Anzeige

“Facebook ist aus jedem Blickwinkel Täter”: IT-Blogger Fefe über die Lehren aus dem Cambridge-Analytica-Debakel

Felix von Leitner bloggt als Fefe. Das Bild ist ein Ausschnitt aus der "Jung und Naiv"-Sendung mit dem ehemaligen CCC-Mitglied

Klartext von Felix von Leitner, aka Fefe: Im MEEDIA-Interview zur Debatte um Facebook und Cambridge Analytica erklärt der Blogger, IT- und Hacker-Experte, dass der eigentliche Skandal darin liegt, dass das US-Netzwerk mehr über die Menschen wisse, als irgendeine Organisation in der Geschichte der Menschheit zuvor. „Facebooks Geschäftsmodell ist, gegen den Willen der Menschen Daten über sie zu erheben, und die dann an böse Menschen zu vermieten, die damit dann die ursprünglichen Facebook-Opfer noch mal zum Opfern machen“.

Anzeige

Die Medien sprechen wahlweise von einem „Daten-Skandal“, „Daten-Leck“ oder „Daten-Diebstahl“. Um was handelt es sich beim Facebook/Cambridge Analytica-Komplex Ihrer Meinung nach?
Felix von Leitner: Cambridge Analytica hat die Facebook-Schnittstellen genutzt. Da war kein Hack involviert, kein Einbruch, kein Eindringen. Facebook stellt diese Möglichkeiten zur Verfügung, und Cambridge Analytica hat sie genutzt. Cambridge Analytica hat eine App publiziert, die vorgab, eine Art Psychologie-Test zu sein, aber die tatsächlich mit den existierenden, so gewünschten und dokumentierten Facebook-Funktionen die Profile der Facebook-Freunde der Menschen abgegriffen hat, die ihre Psychotest-App benutzt haben.
Soweit zu den Fakten, wie sie bisher bekannt sind. Aus meiner Sicht sitzen alle Beteiligten im Glashaus. Cambridge Analytica hat ihre Opfer mit irreführenden Versprechungen belogen. Das ist unmoralisch, ja, aber nicht verboten. Facebook macht nichts anderes, die ganze Zeit. Facebook ist ein Werbenetzwerk. Werbung ist per Definition irreführende Versprechungen. Daher gibt es Regeln für Werbung und Kleinkinder und Facebook fragt das Alter ab und will nur einen Account einrichten, wenn man sagt, dass man mindestens 13 ist. Wer DEN Schuss nicht hört, der sollte sein Problem nicht bei Facebook sondern im Spiegel suchen.
Cambridge Analytica hat 50 Millionen Accounts abgesaugt. Mag sein. Aber Facebook hat 2 Milliarden Accounts, und sammelt auch Daten über Menschen, die keinen Account bei ihnen haben. Alles, was es dazu braucht, ist dass Webseiten einen Facebook-Like-Button einblenden. Viele Tausende von Webseiten tun das und liefern damit ihre Besucher ans Messer. Facebook weiß mehr über mehr Menschen als irgendeine Organisation in der Geschichte der Menschheit vor ihnen. Das ist hier der eigentliche Daten-Skandal aus meiner Sicht.
Cambridge Analytica hat keine Passwörter ausgespäht, hat keine Systeme gehackt, ist nirgendwo eingebrochen oder eingedrungen. Die haben die dafür vorgesehen Schnittstellen von Facebook benutzt. Und zwar so, wie Facebook das vorgesehen hatte. Auch aus diesem Blickwinkel sind Facebook die Bösen, nicht Cambridge Analytica. Man kann nicht jahrelang das Kleingedruckte wegklicken und irgendwelchen wildfremden Apps aus dem Internet seinen Haustürschlüssel in die Hand drücken, aber dann Zeter und Mordio schreien, wenn was wegkommt.

