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„Oberstes Gebot ist, unseren Kunden ihre Datenhoheit zurückzugeben“: Wie die Verimi-Chefin den Cambridge Analytica-Skandal sieht

Team Verimi: Donata Hopfen fotografiert sich und alle Verimi-Partner
Team Verimi: Donata Hopfen fotografiert sich und alle Verimi-Partner

Das Cambridge Analytica-Debakel um Facebook spielt der Firmenchefin Donata Hopfen beim bevorstehenden Start der Daten-Allianz Verimi in die Hände. Im Interview mit MEEDIA erklärt die ehemalige Verlagschefin der Bild-Gruppe, wie sie mit den Daten ihrer Nutzer transparent umgehen und Geld verdienen will. Zudem dämpft sie Erwartungen über eine baldige Zusammenarbeit mit der konkurrierenden NetID-Plattform um RTL, Pro Sieben Sat 1 und United Internet.

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Frau Hopfen, Sie sind seit Oktober Chefin von Verimi. Sie wollen mit Gesellschaftern wie Deutsche Bank, Allianz, Daimler und Axel Springer im Rücken eine große Daten-Allianz schaffen. Schadet ihnen nicht der Cambridge Analytica-Datenskandal mit Facebook beim Aufbau ihres Dienstes, weil die Konsumenten dadurch immer skeptischer werden, ihre Daten preiszugeben?
Nein. Ich glaube der Datenskandal macht den Konsumenten transparent, dass sie eine Alternative brauchen, die nach europäischem Recht funktioniert. Derzeit nutzen die Menschen digitale Plattformen sehr arglos. Sie hinterlassen überall ihre Daten, ohne zu wissen, was mit diesen passiert. Der Datenskandal führt den Nutzern vor Augen, welcher Wert in ihren Daten steckt und wie sensible diese sind. Er macht ihnen zudem bewusst, dass sie Plattformen wie Verimi benötigen, die ihre Daten sichern und ihnen hierüber ihre Hoheit zurückgeben.

Dennoch dürften die Enthüllungen um die Cambridge Anlaytica viele Nutzer von Datenplattformen verunsichern. Wie überzeugen Sie die Bundesbürger, dass sie sich gerade Verimi anschließen sollen?
Das Konstrukt von Verimi setzt auf große deutsche, sehr seriöse Gesellschafter. Ich denke dabei an die Bundesdruckerei, an den Banknoten-Hersteller Giesecke & Devrient sowie an die Deutsche Bank, wenn sie nach Sicherheitsaspekten fragen. All diese Unternehmen sind in hoheitlichen Bereichen unterwegs, die zudem sehr stark reguliert sind.

Dass heißt?
Die hohen gesetzlichen Anforderungen, die die Firmen mit ihren Geschäften unterliegen, gehen an Verimi über. Damit geht auch das Vertrauen auf uns über, das Nutzer, Bürger und Kunden in diese Unternehmen hegen. Ich glaube, dass dies viele große und kleine Firmen bewegen wird, sich Verimi anzuschließen.

Sie erwähnten gerade die Deutsche Bank als Mitgesellschafter. Nun ist das Frankfurter Institut in den vergangenen Jahren wegen massiver Zinsmanipulationen auf den internationalen Finanzmärkten aufgefallen. Wird dies nicht potenzielle Nutzer abschrecken?
Unsere Gesellschafter repräsentieren sehr große wertvolle Marken, die für viele Menschen große Kompetenz darstellen. Zudem kommen unsere Gesellschafter aus unterschiedlichen Branchen. Nahezu jeder Deutsche hat eine Kundenbeziehung mit einem der Gesellschafter, dem er vertraut. Zudem macht der Verbund unserer Gesellschafter den Erfolg von Verimi aus, sodass es am Ende nicht nur auf ein einzelnes Unternehmen ankommt.

