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Dieter Wedel, Die Zeit und der „Kameltester“: Thomas Fischer über die "Selbstgerechtigkeit" eines Leitmediums

Zeit-Vizechefin und Justizexpertin Sabine Rückert, Kritik des früheren Kolumnisten und Ex-Bundesrichters Prof. Thomas Fischer: "Frau Oberstaatsanwältin lässt einvernehmen"

Als „deutscher Fall Weinstein“ ging die Affäre um die schweren Vorwürfe von Schauspielerinnen gegen Dieter Wedel im Januar durch die Medien. Zwei Monate später ist es in der Debatte um den Regisseur eher ruhig. Sender und Produktsfirmen haben interne Ermittlungen ergebnislos eingestellt, bislang sind keine neuen Anschuldigungen bekannt geworden. Zurück bleibt ein unbewiesenes Kapitel #MeToo, aber auch Kritik an der Zeit, die die Vorwürfe recherchiert und öffentlich gemacht hatte. Der frühere Bundesrichter Thomas Fischer, selbst jahrelang Kolumnist bei Zeit Online, zieht eine vorläufige Bilanz, in der er dem Leitmedium „selbstgerechte und eifernde Berichterstattung“ attestiert – mit weitreichenden Folgen für Wedel. Fischer: „Wenn die Zeit meint, dass einer schuldig ist, kommt es aufs Vernichten nicht mehr an.“

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Ein Gastbeitrag von Thomas Fischer
Am 29. Januar 2018 habe ich mich an dieser Stelle zum Fall Wedel und seiner Darbietung durch die Zeit geäußert. Nach fünf Wochen, zahllosen anderen Stellungnahmen und mehreren Interviews von Beteiligten will ich einen zweiten Teil anschließen und etwas zum Stand der Dinge sagen.
Falls wieder jemand auf die Idee kommt, meine Kritik solle eine Art von inhaltlicher Stellungnahme oder Beweiswürdigung sein, wäre dies ein glatter Irrtum. Es übersteigt die Fähigkeiten eines pensionierten Strafrichters bei weitem, 30 Jahre alte Strafrechtsfälle durch das Lesen von Presseberichten oder aufgrund nacherzählter anonymer Zeugenaussagen zu lösen. Es ist mir daher auch vollständig unverständlich, auf welche Weise die große Vielzahl von in Deutschland tätigen Journalisten diese Fähigkeit erworben hat, zumal die meisten von ihnen noch nicht einmal die Rechtsfragen verstehen, um die es in der Sache geht.
Meine Intervention ist eine Kritik an der selbstgerechten und eifernden Attitude der Berichterstattung und an den abstoßenden Vermischungen, die – im Brustton des Gerechten und Guten – die Diskussion bestimmen.

„Verbrechen zu verfolgen, ist Sache der Justiz“

Die bei der Berlinale eingerichteten „Anlaufstellen“ für vor Ort anwesende Opfer von Sexualstraftaten blieben leer. Bei der Verleihung der Academy Awards am 4. März 2018 war The Weinstein Company nicht zugegen, Dieter Wedel ebenfalls nicht. Der Moderator Jimmy Kimmel lobte die auf der Bühne stehende überlebensgroße Figur des „Oscar“: Dieser sei, so sprach er, „der beliebteste und am meisten respektierte Mann, denn er hält seine Hände dort, wo man sie sehen kann (…) Er wird niemals ausfallend und hat keinen Penis.“ Diese mit Spannung erwartete Aufarbeitung des neben dem School Shooting und der Kleiderfrage derzeit wichtigsten amerikanischen Themas brachte Herrn Kimmel viel Lob ein. Trotzdem war noch immer nicht alles gut.
Vor etwa fünf Wochen hat die Zeit (24. Januar 2018) die zweite Folge des Wedel-Tribunals veröffentlicht: vier Fälle, davon zwei anonym und einer, der eine unverschämte Schikaniererei, aber keine Sexualstraftat beschrieb. Die erste Folge im Zeit-Magazin vom 4. Januar 2018 brachte drei Fälle von Sexualstraftaten, davon eine anonym. Der Chefredakteur der Zeit, Giovanni di Lorenzo, berichtete bei „Maybrit Illner“, man habe „bisher 18 Fälle dokumentiert“. Der Chefredakteur des Zeit Magazins, Christoph Amend, sprach in einem Interview des Medienmagazins journalist vor wenigen Tagen von „25 dokumentierten Fällen“ (siehe auch MEEDIA, 5.3.2018). Die Formulierung bewegt sich sprachlich im Graubereich zwischen Information und Desinformation, denn dokumentiert sind ja eigentlich nicht „Fälle“, sondern Behauptungen von Fällen, oder Bemühungen von Journalisten, solche Behauptungen für den Massenkonsum aufzubereiten. Dies beiseite gelassen, stellt sich dem Leser nun die Frage, ob, wann, wie und warum die noch ausstehende Sammlung von weiteren etwa 20 „Dokumentationen“ das Licht der Öffentlichkeit erblicken wird. Denn die Klarnamen sind, so Amend, Zitat:

wichtig, weil man den Frauen sonst hätte vorwerfen können, dass sie für ihre Vorwürfe nicht geradestehen.

