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“Es würde Druck vom Kessel nehmen, wenn das Meinungsspektrum in den etablierten Medien größer wäre” – Harald Martenstein im Interview

Harald Martenstein: “Ich will die Gesellschaft nicht verändern, weil ich weiß, dass ich das sowieso nicht kann.”
Harald Martenstein: "Ich will die Gesellschaft nicht verändern, weil ich weiß, dass ich das sowieso nicht kann."

Harald Martenstein ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten Kolumnisten in der deutschen Medienlandschaft. Seine Kolumnen erscheinen regelmäßig im Zeit Magazin und dem Tagesspiegel. Seit einiger Zeit schreibt Martenstein zunehmend politischer auch über Themen wie Gender und Political Correctness, was ihm neben Zuspruch auch Kritik eingebracht hat. MEEDIA sprach mit ihm über den Wandel seiner Kolumnen, Streitkultur und Medien-Hysterie.

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Sie schreiben schon sehr lange Kolumnen. Die Texte sind im Laufe der Zeit deutlich politischer geworden. Gab es da einen speziellen Wendepunkt oder war das ein schleichender Prozess?
Eine Kolumne entwickelt sich halt. Ich kann nicht 20 Jahre lang das Gleiche machen, das wird sogar für mich langweilig, für das Publikum erst recht. Die Zeit-Kolumne war ja von Anfang an ziemlich privatistisch, das breitete einer sein Leben aus, in fast allen Aspekten, Knausgard light, sozusagen. Es funktioniert, wenn viele Leser sich in dieser Figur wiedererkennen und man sich nicht zum großen Helden oder Alleswisser stilisiert. Aber das Politische gehört zu dieser Figur auch dazu, das war von Anfang an so. Es ist stärker geworden, weil die Zeiten politischer geworden sind, und weil mich das eben mehr interessiert als früher. Außerdem habe ich da eine Leerstelle gesehen. Zu manchen Themen, etwa Zuwanderung oder Gender, habe ich lange Zeit fast immer nur eine Meinung gelesen, da schienen fast alle Kollegen gleich zu denken, und auf der anderen Seite des Meinungsflusses siedelte halt das Böse. Ganz so isses ja nicht, habe ich mir gesagt, ganz und gar böse komme ich mir eigentlich nicht vor, also erkläre ich mich. Und wenn man sich über bestimmte Themen oder Ideen nicht lustig machen darf, dann muss man die Leute eben desensibilisieren, früher war das der Job des Hofnarren, heute mach ich das.

Mit der Politisierung kam vermehrt auch die Kritik. Manchen gelten Sie als “angry white man” des deutschen Kolumnismus. Stachelt Sie Kritik an?
Lob finde ich eigentlich ein bisschen motivierender. Wütend bin ich aber selten. Wenn ich wütend bin, schreibe ich nicht, sondern esse Schokolade.

Legendär ist ihr “Streit” mit dem Medienjournalisten Stefan Niggemeier, der sie – lange ist es her – u.a. als dummstolz, ignorant, intolerant, alt, weiß und heterosexuell bezeichnet hat. Sie konterten irgendwann damit, Niggemeier sei ein “Unhold”, der Ihnen im Nacken sitzt. Erst neulich widmeten Sie Niggemeier wieder eine Ihrer Zeit-Kolumnen. Das Thema war “Sprachpolizei”. Das klang fast, als suchten Sie wieder den Streit?
Am meisten empört mich der Vorwurf, ich sei heterosexuell, wenn er das noch mal behauptet, verklage ich ihn. Diesen Schweinkram, den die Heten miteinander treiben, finde ich einfach nur eklig. Im Ernst: Streit ist doch gut, an einer Gesellschaft ohne Streit stimmt doch was nicht. Es muss möglich sein, sich zu streiten, ohne sich gleich an die Gurgel zu gehen oder so ehrverletzende  Vorwürfe zu erheben wie den der Heterosexualität. Man tauscht lebhaft Argumente aus, danach gibt man sich die Hand, wäre das nicht schön? Niggemeier gehört zu denen, die glauben, es gäbe absolute Wahrheiten, und wer es anders sieht, kann eigentlich nur dumm, ein Lügner oder uninformiert sein. In Wirklichkeit können zwei Menschen, die ähnlich intelligent und informiert sind, durchaus zu unterschiedlichen Meinungen gelangen, weil sie Fakten unterschiedlich interpretieren und gewichten.

Ist es für Sie ein persönliches Anliegen gegen eine so genannte “political correctness” anzuschreiben?
Wenn ich irgendwo eine Lesung habe, sage ich meistens, ungefragt, dass ich im Grunde gar nichts gegen politische Korrektheit habe. Sofern man darunter versteht, dass man höflich, freundlich und fair miteinander umgeht und nicht unter die Gürtellinie schlägt. Margarete Stokowski, eine Kolumnistenkollegin, deren Meinung ich nicht immer teile, hat neulich sinngemäß geschrieben, dass man statt „PC“ genauso gut den Begriff „Anstand“ verwenden könnte. Das sehe ich auch so. Immer, wenn man statt „politisch unkorrekt“ auch „unanständig“ sagen kann, ist der Vorwurf berechtigt. Eine andere meiner Standardmeinungen geht so: Es gibt kaum eine vernünftige Idee, die man nicht durch extreme Übertreibung in die Unvernunft überführen könnte. Nein, ein persönliches Anliegen ist es nicht. Manchmal bin ich für politische Korrektheit. „Halbneger“ oder „Kameltreiber“ sind zum Beispiel Dreckswörter.