Die Enthüllungen um Cambridge Analytica hat die Diskussion über missbräuchliche Verwendung von Daten neu entfacht. Nun ist die Bundesdruckerei Partner von Verimi. Hat der Bund hierüber Einblick auf Daten der Nutzer?
Nein, Verimi ist eine eigenständige Gesellschaft. Die Nutzerprofile werden in unserem Unternehmen aufgesetzt. Hier werden die Daten auf europäischen Servern gespeichert und nur dann verwendet, wenn die Nutzer ausdrücklich zustimmen. Keiner unserer Gesellschafter – auch nicht die Bundesdruckerei – hat Zugriff auf die Nutzerdaten.

Haben Sie eigene Server aufgebaut, auf denen die Daten gespeichert sind?
Unser Server stehen mehrheitlich in Deutschland, einige davon im europäischen Ausland. Wir arbeiten da eng mit unserem Partner Deutsche Telekom zusammen. Sie bringt sehr viel Erfahrungen beim Hosting mit. Es werden keine Daten außerhalb Europas gespeichert.

Verimi ist mit dem Anspruch angetreten, eine europäische Registrierungs-Allianz zu sein. Wieso sind noch keine ausländischen Partner an Bord?
Zunächst startet Verimi in Deutschland. Hier entsteht die Blaupause, um das Konzept und die Technologie in andere europäische Länder auszurollen. Wir glauben, dass wir den Wettbewerb um digitale Identitäten nur im Verbund gewinnen werden. Und dies nicht nur mit unterschiedlicher Industrien, sondern im Verbund unterschiedlicher Länder. Es muss uns gelingen, eine europäische Antwort auf die Datenmacht von Facebook, Google & Co. zu liefern. Deswegen werden wir ab Sommer damit beginnen, uns mit den europäischen Märkten und der Expansion beschäftigen.

Erst sollen Hacker in das Regierungsnetz eingedrungen sein, dann wurde dies wieder zurückgewiesen. Dennoch: Sind die Daten der Verimi-Kunden vor dem Zugriff Dritter sicher?
Die Daten der Nutzer werden einzeln verschlüsselt. Zudem sind wichtige Applikationen und Daten über einen zweiten zusätzlichen Faktor abgesichert. Damit ist es nahezu unmöglich, dass man Daten en Block abgreifen kann. Verimi ist sicher, transparent und einfach. Dafür stehen wir.

Zu ihren Gesellschaftern gehört – wie erwähnt – die Bundesdruckerei. Können die Nutzer hierüber Pässe und Führerscheine bestellen?
Unser Daten-Bündnis bietet eine ganze Facette von Sicherheitsstufen. Da kann sich ein Nutzer über den Account einfach für einen Newsletter registrieren, ohne dass irgendeine Bestätigung notwendig ist. Gleichzeitig bieten wir eine Zwei-Faktor-Autentifizierung an. Sie ermöglicht den Zugang zum Bürgerportal, um digitale Behördengänge abzuwickeln. Diesen Dienst werden wir früh einbinden. Denn Verimi will ein großer Treiber für die weitere Digitalisierung des Bürgerapparats sein.

Muss ich mich also als Bundesbürger künftig zunächst bei Verimi anmelden, wenn ich eine KfZ-Zulassung oder behördliche Dokumete erhalten will?
Verimi wird das ermöglichen, es wird auch andere Möglichkeiten geben, sich anzumelden. Wenn aber Bundesbürger unser Login nutzen, werden sie leichter und schneller an Reisepässe, Personalausweise oder andere Behörden-Dokumente kommen. Sie brauchen dann nicht monatelang auf Termine für wichtige Dokumente zu warten, sondern können diese digital beantragen.

Können Sie über Verimi ihre Steuererklärungen abgeben?
Es gibt heute die Möglichkeit, die Steuererklärung digital einzureichen. Verimi wird helfen, all diese Behörden-Dienste einfacher abzuwickeln.