Da wird es schon schwierig: Einerseits trifft 20 Frauen der Vorwurf, nicht geradestehen zu wollen, andererseits hat die Zeit „Verständnis für jede Frau, die … nicht in der Öffentlichkeit stehen möchte“. Die Leser können sich vorerst aussuchen, was ihnen lieber ist.
Aber das ist wahrlich nicht das Hauptproblem! Erinnern wir uns an den November 2017, als die Zeit Online-Journalistin Carolin Würfel einen Artikel mit dem Titel „Wir wissen es“ veröffentlichte, in dem sie von angeblichen Sexualstraftaten im Berliner „Kulturmilieu“ erzählte und behauptete, sie kenne Opfer und Täter. Daraufhin nahm die stellvertretende Chefredakteurin der Zeit sich die Kollegin Würfel öffentlich zur Brust: „Das soll Journalismus sein?“, fragte sie am 18.11. auf Zeit Online, und merkte an:

Ich will Euch nicht vor Gericht sehen‘, ruft Carolin Würfel im Text den ins Visier genommenen Männern zu (warum eigentlich nicht?), aber was Würfel will oder nicht will, ist dem Staat einerlei. Beim von ihr Geschilderten handelt es sich um Offizialdelikte, da müssen Zeugen vor dem Staatsanwalt oder dem Richter aussagen (…) Macht die Zeugin Würfel aber Angaben, dann wird denen nachgegangen: Ihre Informantinnen bekommen Vorladungen, die Beschuldigten Post von der Polizei. So kann es kommen, wenn aus einer Sache, mit der man sich vielleicht auch wichtigmachen wollte und die man eigentlich gar nicht so gemeint hat, plötzlich Ernst wird…

Das war im Ergebnis einigermaßen zutreffend. Nun fragt sich der Leser: Was hat das Rechercheteam der Zeit den mehr als 20 Frauen gesagt, die zwar (angebliche) Taten „dokumentieren“ ließen, aber anonym bleiben wollen? Fällt unter journalistischen Quellenschutz, wer die Opfer von Verbrechen des von der Zeit überführten Herrn Wedel sind? In der Folge „Der Schattenmann“  (Paid Content) vom 24.1.2018 war von (mindestens) zwei Taten gegen der Zeit bekannten Zeuginnen die Rede, die sich Ende der 90er Jahre ereignet haben sollen, also vermutlich wie die von der Zeugin Jany Tempel behauptete Tat nicht verjährt wären. Nimmt die Zeit die Verfahrenseinstellungen nun trotzdem selbst vor? Oder hat sie es vielleicht „gar nicht so gemeint“? Dagegen spricht, dass der Öffentlichkeit vielfach mitgeteilt wurde, man habe sehr ernsthaft ermittelt und geprüft. Der Chefredakteur der Zeit sagte bei „Maybrit Illner“:

Frage: „Gehen Sie mit einer solchen Verdachtsberichterstattung nicht ein zu hohes Risiko ein im Grunde für alle Beteiligten?“
Antwort: „Es gibt Verdachtsberichterstattung und Verdachtsberichterstattung. Der Vorwurf der sexuellen Gewalt … ist einer der schlimmsten, die man erheben kann, und deshalb ist man gezwungen, es ist auch eine Frage des Anstands, dass man es so gründlich wie es nur irgendwie geht tut.“

Und die stellvertretende Chefredakteurin der Zeit schrieb am 11. Januar 2018:

Wir haben uns das Vorgehen von Ermittlern zum Vorbild genommen und anschließend das Ergebnis von mehr als zwei Monaten Recherche und fast fünfzig Befragungen gewürdigt. Danach mussten wir das Tatgeschehen für hochwahrscheinlich halten… Was die Frauen erzählen, sind keine Bagatellen (…) Geschildert werden hochaggressive sexuelle Attacken, die Polizei und Staatsanwaltschaft auch damals auf den Plan gerufen hätten, wären sie … bekannt geworden.

Na denn: Dank der Zeit-Recherche sind diese ja nun bekannt, jedenfalls den Rechercheurinnen, die auch die Identität der mutmaßlichen Opfer kennen und den Täter für überführt halten und „deshalb“ berichten. Daher ist zu fragen, wer die der Zeit bekannt gewordenen schweren Sexualstraftaten, die allesamt Offizialdelikte sind, denn nun rechtlich – z.B. unter dem Gesichtspunkt der Verjährung – prüfen soll. Denn ob die Opfer lieber anonym bleiben möchten und „hier Lena Hein heißen sollen“, ist, wie Sabine Rückert die Kollegin Würfel im November 2017 belehrte, „dem Staat einerlei“:

Beim … Geschilderten handelt es sich um Offizialdelikte, da müssen Zeugen vor dem Staatsanwalt oder dem Richter aussagen. Wer sich weigert, dem drohen Ordnungsgeld oder bei hartnäckiger Weigerung Beugehaft (bis zu sechs Monaten)… Verbrechen zu verfolgen und zu bestrafen, ist Sache der Justiz. Nicht der Autorin Würfel.

Das ist wahr, und deshalb muss man recht genau darauf achten, ob vielleicht der (versuchten) Straftatbestand der Strafvereitelung ins Blickfeld gerät, wenn man den (angeblichen) Täter von Verbrechen öffentlich brandmarkt, die Identität der Opfer aber verschleiert. Aber bekanntlich ist die Presse ja frei, jemanden wegen „Fällen“ zu beschuldigen, die von vornherein unbekannt bleiben sollen.
Auch deshalb allerdings muss jemand, dem die Justiz, die Wahrheit und die Verbrechensverfolgung am Herzen liegen, ein paar Einwände gegen das Zeit-Tribunal formulieren, selbst wenn es weh tut und so ungern gehört wird, dass man dem Kritiker, mit dessen „kritischem Querdenken“ man sich drei Jahre lang geschmückt hat, wort-, erklärungs- und verständnislos den Stuhl vor die Tür setzt.

