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Abrechnung einer Deutschlandfunk-Autorin mit dem Zeit-Kritiker: der Sound, aus dem der Totalitarismus kommt

Bundesrichter a.D. Thomas Fischer kritisierte Die Zeit für ihre Wedel-Enthüllungen – und sieht sich selbst nun massiv in der Kritik

Ende Januar veröffentlichte MEEDIA einen Beitrag von Thomas Fischer, in dem der frühere Bundesrichter Kritik an den Enthüllungen der Zeit im Fall Dieter Wedel übte. Bis heute kommentieren Leser seinen viel beachteten Artikel, der auch die Medien immer wieder beschäftigt – vor allem, seit bekannt wurde, dass sich Die Zeit aufgrund des Beitrags von ihrem jahrelangen Kolumnisten („Fischer im Recht“) getrennt hat. Am Donnerstag bezeichnete die Medienjournalistin Silke Burmester Fischers Artikel zu Wedel im Deutschlandfunk als „Griff ins Klo“. Der Jurist sieht in ihrer Argumentation eine „Verachtung für Diskurs und eine Totalisierung der Ideologie“, wie er in einem Gastbeitrag für MEEDIA schreibt.

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Von Thomas Fischer

Eine schiefe Ebene

Frau Silke Burmester ist eine Journalistin. Auf ihrer Homepage berichtet sie, sie arbeite unter anderem für Die Zeit. Beim Deutschlandfunk spricht sie Beiträge in der Rubrik „Medien“. Am 29. März nahm sie sich dort auf „medias res“ das Thema „Kolumnisten“ vor und kam beim Nachdenken auf den Zeit / Fischer-Fall. Ich empfehle ihren auf der DLF-Seite stehenden Beitrag zur Lektüre, denn da man kann etwas lernen.

Weil ich eine ordentliche Journalistin sein möchte, habe ich bei der ‚Zeit‘ angerufen und mit Sabine Rückert, der stellvertretenden Chefredakteurin gesprochen,

sagt Frau Burmester. So kann man schon im ersten Satz die Ansprüche, für die man angeblich ins Feld zieht, lächerlich machen. Denn eine richtig ordentliche Journalistin hätte vermutlich nicht nur eine, sondern beide Seiten angerufen. Eine richtig ordentliche DLF-Journalistin hätte es vermutlich auch geschafft, in einem Beitrag über einen inhaltlichen Streit ein einziges Argument desjenigen zu erwähnen, dessen Meinung sie als „Griff ins Klo“ bezeichnet.
https://twitter.com/DLFmedien/status/979328651392094209
Überhaupt ist Frau Burmester richtig lustig drauf. Dass sie den Autor „alternd“ nennt, ist geschenkt, denn das ist ja zweifellos richtig, und mit nicht alternden JournalistInnen sollte man sowieso nicht streiten. Dass sie den Autor Fischer als „abgehalftert“ bezeichnet, kommt humormäßig schon besser. Und bei der Vermutung, es liege vielleicht an Fischers nachlassender Potenz, ist Burmester dann auf dem Niveau angekommen, auf dem sie mit den lieben Hörerinnen und Hörern einmal über den Journalismus sprechen möchte.
Aus ihrer Recherche hat Burmester zwei Erkenntnisse über Fischer gewonnen:

(Fischer) hat die journalistische Sorgfaltspflicht des Hauses infrage gestellt, und obendrein, in einer überwunden gehofften chauvinistischen Verachtung, die möglichen Opfer. Und zwar in jener Art und Weise, die viele Frauen davon abhält, bei Vergewaltigung Anzeige zu erstatten.

Das ist ein ziemlicher Unsinn, denn das glatte Gegenteil ist richtig und wurde ja auch schon vielfach geschrieben. Es gibt, so schrieb Fischer mehrfach, weder Anlass noch Anhaltspunkt, irgendjemanden zu „verachten“, Zeugen „in Frage zu stellen“ oder der Zeit einen Verstoßes gegen „die Sorgfaltspflicht“ vorzuhalten. Fischer möchte sich nur einfach nicht in die absurde „Beweiswürdigung“ der Zeit hineinziehen lassen, und er kritisiert, dass die Zeit ein „System“ sucht, dass sie so, wie sie es tut, weder finden kann noch will. Das hat Frau Burmester nicht verstanden; man muss zweifeln, dass sie sie überhaupt gelesen hat, was sie „ins Klo“ trampelt.

(Fischer) hat Journalisten die Fähigkeit zur Berichterstattung aberkannt, so sie denn nicht wie Juristen vorgingen und ein Sachverhalt nicht bereits durch ein Gericht bestätigt sei.