Neulich erwähnten Sie, dass eine ihrer Kolumnen nicht wie sonst üblich auch im Radio lief. Es ging in dem Text um das Projekt einer Feministin, die in einem Monat 496 mal masturbieren wollte. Man merkte, dass sie das Projekt der Frau nicht ernst nehmen konnten. Es sprach aber auch eine gewisse Sympathie aus dem Text. Können Sie sich erklären, warum solch eine doch eher harmlose Kolumne abgelehnt wurde?
Inzwischen weiß ich, dass es um Jugendschutz ging. Die Kolumne läuft am Morgen, und es kam ein bisschen viel Explizites darin vor. Das Studio hatte mir eine missverständliche Nachricht gesendet, der Fall ist geklärt. Ich kann die Entscheidung des Senders verstehen, nachdem man mir die Gründe erklärt hat.

Haben Sie bei der Zeit oder beim Tagesspiegel auch schon mal Probleme wegen ihrer Kolumnen gehabt, so dass sie vor der Veröffentlichung verändert werden mussten?
Ich genieße bei beiden große Freiheit. Diskussionen gibt es manchmal, das ist legitim und hat nichts mit Zensur zu tun. Ich bin meinem Zeit-Redakteur Jürgen von Rutenberg dafür dankbar, dass er mich manchmal vor Fehlern und allzu schrägen Thesen beschützt. Aber wenn ich auf einer Formulierung beharre – in 80 Prozent der Fälle sehe ich ja sofort, dass er Recht hat –, dann lässt er mich machen. Einen Kolumnisten muss man frei schreiben lassen, sonst hat es keinen Sinn. Abgelehnt wurden bei der Zeit in meinem allerersten Jahr, 2002, zwei Texte, die ich dann im ersten Kolumnenbuch veröffentlicht habe. Die waren harmlos, heute würde das vermutlich durchgehen, aber ich war halt noch ein Frischling. Hoch her ging es in den letzten Jahren bei zwei Themen. Einmal habe ich die Grenzöffnung durch Frau Merkel kritisiert, da hat Rutenberg eine Gegenkolumne geschrieben. Ich weiß nicht, ob er das heute auch noch so sieht wie damals. Der andere Fall war eine Kolumne, in der ich den Overkill an Trump-Bashing in den deutschen Medien aufs Korn genommen habe. Das kam dann nur in einer verdünnten Form, nach tagelangem Ringen. Ich finde Trump übrigens auch furchtbar, aber wenn das täglich fünf Mal in der Zeitung steht, habe ich das Gefühl, agitiert zu werden, das mag ich nicht. Wenn schon Agitation, dann bitte subtiler.

Sie selbst sind nach oberflächlicher Recherche meinerseits weder auf Twitter noch bei Facebook aktiv Warum nicht?
Ich lese gern Bücher und habe ein noch relativ kleines Kind, bei dem meine Freizeit besser aufgehoben ist. Damit will ich nichts gegen Leute sagen, die da aktiv sind, oder gegen soziale Medien im Allgemeinen.

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Lesen Sie, was so im Social Web über Sie veröffentlicht wird?
Hin und wieder.

Glauben Sie, dass soziale Medien zu einer Verrohung des Umgangs beitragen?
Dass, was früher am Stammtisch gesagt wurde, steht halt heute im Netz. Gesagt wurde es auch früher. Es entsteht manchmal der falsche Eindruck, als seien die Menschen 1970 netter und zivilisierter gewesen, meiner Erinnerung nach war das nicht der Fall. Rousseau hat sich geirrt, der Mensch ist nicht von Natur aus gut, da haben die Konservativen Recht, fürchte ich.

Haben Medien eine Mitschuld, wenn der Ton rauer wird?
Die Medien insgesamt? Na ja, ein bisschen schon. Ich glaube, viele Kollegen wissen nicht, wie sehr sich ihre Weltsicht von der Wirklichkeitswahrnehmung sehr vieler Leser unterscheidet. Man sendet immer noch zu oft einen Einheitston, bei der Migrationspolitik war das ja offensichtlich und wurde dann auch durch eine Studie bestätigt. Es würde ein bisschen Druck vom Kessel nehmen, wenn das Meinungsspektrum in den etablierten Medien größer wäre und sich auch Leute, die weder grün noch SPD wählen noch Merkel-Fans sind, öfter mal wiederfänden, fair behandelt würden und nicht ausschließlich als Feindbild vorkämen. Bei der Zeit ist das übrigens erfreulicherweise der Fall.

