ein Problem des Netzes und solcher Figuren. Ich habe im Netz gebremst, weil es leider nicht das erste Mal ist, dass die Trennung von einem Blogger ausartet und ich Schirrmacher früher versprochen habe: Wenn ich mal gehen sollte, machen wir das anständig und mit gegenseitigem Respekt. Ich habe mir da nichts vorzuwerfen. Die FAZ beendet die Verbreitung der Blogs eines freien Mitarbeiters, der genug andere Optionen hat, und das ist eigentlich alles. Kein Grund zur Aufregung. Es war eine gute Zeit bei der FAZ, ich hatte enorme Freiheiten und Privilegien. Und man muss auch sehen: Ohne Frank Schirrmacher hätte es die Blogs erst gar nicht gegeben. Meine Dankbarkeit für ihn ist grenzenlos und nach seinem Tod wäre es ohne Mathias Müller von Blumencron ohnehin nur noch Nachspielzeit gewesen. Ich hatte einen tollen Job. zwei grossartige Chefs und einige wirklich phantastische Kollegen.

Du bist auch auf Twitter sehr aktiv. Was macht Twitter für viele Journalisten so attraktiv?
Gar nichts. Den Account hat jemand in der Technik der FAZ ohne mein Wissen eingerichtet und weil dorthin viele Debatten gingen, habe ich mir aus Notwehr das Login gegen die Widerstände im Haus beschafft und begonnen, den Kanal zu bespielen. Inzwischen benutze ich den vor allem als Bilderdienst mit viel Publikum. Aber ich fürchte, normalen Journalisten in ihren Großraumbüros bleibt ohne bayrische Berge und barocke Kirchen nur der Kontakt mit Freund und Feind. Das wäre mir zu wenig und zu wenig schön.

Manche nennen Dich konservativ, andere reaktionär. Wie würdest Du Dich selbst beschreiben?
Als ich jung war, war links die Freiheit, einen “Stoppt Strauss” Button zu tragen. Heute prügeln angebliche Linke eine “Merkel muss weg”-Demo zusammen. Früher war der Gewerkschaftler links, der die Sorgen und Nöte der deutschen Arbeiter in den Mittelpunkt stellte. Heute gilt als links, wer die Folgen der deutschen Wirtschaft in Afrika als Postkolonialismus verleumdet, und die Schuld in uns allen sucht. Früher war links die Freiheit, ein Plakat mit einer halbnackten Frau in der Maximilianstrasse gegen den Willen der CSU aufzuhängen. Heute hängen solche Plakate am Marienplatz: SPD und Grüne fordern ihre Entfernung. Links war früher die Möglichkeit, ohne Vorzensur in der Schülerzeitung zu schreiben. Heute ist links, andere als Kartoffel und als rassistisch zu beschimpfen und Mitarbeiter dazu zu bringen, mir Tipps zu schicken, weil man das in der Prantlhausener Zeitung (Don Alphonso meint die Süddeutsche Zeitung mit ihrem leitenden Redakteur Heribert Prantl, Anm.d.Red.) nicht mehr schreiben kann. Früher war links die Einstellung der kleinen Leute, die ein Haus und zwei Kinder bezahlen wollten. Heute ist links eine 800mg Ibuprofen zum Frühstück nehmende Singlefrau, die drei prekäre Bildschirmjobs in Berlin macht und normale Menschen hasst, die gefälligst ihr BGE (BGE = Bedingungsloses Grundeinkommen, Anm.d.Red.) zahlen sollen, das sie dann mit dem Dealer an der S-Bahn teilt. Ich bin immer noch 1992-links. Jetzt bin ich nur ein alter, weißer Mann, der versucht, zu überleben – möglichst lang, möglichst viele der Gegenseite.

Gibt es denn in der deutschen Medienlandschaft Deiner Beobachtung nach einen Hang zu einem wie auch immer gearteten Mainstream? Und falls ja, wie sieht der aus?
Die Medienszene ist immer noch riesig, mir fehlt da der Überblick. In den Leitmedien ist das tendenziell so, da werden die Bankenrettung wie die Migrationskrise recht einheitlich beschrieben, und dass es da vielleicht das eine oder andere Problem gibt – sei es die Instabilität der Deutschen Bank, seien es die erwartbaren Judenhasser aus dem mittleren Osten – wird, wenn überhaupt, nur sehr verspätet zur Kenntnis genommen. Dazu kommen noch die staatsnahen Fernseh- und Rundfunksender, die sich mit einer Mischung aus Merkelunterstützung und einem bipolaren Freud-Feind-Denken recht gut eingerichtet haben und eher überraschende Entlassungen von Querköpfen wie Thomas Fischer und Gabor Steingart. Ich bin vor allem gelangweilt. Ich würde mehr flamboyante Thesen, schillernd und auch gerne mal lustvoll abwegig, und mit Leidenschaft vorgetragen, lesen. Schirrmacher fehlt.

Schreibst Du manchmal aus purer Lust an der Provokation?
Nein, es geht mir zuerst immer um die Geschichte. Und man kann heute keine Geschichte mehr erzählen, ohne dass sich jemand betroffen fühlt. Provokation geht ganz leicht, man muss nur sagen, dass Fett krank und nicht schön macht, und einen Transgeschichten nicht interessieren.

Warum eigentlich die beiden FAZ-Blogs behalten und nicht etwas ganz Neues starten?
Das sind Fragen, die mich schon sehr viel länger umtreiben. Nach zehn Jahren “Stützen” hätte es erst mal ein Fest gegeben, und dann mindestens eine Pause um zu überlegen, was man jetzt noch alles machen kann und ob das alte Format noch passt. Eines der sehr freundlichen Angebote war, ein Jahr nach Italien zu gehen, von Nord nach Süd und wieder zurück zu radeln, und ein neues Itinerar für Arkadienliebhaber zu schreiben: naturnah, menschenfreundlich, auf Basis der dort ausgebauten und vorzüglichen Infrastruktur. Man kann da übrigens im Dieselstreit
unendlich viel für Deutschland lernen.

Das Problem ist jetzt, dass Aufgeben wie eine Kapitulation aussehen würde. Entscheidungen sind falsch, wenn sie den Gegnern gefallen, und diese Welle des Hasses, die während der letzten Wochen anbrandete, die gezielten Versuche der Diffamierung, das ganze Gejohle – das hat mir erst gezeigt, wie groß der Impact meiner Blogs wirklich war. Wenn sie irrelevant gewesen wären, hätte man es halt zur Kenntnis genommen und “ah, endlich” gesagt. Das ist aber nicht geschehen, es war ein richtiges Nachrichtenthema – ich habe ein Dutzend Interviewanfragen
abgelehnt. Ich wurde mit Geldangeboten überschüttet. Jemand kam zu mir und sagte: Du schreibst – ich zahle, einfach weil ich das lesen will, selbst wenn es mich manchmal ärgert. Meine Freunde wollen, dass ich es tue und meine Feinde wollen, dass ich aufgebe. Es ist einfach keine Frage, was jetzt zu tun ist.

Den ersten Text von Don Alphonso für Welt.de lesen Sie hier.

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