„Nichts davon war Zufall, alles war Absicht“

Sascha Lobo schreibt in seiner Spiegel Online-Kolumne, dass der eigentliche Skandal im System Facebook liege, weil Facebook selbst gar nicht genau wisse, wie es wirklich wirke. Sehen Sie das auch so?
Nein. Die Vorstellung halte ich für hochgradig naiv, dass Facebook quasi versehentlich den größten Datenhaufen in der Geschichte der Menschheit aufgehäuft hat, und gar nicht weiß, was sie da tun. Nichts davon war Zufall, alles war Absicht. Die Software ist nicht vom Himmel gefallen. Die hat jemand geschrieben, mit dem beauftragten Funktionsumfang, und der ist dafür fürstlich entlohnt worden.
Wenn Facebook jetzt so tut, als sei irgendwas an der Situation nicht klar oder ein Versehen gewesen, erinnert mich das an die Beteuerungen der Tabaklobby, dass der Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs noch nicht klar belegt sei. Es ist schlimm genug, dass der Trick damals funktioniert hat (und beim Klimawandel wieder zu funktionieren scheint). Wir sollten auf so einen plumpen Trick nicht wieder reinfallen.
Ist Facebook jetzt Opfer oder doch Täter?
Facebook ist aus jedem Blickwinkel, den ich finden kann, Täter. Facebook hat diese immense Datensammelmaschine gebaut. Facebook hat sein Tun hinter Kleingedrucktem und vagen Formulierungen versteckt, um die Menschen gezielt im Dunkeln zu lassen. Facebook hat ein Milliardengeschäft darauf gebaut, die so gewonnenen Daten gegen diejenigen zu verwenden, von denen sie erhoben wurden: für gezielte Werbung. Gezielte Werbung ist ein Euphemismus für Manipulation. Werbung sind irreführende Versprechungen, und gezielte Werbung heißt, dass man die irreführenden Versprechungen so auswählt, dass sie ihr Ziel, also die Irreführung, effektiver erreichen.

„Jedes Mal, wenn Facebook erwischt wird, tritt Mark Zuckerberg vor die Presse und gelobt Besserung. Ich glaube denen kein Wort“

Facebooks Geschäftsmodell ist, gegen den Willen der Menschen Daten über sie zu erheben, und die dann an böse Menschen zu vermieten, die damit dann die ursprünglichen Facebook-Opfer noch mal zum Opfer machen, indem sie sie mit den Erkenntnissen aus den illegitim erhobenen Daten effektiver beschubsen können. Ich möchte noch mal explizit darauf hinweisen, dass Facebook nicht nur die Leute zum Opfer macht, die bei ihnen einen Account aufmachen. Jeder, der auf Webseiten unterwegs ist, die Facebook-Like-Buttons einblenden, ist Opfer von Facebook. Auch ohne deren Kleingedrucktes überhaupt nur zu Gesicht bekommen zu haben.
Jedes Mal, wenn Facebook erwischt wird, tritt Mark Zuckerberg vor die Presse und gelobt Besserung. Der Datenberg ist nie kleiner geworden bisher, immer nur noch größer. Das Kleingedruckte ist nie kürzer geworden, immer nur noch undurchsichtiger. Ich glaube denen kein Wort.
Was ist Ihre Einschätzung: Konnte eine Firma wie Cambridge Analytica überhaupt die US-Wahl beeinflussen?
Da kann ich auch nur spekulieren. Meine Einschätzung im Moment ist, dass Cambridge Analytica unseriöse Versprechungen gemacht hat, was sie mit ihrem Big Data-Kram anstellen können. Aber selbst wenn die mit ihren Botschaften die Wähler manipulieren konnten, sehe ich die Verantwortung doch bei den Wählern. Wir sind alle ständig Manipulationsversuchen ausgesetzt. Die Presse will uns manipulieren, Wahlwerbung der Parteien will uns manipulieren, unsere Familie, unsere Freunde und unsere sozialen Gruppen üben Konformitätsdruck auf uns aus.
Es ist unsere Aufgabe als mündige Bürger, uns dagegen zu stählen. Das ist der Deal in der Demokratie. Ich darf in Wahlen mitbestimmen, dafür muss ich auch wählen gehen, mich vorher ordentlich informieren und meine Stimme nicht leichtfertig vergeben.