Ermittlungsergebnisse

Der Ansatz, die Recherche-Leistungen der Zeit an dem von ihr selbst genannten Anspruch zu prüfen, ist nur ein Nebenschauplatz, aber wichtig, weil die überdrehte öffentliche Diskussion mit einer atemberaubenden Selbstgewissheit alles durcheinander und über den Haufen wirft. Wie schon im Beitrag vom 29. Januar 2018 angemerkt, stimmt es eben nicht, dass die „Dokumentationen“, soweit sie veröffentlicht wurden, den Ansprüchen an eine professionelle Ermittlung genügen. Es handelt sich bei der Darstellung auch gar nicht um etwas, was man „Dokumentation“ nennen könnte, sondern um einen literarischen Text:

Wenn sie in ihrer Berliner Wohnung von jenem Tag mit Wedel erzählt, zieht sie die langen Ärmel ihres Wollpullovers über ihre Hände, als sei ihr kalt. Sie ist jetzt 48 Jahre alt und hat lange dunkle Locken.

Diese stimmungsvolle Beschreibung stammt nicht aus dem Goldenen Blatt, sondern aus dem Zeit Magazin; sie und schildert die Befragung einer Wedel beschuldigenden Zeugin.
Die Frau will, wie die Zeit mitteilt, „nicht zu viele Details über sich in der Öffentlichkeit ausbreiten“. Aber ein paar Details haben es mit Hilfe der Rechercheurinnen der Zeit dann doch auf den Marktplatz und für alle Ewigkeit ins Internet geschafft: „Missbrauchserfahrungen“ als Kind, ein Suizidversuch, eine rezidivierende psychische Erkrankung, die Unfähigkeit, „zwischen einvernehmlichem Sex … und erzwungenem Sex“ zu unterscheiden – das sind „Details“, die eine psychisch labile Person gewiss gern den Stammtischen berichtet, wenn es der guten Sache dient. „Das kleine hübsche Mädchen zu sein, das immer nett ist – das ist die Thematik meines Lebens“, hat sie dem Rechercheteam erzählt, und die stolzen Ermittlerinnen zitieren auch dies wörtlich. Sind sie sicher, dass sie mit so viel offenkundiger Unfähigkeit, Grenzen zu setzen, verantwortungsvoll umgegangen sind?
Das journalistisch aufbereitete Vorführen von Zeuginnen, die unter dem Namen „die Frauen“ in der Darstellung nur noch als homogene, der uneingeschränkten Solidarität und Fürsorge bedürftige Gruppe erscheinen, ist zweifelhaft. Es entwertet sie und stellt, wie Frau Illner zutreffend anmerkte, ein hohes Risiko gerade auch für die von der Zeit Betreuten dar.
Auf der anderen Seite Wedel. Er bestreitet. Er hat eine lange und eifrige Presseerklärung versenden lassen. Das freut jeden gegnerischen Presserechtsanwalt, denn damit hat er sich und seine Argumente freiwillig der Öffentlichkeit geöffnet; von nun an kann alles auf offener Bühne verhandelt werden.
Von Wedel erfahren die Leser weniger Herzerweichendes: Er hat „sechs Kinder mit sechs verschiedenen Frauen“; es gab (gibt?) „zahlreiche Plagiatsvorwürfe“ gegen ihn. Der Chefredakteur des Zeit Magazins beschreibt, wie „um den Kern der Recherche herum ein Bild von einem Menschen (entstand), der (…) Frauen nicht nur sexuell genötigt haben soll (…).“ Journalisten ist, wie Krimiautoren, das „Bild“ mindestens so wichtig wie sein Inhalt. Das ist nicht verwunderlich. Wer das Zeit Magazin zur Hand nimmt, möchte keine Ermittlungsakte studieren. Ungut und falsch wird es, wenn die Journalisten selbst beides nicht mehr auseinanderhalten können. Dann gewinnen das „Bild“, das „Klima“ und die Story allzu leicht die Oberhand. Man muss nur die merkwürdige Textmischung aus wörtlichen Zitaten, wertenden Beschreibungen und indirekten Reden unter Weglassen des „Stimmungs“-Brimboriums lesen, um auf erstaunliche Beweiswürdigungsfehler zu stoßen:

Ein Widerspruch

Der Fall Tempel ist der einzige der enthüllten Fälle, der wohl nicht verjährt wäre und wegen dessen die StA München II ein Ermittlungsverfahren eingeleitet hat; er stammt aus dem Jahr 1996. Das Zeit Magazin hat berichtet, Tempel habe mehreren Personen nach dem Vorfall eine „abgeschwächte Version“ erzählt; den Rat, Strafanzeige zu erstatten, habe sie aus Angst um ihre Karriere nicht befolgt. Später habe sie anderen Personen davon erzählt. Jedoch „erst jetzt fühle sie sich durch die #MeToo-Enthüllungen und die Beratung und Unterstützung durch einen Anwalt stark genug, ihre Erfahrungen öffentlich zu machen.“
Das steht offenkundig im Widerspruch zu einer zwei Seiten früher in demselben Artikel stehenden Schilderung, die von der Redaktion ebenfalls als Kennzeichen von Glaubwürdigkeit präsentiert wird:

Jany Tempel hat den Vorfall schon einmal aufgeschrieben, 2003, in einem Buchmanuskript… Das Manuskript, das dem Zeitmagazin vorliegt, war von einem bekannten Berliner Agenten interessierten Verlagen angeboten worden. Zu einer Veröffentlichung kam es nicht, unter anderem weil man Klagen der beschriebenen Männer befürchtete.