Ihre Daten-Allianz soll den Nutzern die Registrierung bei den Web-Diensten erleichtern. Dafür müssen sie nichts zahlen. Womit verdient die Allianz ihr Geld?
Wir verfügen über unterschiedliche Identitäts- und Authentifizierungsstufen. Das heißt, für ein einfaches Log-In und für die Registrierung eines Newsletters kann man die Verimi-Identät nutzen, ohne dass dabei Gelder fließen. Anders ist es, wenn der Nutzer unseres Dienstes einen Mietwagen bucht oder ein Flugticket bestellt. Hier zahlen uns Mietwagen-Firmen, Fluggesellschaften oder Reisekrankenversicherungen eine Lizenz dafür, dass der Nutzer uns bittet seine bei Verimi hinterlegten Dokumente zu nutzen und zu legitimieren. Dadurch entfällt bei den Unternehmen ein erheblicher bürokratischer Aufwand.

Verdienen Sie mit den Nutzerdaten auch Geld, weil sie diese aufbereitet ihren Partnern für Werbezwecke zur Verfügung stellen?
Unser oberstes Gebot ist, unseren Kunden ihre Datenhoheit zurückzugeben. Der Kunde soll die volle Transparenz über seine Daten erhalten.
Wenn sich der Kunde entscheidet, dass er auf bestimmten Themenfeldern Angebote erhalten möchte, bieten wir hierfür ein entsprechendes Produkt an. Hier werden die Kundendaten anonymisiert gesammelt und Kunden zur Verfügung gestellt, die daraus personalisierte Produkte bauen. Das ist aber nur mit ausdrücklicher Zustimmung der Nutzer möglich. Diese kann er jederzeit widerrufen. Dafür wird es ein sehr einfaches Schiebereglerprinzip geben, das das ermöglicht.

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Ob Medieninhalte oder Finanzprodukte – kann der Nutzer seine Einverständniserklärung für unterschiedene Angebote geben?
Ja, das wird so sein. Wir sind ein digitales Start-up. Wir werden uns genau anschauen, was die Kunden nutzen und wollen.

Womit erhoffen sie sich die größten Erlöse?
Verimi wird unterschiedliche Erlösströme aufweisen. Wichtigster Umsatzträger ist die Identifikation der Nutzer.

Wie werden die Erlöse unter den Partnern aufgeteilt?
Wir sind ein Start-up, dass in seiner ersten Finanzierungsrunde 50 Millionen Euro eingesammelt hat. Künftige Erlöse werden wir reinvestieren, um das Wachstum unseres Geschäfts voranzutreiben.

Von Lufthansa bis TUI – die Daten der Konsumenten liegen bereits in den Händen großer Konzerne. Die Unternehmen haben viel Geld investiert, damit die Kunden ihre Daten sicher hinterlegen. Glauben Sie, dass die Konzerne bereit sind, dieses Pfund abzugeben?
Die Unternehmen geben nicht ihre Kundendaten an Verimi ab, sondern übertragen diese, wenn vom Nutzer gewünscht. Nehmen wir beispielsweise an, sie sind Kunde der Lufthansa und wollen sich bei Miles & More einloggen. Dann wird es die Möglichkeit geben, dass die Lufthansa ihre Reisende fragt, ob sie ihre Lufthansa-Daten für das Verimi-Konto freigeben wollen. Stimmen die Nutzer zu, liegen die Kundendaten einmal bei der Lufthansa und einmal auf einem Verimi-Konto. Dort können dann weitere Partner an den Verimi-Dienst angebunden werden. Doch die Kundenbeziehungen verbleiben weiterhin bei den Unternehmen.

Setzen Sie eine Block-Chain-Technologie ein, um schnellere Transaktionen zu ermöglichen?
Aktuell nicht. Wir schauen uns die Blockchain-Technologie aber genau an.

Die Deutsche Bank gilt als einer der Partner, die die Initialzündung für Verimi gegeben hat. Nun befinden sich die Banken in einem scharfen Wettbewerbsumfeld. Schreckt dies nicht andere Bankpartner wie Commerzbank oder HypoVereinsbank ab, sich Verimi anzuschließen?
Verimi wurde von der Deutschen Bank und Core ins Leben gerufen. Unsere Gesellschafterstruktur sieht vor, dass aus jeder Branche ein Industrie-Leader kommt. Er bringt sein spezielles Know-How mit ein. Die Eigentümer haben alle signalisiert, dass sie für Wettbewerber im Gesellschafterkreis offen sind. Wir stoßen auf großes Interesse von vielen Unternehmen, die mitmachen und sich an uns beteiligen wollen. Sie erkennen, dass sie langfristig das Spiel in Europa nur für sich entscheiden können, wenn sie den Amerikaner und Asiaten nicht zu weit den Weg öffnen.

