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Das Schattenreich: Wie deutsche Nazis Russlands Facebook-Klon VKontakte für ihre Propaganda nutzen

Das russische Netzwerk VKontakte ist zum Treffpunkt deutscher Rechtsextremisten geworden
Das russische Netzwerk VKontakte ist zum Treffpunkt deutscher Rechtsextremisten geworden

VKontakte ist das größte soziale Netzwerk Russlands. Auch in Deutschland findet die russische Facebook-Alternative zunehmend Nutzer und wird zum Sammelbecken für Neonazis und Rechtsradikale. Während die deutsche Regierung versucht, mit Gesetzen gegen Hass und Hetze bei Facebook vorzugehen, scheint sich die russische Alternative derweil zu einem virtuellen rechten Paralleluniversum zu entwickeln. Es reichen wenige Klicks, um Teil der rechten Community zu werden.

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“Heil Hitler. Danke für deine freundschaft akzeptanz”: Gerade einmal 24 Stunden, nachdem ich mich bei der russischen Facebook-Alternative Vkontakte angemeldet habe, prangt ein Hakenkreuz auf meiner Seite. Geposted von einem Mann, dessen Profilbild einen SS-Soldaten zeigt und der als seinen Geburtstag den 20. April angibt. Auf meinem eigenen Profilbild ist ein Adler zu sehen, ich nenne mich Mia. Ich gebe nur wenig Persönliches an, lediglich, dass ich konservative Christin bin. Das Motto meines Alter Egos lautet “Family First”. Alle anderen Felder, beispielsweise die Frage nach meiner politischen Gesinnung, lasse ich frei. Mit Hilfe von Mia will ich herausfinden, wie leicht oder schwer es ist, in dem sozialen Netzwerk Anschluss an die rechte Szene zu finden.

Eva Braun und Rudolf Heß in der Freundesliste

Als erste Handlung liked Mia Seiten und tritt öffentlichen Gruppen bei: “Lügenpresse”, “Journalistenwatch”, “Deutsche Patrioten”, “Islam gehört niemals zu Deutschland”. Dann startet sie den Versuch, in eine geschlossene Community zu kommen und stellt eine Beitrittsanfrage in der Gruppe “Unser Früher Adolf Hitler”. Nach nur fünf Minuten schaltet der Admin sie frei. Weitere fünf Minuten später hat sie 20 Freundschaftsanfragen und acht Vorschläge für neue Gruppen: “Wir Nazis hassen Juden”, “Nazi Deutschland”, “Meine Ehre heisst Treue”, “Bund Deutscher Mädel”, “Nazi Mitglieder”, “Nazi zu sein ist mein stolz – Heil Hitler”, “Adolf Hitler Nazi Kameradinnen” und “Ich bin eine Nazi Frau”. Ich nehme in Mias Namen alle Anfragen an und verschicke selber weitere: Nach fünf Tagen hat Mia knapp 50 Freunde. Die meisten von ihnen aus Deutschland, einige aus den USA und manche aus Russland. Eine Frau nennt sich Eva Braun, ein Mann Rudolf Heß. Eine ihrer neuen Freundinnen posiert mit SA-Mütze. Manche von ihnen haben ebenfalls einen Adler als Profilbild, andere eine Deutschlandfahne, manche gar ein Hakenkreuz. Anschluss geglückt.

2006 von den beiden Brüdern Nikolai und Pawel Durow gegründet, hat sich der russische Facebook-Klon Vkontakte mittlerweile zu einem der größten sozialen Netzwerke der Welt entwickelt. In Osteuropa rangiert es auf Platz 1 der meistgenutzten Social-Media-Plattformen. Nach eigenen Angaben hat VKontakte aktuell 97 Millionen monatliche Nutzer (Stand März 2018). Zum Vergleich: Facebook hatte im vierten Quartal des vergangenen Jahres rund 2,13 Milliarden monatliche Nutzer; in Deutschland wird Zuckerbergs Netzwerk von rund 30 Millionen Personen genutzt (Stand Mai 2017). Die Webseite Vk.com kam im Januar 2018 laut Hochrechnungen von SimilarWeb auf weltweit 2,9 Milliarden Visits – Seitenbesuche via App nicht mitgezählt. Deutschland ist mit zwei Prozent der Visits das fünftstärkste Land in Sachen VK-Traffic – hinter Russland, Ukraine, Weißrussland und Kasachstan.