Die Zeugin fühlte sich also keineswegs erst jetzt, sondern bereits spätestens 2003 stark genug, an die Öffentlichkeit zu gehen; sie tat dies sogar auf bemerkenswert offensive Weise, indem sie, statt Wedel nun endlich anzuzeigen, ein Buch schrieb und „verschiedenen Verlagen“ anbot. Ihren Schauspieler-Beruf hatte sie bereits 1999 aufgegeben. Es gab also 2003 weder Angst vor der Öffentlichkeit noch Angst um die Karriere; ihre Freunde glaubten ihrer Darstellung.
In dem Satz: „…weil man Klagen der beschriebenen Männer befürchtete“ lässt der Plural aufhorchen: Das Manuskript enthält offenbar Beschuldigungen gegen mehrere Männer wegen unterschiedlicher Taten. Die Zeit berichtete überdies, die Zeugin sei schon in der Kindheit Opfer von Sexualstraftaten geworden; weiterhin, sie habe kürzlich eine „Ausbildung zur Begleiterin für Psychiatrie-Patienten“ absolviert.
Nicht nur das Übersehen des offenen Widerspruchs, sondern auch der Umstand ist erstaunlich, dass die Zeit-Ermittler nicht recherchiert haben, wie die Sach- und Verfahrenslage in den anderen von Tempel geschilderten Fällen ist, ob dort jemals Anzeigen oder Ermittlungen erfolgten (wenn ja: mit welchem Ergebnis; wenn nein: warum nicht?). Statt einen ungeklärten Vorwurf einer Person (Tempel) damit „beweisen“ zu wollen, dass es auch noch weitere ungeklärte Vorwürfe anderer Personen („die Frauen“) gebe, läge es nahe, sich mit von derselben Person gegen Dritte erhobenen Vorwürfen zu befassen.

Noch ein Widerspruch

Die zweite nicht anonyme Frau, deren Beschuldigung die Zeit am 4. Januar 2018 veröffentlichte, war Patricia Thielemann. Sie hat sich in einem am 26. Februar 2018 im Tagesspiegel veröffentlichten Beitrag selbst als „eine der beiden Anklägerinnen im Fall Wedel“ bezeichnet. Weiter heißt es:

Natürlich frage ich mich, warum gerade jetzt so viele Frauen den Mut aufbringen, übergriffigen Männern endlich die Grenzen aufzuzeigen, und ob ausgelöst durch diese Debatte tatsächlich ein gesellschaftlicher Wandel stattfinden wird.

Man könnte meinen, die Antwort auf den ersten Teil dieser etwas seltsamen Frage ergebe sich zwanglos aus dem zweiten Teil, der allerdings seinerseits ins Ungewiss-Zukünftige verströmt. Letzten Endes ist aber beides nicht Frau Tielemanns Hauptanliegen. Sie berichtet von den Aufregungen und Belastungen nach der Veröffentlichung:

Auch wenn der Wahnsinn um die Wedel-Geschichte meinen gewöhnlich bis auf die Minute durchgetakteten Alltag für sechs Wochen restlos aus den Fugen gehoben hat, bereue ich nicht, „me too“ gesagt zu haben.

Dass man nicht ahnen konnte, dass es zu Belastungen führen könnte, in der Presse die Geschichte eines (verjährten) Verbrechens durch eine öffentlich bekannte Person in allen Einzelheiten zu erzählen, ist wenig glaubhaft. Dass die Sache für großes Aufsehen sorgen würde, war klar und ist der Zeugin gewiss von der Zeit-Redaktion angekündigt worden. Sie hat ja auch die Gelegenheit genutzt, allen, die es noch nicht gelesen hatten, via „Maybrit Illner“ von ihrer Empörung darüber zu erzählen, dass Wedel Unterlassung gefordert habe und in Medien „Kritik“ an ihr geäußert worden sei.
Wie die Bürger inzwischen wissen, ist Frau Thielemann beruflich mit Stressbekämpfung beschäftigt. Die Zeit meldete, sie sei „Yogalehrerin“, was nicht falsch ist, aber die Sache nicht ganz auf den Punkt trifft. In ihrem Tagesspiegel-Artikel mit dem schönen Titel „Wie Yoga mir bei der Verarbeitung der Wedel-Geschichte hilft“ hat sie ausgeführt, es sei für Menschen in schwieriger Lage nützlich und heilsam, Yoga zu betreiben und ein wenig Unterricht und Yogastunden zu genießen. Da trifft es sich gut, dass sie unter der Firma „Spirit Yoga“ drei Yogastudios mit 200 Mitarbeitern in Berlin betreibt und „Yoga-CD’s und Videos vertreibt“, denn so kann umgekehrt auch die Wedel-Verarbeitung der Yoga-Geschichte ein wenig helfen.
Thielemann hat der Zeit berichtet, sie habe unmittelbar nach dem Wedel-Vorfall ihrem damaligen Freund davon berichtet; dieser habe ihr zur Strafanzeige geraten. Aus Angst um die Karriere und vor Kritik an ihrem ambivalenten Verhalten habe sie das nicht getan und gegenüber ihrem Agenten „den Übergriff verharmlost“. 1997 ging sie „nach Hollywood“. Dort sei sie ein – was immer man sich darunter vorstellen mag – „ambivalentes Fabelwesen mit wunderschön geschminkten Lippen und fantastischen High Heels“ gewesen, um „endlich als Frau, die jemand lieben könnte, gesehen zu werden“. Das Zeit Magazin meldete außerdem: „Sie ist eine Erscheinung.“ Was diese Intimitäten in der Ermittlungsakte zu suchen haben, bleibt offen. 2004 – nach sieben Jahren Hollywood – gab Thielemann die Schauspielerei auf. Angeblich „mitverantwortlich“ dafür sei, so die Zeit, der (damals 13 Jahre zurückliegende) Vorfall mit Wedel gewesen. „Erst die Weinstein-Debatte in den USA“ (2017) habe sie veranlasst, mit Freunden darüber zu sprechen und etwas zu unternehmen.
Das kann sein. Wirklich plausibel ist die Geschichte aber nicht. Bei „Maybrit Illner“ antwortete Thielemann auf die Frage, warum sie (erst) jetzt an die Öffentlichkeit gegangen sei: „Ich hätte mich damals nicht getraut, an die Öffentlichkeit zu gehen, weil mir sowieso niemand geglaubt hat.“ Das ist nun wiederum das gerade Gegenteil dessen, was im Zeit- Magazin stand: Dort sagte sie, sie habe den Vorfall überhaupt nur einem Menschen erzählt, und der habe ihr voll und ganz geglaubt.
Auf die Motivation kommen wir unten noch einmal zurück. Vorerst noch einmal Christoph Amend im Medienmagazin journalist:

