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Profil, Timeline, Chats: Wie ein Kollege plötzlich vollen Zugriff auf meinen Facebook-Account hatte

Auf einmal stand dort ein zweites Profil: Wie ein Arbeitskollege plötzlich Zugriff auf mein Facebook-Konto bekam
Auf einmal stand dort ein zweites Profil: Wie ein Arbeitskollege plötzlich Zugriff auf mein Facebook-Konto bekam

Die Enthüllungen über den Datenskandal durch Cambridge Analytica setzen Facebook unter enormen Druck. Das Netzwerk sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, bei der rechtswidrigen Weitergabe von rund 50 Millionen Datensätzen die Augen verschlossen zu haben. Das Vertrauen in das Unternehmen von Mark Zuckerberg ist erschüttert – auch MEEDIA-Autor Marvin Schade verliert den Glauben an Facebooks Fürsorge: Am gestrigen Dienstag bekam er eine Nachricht eines Arbeitskollegen. Dieser hatte aus unerklärlichen Gründen ohne Passwort Zugriff auf sein Profil. Erfahrungsbericht eines mysteriösen Kontrollverlusts im Social Network Nummer eins.

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Es ist 20.44 Uhr, die letzten Mails für den Tag sind geschrieben, gerade habe ich meinen Laptop zugeklappt und mich aufs Sofa gefläzt. Ich bin dabei, in den Netflix-Modus zu wechseln als auf meinem Smartphone die WhatsApp-Nachricht meines Arbeitskollegen aufploppt. Ich sitze wieder kerzengerade. Er hat mir zwei Bildschirmfotos geschickt, die er von seinem Handy gemacht hat. Sie zeigen die geöffnete Facebook-App, zu sehen sind mein Profil-Foto und meine Timeline. “Du hast nichts damit zu tun, richtig?”, fragt er mich. Ich bin irritiert. Wie kommt er in mein Konto? Er berichtet: “Ich habe meine Facebook-App geöffnet und eine kurze Mitteilung mit dem Hinweis bekommen, dass ein Account zu meinem Profil hinzugefügt wurde: dein Profil. Ich komme ohne Passwort rein, muss nur auf das Foto tippen”, schreibt er. What the fuck?!

Ich bin sprachlos und überlege, ob ich irgendetwas falsch gemacht habe, ob ich nachsichtig mit meinen Daten umgegangen bin. Habe ich vergessen, mich irgendwo auszuloggen? Keineswegs. Die Screenshots stammen von seinem privaten Smartphone. Ich habe das Gerät noch nie in meinem Leben in den Händen gehalten, geschweige denn mein Passwort weitergegeben. Im Gegenteil, ich hatte es erst vor wenigen Wochen aktualisiert.

Ich bin zunächst erst einmal glücklich darüber, dass es mein Kollege Thomas ist, der plötzlich Zugriff auf einen Teil meiner digitalen Identität hat. Auch wenn wir uns erst seit zwei Monaten kennen, ist er kein Fremder, konnte mich kurzerhand kontaktieren und ist – immerhin – ein Arbeitskollege. Er sitzt mir im Büro gegenüber, wir arbeiten eng zusammen, tauschen uns aus, verstehen uns gut. Wir könnten aber auch schon seit Jahren zusammenarbeiten – am Gefühl, plötzlich nackt zu sein, ändert das nichts. Und ist er überhaupt der Einzige ist, der in meinem Accout herumwildern kann? Ich habe keine Ahnung.

Ich bin seit dem 28. September 2009 bei Facebook, habe mich damals angemeldet, weil alle dieses FarmVille spielten. Es war Gruppenzwang. Wenig später waren Studi- und MeinVZ-Geschichte, jeder war auf den blauen Seiten unterwegs. Wir haben alles aus unserem Leben mitgeteilt. Oft sind mir meine Postings von damals heute peinlich. Wenn ich kann, lösche ich sie – auch wenn es keinen interessiert. Mein Gefühl, was in soziale Netzwerke gehört und was nicht, entwickelte sich erst in den Folgejahren. Mittlerweile nutze ich Facebook ziemlich zurückhaltend und passiv. Ich bin eher Konsument statt Produzent, nutze vor allem aber den Messenger für schnelle, berufliche Kontakte. Das macht den Zugriff eines Fremden heikel. Auch wenn ich die ein oder andere vertraulichere Nachricht, die mich via Facebook erreicht, umgehend lösche, muss auch ein Arbeitskollege, dem ich grundsätzlich vertraue, nicht sehen, mit wem ich kommuniziere. Selbst meine Freundesliste halte ich für Dritte versteckt. Was bringt die strengste Privatsphäre-Einstellung, wenn jemand einfach so in mein Profil kommt?