„Erste wichtige Sofort-Aktion wäre, dass die Medien alle Like-Buttons entfernen“

Wäre eine solche Beeinflussung von Wählergruppen auch in Deutschland möglich?
Die Parteien sind sich da sehr sicher und geben Millionen für Berater aus, die ihnen Kampagnen für online und offline entwerfen. Ich sehe keinen Grund, wieso Deutsche weniger anfällig sein sollten als Menschen in anderen Ländern. Alle nehmen immer an, dass Werbung vielleicht bei irgendwelchen dümmeren Menschen da draußen funktioniert, aber nicht bei ihnen. Das ist ein gefährlicher Trugschluss. Wenn es nach mir ginge, würden wir Werbung im öffentlichen Raum generell verbieten. Sao Paulo hat das gemacht. Wir könnten das auch machen.
Wie sollten die deutschen Medien mit dem Fall Facebook/Cambridge Analytica umgehen?
Die erste wichtige Sofort-Aktion wäre, dass die Medien alle Like-Buttons entfernen. Das sind Wanzen für Facebook. Das Einblenden so eines Buttons liefert die eigenen Leser Facebook ans Messer. Ich finde es verlogen, wenn dieselben Medien, die auf ihrer Homepage Dutzende von Trackern und Werbenetzwerken einblenden, dann anklagend den Zeigefinger gegen Facebook erheben. Daten, die nicht erhoben werden, können auch nicht missbraucht werden. Jede externe Web-Ressource, die eine Webseite einblendet, leitet Daten der Leser an diese externen Leute weiter. Meedia ist hier vergleichsweise gut aufgestellt und hat „nur“ Amazon, Google, Facebook, einen Klickauswerter, einen Reichweitemesser und ein Werbenetzwerk auf der Homepage. Das DAS als „vergleichsweise gut aufgestellt“ durchgeht ist in meinen Augen eine Anklage an die ganze Branche.

„Die E-Privacy-Verordnung wird dem hoffentlich juristisch einen Riegel vorschieben“

Wenn das geklärt ist, würde ich den Medien empfehlen, die Bürger an ihre Verantwortung zu erinnern, und Aufklärungsarbeit zu leisten, damit sich niemand herausreden kann, er habe nicht gewusst, was Facebook tut. Im Internet gibt es nichts geschenkt. Man bezahlt mit seinen Daten, und die Daten sind wie ein biometrischer Fingerabdruck. Man kann es nicht anfassen, aber es ist sehr wertvoll und kann auch lange nach dem Tod noch großen Schaden anrichten. Früher hätte man das die Seele genannt. Es ist eure Seele. Passt besser auf sie auf!
Stichwort #DeleteFacebook: Sollten die Menschen ihre Facebook-Accounts löschen?
Ja, natürlich. Sie hätten die Accounts gar nicht erst aufmachen sollen. Aber man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass Facebook dann die Daten wegwirft, oder gar aufhört, neue Daten über einen zu erheben.
Sie sind bekannt dafür, Verschwörungstheorien zu sammeln: Gibt es schon welche zum Fall von Cambridge Analytica?
Aus meiner Sicht gibt es mehr Verschwörungstheorien als Fakten bei der Berichterstattung über Cambridge Analytica. Die Idee, dass nicht wir Wähler für die Regierung verantwortlich sind, sondern irgendwelche Manipulatoren aus Russland, irgendwelche bösartigen Botnetze auf Twitter, irgendwelche Big-Data-Startups aus England, oder von mir aus Facebook, … die ist in Zeiten von Donald Trump, Brexit, Sebastian Kurz, der AfD als stärkster Oppositionsfraktion im Bundestag und der vierten Amtszeit von Angela Merkel sehr verlockend. Aber das ist — sogar im buchstäblichen Wortsinn — eine Verschwörungstheorie.
Cambridge Analytica kann nicht zaubern. Im Moment gibt es geradezu halluzinatorische Wunschglauben-Fieberträume zu den Möglichkeiten von Technologien wie künstlicher Intelligenz, Big Data (früher sagte man Statistik) und der Blockchain. Tatsächlich deutet sich eher eine mit dem Radioaktivitäts-Boom im vergangenen Jahrhundert an, als es im Einzelhandel Uran-Zahnpasta, Radium-Schokolade, Radium-Kondome und Radium-Schuhcreme zu kaufen gab. Mit der Zeit werden die Möglichkeiten und Nebenwirkungen klarer. Im Umgang mit neuen Technologien sollte man immer erstmal Vorsicht walten lassen, und im Umgang mit Medien und sozialen Netzen gilt das doppelt.
Das Interview wurde via E-Mail geführt

Anzeige