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Der gebändigte Schrecken: Warum der ARD-Zweiteiler “Gladbeck” ein großes Event, aber kein großartiger Film ist

Journalismus-Experte Gäbler, Filmszene mit Geiselgangster Degowski: die mediale Faszinosum Unterschichten-Desperados
Journalismus-Experte Gäbler, Filmszene mit Geiselgangster Degowski: die mediale Faszinosum Unterschichten-Desperados

30 Jahre später kommt die Gladbecker Geiselnahme erneut ins Fernsehen, diesmal bewusst als Spielfilm gestaltet. Die bizarre Irrfahrt zweier Gangster durch die Republik war der erste "Echtzeit"-Krimi, der auf allen Medienkanälen zu verfolgen war – lange vor der Internet- und Social Media-Ära. Dem Drama, bei dem zwei Geiseln starben, widmet die ARD einen Zweiteiler. Eine Filmkritik von Bernd Gäbler.

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Von Bernd Gäbler

„Gladbeck“ – schwarz auf knallrot: dieser Ortsname genügt als reißerische Werbung für den ARD-Zweiteiler, der 30 Jahre später zur besten Sendezeit erneut den Schrecken der damaligen Geiselnahme vor Augen führen soll. In Szene gesetzt wird das komplette Versagen der Polizei und der Sündenfall aller (keineswegs nur der Boulevard-)Medien – diesmal bewusst nicht als Doku-Drama, sondern als Spielfilm.

Das könnte eine gute Entscheidung sein, weil künstlerische Gestaltungsfreiheit die Intensität verdichten kann. Die Bankräuber und Geiselnehmer Rösner und Degowski waren Unterschichten-Desperados, Verbrecher, die sich nicht versteckten, sondern im Gegenteil den Schutz der Öffentlichkeit suchten. Sie taten das nicht aus Raffinesse, sondern aus Verzweiflung. „Lieber tot als wie gar kein Geld“, lautete die Rösner-Formel, die er in alle Kameras sprach. Indem die Gangster die Medien als ihre Bühne nutzten, stellten sie die Verhältnisse auf den Kopf, überforderten die Polizei und faszinierten Journalisten und deren Publikum.

Um dies 30 Jahre später glaubhaft und intensiv filmisch zu erzählen, müsste eine künstlerische Entscheidung getroffen werden. Man könnte dieses Faszinosum radikal aus Täterperspektive erzählen – mit der Gefahr der Verharmlosung. Man könnte die Geiselnahme höchst subjektiv aus Opfersicht rekonstruieren – das könnte obszön wirken. Man könnte eine Spielfilmhandlung um einen jungen Reporter bauen, der zum Star wird, weil er seine moralischen Skrupel überwindet – das könnte unmoralisch werden. Man könnte auch dem sensationsgeilen Publikum den Spiegel vorhalten – das könnte Quote kosten.

Etwas vergröbert gesagt, gibt es zwei ästhetische Möglichkeiten, dem Schrecken von damals erneut ins Augen zu sehen: ein Überwältigungskino a la Alfred Hitchcock, das mit allen Kniffen arbeitet, um den Zuschauer zu fesseln, ins Geschehen zu ziehen und nicht mehr loszulassen oder ein Überzeugungskino a la Michael Haneke, das auch fesselt, aber zugleich stets bewusst macht, dass hier etwas filmisch vorgeführt wird.

Die ARD hat sich für einen Mittelweg entschieden: die detailgetreue Rekonstruktion, einen exakten Naturalismus. Sie hat sich den möglichen Risiken nicht ausgesetzt. Es gibt großartige Schauspieler wie Martin Wuttke, der den überforderten Einsatzleiter der Kripo Bremen spielt; Zsa Zsa Inci Bürkle sieht der erschossenen Geisel Silke Bischoff zum Verwechseln ähnlich, und Arnd Klawitter setzt die Figur, die im Drehbuch „Reporter“ heißt, tatsächlich aber Udo Röbel ist, wunderbar in Szene. Es stimmt ganz viel: Recherche und Rekonstruktion, Toupets und Tattoos, Ausstattung und Kostüme. Und doch fehlt etwas: Die Verdopplung des Schreckens intensiviert ihn nicht.

Gladbecker Geiselnahme ist bis heute ein Lehrstück für jeden Medien-Interessierten

Der Film, der unbedingt ein Spielfilm sein will und kein Doku-Drama, führt uns erneut akribisch vor, wie es war – und hält das Erschrecken, das auch ein Sündenfall des Journalismus war, gerade dadurch von uns fern. Es bleibt nachgespielt. Wir können staunen oder mit dem Kopf schütteln, aber ein erneutes Entsetzen oder gar ein peinliches Berührtsein über die eigene Sensationsgier entsteht nicht.

