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Mit künstlicher Intelligenz gegen Falschnachrichten: Wie Fact-Checking-Tools immer schlauer werden

Redaktionen sollten mehr Fact-Checking-Tools nutzen, so Mark Stencel vom Reporters’ Lab
Redaktionen sollten mehr Fact-Checking-Tools nutzen, so Mark Stencel vom Reporters' Lab

Die Bekämpfung von Falschnachrichten gehört in der Medienbranche derzeit zu einem der wichtigsten Themen: Beim Digital Innovators' Summit (DIS) in Berlin hat Mark Stencel, Co-Direktor vom Duke Reporters' Lab, über die Relevanz von Fact-Checking-Tools gesprochen und wie künstliche Intelligenz die Überprüfung von Informationen verbessern kann.

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Hat US-Präsident Donald Trump bei seinen Reden in den vergangenen Monaten die Wahrheit gesagt? Stimmen die Zahlen, mit denen deutsche Politiker hantieren? Falsche Berichte und Desinformationen scheinen seit einigen Jahren mehr und mehr in den öffentlichen Fokus zu geraten. Gerade in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter verbreiten sich falsche Informationen teils rasend schnell. Wie man dagegen vorgehen kann, erzählte Mark Stencel am ersten Tag des DIS, die vom Verband Deutscher Zeitschriftenverleger und vom globalen FIPP-Netzwerk zum elften Mal veranstaltet wird.

Stencel lehrt Journalismus an der Duke University in den USA und ist Co-Direktor beim Duke Reporters’ LAB. Dort wird seit vielen Jahren erforscht, wie man besonders wirksam die Verbreitung von Desinformation verhindern kann. Zudem stellen die Forscher den Redaktionen sogenannte Fact-Checking-Tools zur Seite. Natürlich sei das Phänomen nicht neu, betonte er am Montagnachmittag in der Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Telekom. Im ersten Schritt ginge es wie früher auch darum, Aussagen auf ihre Richtigkeit zu überprüfen. “Heute kommt zusätzlich dazu, die Fakten schnell zu überprüfen. Bevor die falschen Infos einen großen Teil der Öffentlichkeit erreichen.” 

Weltweit gibt es aktuell 150 Fact-Checking-Projekte in 53 Ländern und damit 37 Projekte mehr als Ende 2016, wie ein Bericht des Reuters Institute for Study of Journalism zeigt. Hierzulande starteten diverse Medienhäuser im Jahr 2012 ihre Angebote. So hatte Spiegel Online beispielsweise den Münchhausen-Check und das ZDF initiierte den ZDF-Check. Aktiv sind beide derzeit nicht. Bei Spiegel Online ist der bislang letzte Beitrag auf den 2. Oktober des vorigen Jahres datiert. Andere deutschsprachige Redaktionen überprüfen weiterhin Nachrichten, Berichte und Aussagen zum Beispiel von Politikern oder Parteien auf ihren Wahrheitsgehalt, darunter Echtjetzt von Correctiv, Fakt oder Fake von der Zeit, der Faktenfinder der Tagesschau oder das selbstfinanzierte Freiwilligenprojekt Stimmtdas.org.

Aus Stencels Sicht nutzten weltweit jedoch zu wenige Nachrichtenredaktionen die vorhandenen mannigfaltigen Fact-Checking-Tools, mit denen sich Informationen fast in Echtzeit überprüfen lassen. Er forderte: “Redaktionen sollten mehr Kooperationen mit Fact-Checking-Projekten eingehen.” Denn gerade bei kleinen und mittelgroßen Nachrichtenredaktionen gebe es erheblichen Nachholbedarf. Woran das liegt, erklärte der Medienexperte seinem Publikum direkt: zu wenig Personal mit entsprechenden Know-how, geringes Budget und wenig Zeit. Die Nachrichtenmaschine müsse stetig weiter laufen, erklärte Stencel und zitierte einen US-Nachrichtenjournalisten: “The goat must be fed.”

“Redaktionen sollten mehr kooperieren”

Stencel und weitere Vertreter seiner Zunft wollen mit ihren Tools, die Nutzung in den Redaktionen erleichtern. Geschehen soll dies mit Hilfe von künstlicher Intelligenz, großen Datenmengen und einer automatisierten Überprüfung der Fakten. Eines dieser automatisierten, fast in Echtzeit arbeitenden Fact-Checking-Tools ist ClaimBuster, das Forscher der texanischen Universität in Arlington entwickelt haben. Das Projekt wird unter anderem von Facebook und der US-amerikanischen Knight Foundation unterstützt.

Die künstliche Intelligenz versucht dabei sachliche Behauptungen in einem Text zu finden und unterscheidet zusätzlich sprachliche Feinheiten. So kann der Nutzer zum Beispiel eine angezweifelte Passage in die Suchmaske eingeben und erhält daraufhin eine Einschätzung, ob es sich um eher wahre oder eher falsche Informationen handelt.  Das Tool gibt damit eine erste Einschätzung für den Journalisten ab.

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Genauso wie andere auf Daten basierende Programme hängen die Ergebnisse in hohem Maße von der Qualität der eingespielten Quellen ab und wie gut die künstliche Intelligenz lernt. Stencel führte ein Beispiel vor, bei dem er Alexa, dem Smartspeaker von Amazon, nach der Richtigkeit einer Aussage Donald Trumps fragte. Nach der Überprüfung durch ein Fact-Checking-Tool verkündete die Stimme nach wenigen Sekunden das Ergebnis.

Durch die neuen Technologien, so Mark Stencel, soll es fortan gelingen, den Prüfvorgang zu beschleunigen, Reichweite und Einfluss der wahren Informationen zu erhöhen und falsche Berichte schneller abzufangen.

Öffentliche Verpflichtung der US-Firmen

Dass Fact-Checking-Tools ein vielversprechender Ansatz bei der Eindämmung von Falschnachrichten sein können, glaubt ebenfalls die Europäische Union. In ihrem erst vergangene Woche vorgelegten Bericht legt sie nicht nur fest, dass der Begriff Fake News künftig vermieden und stattdessen von Desinformation gesprochen werden soll. Insbesondere die Überprüfung von Fakten innerhalb sozialer Netzwerke und durch unabhängige Organisationen und Redaktionen soll gefördert werden. Der dänische Wissenschaftler Rasmus Kleis Nielsen, der zur 39-köpfigen Expertengruppe gehörte, betont dies in einem Beitrag für das Reuters Institute for the Study of Journalism.

Der Bericht fordert zu finanzieller Unterstützung für Projekte auf, die sich um Fakten- und Quellenüberprüfung kümmern. Zudem drängen Faktenchecker und andere Gruppen seit Jahren darauf, dass die US-Firmen Twitter, Facebook und Google ihre immensen Datenmengen teilen. Durch die Unterzeichnung, so Kleis Nielsen, hätten Facebook und Co. nun eine öffentliche Verantwortung übernommen, dass sie mit Forschern bei der Bekämpfung von Falschnachrichten zukünftig intensiver zusammenarbeiten wollen. Außerdem haben die Experten festgehalten, dass Behörden auf allen politischen Ebenen der EU ihre Daten schnell übermitteln sollen, wenn sie von vertrauenswürdigen Fact-Checking-Organisationen dazu aufgefordert werden.

Auf der DIS treffen sich an zwei Tagen 500 Teilnehmer aus 35 Nationen, um über internationale Themen, Trends und Fallstudien rund um den digitalen Wandel zu diskutieren. In diesem Jahr geht es unter anderem um die Potenziale von Blockchain, Monetarisierungsmodelle für Medienhäuser und die Zukunft von Roboterjournalismus.

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