Rechte Hetze mit Stilmitteln der Popkultur

Der offen ausgelebte Hass bei Vkontakte schlägt mir unmittelbar entgegen. Mias Timeline ist mittlerweile zu einer bunten Mischung unterschiedlicher rechter Ideologien geworden: Ich sehe aufgeregte Posts von “Islamkritikern”, die fleißig Beiträge von Seiten wie dem Blog Halle-Leaks teilen, in denen vor “Vergewaltigung und Terror” durch “Afghanen” gewarnt wird und die sich darüber ärgern, dass “die Flüchtlinge” deutschen Männern Ausbildungsplätze wegnehmen. Ich sehe Verschwörungstheorien über die “Pharma-Mafia” in der “Deutschland GmbH”, die die “normalen Bürger” mit Gift absichtlich krank hält und die “Eliten” bewusst verschont. Ich sehe Memes, auf denen schwarze Menschen mit Affen verglichen werden. Ich sehe Holocaust-Leugnungen und Juden-Hass. Und ich sehe Aufrufe zur Gewalt: “Hängt sie, solange es noch Bäume gibt”, “Wie gern würde ich einem davon mal den Schädel einschlagen”, “Da hilft nur noch Selbstjustiz”.

Sicher machen diese extremen Nutzer angesichts der monatlichen VK-Nutzungszahlen keine Mehrheit aus. Doch in dem subjektiven Ausschnitt meiner persönlichen Timeline koexistieren “Flüchtlinge zurück nach Syrien”-Rufer neben Hitler-Fans und “White-Pride”-Anhängern aus den USA. Sie alle lehnen die “Mainstream-Medien” ab und sind davon überzeugt, dass ihre Stimme in der Öffentlichkeit “von der westlichen Maulkorb-Demokratie” absichtlich zensiert werden soll. Rechtsextreme Parteien sind ebenfalls bei Vk.com vertreten: die NPD hat einen Account und die Neonazi-Kleinpartei Der Dritte Weg auch. Insgesamt haben sie etwas mehr als 2.000 Follower. Ob die Seiten offiziell von den Parteien selbst betrieben werden, lässt sich nur schwer feststellen. Einen verifizierenden blauen Haken haben sie jeweils nicht.

Besonders arg geht es bei VK in den Gruppen zu: Hier werden beispielsweise Audiomitschnitte von Adolf Hitlers Reden geteilt oder Karikaturen, die offenbar noch aus dem dritten Reich stammen. Beliebt scheinen außerdem Netz-typische Memes und GIFs zu sein, um volksverhetzende und gewaltverherrlichende Inhalte zu transportieren: Extremismus als Teil der Popkultur.

Screenshots: Vk.com

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“Seit Entstehen des Internets hat der Rechtsextremismus in Deutschland eine Renaissance erlebt”, sagt Kai Brinckmeier. Der Kommunikations- und Politikwissenschaftler forscht zu rechtsextremer Kommunikation im Netz und betont im Gespräch mit MEEDIA, dass vor allem soziale Netzwerke für extreme Strömungen sehr wichtig seien. “Aus politikwissenschaftlicher Perspektive war der Rechtsextremismus nie eine einheitliche Ideologie, sondern ein Sammelsurium aus verschiedenen Theorien und Facetten. So gibt es beispielsweise neu-rechte Identitäre, politische Parteien, Skinheads und so weiter”, so Brinckmeier. In den Zeiten vor dem Internet hätten sie nur schwer zueinander gefunden, sagt der Wissenschaftler, doch jetzt könnten sie sich leicht austauschen, für Veranstaltungen mobilisieren und auch neue Anhänger gewinnen.

Digitale Kommunikation ist für Extremisten ein Glücksfall

Vorher bestehende Grenzen zwischen unterschiedlichen Akteuren würden in den sozialen Netzwerken eingerissen, wodurch ein Push entstehe, eine Bewegung. Die Fragmentierung löse sich zum Teil auf und die verschiedenen Strömungen könnten gebündelt werden. “Dementsprechend ist die digitale Kommunikation für Extremisten ein Glücksfall”, sagt Brinckmeier.

Besonders problematisch stuft Kai Brinckmeier dabei ein, dass Menschen aus dieser Szene nahezu komplett autark in einer rechtsextremen virtuellen Welt leben und darin verschwinden können. “Sie knüpfen dort Freundschaften, hören online die Musik, die zu ihrer Gesinnung passt, lesen diejenigen Medien, denen sie vertrauen, kaufen Kleidung und lachen am Abend über vermeintlich lustige Witz-Bildchen”, sagt er, “sie erfahren, dass es viele andere Menschen gibt, die ein ähnliches Weltbild haben und das stiftet Identität.”

