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Sexy Headlines aber kaum neue Fakten: Der wiederkehrende Hype um das Daten-Voodoo von Cambridge Analytica

Christopher Wylie (hier in einem Video des Guardian) ist der Whistleblower und Protagonist der aktuellen Enthüllungen rund um Cambridge Analytica
Christopher Wylie (hier in einem Video des Guardian) ist der Whistleblower und Protagonist der aktuellen Enthüllungen rund um Cambridge Analytica

Die neuen Enthüllungen rund um die ominöse Datenfirma Cambridge Analytica haben eine Flut an Medienberichten rund um den Globus ausgelöst. Taucht man ein wenig in die Historie der Berichterstattung zu Cambridge Analytica ein, stellt man aber fest, dass der neuerliche Skandal, der von der New York Times und dem britischen Gespann Guardian/Observer, vorangetrieben wurde, so neu gar nicht ist.

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Was ist die eigentliche Geschichte? New York Times (NYT), Guardian und Observer haben einen Whistleblower namens Christopher Wylie, der für die berüchtigte Datenfirma Cambridge Analytica (CA) gearbeitet hat und nun “auspackt”. Wylie berichtet, CA habe während des Trump-Wahlkampfs in den USA die Profildaten von 50 Millionen US-Amerikanern abgeschöpft, damit Trumps Wahlkampfteam diesen Leuten maßgeschneiderte Facebook-Inhalte ausspielen konnte. Die allermeisten dieser 50 Mio. hätten kein Einverständnis für die Nutzung ihrer Daten gegeben. In vielen, vielen Medien ist nun die Rede von einem Datenleck, dem womöglich größten in der Geschichte Facebooks. Die NYT und der Guardian schreiben selbst auch von einem “breach”.

Aber ist es wirklich ein Datenleck? Facebook selbst weist dies zurück. Paul Grewal, Vice President und Deputy General Counsel von Facebook erklärte in einer Stellungnahme des Netzwerks:

The claim that this is a data breach is completely false. Aleksandr Kogan requested and gained access to information from users who chose to sign up to his app, and everyone involved gave their consent. People knowingly provided their information, no systems were infiltrated, and no passwords or sensitive pieces of information were stolen or hacked.

Was ist da los? Leck oder nicht? Man muss etwas tiefer in die Story rund um Cambridge Analytica einzusteigen, um das verstehen. Im Jahr 2013 veröffentlichten drei Forschern der Universität Cambridge eine Studie mit dem Titel “Private traits and attributes are predictable from digital records of human behavior“. Darin ging es grob gesagt darum, dass auf Basis von Facebook-Likes hochsensible Persönlichkeits-Profile von Personen erstellt werden können. Grundlage der Studie war eine Facebook-App mit deren Hilfe die Forscher auf die Profile von 58.000 Facebook-Nutzern zugreifen konnten. Mit deren Einverständnis

Ungefähr zur gleichen Zeit als diese Studie erschien, versuchte die Londoner Firma Strategic Communications Laboratories (SCL), die sich auf Verhaltensforschung und strategische Kommunikation spezialisiert hat, ins Geschäft mit datengetriebener Politikberatung einzusteigen. Der erzkonservative US-Milliardär Robert Mercer investierte in SCL. Mercer ist auch einer der Finanziers des rechtsextremen US-Online-Mediums Breitbart News.

SCL und dessen Politik-Chef Alexander Nix bekamen Wind von der Cambridge-Studie und wollten den Forschern die Roh-Daten abkaufen. Die Wissenschaftler lehnten dies ab. Ein Aleksandr Kogan, ebenfalls von der Cambridge Universität, kannte die Studie und war weniger abgeneigt. Er gründete die Firma Global Science Research (GSR) und baute für SCL eine ähnliches Modell wie das der Studie mit einem Fragebogen und einer Facebook-App nach. 2014 wurde dies GSR-App und der Fragebogen via Facebook gestartet. Das Ganze basierte auf dem Mechanical-Turks-Programm von Amazon. Dabei übernehmen Personen, vermittelt durch Amazon, einfache, digitale Tätigkeiten für eine Mini-Entlohnung, etwa in der Bild-Bearbeitung. Im Falle von SCL wurde den so genannten “Turkers” angeboten, dass sie ein bis zwei Dollar erhalten, wenn sie den GSR-Persönlichkeitsfragebogen ausfüllen. Eine Bedingung für die Bezahlung war, dass die “Turkers” via App auch Zugriff auf ihr Facebook-Profil gewährten.

Die Angaben, wie viele Leute den GSR-Fragebogen tatsächlich ausfüllten, gehen auseinander. In den aktuellen Berichten taucht die bereits bekannte Zahl von 270.000 Personen auf. In einem Artikel von The Intercept aus dem vergangenen Jahr ist die Rede von rund 100.000 Nutzern, die den GSR-Fragebogen ausfüllten und weiteren 185.000 Profilen, die über eine nicht benannte andere Datenfirma aufgetrieben worden seien. Damals erlaubte Facebook App-Anbietern auch den Zugriff auf die Profile von Freunden, allerdings nur, um das Nutzungserlebnis der App zu verbessern. Mit der GSR-App und/oder einer weiteren Datenfirma soll SCL schließlich an die Masse zwischen 30 und 50 Mio. Profildaten gekommen sein. The Intercept berichtete vergangenes Jahr von 30 Millionen betroffenen Profilen. Die neuen Berichte von NYT und Guardian/Observer sprechen von 50 Mio. auf Basis der Aussagen von Wylie. So oder so: eine Menge Daten.

