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Studie zu Fake News vor Bundestagswahl: Journalistische Ungenauigkeiten werden instrumentalisiert

Die Studie untersucht, welche Bedeutung das Phänomen “Fake News” in Deutschland hat
Die Studie untersucht, welche Bedeutung das Phänomen "Fake News" in Deutschland hat

Vor der Bundestagswahl 2017 war die Angst groß, dass "Fake News" das öffentliche Meinungsbild manipulieren könnten. Eine Studie gibt nun Entwarnung: Der Einfluss war geringer als angenommen. Auffällig ist jedoch: Die Richtigstellung von Falschmeldungen wirkt nur begrenzt. Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick.

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Wie sind “Fake News” in der Studie definiert?

Unter den Begriff “Fake News” fallen laut Definition der Studie “gezielt verbreitete falsche oder irreführende Informationen, die jemandem (Person, Gruppe oder Organisation) Schaden zufügen soll. Entscheidender Faktor sei dabei die Intention der Verbreitung, losgelöst davon, ob es aus wirtschaftliche Gründen oder politischen Zwecken passiert. Darüber hinaus wird “Fake News” von “poor journalism” abgegrenzt: Damit ist die versehentliche Veröffentlichung falscher Informationen gemeint. In der Untersuchung wird eine Meldung dann unter “Fake News” eingeordnet, wenn nach der Publikation einer falschen Information keine Richtigstellung erfolgt. Aus der Falschmeldung wird damit “Fake News”, heißt es laut Studie.

Beispielhaft sei dabei die Meldung der dpa zum Vorfall in Schorndorf, die nahelegte, dass 1.000 Jugendliche im Schlosspark der Stadt randaliert hätten. Die Agentur hat die missverständliche Formulierung nach kurzer Zeit korrigiert. Zur “Fake News” wurde die Meldung erst mit der Verbreitung durch die AfD, die in einem Posting auf Facebook von einer “islamischen Grapschparty” sprach.

Was sind die zentralen Ergebnisse?

Die Studie mit dem Titel “Fakten statt Fakes: Das Phänomen ‘Fake News'” der Stiftung Neue Verantwortung belegt, dass “Fake News” weder aus Russland noch aus dem linkspopulistischen Raum eine “signifikante Verbreitung” fanden. Wie bereits schon häufig vermutet, verteilen vor allem Vertreter aus dem rechten Spektrum Falschmeldungen in Deutschland. Die AfD bildet in der Studie die “Speerspitze”: In 70 Prozent der Fälle landet die Oppositionspartei unter den Top 10 der reichweitenstärksten Verbreiter. Lediglich rechtspopulistische Netzwerke seien noch größer und aktiver, besonders auf Facebook. Darunter fallen Medien wie die “Epoch Times” und rechte Blogs.

Der Bericht hält fest, dass auch redaktionelle, “klassische” Medien eine Rolle bei der Wirkung von Falschnachrichten spielen. “Mal als versehentlicher Katalysator, mal als bewusster Auslöser”, heißt es in der Analyse. Die meisten “Fake News” hätten dabei Bild.de (4x) und Welt.de (3x) verbreitet. Das Onlineportal von Focus wird in den zehn behandelten Fällen mehrere Male unter “poor journalism” gelistet, laut Untersuchung liegt dort jedoch nur bei einem Fall die Verbreitung von “Fake News” vor. “Journalistische Fehler passieren, aber es geht im weiteren Verlauf darum, wie mit Falschmeldungen umgegangen wird und wie schnell diese korrigiert werden”, sagt Wolf-Dieter Rühl, Leiter der Studie, gegenüber MEEDIA. “Für die Studie war das Engagement die zentrale Messgröße. Bei den Fällen vom Focus sind die Reichweiten um ein Sechstel geringer als bei Welt und Bild”, sagt er.

Neben den Medienhäusern seien auch staatliche Behörden oder Behörden an diesem Prozess beteiligt. “Schuld daran ist oft unprofessionelle oder mindestens sorglose Öffentlichkeitsarbeit, ob von der Polizei auf Twitter oder bei der Auskunft staatlicher Stellen gegenüber Medien”, heißt es in dem Bericht. Dies treffe beispielsweise auf einen missverständlichen Tweet der Hamburger Polizei zu, der eine Augenverletzung eines Polizisten beim G20-Gipfel vermeldete und von Bild.de aufgegriffen wurde. Im Gegensatz dazu fungierten Angebote wie der “Faktenfinder” von der Tagesschau als Korrektiv. In allen untersuchten Fällen instrumentalisierten insbesondere rechtspopulistische Akteure Ungenauigkeiten in der Berichterstattung, indem sie diese in ihrer Kommunikationsstrategie nutzten.