Diese frei erfundene Verdrehung bringt denselben Unsinn noch einmal von der anderen Seite. Mit der Botschaft, dass Wedel überführt sei, verkündete die Chefredaktion der Zeit, die Ermittlungen seien „nach dem Vorbild der Ermittler“ geführt worden, und eine „erdrückende Beweislage“ sei das Ergebnis, und „weil“ die Zeuginnen glaubhaft seien, habe man die tendenziöse Story geschrieben. Der Autor, der 35 Jahre lang als „Ermittler“ tätig war, hat daraufhin angemerkt, dass das Ergebnis diesem selbst definierten „Vorbild“ nicht genüge.
Er war und ist sich allerdings sicher, dass es das auch gar nicht muss, weil Journalismus und Strafprozess zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Diese Einsicht ist in der Zeit-Chefredaktion nicht sehr populär, wie man seit „Kachelmann“ weiß: Die Grenzen zwischen den Rollen als Story-Teller, „ErmittlerIn“ und Prozess-AktivistIn verlaufen da ziemlich unklar. Deshalb findet man es dort sehr verdienstvoll, „wie Ermittler“ aufzutreten, die Beschuldigungs-ZeugInnen mit größtmöglicher „Loyalität“ zu umsorgen und den Beschuldigten als finsteren Verbrecher einstweilen zu „vernichten“.
Burmester behauptet unsinnigerweise, der Autor habe die Auskunftspersonen „verachtet“, und er habe von der Zeit gefordert, „wie Juristen vorzugehen“. Das ist glatt gelogen. Der Autor schrieb, die Zeit solle nicht vortäuschen, sie gehe „wie Juristen“ vor. Er schrieb, er wisse nicht und könne auch nicht wissen, ob die Zeuginnen glaubhaft sind oder nicht, und das sei für seine Kritik auch ganz unerheblich, weil er keinen öffentlichen Schauprozess führen wolle, sondern meine, dass die Zeit selbst ein Teil des „Systems“ sei, das sie angeblich so betroffen sucht und einfach nicht finden kann. Aus dieser eindeutig formulierten kritischen Position generiert Burmester (wie schon die ZEIT selbst und die eifrige Juniorprofessorin Hoven) den Vorwurf, der Autor sei „illoyal“ gegenüber den Zeuginnen, weil er ihnen nicht genügend „glaube“ oder sie gar „verachte“. Das ist eine dumme Verdrehung.

Ein Gegenschlag

Die inhaltliche Position, die dem Autor „Illoyalität“ oder gar das Fehlen von Argumenten vorwirft, ist also ausgesprochen dünn. Daher ist sie für Frau Burmester auch nur der Vorspann zum Grundsätzlichen. Ihre Sache läuft zielgerichtet auf etwas anderes hin, und zwar auf die ganz großen Linien:

Die Erfahrung zeigt: Rausgeworfen aus der Gemeinschaft wenden die Meinungsstarken sich einem reaktionären Spektrum zu.

Dem folgt eine kurze Skizze des von der Erfahrung gezeigten Niedergangs: Die „abgehalfterte männliche Journalisten-Elite“, die alternden Männer mit Potenzproblemen „gehen erst zur Welt, dann zu Roland Tichy. Am Ende sprechen sie vor der Neuen Rechten und haben Angst vor Einwanderern.“ Und:

Es ist zu befürchten, liebe Hörerinnen und Hörer, dass auch Thomas Fischer Gefallen an einer Umarmung der Henryk M. Broders dieser Welt finden könnte. Und dass er und seine Auslassungen bei den Publikationen der Angstmacher eine neue Heimat finden. Denn eines darf man bei dieser Sorte männlicher Publizisten nicht vergessen: Denen geht es nicht ums Geld. Davon haben sie genug. Denen geht es um Bedeutung. Beziehungsweise um ihre Angst vor deren Verlust.

Da ist Burmester, derzeit u.a. Redaktionsleiterin bei Die Dame im Hause Springer und daher ganz nah bei der Welt, am Ziel angelangt: Aus einer verächtlichen Person hat sie, mit ein paar kleinen Gedankensprüngen, einen von „dieser Sorte“ gemacht, ein Exemplar einer Gattung, die ins „Abklingbecken“ gehört. Dabei reicht es ihr nicht, den stumpfsinnigen Vorwurf der Frauenfeindlichkeit nachzuplappern. Ihr Impetus reicht weiter, dahin, wo sich die pure Menschenfeindlichkeit vollends als Kampf für das Gute tarnt: Fischer im Sumpf des „reaktionären Spektrums“, auf dem Weg zur „neuen Rechten“ und zu den Rassisten. Deshalb habe man ihn „aus der Gemeinschaft rausgeworfen“. Das ist so offenkundig verleumderisch, dass es in der hilflosen Wut fast schon wieder lustig ist. Es ist ein wahrlich erbärmlicher Versuch öffentlicher Hinrichtung.
Die Journalistin Burmester bezeichnet Fischer als „Rausgeworfen aus der Gemeinschaft“. Man muss den Satz zweimal hören/lesen, bevor man es glaubt: Sie hat wirklich „Gemeinschaft“ gesagt! Sie meint: Eine „Gemeinschaft“ von Gläubigen, Dazugehörenden, Guten. Seit langer Zeit habe ich nicht mehr einen so totalitären, verachtungswürdigen Satz im Deutschlandfunk gehört. Herr Höcke hätte ihn nicht schöner sagen können. Das ist der Sound, aus dem der Totalitarismus kommt. Silke Burmester, Künderin der Gemeinschaft. Schwere Träume!
Das ist nicht gut. Es zeigt eine Verachtung für Diskurs und eine Totalisierung der Ideologie. Es offenbart Unfähigkeit und Unwilligkeit, das Eigene überhaupt noch in Frage zu stellen. „Lagerdenken“ ist dafür nur ein sehr schwacher Ausdruck. Frau Burmester hat, glaube ich, mit dieser Niveau-Offenbarung weder der Zeit noch den Opfern von Übergriffen und Erniedrigung einen Gefallen getan. Vom Deutschlandfunk einmal ganz zu schweigen.
Seit Januar darf sie Die Dame aus dem Axel Springer Verlag leiten, die sich so beschreibt: „die dame heute denkt elegant. Sie ist die sinnliche Vergegenständlichung unserer digitalen Welt. Ihre Autorinnen und Autoren gehören zu den Besten unserer Zeit.“ Na denn.

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