Zum virtuellen Leben im Parallelnetzwerk Vk.com gehört auch dazu, sich von den großen “Mainstream”-Netzwerken abzugrenzen: Facebook wird einvernehmlich zum Feind erklärt, der den Bürgern im Auftrag der Regierung den Mund verbieten soll. So wird auf der Seite der AfD vor allem darüber diskutiert, wann wer wieso bei Facebook gesperrt oder “zensiert” wurde. Ob der AfD-Account tatsächlich ein öffentlicher Web-Auftritt der Partei ist, ist auch hier nicht eindeutig erkennbar. Der letzte Beitrag stammt bereits aus dem Jahr 2015. Er lautet: “Liebe Freunde, wir haben uns diese Seite für den ‘Fall der Fälle’ erstellt, werden diese aber bis auf Weiteres nicht besonders pflegen.” Mit “Fall der Fälle” scheint eine Sperrung bei Facebook gemeint zu sein. In der Kommentarspalte unter dem Beitrag sehen viele Nutzer eine Sperrung oder das Löschen eines Kommentars als eine Art Auszeichnung an, als Preis dafür, dass sie weiter umeingeschüchtert für das kämpfen, woran sie glauben.

Bundesamt für Verfassungsschutz ist die Problematik bekannt

In Deutschland wird seit Monaten darüber diskutiert, wie der digitale Hass bei Facebook bekämpft werden kann: auf politischer Ebene soll das NetzDG helfen, in der Gesellschaft formieren sich Netz-Gegenbewegungen wie #ichbinhier. Doch ein einziger Blick hinüber zu Vkontakte genügt, um den Eindruck zu bekommen, dass  sich hier ein Auffangbecken entwickelt hat – für all diejenigen, die bei Facebook keinen Platz (mehr) finden. Zwar steht in den Nutzungsbedingungen des Netzwerkes, dass Faschismus und Rassismus verboten seien genau wie Diskriminierung und Aufrufe zur Gewalt. Und es besteht ebenfalls die Möglichkeit, Beiträge und Kommentare zu melden. Doch angesichts der existierenden Beiträge darf bezweifelt werden, wie effektiv die Macher von Vkontakte gegen Verstöße tatsächlich vorgehen.

Dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) ist die Problematik bei Vkontakte bekannt, wie eine Sprecherin gegenüber MEEDIA bestätigt und erklärt: “Soziale Netzwerke werden seit geraumer Zeit auch durch Rechtsextremisten genutzt. Sofern diese bezüglich der Frage nach möglichen Alternativen zu Facebook den zahlreichen, im Internet kursierenden Empfehlungen folgen und sich beispielsweise in Richtung des russischen Netzwerkes vk.com orientieren, nutzt das BfV auch dieses ‘Ausweichnetzwerk’ als Informationsquelle.” Angesichts der Vielzahl digitaler Kommunikationswege sei eine dauerhafte Etablierung VKs als das vorrangig genutzte soziale Neztwerk deutscher Rechtsextremisten jedoch bis heute ausgeblieben. “Erhält das BfV im Rahmen dieser Informationsgewinnung im Internet beziehungsweise bei vk.com Kenntnis von Netzwerkprofilen und dort geposteten Inhalten, die offensichtlich strafrechtlich relevante Aktivitäten oder Äußerungen beinhalten, unterrichtet das BfV die zuständigen Polizeibehörden”, sagt die Sprecherin des BfV weiter. Eine Statistik zur Anzahl von gemeldeten oder bearbeiteten Beiträgen liege nicht vor, so der BfV auf Nachfrage von MEEDIA.

Nach einer Woche als Mia bei Vkontakte habe ich gemerkt, wie schnell der Kontakt zu (Rechts-)Extremen in einem sozialen Netzwerk tatsächlich aufgebaut werden kann – und zwar innerhalb weniger Stunden. Als mich ein erster User privat anschreibt, melde ich mich ab. Doch wer tatsächlich ernsthaftes Interesse an extremistischen Ideologien hat, dem stehen wohl kaum Hindernisse im Weg, um mit den Akteuren in Verbindung zu treten und Inhalte zugespielt zu bekommen.

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