Aus Sicht der Forscher blieb die eine große “Fake News” aus, weil Bürger erstens in das hiesige Mediensystem vertrauen und zweitens die sozialen Netzwerke als Informationsquelle im Vergleich zu den USA weniger relevant sind. “Die einzelnen Fälle ordnen sich in ihrer Reichweite in den allgemeinen Nachrichtenstrom ein. Es gibt keine, die eine exorbitante Reichweite erreicht hat“, fasst Rühl die Ergebnisse zusammen. “Falschmeldungen über die beiden Kandidaten Angela Merkel und Martin Schulz haben kaum Reichweite erzielt und haben es nicht in die Top 10 der Studie geschafft.” So sei die Angst vor “Fake News” deutlich größer, als sich das Phänomen tatsächlich darstellt, so Rühl.

Warum haben Fakten-Checker eine so geringen Einfluss?
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Ernüchternd erscheint das Ergebnis, dass Fact-Checking-Formate nur eine begrenzte Wirkung bei der Aufdeckung von Desinformation haben. “Fast alle untersuchten Fake News erzielen deutlich höhere Reichweiten als ihre Entlarvung.” Grund dafür sei unter anderem die Funktionslogik sozialer Medien. Emotionale Nachrichten verbreiten sich schneller als sachliche Korrekturen der Falschnachrichten. Auch die Zeit spielt eine wichtige Rolle, denn die Aufdeckung einer Falschnachricht erfolgt meist erst innerhalb von ein bis drei Tagen, heißt es in der Analyse. Lediglich im Fall einer gefälschten Dienstanweisung des Innenministeriums NRW war die Richtigstellung erfolgreicher als die “Fake News”. Ein letzter Punkt betrifft die sogenannten Echokammern. “Wer den Fake News der AfD (…) bei Facebook aufgesessen ist, wird nicht parallel dazu die Seiten des Faktenfinders konsultieren”, schreiben die Wissenschaftler. Die Fakten-Checker erreichen die gewissen Zielgruppen mit ihren Angeboten schlicht nicht.

Wie sind die Forscher vorgegangen?

Das Forscherteam hat über einen Zeitraum von sechs Monaten bis zur Bundestagswahl am 24. September zehn “Fake-News-Fälle” untersucht. Die Studie basiert auf einem Methodenmix (dazu Details), der zehn national relevante Fälle identifiziert und kategorisiert hat. In die Auswahl kamen unter anderem Meldungen über eine Augenverletzung eines Polizisten beim G20-Gipfel, 1.000 Migranten, die auf einem Fest in Schorndorf randaliert haben sollen, Margot Käßmanns angebliches Zitat “Alle Deutschen sind Nazis” und dass die Vergewaltigungsfälle durch Zuwanderer um 90% gestiegen seien. Das Themenspektrum war dabei relativ begrenzt: Die Fälle befassten sich alle mit der inneren Sicherheit, Flüchtlingen und Kriminalität.

Die Wissenschaftler analysierten die Nachrichtenauswahl, indem Verbreitung und die Reichweiten ermittelt wurden. Die Datenbasis bildeten, wie es in der Studie heißt, öffentlich zugängliche Facebook-Seiten, der deutschsprachige Twitterraum, Online-Nachrichtenseiten, Blogs, Foren und YouTube. Die gesammelten Daten wurden abschließend durch eine Befragung von 1.037 Wählern ergänzt. Dabei ging es unter anderem um die Mediennutzung, die Glaubwürdigkeit von Medienangeboten und die Erinnerung an einzelne “Fake News”.

“Die Methodik wenden wir ebenfalls für die anstehende Landtagswahl in Bayern an”, so Rühl. Da gehe es vor allem darum, wie sich das Phänomen im Vergleich von CSU und AfD darstellt. “Die Kategorisierung hat sehr gut funktioniert.” Am Forschungsdesign werde deshalb nichts geändert.

Wer hat die Studie durchgeführt?

Die Wissenschaftler Wolf-Dieter Rühl, Alexander Sängerlaub und Miriam Meier haben das Projekt im Auftrag der Stiftung Neue Verantwortung durchgeführt. Die Stiftung beschreibt sich selbst auf ihrer Homepage als “unabhängige Denkfabrik, die konkrete Ideen entwickelt, wie die deutsche Politik den technologischen Wandel in Gesellschaft, Wirtschaft und Staat gestalten kann.” Außerdem gewährleiste man die inhaltliche Unabhängigkeit dadurch, dass man eine Mischfinanzierung aus Stiftungen, öffentlichen Geldern und Unternehmen umsetzt. Im Jahr 2016 finden sich in der Auflistung auf der Homepage unter den Förderern das Auswärtige Amt, die Bertelsmann-Stiftung, SAP Deutschland und Netflix.

Die komplette Studie lesen Sie hier.

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