Die Frauen, die sich bei uns äußern, haben doch überhaupt nichts davon. Nehmen Sie Patricia Thielemann. Sie ist schon lange keine Schauspielerin mehr und arbeitet als Yogalehrerin in Berlin und hat weder beruflich noch persönlich etwas davon, dass ihr Name jetzt mit dem Fall Wedel wieder und wieder in Verbindung gebracht wird.

Nun ja. Was das jammerige „wieder und wieder“ soll, bleibt angesichts der Umstände schleierhaft. Denn es war ja die Zeit selbst, die durch seitenlange Detailgeschichten das „wieder und wieder“ betrieben hat. Überdies ist Frau Thielemann auch nicht „mit dem Fall Wedel in Verbindung gebracht“ worden, sondern sie ist ja gerade der wesentliche Teil dieses Falles.
Und im Tagesspiegel erklärt Frau Thielemann, dass ihr „ernsthaften Aktionen“ zur Frauenpower Spaß machen würden: „Wenn Pussy Riot mich fragen würden, ob wir gemeinsam eine Yogasession im Olympiastadion geben wollen.“ Das Olympiastadion ist ja schon mal eine durchaus ambitionierte Verbindung zwischen dem nach 27 Jahren noch immer zu verarbeitenden Vorfall von 1991 einst und dem Unternehmensziel von 2018.

Die Ermittler

Die Argumentation der Zeit hat zwei Probleme: Sie muss zum einen erklären, wie sich der Aufklärungsfuror des Jahres 2018 mit früheren, etwas distanzierteren Stellungnahmen verträgt. Und sie muss zum anderen sagen, was das Ganze eigentlich soll, außer irgendeine Skandalgeschichte in die Welt zu posaunen und die Vortrefflichkeit der eigenen Moral zu loben. Denn, wir erinnern uns:

‘Ich will, dass Ihr Euch ändert!‘ Ein großes Wort. Klingt nach Tugendtribunal. Und welche Beweise legen Sie vor? (…) Ihre Quellen seien „Geschichten, die sich Frauen flüsternd untereinander weitergeben, aber nie laut aussprechen“, schreiben Sie. Ist Erpressung und Rufmord jetzt eine neue Art des Journalismus?

Das schrieb die stellvertretende Chefredakteurin am 18. November 2017. Nun sind aber 20 der 25 „Fälle“, aus denen sich die Wedel-Beweise zusammensetzen, ebenfalls nur „Geschichten“, die nicht laut – genauer: anonym – ausgesprochen werden, und der „Beweis“ besteht darin, dass zwei Journalistinnen mit 160 Personen gesprochen haben und „überzeugt“ sind, und mit ihnen alle anderen Zeit-Journalisten, die offensichtlich allerdings weder mit den Zeugen noch dem Beschuldigten gesprochen haben. Herr Amend berichtet im journalist-Interview wie selbstverständlich in der ersten Person Plural über die Vernehmungen („wir“, „uns“). Er hat aber mit den Zeuginnen, die er für absolut glaubhaft hält, ebenso wenig je gesprochen wie Herr di Lorenzo, der bei „Maybrit Illner“ schilderte:

Wir haben wir das gemacht, was jeder aus seinem beruflichen und privaten Umfeld auch kennt, nämlich uns beraten, ob die Zeuginnen, die Opfer, glaubhaft sind. Das waren sie in unseren Augen, und dann erst haben wir uns entschieden…, mit der ersten Geschichte herauszukommen.

Man muss dem Chefredakteur hier widersprechen: Es kennt selbstverständlich nicht „jeder aus seinem beruflichen Umfeld“, dass man sich berät, ob Zeugen und Opfer glaubhaft sind. Mancher kennt es vielleicht aus der privaten Lebenswelt, in der Berichte, Darstellungen und Behauptungen aus zweiter und dritter Hand besprochen und beurteilt werden. Aber auch da geht mitnichten „jeder“ hin und veröffentlicht nach getaner Beweiswürdigung die Ansicht seines Freundeskreises darüber, wer ein Verbrecher sei.

Wir haben uns das Vorgehen von Ermittlern zum Vorbild genommen und anschließend das Ergebnis … gewürdigt. Danach mussten wir das Tatgeschehen für hochwahrscheinlich halten.

So erläuterte Sabine Rückert am 11. Januar 2018 das Vorgehen. Auch sie hat offenbar aber mit keiner der beteiligten Personen gesprochen. Sie würdigt zusammengeschriebene oder auf Diktiergeräte gesprochene Zeugenaussagen und ist überzeugt, alles richtig zu machen:

(Die Zeuginnen) haben sich wochenlangen intensiven Befragungen und Recherchen zweier Zeit-Reporterinnen ausgesetzt, intime Aufzeichnungen preisgegeben und eine Psychotherapeutin von der Schweigepflicht entbunden (…) Unbeteiligte Dritte, Kollegen und Lebensgefährten … wurden einvernommen.

