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“Feuer und Zorn”-Autor Michael Wolff auf Lesereise: Bühne frei für das Narrativ von Trump als Witzfigur im Weißen Haus

Für die deutsche Ausgabe “Feuer und Zorn” ist Michael Wolff derzeit auf Werbetour
Für die deutsche Ausgabe "Feuer und Zorn" ist Michael Wolff derzeit auf Werbetour

Der Rowohlt-Verlag hat das Enthüllungsbuch über Donald Trump in kurzer Zeit auf den deutschen Markt gebracht. Der Autor Michael Wolff ist dafür derzeit auf Promotiontour unterwegs: Neben TV-Auftritten und Interviews absolviert er eine Lesereise. In Hamburg hat Zeit-Herausgeber Josef Joffe mit dem US-Journalisten gesprochen. Wolffs Narrativ: Trump, die Witzfigur im Weißen Haus.

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“Michael Wolff bekommt keine 45 Minuten mit mir”, soll Donald Trump in Richtung seiner Mitarbeiterin Hope Hicks gesagt haben. “Weißt du nicht, wer das ist?”, soll er entsetzt gefragt haben. Er wusste es. Und er soll nicht begeistert von der Anfrage für ein Treffen gewesen sein. Dennoch soll Donald Trump den Autoren in sein Haus in Beverly Hills eingeladen haben. “Dort habe ich mit ihm den ganzen Abend Eiscreme gegessen.” So erzählt es Michael Wolff. Es ist nur eine von vielen Anekdoten, die er an diesem Abend über den US-Präsidenten mitgebracht hat. “Du musst ihm nur schmeicheln, ihn loben. Und unter Umständen gibt er einem dann auch etwas zurück.” Josef Joffe ist erstaunt, ebenso das Publikum in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel. Der Saal ist voll, das Licht gedämmt, die wenigen Lichtkegel fangen die Gestalten auf der großen Bühne ein: Zeit-Herausgeber Joffe sitzt da. Und neben ihm der Mann, der zunächst Washington und dann der ganzen Welt vor Augen führte, wie katastrophal die Zustände im Weißen Haus zu sein scheinen: Michael Wolff, Autor des Bestsellers “Fire and Fury”.

Der New Yorker Journalist mit der dunklen Brille trägt einen gut sitzenden blauen Anzug, dazu Hemd und Krawatte. Am 16. Februar hat der Rowohlt-Verlag die deutsche Übersetzung unter dem Titel “Feuer und Zorn” in den Handel gebracht. Seitdem ist der Autor viel unterwegs: Neben der kleinen Lesereise mit den Stationen Berlin, Hamburg und Köln trat er auch schon im deutschen Fernsehen auf. So wurde er Anfang der Woche im ZDF-“Morgenmagazin” interviewt und bei Markus Lanz saß er ebenfalls im Studio. Und die medialen Mühen scheinen sich zu lohnen: Der überwältigende Erfolg aus den USA (dort wurden bislang rund zwei Millionen Bücher verkauft) zeichnet sich ebenfalls in Deutschland ab. Das Buch ist hierzulande mit einer Auflage von 300.000 Exemplaren gestartet, nun erhält “Feuer und Zorn” eine zweite Auflage. Der Spiegel listet ihn in seiner Bestseller-Liste auf Platz 1. Im Gespräch mit Joffe sagt Wolff dazu:”Der Job des Präsidenten ist ein wirklich harter Job. So wie Bücher verkaufen.”

Bereits im Januar haben die Schilderungen Wolffs weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Und obwohl nur eine Minderheit der Weltbevölkerung das Buch tatsächlich gelesen hat, scheint die Mehrheit den Inhalt dank der massiven Berichterstattung sehr gut zu kennen. Entsprechend sind die öffentlichen Auftritte für Wolff ein Selbstläufer, bei dem er lässig bereits bekannte Anekdoten berichtet. Vieles davon bestätigt das Bild, das Leute seit langer Zeit vom ehemaligen Reality-Star und heutigen 45. US-Präsidenten haben. Das würde der Autor selbst auch nie bestreiten. Gegenüber dem “Morgenmagazin” sagte Wolff, dass das Buch wohl nicht viel Neues bietet. “Allerdings trägt es viele Geschichten zusammen, die ein Bild von Donald Trump zeichnen.” Außerdem bedankte er sich bei ihm, weil seine Anstrengungen, das Buch zu verbieten, den Verkauf gesteigert hätten.

“Die Wahrscheinlichkeit, dass Trump nach 2020 Präsident ist, liegt bei null Prozent”

Seine Geschichten wirken bestens einstudiert. Die Pointen sitzen, auch weil sich die Fragen der Journalisten ähneln. Das ist im Gespräch mit Joffe nicht anders. Der US-Amerikaner wartet gerne einige Sekunden, bevor er auf Fragen antwortet. Währenddessen legt er die Fingerkuppen beider Hände aneinander. Dann spricht er über Trumps Antrieb: die Steigerung seiner Berühmtheit. Dass er gar nicht Präsident werden, sondern es eigentlich nur probieren wollte. Trump sei nur an wenigen Sachen wirklich interessiert, allen voran Frauen. Wolff berichtet von Trumps Unfähigkeit, Informationen zu verarbeiten, der scheinbar auffallend geringen Aufmerksamkeitsspanne des Staatsoberhaupts und dem Chaos im Weißen Haus. Diesem Chaos sei es ohnehin zu verdanken, dass es sich der Journalist laut eigener Aussage über Monate auf der Couch im West Wing bequem machen konnte. Joffe wundert sich, wie dieser das geschafft hat und fragt nach. “Man hat mich vergessen, nicht wirklich beachtet.” Der Zeit-Herausgeber hakt nach, dass er doch irgendwas angeboten haben muss. “Irgendwann haben die Mitarbeiter angefangen, sich mit mir zu unterhalten”, erwidert der Autor. Fragen habe er auch nicht stellen müssen. Joffe bekommt den Mann, der Trump scheinbar entschlüsselt hat, nicht wirklich zu fassen.

