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Rheinneckarblog meldet erfundenen Terroranschlag in Mannheim und wird stark kritisiert

Ein erfundener Terroranschlag hat am Wochenende für Verwirrung gesorgt
Ein erfundener Terroranschlag hat am Wochenende für Verwirrung gesorgt

Von einem "massiven Terroranschlag", Chaos und mehr als 130 Toten spricht das lokale Portal Rheinneckarblog in einer erfundenen Meldung in der Nacht von Samstag auf Sonntag. Der Beitrag sorgt für Verwirrung und viel Kritik. Redaktionsleiter Hardy Prothmann verteidigt sein Vorgehen und beschuldigt nun andere Nachrichtenseiten der Verbreitung von Falschnachrichten.

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Am späten Sonntagabend gegen Mitternacht hat sich die Redaktion des Rheinneckarblogs zu den schweren Vorwürfen wegen des erfundenen Terroranschlags in Mannheim geäußert. Darin dokumentiert sie ein Facebook-Posting ihres Chefs Hardy Prothmann. Dieser erklärt, dass die Redaktion ein “Aufregerthema” geplant hatte, “bewusst hart, aber begleitet.” Vorwürfe macht Prothmann nun vor allem den Nachrichtenredaktionen vom SWR, der FAZ oder dem DLF. Diese hätten in Reaktion auf den fiktionalen Text mit Falschnachrichten reagiert und beispielsweise bewusst falsch zitiert. Der SWR hat den entsprechenden Fehler nach Hinweis von Prothmann korrigiert und stellt dies in dem Artikel klar.

Das lokale Portal hatte in der Nacht von Samstag auf Sonntag einen Artikel mit dem Titel “Massiver Terroranschlag in Mannheim” veröffentlicht, in dem von über 130 Toten, 230 Verletzten und Chaos in der Stadt gesprochen wurde, der “größte Terroranschlag in Westeuropa.” Dabei hätten 50 Angreifer mit Macheten und Messern Gäste auf Mannheimer Stadtfesten angegriffen und ein “Blutbad apokalyptischen Ausmaßes” verursacht. Informationen zu den Vorfällen gebe es nicht, weil die Behörden eine Nachrichtensperre verhängt hätten. Der Inhalt sorgte für starke Irritationen, auch weil in dem Text erklärt wird, die Polizei werde davon sprechen, dass alles “normal ist”. Direkt unter diesem Abschnitt findet sich im Artikel der Original-Tweet der Mannheimer Polizei:

Sowohl Polizei als auch später Prothmann erklärten in Stellungnahmen, dass es sich bei dem Artikel um eine erfundene Geschichte gehandelt habe. Prothmann schreibt als Reaktion auf den Artikel: “Unser Textentwurf ist nicht sehr alt. Wir haben Polizeipräsident Thomas Köber und Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz am 22. Dezember 2017 in Kenntnis gesetzt. Beide waren nicht amüsiert und haben umgehend gebeten, diesen nicht zu veröffentlichen.” Der Betreiber des Rheinneckarblogs sagte, die Plattform habe eine Debatte erzwingen wollen. “Wir wollten definitiv keine Massenpanik erzeugen, wohl aber Aufmerksamkeit – für mögliche Bedrohungslagen, aber auch für Fakenews.”

Die Kritik auf den erfundenen Terroranschlag ließ nicht lange auf sich warten. So berichteten unter anderem der SWR, die FAZ, das Blog Ruhrbarone und der Deutschlandfunk über den Artikel. Auch in den sozialen Netzwerken kommentierten diverse Journalisten den fragwürdigen Denkanstoß des Lokalbloggers. Patrick Gensing, Leiter des ARD-Portal “Faktenfinder” twitterte über die aus seiner Sicht “abenteuerliche Entwicklung” des Blogs. “Läuft beim Chefredakteur: Fake News als ‘gonzo’ verkaufen und dann rumpöbeln”, schrieb dieser. Dennis Horn äußerte sich ebenfalls. Der Rheinneckarblog stecke für “diesen Wahnsinn zurecht heftige Kritik ein”, twitterte der ARD-Digitalexperte.

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Ein Hauptkritikpunkt an der Vorgehensweise betrifft die Bezahlschranke des Blogs. Dass es sich um einen fiktiven Text handelt, der Anschlag also nach Prothmanns Ansicht im Stile des “Gonzo-Journalismus” verfasst sei, konnten die Leser erst dann eindeutig erkennen, wenn sie sich auf dem Portal als Abonnenten registriert hätten. Dass es sich um einen Fake handelt, sei klar erkennbar gewesen, hält Prothmann dagegen. Tatsächlich steht in der frei zugänglichen Bildunterschrift des Polizei-Tweets folgendes: “Polizei Mannheim reagiert sofort auf unseren Hinweis – die Story ist Gonzo, also Fakenews.” Die Art und Weise, wie der Artikel verfasst ist, lässt jedoch eine eindeutige Kennzeichnung als Falschnachricht für den Leser vermissen. Laut SWR wurden entsprechende Hinweise wohl teils erst nach Veröffentlichung im Beitrag ergänzt. Für die Leser war die Fiktion des Beitrags nicht ausreichend erkennbar. Das Onlineportal der FAZ hatte darüber berichtet, dass bei der Polizei zahlreiche Nachfragen besorgter Bürger eingegangen waren.

Frank Überall, Vorsitzender des Deutschen Journalistenverbandes, sagte gegenüber DLF24: “Der Rhein-Neckar-Blog hat dem Journalismus einen Bärendienst erwiesen. Der Text wurde ohne klare Kennzeichnung als Satire veröffentlicht. Es wurde sogar eine fiktive Nachrichtensperre erwähnt, so dass man den Eindruck gewinnen sollte, Klarstellungen von Polizei und Behörden seien nicht ernst zu nehmen.” Überall betonte zwar, dass Medien gerne zugespitzte Debattenbeiträge veröffentlichen können und sollen, diese müssten dann aber auch klar erkennbar sein. “Die Bevölkerung mit einem derart realistisch beschriebenen Horrorszenario zu konfrontieren, ist allenfalls politischer Aktivismus, der geeignet ist, das Vertrauen in die Medien und ihre Macher nachhaltig zu gefährden”, urteilte er.

“Bisher hat es keine Beschwerden gegeben”, so der Deutsche Presserat auf Anfrage von MEEDIA. Der Presserat ist auch für das Rheinneckarblog zuständig. Dessen Redaktion hat eine Selbstverpflichtung unterschrieben, nach der diese die Regeln des Rates befolgt.

Das MEEDIA-Interview mit Hardy Prothmann gibt es hier.

Update, 16:30 Uhr: Mittlerweile hat der Deutsche Presserat vier Beschwerden gegen das Rheinneckarblog vorliegen. Nun prüft das Gremium, ob das lokale Portal gegen Ziffer 1 des Pressekodex’ und das Wahrhaftigkeitsgebot verstoßen hat.

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