Der schöne Begriff „einvernommen“, den in der Justiz seit 50 Jahren niemand mehr benutzt, offenbart auf rührende Weise, wie nah man sich der Staatsmacht und der Verfahrensherrschaft fühlt: Frau Oberstaatsanwältin lässt einvernehmen und würdigt die ferne Beweisaufnahme, bevor sie persönlich das Urteil verkündet. Im unweigerlich anschließenden Disclaimer wird dann versichert, die Einvernahme sei ganz bestimmt kein Tribunal und die Recherche keine Ermittlung, und selbstverständlich gelte die Unschuldsvermutung. Diese treuherzige Versicherung gilt allgemein bestenfalls noch als Witz, denn die Sache ist von den Qualitätsmedien abschließend und rechtskräftig geklärt:

Die Enthüllungen um Wedel belegen, dass es sich nicht um einen Einzeltäter handelt, sondern dass er von einem institutionellen Kartell des Schweigens gedeckt wurde. (Tagesspiegel, 25. Januar 2018)

Derart analysiert gilt es als „belegt“, dass Wedel „kein Einzeltäter“ ist. Der Rest des Satzes versinkt im Nebel, denn das Gegenteil eines Einzeltäters ist kein „Kartell des Schweigens“, sondern sind Mittäter, zumindest aber Tatbeteiligte. Deren Namen konnten erstaunlicherweise bislang offenbar nicht ermittelt und veröffentlicht werden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit befinden sich einige von ihnen unter den 160 „Einvernommenen“.

Schuld und Unschuld

Ganz wichtig muss der Zeit sein, dass bei Wedel alles schon prinzipiell anders sei als einst bei Kachelmann. Denn damals tönte es ja aus Hamburg noch:

Der Kachelmann-Prozess zeigt, dass der Beschuldigte und seine Rechte ganz aus dem Blick geraten können, wenn die Hinwendung zum mutmaßlichen Opfer übermäßig wird. Und dass die Existenz eines Mannes, den ein Vergewaltigungsvorwurf trifft, allein schon durch die noch nicht bewiesene Bezichtigung vernichtet ist.

Ach ja! Das war O-Ton Rückert, 31. Mai 2011. Sie schreibt hier von den Folgen einer „übermäßigen Hinwendung zum Opfer“, hält dieses Phänomen also offenbar für möglich. Und sie schreibt, dass die Existenz vernichtet „ist“ (nicht: vielleicht sein könnte) durch eine nicht bewiesene Behauptung. Das ist ein (wahres) Wort. Sieben Jahre später veröffentlicht die Zeit drei unbewiesene Behauptungen und teilt stolz mit, sie habe noch 22 weitere – anonyme – auf Lager. Wie kann das zusammenpassen? Für die Zeit ist es ganz einfach:

Amend: „Es war (im Fall Wedel) komplett anders als im Fall von Jörg Kachelmann. Damals hat meine Kollegin Sabine Rückert früh herausgefunden, dass die Vorwürfe nicht stimmen können.“

So einfach kann es sein: Kachelmann war unschuldig, Wedel ist schuldig. Wenn die Zeit-Redaktion meint, dass einer schuldig sei, kommt es aufs Vernichten nicht mehr an. So kann man es machen. Aber man ist damit offenkundig genau da, wo man früher die Boulevardmedien, den Spiegel, Emma, die Justiz und überhaupt jeden als böswillig und blind beschimpfte, der meinte, die Anklage gegen Kachelmann sei vermutlich richtig. Warum sollten, was Frau Rückert darf, Frau Schwarzer und Frau Friedrichsen nicht dürfen? Die stellvertretende Chefredakteurin kannte im Jahr 2011 das Risiko ganz genau:

Dem Bürger muss die Vorstellung, in die Hände solcher Ermittler zu fallen, Angst machen. Kein Wunder, dass so viele Menschen anstanden vor dem Sitzungssaal. Jeder von ihnen könnte morgen durch die Anzeige seines Nachbarn, seiner Ehefrau, seines Kollegen, seiner Sekretärin in den Hexenkessel der Strafjustiz geraten.

Motive und Effekte

Niemand, der sich in Sachen Wedel äußert, verfolgt – angeblich – Zwecke der Rache oder hat überhaupt irgendwelche persönlichen Motive. Das finde ich überaus seltsam und eher fernliegend. Es gilt aber im Medienland als edel und daher als besonders seriös, die eigenen Vernichtungs-Aktionen als gute Werke zum Nutzen anderer zu beschreiben, am besten als Hilfe für die überall leidenden „Opfer“.
„Die Frauen“, wie sie durchweg heißen, wollen daher immerzu nur „anderen helfen“ und vor allem, „dass sich etwas ändert“. Noch einmal Patricia Thielemann:

Warum ich‘s jetzt getan hab, hat folgenden Grund: Ich wollte den Frauen damit Rückendeckung geben. Weil heute, wo ich in einer ganz anderen Position bin, wo ich unabhängig bin, schon lange nicht mehr in der Filmbranche tätig, kann ich ganz anders darüber sprechen. Und so geht es mir nicht um Vergeltung sondern es geht mir darum, diesen Frauen zu zeigen, dass sie Unterstützung brauchen.

Ein etwas rätselhaftes Motiv, wie ich finde: Darauf, dass sie „Unterstützung brauchen“, könnten „diese Frauen“ ja eigentlich auch selbst kommen.
Auch die Journalisten, die „zwei Monate lang nahezu rund um die Uhr“ (Amend) an der Einvernahme von 160 Zeugen zu 30 Jahre alten „Vorfällen“ arbeiteten, taten dies nicht um ihrer selbst und noch nicht einmal um eines rechtsstaatlichen Verfahrens willen, von dessen Einleitung in einem Fall sie sich überrascht zeigten. Sondern einzig und allein, um „Strukturen“ zu erhellen, „Muster“ zu klären, ein „System“ zu entlarven und zu verändern.
Damit haben wir nun wirklich den Kern der Dinge erreicht. Die (feministische) Philosophin Svenja Flaßpöhler stellte bei „Maybrit Illner“ eine entscheidende Frage:

Taten, die vor 30 Jahren stattgefunden haben – wie exemplarisch sind die denn für unsere jetzige, heutige Gesellschaft?