Cambridge Analytica wurde 2012 oder 2013 ls Tochterunternehmen von SCL gegründet. Der Name Cambridge Analytica soll laut Wylie auf Steve Bannon, den früheren Breitbart-Chef und Trump-Berater zurückgehen. Bannon wurde von Mercer bei SCL ins Spiel gebracht. Der Informant Wylie erzählte dem Guardian, um Bannon zu beeindrucken und dem Geschäft eine wissenschaftliche Fassade zu geben, sei eine Art Fake-Büro auf dem Campus der Cambridge Uni angemietet worden. Jedesmal, wenn Bannon zu Besuch kam, habe man dieses Büro mit Leuten bestückt und Bannon dorthin gebracht. Bannon sei schließlich auf die Idee gekommen, die SCL-Tochterfirma Cambridge Analytica zu nennen.

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Die Profildaten, um die es geht, wurden von Kogan, bzw. seiner Firma GSR an SCL/CA verkauft. Damit hat Kogan – soviel scheint unstrittig – einen klaren Rechtsbruch begangen. Denn laut Facebook-Regularien hätte er die mindestens Freunde-Daten nicht für andere Zwecke als zur App-Optimierung verwenden dürfen.

Im Jahr 2015 tauchte Cambridge Analytica schon einmal in den Medien auf. Der Guardian berichtete damals über den Wahlkampf des republikanischen Politikers Ted Cruz, der lange als möglicher Präsidentschaftskandidat galt und von Robert Mercer unterstützt wurde. Schon damals, 2015, wurden die Eckpunkte des ganzen CA-Skandals vom Guardian klar benannt:

Ted Cruz’s presidential campaign is using psychological data based on research spanning tens of millions of Facebook users, harvested largely without their permission, to boost his surging White House run and gain an edge over Donald Trump and other Republican rivals, the Guardian can reveal.

Facebook hat 2015 die Regeln für die App-Daten-Nutzung auch verschärft, so dass die Nutzung von Freunde-Daten gar nicht mehr zulässig ist. Facebook erklärte nun aktuell, dass damals CA/SCL ein “legal document” vorgelegt habe, in dem die Firma versicherte, dass die unrechtmäßig erworbenen Daten gelöscht worden seien. Wie die NY Times und Guardian/Observer nun berichten, könnte es aber sein, dass CA/SCL damals geschwindelt hat. Wirklich verwunderlich wäre das nicht. Darum hat Facebook nun CA, Kogan und Wylie bei Facebook rausgeworfen und angekündigt den Fall gründlich zu untersuchen.

Halten wir also fest:

– Nach allem, was wir wissen, gab es kein echtes Datenleck bei Facebook. Die Daten wurden von Facebook 2014 selbst weitergeben und dann von Kogan/GSR unrechtmäßig verkauft/verwendet.
– Wie viele Profile tatsächlich betroffen sind/waren, ist unklar. Es scheinen aber viele Millionen zu sein.
– Was CA tatsächlich mit den Daten aus diesen Profilen angestellt hat und ob dies irgendeinen Effekt auf die US-Wahl hatte, ist ebenfalls unklar. Vieles spricht dafür, dass der Effekt von CA auf den Ausgang der US-Wahl nicht entscheidend war (siehe hierzu diesen Text bei Spektrum.de).
– All diese Dinge waren bereits lange vor den neuen Veröffentlichungen von NY Times und Guardian/Observer bekannt. Neu ist vor allem die Zahl von 50 Mio. und die Behauptung des Informanten, dass CA noch immer auf den unrechtmäßig erworbenen Daten sitzt.

Unter diesem Licht betrachtet, erscheint der erneute Hype rund um Cambridge Analytica ein wenig übertrieben. Ja, Facebook hat zugelassen, dass mutmaßlich zig Mio. Nutzerdaten unrechtmäßig verwendet wurde. Das war aber schon lange bekannt. Und dass CA frühere Behauptungen über ihre Daten-Voodoo-Künste nicht belegen können, ist auch keine neue Story.

Neu ist hier in erster Linie der Informant Christopher Wylie, der mit seinem Erscheinungsbild (pinke Haare, Armee-Jacke, Nasenring), Auftreten und zahlreichen Anekdoten aus einem Hacker-Film entsprungen sein könnte und eine wunderbare Projektionsfläche abgibt. Zumal Wylie in seinen Formulierungen griffige, sexy Headlines praktisch schon vorgibt (“They want to fight a culture war in America. Cambridge Analytica was supposed to be the arsenal of weapons to fight that culture war.”) Die Mischung einer solchen Figur zusammen mit den erneut vorgetragenen Mutmaßungen über die schwarzen Daten-Künste von Cambridge Analytica, gepaart mit den Spekulationen rund um russische Einflussnahme via Facebook auf die US-Wahl und das angeblich größte Facebook-Datenleck aller Zeiten ergibt ein Narrativ, dem die meisten Medien nicht widerstehen können.

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