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“Politische Radikalisierung”? Zwei Autoren analysieren den Twitter-Account von Medienwissenschaftler Norbert Bolz

Tweets von Norbert Bolz: Nun haben zwei Autoren seinen Twitter-Account analysiert
Tweets von Norbert Bolz: Nun haben zwei Autoren seinen Twitter-Account analysiert

Der Medientheoretiker Norbert Bolz ist ein umstrittener Zeitgenosse: Insbesondere sein Twitter-Account sorgte in medialen Kreisen zuletzt für Diskussionen. Bei pop-zeitschrift.de haben nun zwei Autoren Bolz' über 1.200 Tweets, die er seit August 2012 verfasst hat, analysiert. Die Rezensenten erzählen dabei die Geschichte einer schleichenden Radikalisierung.

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Das Schlüsselerlebnis sei der 22. Dezember 2017 gewesen, schreibt Wolfgang Ullrich über Norbert Bolz’ Twitter-Account. Für Ullrich, Autor und Blogger, sei danach “endgültig klar” gewesen, “dass von dem Norbert Bolz, dessen medienphilosophischen und konsumtheoretischen Schriften ich über die Jahre hinweg wichtige Anregungen zu verdanken hatte, nicht mehr viel übrig geblieben ist.” Der Berliner Medienwissenschaftler hatte nach Demonstrationen von Arabern gegen Israel in Berlin die Berichterstattung kritisiert, einen Vergleich zur Kölner Silvesternacht gezogen und gefragt, ob die Medien warten mussten, “bis das Bundeskanzleramt die Richtung vorgab”. Er unterstellte der Regierung also, sie würde die öffentlich-rechtlichen und privaten Medien heimlich manipulieren. “Wie kann sich jemand, dessen Verständnis von Liberalität immer auch geistige Unabhängigkeit umfasste, ja der es genoss, intellektuelle Überlegenheit mit stilvoller Eitelkeit in Szene zu setzen, auf einmal mit den krudesten Stammtisch-Ressentiments gemein machen?”, fragt sich Ullrich.

So haben sich der Blogger und der Kunstwissenschaftler Jörg Scheller dem Account des Berliner Medienprofessors angenommen, der unter dem Motto “Die Wahrheit in einem Satz” twittert und dabei ein Genre bedient, das es in der Form noch nicht häufig gegeben hat: die Rezension eines Twitter-Accounts in Form eines schriftlichen Dialogs. In dem Artikel auf pop-zeitschrift.de, der Website der Zeitschrift “Pop. Kultur und Kritik”, erklärt Ullrich: “Vielleicht zählen Twitter-Accounts künftig genauso zum Werk von Wissenschaftlern und Schriftstellern wie Tagebücher und Briefwechsel, zumindest aber wird man kaum von ihnen absehen können, wenn man sich dafür interessiert, welche mentalen und intellektuellen Wandlungen eine Person erlebt hat oder wie sie sich in ihrer öffentlichen Rolle definiert.”

“Wie sagen die Berliner: nicht mal ignorieren”

Warum sich die beiden ausgerechnet den “Dandy der Medientheorie”, wie ihn die Zeit einst nannte, aussuchten, erklärt Ullrich. Erstens gehöre er zu einer Minderheit zeitgenössischer Theoretiker, die den Kurznachrichtendienst aktiv und ambitioniert nutzen. Bolz habe sich schon immer durch einen “sentenzenhaft verknappten Stil” ausgezeichnet. Bereits in seinen Büchern und Vorträgen habe er durch Zuspitzung provoziert. Seine kontroversen Meinungen sind auch ein Grund, warum er ein gern gesehener Gast in den Talkrunden der Nation ist. Der zweite, wichtigere Grund ist nach Ansicht der Autoren, dass sich anhand von Bolz’ Twitter-Aktivitäten die Geschichte einer Radikalisierung erzählen lässt, die vor rund drei Jahren eingesetzt haben soll. “Viele seiner Tweets bedienen mittlerweile die Ressentiments rechtspopulistischer, teils sogar rechtsextremer Milieus; selbst vor verschwörungstheoretischen Szenarien schreckt Bolz nicht zurück”, schreibt der Autor auf seinem Blog Ideenfreiheit.

Darin sei er wohl symptomatisch zu betrachten, erklärt Ullrich in der Analyse. “Bolz gehört zu der Generation älterer Männer, aus deren Reihen seit dem Herbst 2015 vielfach scharfe Kritik an der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung, namentlich an Angela Merkel geübt wird. Wie etwa auch Peter Sloterdijk, Rüdiger Safranski oder Jörg Baberowski steht er damit auf einmal in der Nähe von Rechtspopulismus, AfD und Pegida.” Die starke Resonanz auf seine Tweets würden ihn sogar anspornen, “noch polemischer zu formulieren und sich die Reiz- und Kampfvokabeln der rechten Szenen zu eigen zu machen”, so der Blogger.