Ein Defekt, ein Einzelfall? Auf jeden Fall ein Tabu

Thomas und mich verbindet via Facebook nicht viel. Wir sind seit Anfang des Jahres dort befreundet, haben nur eine gemeinsame Freundin (eine weitere Arbeitskollegin). Ich war der Admin, der ihm die Zugriffsrechte auf die Facebook-Seite von MEEDIA eingeräumt hat. Darüber hinaus war mein Account der Verknüpfungsaccount zwischen den MEEDIA-Profilen bei Facebook und Instagram. Das war es. Und das erklärt nicht, wieso ganz unvermittelt, ganz plötzlich ein Arbeitskollege Zugriff auf mein privates Profil hatte. Es mag ein technischer Defekt sein, der Thomas den Zugang verschafft hat. Es mag ein Einzelfall sein. In jedem Fall ist es ein absolutes Tabu und es verstärkt sich der Eindruck, dass Facebook die Kontrolle über sein Netzwerk verliert.

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Um 21.04 Uhr ist mein Laptop wieder aufgeklappt, ich tippe eine Mail an Facebook und nutze dafür einen Zugang, den der allgemeine Nutzer nicht hat: Ich schreibe allen Facebook-Pressesprechern, deren Adressen ich auf Anhieb parat habe. Nur sieben Minuten später habe ich eine Antwort. Die Verantwortlichen und ich teilen die Verwunderung. “Wir werden das sofort untersuchen”, steht in der Mail. In der Zwischenzeit solle ich meinen Account als gehackt melden, mein Passwort aktualisieren und die Zweistufen-Authentifizierung aktivieren, empfiehlt der Sprecher.

Den beiden ersteren Empfehlungen war ich bereits nachgekommen. Obwohl ich mein Passwort aktualisiert und einen Logout auf allen Geräten erzwungen hatte, konnte Thomas die App immer wieder öffnen und weiter im wahrsten Sinne in meinem Konto herumgeistern – denn im Aktivitätenprotokoll waren die Zugriffe über sein iPhone 5S nicht verzeichnet. Erst als ich die Zweistufen-Authentifizierung aktivierte, hatte der Spuk ein Ende. Jetzt funktioniert der Login nur noch mit einer PIN, die mir gesimst wird. Dafür hat Facebook jetzt meine Telefonnummer (ja, ich weiß, durch WhatsApp haben sie diese ohnehin…).

Mehr als 13 Stunden sind bislang vergangen und es ist immer noch unklar, wie das passieren konnte. “Einen Hack können wir ausschließen”, hieß es am Dienstagmorgen. “Das Problem scheint sehr speziell zu sein”, erklärt mir der Sprecher weiter. In der Nacht hatte er das “Escalations-Team” in den USA über den Vorfall informiert. Man arbeite weiter daran, einen Fehler zu finden. Sie stochern im Dunkeln, haben keine Ahnung, was mit den Daten geschehen ist.

Während aufgrund des Datenskandals in Verbindung mit Cambridge Analytica überall in den Medien vom Vertrauensverlust in Facebook zu lesen ist, spüre ich ihn hautnah. Mir ist eigentlich nicht klar, wie es um die Infrastruktur von Facebook bestellt ist und ich fühle mich in einer Zwickmühle gefangen. Wie mich der Gruppenzwang zu Facebook brachte, hält er mich nun ab, mich zu trennen.

Update, 22. März, 15.00 Uhr:

Facebook hat sich gegenüber unserem Autor entschuldigt und den Vorfall erklärt: Nach Unternehmensangaben war MEEDIA-Redakteur Marvin Schade zufällig Teil eines Tests für neue Login-Funktionen. Bei der Programmierung seien Fehler unterlaufen, die sein Profil auch für Thomas Borgböhmer zugänglich gemacht haben. Die Verknüpfung kam über die gemeinsame Admin-Verantwortung für die MEEDIA-Facebookseite zustande. Nach Meldung des Fehlers sei der Test umgehend gestoppt worden, so der Sprecher weiter. Ob es weitere, vergleichbare Fälle gegeben hat, ist nicht bekannt. 

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Alle Kommentare

  1. Ein verdienstvoller Artikel. Auch wenn es ein spezielles Problem ist, zeigt es doch erneut, dass solche Datenmassen de facto unbeherrschbar sind. Irgendwo wird es immer ein Leck geben, und dann sind die persönlichen Daten unwiderruflich weltweit verteilt.

    Und man muss es sagen: Vor Facebook und vor WhatsApp wurde so oft gewarnt … Wer da seine privatesten Informationen – und die seiner Familie und seiner Freunde – in die Öffentlichkeit stellt, der ist selber schuld.

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