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Wolff zeichnet in seinen markigen, oft unterhaltsamen Ausführungen ein Bild, das für einen führenden Politiker einer der mächtigsten Nationen der Welt verheerender nicht sein könnte: narzisstisch, oberflächlich und intellektuell völlig überfordert. Trump ist eine Witzfigur, die idiotische Karikatur eines Staatsoberhaupts, so lautet zumindest das Wolff’sche Narrativ, das er bei seinen Auftritten präsentiert. Das Hamburger Publikum lacht an vielen Stellen, manch einer mag angesichts der hanebüchenen Klatsch-Geschichten aus dem Weißen Haus nur den Kopf schütteln. Michael Wolff ist der einzige im ganzen Saal, der ruhig bleibt. Gelegentlich huscht ein feines Lächeln über sein Gesicht, mehr nicht. Seine Miene wirkt kontrolliert. Seine Auftritte – ob auf der Bühne oder im TV-Studio – sind perfekt inszeniert. Es ist fast tragisch: Während Wolff über die schier unendliche Inkompetenz des US-Präsidenten in nüchternem Stil doziert, amüsieren sich die Gäste prächtig. Der Auftritt ähnelt einer Comedy-Show, deren Protagonist wohl mehr weiß als jeder andere, dass die Zustände im Weißen Haus nicht zum Lachen sind.

“Du musst Donald Trump nur schmeicheln, ihn loben”

Einen Silberstreif am Horizont gebe es dennoch. “Trump ist so schlecht in der Ausübung dieses Jobs, dass von ihm keine Gefahr ausgeht”, wiederholt der US-Journalist eine Pointe bei zahlreichen Aufritten der vergangenen Tage. “Er ist zu dumm, um sich zu verschwören und Krieg kann er daher gar nicht führen.” Warum? Weil moderne Kriegsführung für ihn zu anspruchsvoll sei. “Erstens interessiert ihn das nicht und zweitens hat er nicht die Fähigkeiten dazu”, erläutert Wolff. Für den deutschen Zuschauer sollen solch simple Wahrheiten wohl beruhigend wirken. Trump ist dumm und damit keine Gefahr für die Welt. Eine Frage bleibt allerdings: Ist die politische Realität rund um den US-Präsidenten, die Wolff seinen Lesern und Zuhörern offenbart, wirklich derart einfach gestrickt? Tagtäglich versuchen renommierte Journalisten weltweit, die politische Agende und das Verhalten des 45. US-Präsidenten zu analysieren. Sie werten Fakten und Zahlen aus, führen Interviews und bewerten die Politik von Trump, wie beispielsweise die kürzlich erlassene Steuerreform.

Wolff stichelt gerne gegen die Reporter der Washington Post, New York Times und anderer großer Medienhäuser, weil diese es nicht geschafft hätten, den 71-Jährigen wirklich zu verstehen. Was er erreicht habe, sei besser als der Hauptstadtjournalismus, sagt er. Dieser wiederum zählt zu seinen größten Kritikern, weil der Erfolg des Buches lediglich darauf beruhe, dass Wolff die Aversion der Trump-Gegner bestätige und zu einfache Erkenntnisse präsentiere. In einem Interview mit der Zeit kurz nach Erscheinen der US-Ausgabe sagte der Autor zu den Vorwürfen:”Die New York Times dachte, die Geschichte über Trump gehört ihr. Und da komme ich daher, ein freier Journalist völlig außerhalb der journalistischen Clubs und dem Washingtoner politischen Zirkel. Und jetzt sind sie beleidigt, weil ich ihnen den Scoop des Jahrhunderts weggenommen habe.”

Gegenüber Joffe erzählt der Autor übrigens zum Schluss des Gesprächs, dass er nicht an eine zweite Amtszeit glaubt. Womöglich wird er bereits vorher seines Amtes enthoben, mutmaßt dieser. “Die Wahrscheinlichkeit, dass Trump nach 2020 Präsident ist, liegt bei null Prozent”, erklärte Wolff in der Sendung von Markus Lanz. Fakt ist: Der amtierende Präsident stellt bereits die Weichen für den nächsten Wahlkampf. Dafür hat er erst Mitte dieser Woche seinen Wahlkampfmanager für 2020, Brad Parscale, vorgestellt. Fakt ist auch: Dass Trump niemals US-Präsident werden könnte, hatten politische Beobachter und Experten vor zwei Jahren vielfach betont. Michael Wolff wird sich am meisten freuen, dass sich damals alle geirrt haben.

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