Als einziges Medienunternehmen ist die Berliner Axel Springer SE Gesellschafter bei Verimi. Parallel hat sich jetzt die neue
netID-Allianz um RTL, Pro Sieben Sat 1 und United Internet gebildet. Wollen Sie gemeinsame Sache machen
?
Im Sinne des Kunden wäre es sinnvoll, wenn es ein Angebot oder einen Button gibt, den man drücken muss, um sich zu identifizieren. In der Branche spricht zwar jeder mit jedem. Wir gehen unseren eigenen Weg und werden jetzt den Markt beackern, bevor wir uns über andere Szenarien unterhalten.

Die Medien-Allianz um RTL ist als Stiftung gedacht, um bei den Nutzern eine höhere Akzeptanz zu bekommen. Verimi finanziert sich über Provisionen. Hemmt dies vielleicht ein Zusammengehen?
Verimi will sich ganz bewusst aufgrund seiner Anteilsstruktur als eigenständiges unabhängiges Unternehmen etablieren, das sich irgendwann tragen soll. Ich glaube, dass wir ein zukunftsfähiges Modell entwickelt haben. Was die anderen machen, kann ich nicht kommentieren.

Die geplante E-Privacy-Verordnung steht mit dem 25. Mai kurz bevor. Wann wollen Sie starten?
Wir sind gut in der Zeit und testen seit Dezember unser Produkt, was wir selbstständig entwickelt haben. Wir werden rechtzeitig darüber informieren, wenn wir Verimi launchen.

Die geplante E-privacy-Verordnung sieht bislang ein Kopplungsverbot vor. Dies hätte negative Auswirkungen für journalistische Produkte, da künftig eine Finanzierung über Werbung erschweren würden. Kann Verimi hier gegensteuern?
Die Datenschutz-Grundverordnung und die geplante E-Privacy-Verordnung sind sehr fortschrittliche Gesetzgebungen. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, die Daten der Nutzer besser zu schützen. Jetzt wissen wir aber auch, wie kompliziert es für Unternehmen ist, die Regelungen in kurzer Zeit umzusetzen. Verimi bietet hierfür eine Lösung. Wir werden einen Opt-In-Layer liefern, den jeder unserer Partner nutzen kann. Aus unserer Sicht ist der 25. Mai ein guter Tag.

Kann ich als Verimi-Nutzer meine Zustimmung verweigern, dass Spiegel Online & Co. meine Daten für Werbezwecke nutzen?
Ja, absolut. Das ist aber nicht das Thema von Verimi. Unser Dienst liefert die Opt-In-Möglichkeiten. Wenn jemand keine Cookies oder Tracking wünscht, werden seine Daten nicht für Werbeausspielungen genutzt. Ich rechne damit, dass wir künftig zwei Kundengruppen haben. Die einen, die sehr sensible mit ihren Kundendaten umgehen und ihre Zustimmung verweigern und die andere Gruppe, die ihre Zustimmung erteilt. Für diese ist unser Angebot sehr komfortable.

Der VDZ-Präsident Rudolf Thiemann erklärte jüngst im MEEDIA-Gespräch, dass die Daten-Allianzen als Plattform für den Aufbau eines eigenen europäischen Social Media Netzwerkes dienen könnten. Ist dies perspektivisch denkbar?
Das haben wir nicht vorgesehen. Wir verfolgen ein anderes Geschäftsmodell. Es sieht vor, dass die Bundesbürger Transaktionen im Netz über ihren digitalen Zwilling rechtssicher abwickeln können. Damit soll Verimi aus dem Alltag der Webnutzer nicht mehr wegzudenken sein.

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