Jörg Scheller hat im vergangenen Jahr begonnen, Bolz’ “Wahrheiten in einem Satz” zu lesen und hielt den Account zunächst für Satire. In den sozialen Netzwerken wurde sogar schon darüber diskutiert, ob es sich bei dem Profil um einen Fake handeln könnte, unter anderem aufgrund der fehlenden Verifizierung durch das bekannte Häkchen. Laut MEEDIA-Informationen handelt es sich nicht um einen gefälschten Account.

Der Wissenschaftler Scheller analysiert: “Im Laufe der letzten Jahre wurde jedoch immer deutlicher, wie ernst es Bolz ist. Er radikalisierte sich offenbar vor allem im Zuge der Flüchtlingskrise. Sein liberaler Konservatismus, der früher teils erfrischend dialektisch daherkam und im Konsumistischen Manifest einen stellenweise irren – im positiven Sinne! – Höhepunkt fand, hat müder Regression Platz gemacht.”

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“Er nutzt Twitter wie ein altes Medium, das nur einen Sender kennt und alle anderen auf Empfänger reduziert”

Scheller und Ullrich sezieren Bolz’ Twitter-Aktivitäten und stellen fest, dass sich das Social-Media-Verhalten des Wissenschaftlers mehr und mehr gewandelt hat: So beobachtet Ullrich beispielsweise, dass er sich nie an Debatten beteiligt und ebenso wenig auf Fragen oder Gegenreden zu seinen Tweets antwortet. “Das wirkt schnell etwas von oben herab, so als sei es unter seiner Würde, sich mit anderen überhaupt abzugeben.” Seine mehr als 5.600 Follower reduziere er auf Empfänger. “Er nutzt Twitter also eigentlich wie ein altes Medium, das nur einen Sender kennt.”

Während er am Anfang nur einen Tweet pro Tag veröffentlichte, änderte er irgendwann seine Strategie und twittert mittlerweile meist mehrmals am Tag. Seine anfangs zumeist unpolitischen Tweets, eher kultivierte Bonmots, hätten sich vor dem Hintergrund gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen gewandelt. Seine Ansichten zur Flüchtlingspolitik und gegenüber Migranten, das belegen die zitierten Tweets, haben sich radikal verändert. Scheller stellt fest: “In Bolz‘ Tweets waltet der ‘Thymos’, also der von der Neuen Rechten beschworene ‘Zorn’ und ‘Stolz’, in Beamtengestalt. Aus komfortabler Distanz, umhegt von Väterchen Staat, gut abgesichert durch ein unkündbares Beschäftigungsverhältnis, das Bolz all seinen Klagen über das Elend der Universitäten zum Trotz aufrechterhält.” Gleichwohl finde man hin und wieder auch weiter “lesens- und bedenkenswerte Aphorismen”, erläutert Scheller.

Das Duo mutmaßt über die Gründe der Radikalisierung. Scheller sagt, dass derart provokante und radikale Meinungen am “Social-Media-Opportunismus” liegen könnten, negative und schlechte Nachrichten zahlten sich aus. Im Kosmos der sozialen Netzwerke bedeutet das Likes. Ullrich sekundiert und glaubt, dass derartiger digitaler Beifall die Motivation sein könnte. “Die große Nachfrage nach deftigen Provokationen bestärkt ihn darin, immer häufiger Entsprechendes zu liefern. Zugleich bekommt er natürlich mit, dass er sich viele neue Feinde macht. Unter einigen seiner Tweets finden sich mehr kritische Kommentare als zustimmende Äußerungen”, so Ullrich und schlussfolgert: “Aber vielleicht motiviert ihn der Widerstand, den er erfährt, genauso wie der Beifall.” Dies sei letztlich nur eine Vermutung, genauso wie weitere Erklärungen für die Altersradikalisierung des Berliner Professors, wie beide in ihrer Rezension betonen.

Autor Scheller fragt, warum gerade Akademiker und Wissenschaftler genauso gewissenhaft grobe Tätigkeiten anwenden, wie sonst Internettrolle, auf Klickzahlen schielende Massenmedien sowie neuerdings gewisse Präsidenten. “Wäre es nicht ihre Aufgabe, ein Korrektiv zu bilden und mit nüchternen, fundierten, aber durchaus engagierten und pointierten Beiträgen der Polarisierung der Gesellschaft entgegenzuwirken?”, heißt es zum Abschluss des Beitrags.

Norbert Bolz hat auf Anfrage von MEEDIA in seinem ihm typischen Stil Stellung zur Analyse bezogen: “Wie sagen die Berliner: nicht mal ignorieren!”

Update, 15. März, 15:05 Uhr: Die zwischenzeitlichen Probleme auf der Homepage der Pop-Zeitschrift sind scheinbar behoben. Die Analyse ist nun wieder über diesen Link verfügbar

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