Darauf bekam sie keine sinnvolle Antwort, denn das lässt sich nicht in zehn Minuten Durcheinanderreden klären. Es gibt allerdings immerhin ein paar Anhaltspunkte:

Christoph Amend: „Es ist erstaunlich, dass es in Deutschland bisher nur einen Fall gibt. Als die Geschichten über Harvey Weinstein veröffentlicht wurden, haben ja alle großen deutschen Redaktionen recherchiert (…)“
Patricia Thielemann: „Es war wirklich erschütternd… Wenn von Dieter Wedel mit Unterlassungsklagen gedroht wird, und wir auf Facebook einen Shitstorm ernten, ständig in den Medien kritisiert werden, das war ‘ne verdammt schwere Zeit. Und es zeigt auch auf, dass diese Debatte dringend geführt werden muss, weil, wenn selbst Frauen wie mir nicht geglaubt wird, wie sollen sich Frauen, die in dem Beruf noch arbeiten, jemals an die Öffentlichkeit trauen?“

Das sind zwei Äußerungen, die verschiedene Perspektiven wiedergeben: Die Thielemann-Äußerung unterstellt, dass es weiterhin unendlich viele unaufgedeckte Fälle gebe, deren Offenbarung durch das so genannte „Schweigekartell“ und die „Machtstrukturen“ verhindert werde. Unzähligen in ihrer Opfer-Rolle unerkannt verharrenden Frauen muss immerzu „Mut gemacht“ werden, weil sie sich sonst weder wehren noch ihre Opfer-Rolle offenbaren können. Das ist eine weit verbreitete Sichtweise und Darstellung, an der man erhebliche Zweifel haben kann und die überdies in ihrer penetranten Opfer-Stilisierung keineswegs „die Frauen“ oder auch nur „die Schwachen“ stützt.
Jede und jeder der zahllosen Menschen aus allen gesellschaftlichen Bereichen, die täglich bekunden, dass sich „etwas ändern“ müsse, müssten doch Menschen kennen, die entweder Täter oder Opfer von sexuellen Übergriffen sind oder waren. Dennoch offenbaren sie diese „Fälle“ nicht, und die neu Überzeugten, die ihrerseits ebenfalls sagen, dass das „Kartell des Schweigens“ durchbrochen werden müsse, offenbaren meist nur eine Vielfalt von Behelligungen, Belästigungen und Unverschämtheiten, über deren Bedeutung man vielfach streiten kann.
Die Journalistin Ulrike Posche schrieb am 10. November 2017 im Stern:

Vom berüchtigten ‚Kameltester‘ bei der Zeit war viel die Rede, einem alten Redakteur, der beinahe jede Praktikantin nötigte.

Danach im journalist-Interview befragt, erklärte der Chefredakteur des Zeit Magazins:

Ich bin seit 2004 bei der Zeit. Ein solches Klima, wie von Ulrike Posche beschrieben habe ich nie erlebt.

Eine merkwürdige Antwort! Bei ZDF und ARD hat ja auch niemand seit 2004 „ein solches Klima erlebt“, und dennoch werden „Task Forces“ gegründet und öffentliche Aufrufe an unerkannte Opfer gerichtet, alsbald bei der Aufarbeitung der allen persönlich ganz unbekannten Strukturen mitzuwirken, die aber doch „alle gekannt“ haben sollen. Gleichgültig, welche Erleuchtungen hier noch bevorstehen: Zumindest von der Zeit darf man ja wohl erwarten, dass sie sich nicht mit einem billigen „habe ich nie erlebt“ aus der selbstverkündeten Affäre zieht.
Also: Wer war der „berüchtigte Kameltester bei der Zeit“? Gab es noch andere? Wo bleiben die Namen, die Einvernahmen, die Strafanzeigen und Vernichtungen? Wo sind die Enthüllungen der ehemaligen Praktikantinnen, die „alle genötigt“ wurden? Warum veröffentlicht die Zeit sie nicht, um „Strukturen“ zu erhellen und einen Wandel zu fördern? Welche Mitschuldigen schweigen, statt alte Akten zu öffnen?