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Christof Schlingensief hat Gladbeck in „Terror 2000“ bis ins Absurde radikalisiert. RTL in Eigenproduktion ein ordentliches Doku-Drama hergestellt, in ZDF-History wurde die Geiselnahme gründlich dokumentiert und moralisch eingeordnet. Der Anlass für den ARD-Zweiteiler ist der 30. Jahrestag des Geschehens. Eine neue Perspektive, eine aktualisierte Irritation hat die ARD nicht gewagt. Der ARD-Zweiteiler mag ein großes TV-Ereignis werden, zu einem großartigen Film fehlt die radikale Idee.

Dabei ist die Gladbecker Geiselnahme bis heute ein Lehrstück für jeden Medien-Interessierten. Damals gab es drei prototypische Verhaltensweisen von Journalisten. Anmaßend waren sie alle :

  • Der Vermittler: in Bremen Huckelriede, wo die Gangster einen Bus in ihre Gewalt gebracht hatten, schlüpfte der Fotograf Peter Meyer in diese Rolle. Er überbrachte die Forderungen der Geiselnehmer, pendelte zwischen Bus und Öffentlichkeit und rutschte vom guten Willen zu deeskalieren in diese Hybris.
  • Der Heuchler: In der Breite Strasse in Köln standen die Reporter Schlange für ihre Live-Interviews mit den Tätern. Der junge SWF 3-Reporter Frank Plasberg war ganz vorne dabei und hielt Rösner sein Mikrofon unter die Nase. Am Abend moderierte er die WDR-Regionalsendung „Hier und Heute“, in der er pathetisch erklärtem, warum man so etwas nicht macht.
  • Der schneidige Reporter: Udo Röbel, damals stellvertretender Chefredakteur des Kölner Express, setzte sich zu Rösner und Degowski in das Fluchtfahrzeug, um es aus der Stadt auf die Autobahn zu lotsen. Später hat er sich dazu reuig geäußert. Zunächst einmal aber machte er Karriere bis auf den Posten des Chefredakteurs der Bild-Zeitung.

Lehrreich und entsetzlich zugleich sind auch heute noch die zahlreichen Youtube-Videos, die all das zeigen – nicht authentisch nachgespielt, sondern so wie es damals gesendet wurde: in der Tagesschau, in dem Bremer Regionalmagazin „buten und binnen“, wo einzig der damalige Bürgermeister Klaus Wedemeier sagte: „Ihr geht zu weit.“

 

Über den Autor: Bernd Gäbler war von 2001 – 2005 Direktor des Grimme-Instituts in Marl und lehrt seit 2011 als Professor für Journalistik an der FHM Bielefeld. Die ARD sendet den Zweiteiler am 7. und 8. März, jeweils ab 20.15 Uhr.

 

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Alle Kommentare

    1. Lieber Peter M.,
      Nein, ein so triviales Urteil zum verfehlten Verhalten der Journalisten damals, wie Sie es mir unterstellen, treffe ich eben nicht. ich beurteile einen Film, der m.E die künstlerischen Möglichkeiten nicht ausschöpft, um uns erneut zu irritieren. Die Youtube-Videos sind lehrreich, weil sie eindringlicher zeigen, wie es vor 30 Jahren tatsächlich war, als dies eine künstlerische Rekonstruktion vermag, die vor allem auf historisches Re-Enactment setzt. Bernd Gäbler

  1. Es ist immer leicht, sich im Nachhinein als der Weise darzustellen, der seine Finger in die Wunden legt. Fraglich ist, ob Sie, Herr Gäbler, in dieser Situation, ohne den Ausgang dieser eigendynamischen Geiselnahme zu kennen, nicht auch in vergleichbare Rollen verfallen wären. Ich finde es anmaßend, sich über die Journalisten und ihre Handlungen zu erheben. Glauben Sie wirklich, dass Gladbeck die Medien verändert hat, dass sie daraus gelernt haben? Und lieber Herr Gäbler, was ist denn “lehrreich” an den Youtube Filmen? Schauen Sie sich doch die Verbrechen, vor allem die der IS-Terroristen der vergangenen Jahre an. Videos en masse, Bilder von Toten – ja, unkenntlich gemacht. Aber wozu Tote zeigen? – Ist das die Lehre, von der Sie sprechen? Dass zwar keine Interviews mit Verbrechern (live) geführt, dafür aber fast live Bilder von Massakern gezeigt werden? Glauben Sie wirklich, wenn es die Möglichkeit gäbe, einen Terroristen zu interviewen, das dieses nicht gemacht würde?
    Träumen Sie weiter…

  2. Wird denn auch ein Kamerateam in Degowsiks Wohnung sein, wenn der kürzlich freigelassene zum Abendbier seine Lebensgeschichte im Fernsehen präsentiert bekommt?

  3. Das ist doch kalter Kaffee und einmal mehr wird dem deutschen Schlafmichel “investigativ” Sand in die Augen gestreut. Bei solchen Themen kann man das ja politisch korrekt…

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