Einerseits eine um sich greifende “political correctness” – Stichwort Sprachpolizei – andererseits allüberall Rüpeleien und Hatespeech. Was ist da los?
Ein Teil davon ist unvermeidlich, Hass und Pöbelei gab es immer, nur hat man es nicht so mitgekriegt, wie gesagt. Auf der anderen Seite schaukelt sich das gegenseitig hoch. Manche Leute denken, dass sie brüllen müssen, um überhaupt gehört zu werden. Es ist wie mit der Prohibition. Verbietet den Alkohol, und es wird hemmungsloser gesoffen als jemals zuvor. Je mehr man die politische Korrektheit übertreibt, desto hemmungsloser wird dort gepöbelt, wo die Wächter nicht präsent sind.

Was soll man tun, um nicht verrückt zu werden?
Ausreichend Schlaf ist sehr wichtig. Ach, noch was: man muss auch Literatur lesen und nicht immer nur Zeitungen.

Die Fragen an Harald Martenstein wurden via E-Mail gestellt.

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Alle Kommentare

    1. Das passiert durchaus. Doch um es beurteilen zu können, muss man die Zeit auch gelegentlich lesen. Wäre zumindest von Vorteil. Aber Pauschal-Resentiments raushauen ist immer einfacher.

      1. Hahaha @Schwabenpfeil, netter Versuch.

        Das wirklich Lesenswerte bei Die ZEIT sind die Leserkommentare. Das ist teils Satire aka Lebensrealität einer bestimmten politischen Gemeinschaft pur. Manche Leserkommentare – die wirklich den Eindruck vermitteln als wären die Ernst gemeint – stellen locker die TITANIC in den Schatten. Selbst der besten Satiriker Deutschlands, Oliver Welcke und Christian Ehring vom ZDF, könnten das nicht besser.

  1. “Je mehr man die politische Korrektheit übertreibt, desto hemmungsloser wird dort gepöbelt, wo die Wächter nicht präsent sind.”

    Herr Martenstein (und der Interviewer) hat noch nicht mitbekommen, dass es sich bei den meisten Hassposts um konzertierte Aktionen einer Clique handelt, die die “Meinungshoheit” erobern wollen und sich dazu Strategien bedienen, die auch in Form schriftlicher Anleitungen verbreitet werden. Die adressierten Themen sind u.a. PC, die ÖR und “Ausländer”. Naivität gegenüber rechtsextremen Aktivisten ist leider auch unter Medienmachern noch verbreitet. Sich im Tonfall daran zu beteiligen ist genauso kurzsichtig, wie sich übertriebener PC zu befleißigen.

    Ob “die Menschen” von Natur aus gut sind, braucht man gar nicht infrage stellen, daher kümmert sich seit jeher ein ganzes Arsenal von Normen und Regeln (Zivilisation) darum, destruktive Impulse dieses Teils der Menschheit zu adressieren. Die anderen Versuchen in der Regel, zusammenzuarbeiten und sich den Alltag nicht zur Hölle zu machen. Auf der Agenda oben Genannter steht hingegen (auch explizit in der Anleitung) das Zerrütten von Menschen, um ihre Stimme in der Öffentlichkeit zu ersticken und Macht zu erlangen.

    1. @nixzurSache

      Zu:
      Hassposts seien konzertierte Aktionen einer Clique, welche Meinungshoheit erobern wollen.

      Auf welche Weise reklamiert wer genau eine Meinungshoheit? Vielleicht geht es ja auch garnicht darum, eine Meinungshoheit zu erobern, sondern diese abzuwehren, streitig zu machen. Wenn dies in „konzentrierten Aktionen“ erfolgen würde, durch eine abschätzig als „Clique“ bezeichnete Gruppe, dann müßte man womöglich von einer demokratischen Regung sprechen. Davon sind wir aber noch weit entfernt.

      Allerdings geht es ja hier auch nicht um den Austausch von Argumenten, sondern um eine Platzierung von Wahrheiten. Es geht um: Meinungshoheit.

      Interessanter ist die Abhandlung dazu, ob Menschen gut seien. Zur Beantwortung werden diese aufgeteilt in jene, bei denen : „destruktive Impulse dieses Teils der Menschheit“ durch „ein ganzes Arsenal von Normen und Regeln (Zivilisation)“ adressiert werden.

      Haha. Dann geht’s – andererseits – weiter mit:

      „Die anderen versuchen in der Regel, zusammenzuarbeiten und sich den Alltag nicht zur Hölle zu machen.“

      Hassposts sind augenscheinlich kein Hauptproblem.

  2. Es würde ein bisschen Druck vom Kessel nehmen, wenn das Meinungsspektrum in den etablierten Medien größer wäre und sich auch Leute, die weder grün noch SPD wählen noch Merkel-Fans sind, öfter mal wiederfänden, fair behandelt würden und nicht ausschließlich als Feindbild vorkämen. Bei der Zeit ist das übrigens erfreulicherweise der Fall.

    Ich empfehle bei Die ZEIT die letzten Artikel über den deutschen Patrioten und großen Romantiker Deniz Yücel und hier besonders die Leserkommentare. Wer negative Kommentare findet kann die behalten. Hahaha!

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