Abklingen

Ich glaube, dass die furchterregenden Strukturen, verbrecherischen Kartelle, Spiralen der einverständlichen Erniedrigung, von denen immerzu von Menschen berichtet wird, die von sich selbst sagen, dass gerade sie sie nicht ertragen (müssen), in der behaupteten Form gar nicht existieren, oder jedenfalls in wesentlich geringerem Umfang. Es ist kein Zufall, dass selbst nach monatelangem Rundum-Spektakel sich noch immer keine Person findet, die gerade jetzt durch diese Strukturen zum Opfer wurde oder wird. Das heißt natürlich nicht, dass in der Film-, Fernseh- oder Medienbranche keine Sexualstraftaten vorkämen. Aber es gibt keinen Anhaltspunkt und keinen kriminologischen Nachweis dafür, dass sie dort häufiger wären als bei Lehrern, im Krankenhaus oder im Elektrohandwerk.
Selbstverständlich gibt es Sexualstraftaten. Vor 30 und vor 20 Jahren gab es, wenn die kriminologische Forschung nicht sehr täuscht, allerdings eindeutig weniger als heute. Um der Bevölkerung, wenn es denn sein musste, ins Gedächtnis zu rufen, dass es sexuell motivierte Straftaten gibt, hätte man vielleicht einen wirklichen, bewiesenen Fall nehmen können statt 25 unbewiesener. Aber das steht selbstverständlich der Presse frei.
ich bleibe dabei: Der „Fall Wedel“ wird in seiner Bedeutung überschätzt. Das Tribunal, dessen vernichtendes Ergebnis allseits schon festzustehen scheint und das von der Zeit-Redaktion sogar immer wieder ausdrücklich als Voraussetzung (!) der Veröffentlichung genannt wird („wir halten die Frauen für glaubhaft; deshalb berichten wir“), ist auf Maßlosigkeit angelegt. Es löst die Abgrenzungen zwischen Straftaten und Belästigungen, krimineller Energie und Alltag, Personen und Systemen auf und romantisiert die „Aufdeckung“ längst verjährter (angeblicher) Straftaten zum Dienst an einer besseren Welt.
Die Motive der Protagonisten halten dem Anspruch des Edelmuts nicht stand: Wenn es nicht darum geht, Herrn Wedel ins Gefängnis zu bringen, weil er vor 25 Jahren vielleicht eine Straftat begangen hat, sondern nur um eine Enthüllung eines „Systems“, das es offenkundig heute gar nicht mehr gibt, dann zahlt Wedel mit seiner sozialen Vernichtung einen hohen Preis für die Demonstration des guten Gewissens von Redaktionen, die zugleich ihre eigenen „Kameltester“ schützen und einstweilen weiter über die wunderschönen Frauen auf den roten Teppichen der Welt berichten.
Das kann einem vielleicht egal sein, wenn Wedel denn der verbrecherische „Schattenmann“ war, der als deutsche Antwort auf Weinstein herhalten muss, damit endlich „ein Name“ da ist und „die Diskussion in Deutschland ankommt“, wie albernerweise immer wieder gelobt wird. Das Problem ist: Wir wissen es nicht, und es wird unweigerlich und gewiss streitig bleiben. Und was Rechercheurinnen meinen, die anonyme Menschen „einvernommen“ haben, kann allen egal sein, wenn sich der Rauch verzogen hat.
Straftaten müssen verfolgt werden. Aber die Welt besteht nicht aus lauter Tätern und Opfern. Und entgegen mancher Annahme besteht sie auch nicht aus einer einzigen Verschwörung zur Erniedrigung von Frauen. FAZ, 25. Februar 2018: Harvey Weinstein und Heidi Klum beim verzückten Bussi-Bussi – schöner kann man es eigentlich nicht fotografieren. Von vorn küsst Frau Uma Thurman, die von Herrn Tarantino überredet wurde, mit dem Auto um eine Rechtskurve zu fahren. Lauter Opfer.
Die überaus populäre und oft kaum noch bestrittene Behauptung, Sexualstraftaten hätten „nichts mit Sexualität zu tun“ (sondern nur mit Gewalt), ist etwa so sinnvoll wie die Behauptung, Raubüberfälle hätten nichts mit Geld zu tun. Es ist schwer nachzuvollziehen, welche Erkenntnis- oder gefühls-Befriedigung durch die Behauptung erreicht werden kann oder soll: Möglicherweise soll „die Sexualität“ als „an sich“ etwas reines, schönes, nicht Bedrohliches dargestellt werden. Das hilft aber analytisch nicht weiter, und sozial auch nicht. Natürlich gibt es (rein) gewalttätige Motivationen, die sich sexueller Formen bedienen. Aber nicht jedes Sexualdelikt ist Gewalt oder gar ausschließlich durch ihre Ausübung motiviert.
„Strukturen“ der Macht, der Erniedrigung, der Ausbeutung, der Einschüchterung sind allgegenwärtig. Sie werden von Männern und Frauen getragen: In Unternehmen, Verwaltungen, Organisationen. Sie beherrschen die Welt und sorgen dafür, dass ein Viertel der Menschen auf Kosten der Übrigen drei Viertel im Überfluss leben. Daran zu erinnern sollte zulässig sein, selbst wenn es – zugegebenermaßen – nicht unmittelbar mit der Anzahl der Kamerafrauen beim ZDF zu tun hat.

Schluss

Ich schließe mit einer Meldung der FAZ vom 27. Januar 2018. „Zahl der sexuellen Übergriffe in der Truppe hat sich fast verdoppelt“, berichtet die Schlagzeile. Sodann lesen wir: Es sind im Jahr 2017 insgesamt „234 Fälle sexueller Belästigung gemeldet worden“, 80 Prozent mehr als 2016. Der Anstieg der (unbewiesenen) Fälle ist auf eine deutlich erhöhte Sensibilität zurückzuführen, außerdem wurden Altfälle mitgezählt. Gemeldete sexuelle Nötigungen/Vergewaltigungen: 14 (einschließlich Versuche). Der Rest betraf Fälle wie „das Zuwerfen eines Kusses, das Berühren einer Schulter oder eines Oberschenkels.“ Der Text zeigt also, dass die Überschrift schlicht gelogen ist. Es ist sehr schade, dass solche Meldungen inzwischen als ganz normal angesehen werden. Auch daran hat das Wedel-Tribunal einen Anteil.
Es ist übrigens auch wirklich schade, dass die Zeit diese Kritik nicht verstehen und ertragen möchte.
 
Anmerkung der Redaktion: Gastbeiträge geben generell die Meinung des Autors und nicht die von MEEDIA wieder. Thomas Fischer war Vorsitzender Richter des 2. Strafsenats des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe. Bei Zeit Online schrieb er die viel beachtete Kolumne „Fischer im Recht“, die teilweise auch als Buch veröffentlicht wurde. Hier geht es zu Fischers Texten bei der Zeit. Der promovierte Jurist hatte sich auf MEEDIA bereits am 29. Januar kritisch mit den Enthüllungen der Wochenzeitung im Fall Wedel auseinandergesetzt. Für die Zeit veröffentlichte Jura-Dozentin Elisa Hoven eine ebenfalls viel beachtete Replik.

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