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“Absenkung der Margen tut uns weh”: Grosso-Verbandschef Frank Nolte kritisiert Allianz um Burda, Bauer & Co.

Grosso-Verbandschef Frank Nolte fühlt sich bei den Umstrukturierungen von den Medienhäusern nicht hinreichend unterstützt
Grosso-Verbandschef Frank Nolte fühlt sich bei den Umstrukturierungen von den Medienhäusern nicht hinreichend unterstützt

Ein Verlagsbündnis von Burda, Axel Springer, Bauer & Co. hatte vor Monaten gefordert, das Grosso-System radikal zu reformieren. Im Raum stand dabei, die Zahl der Betriebe langfristig auf 15 abzusenken. Im MEEDIA-Interview kritisiert Grosso-Verbandschef Frank Nolte nun die Allianz. Sie beabsichtige zwar, die gewünschte Konsolidierung "konstruktiv" zu begleiten. Von notwendigen finanziellen Hilfen hierfür wollen die Medienhäuser aber nichts wissen.

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Die neue Vereinbarung über die Handelspannen steht. Warum wurden die Verhandlungen deutlich schärfer im Ton geführt als in früheren Jahren?
Frank Nolte: Was war anders dieses Mal? Nun, erstmals verhandelte unser Verband mit einer großen Koalition von sechs, später sieben marktprägenden Verlagen. Es galt, unterschiedliche Erwartungen zu objektivieren. Die Verhandlungen waren in der Sache zielstrebig und konsequent. Die elf Runden verliefen klimatisch unterschiedlich.

Was war so schwierig?
Vermutlich war die Ausgangslage noch nie so anspruchsvoll: In Folge der Digitalisierung, der zunehmenden Veränderung des Mediennutzungsverhaltens und der steigenden Bedeutung der Vertriebserlöse wachsen die Anforderungen für alle Beteiligten. Es muss auch zukünftig eine wirtschaftliche Basis geben, um unter veränderten Rahmenbedingungen weiter attraktive Printprodukte verlegen und vertreiben zu können. Der Unterhalt unseres filigranen und starken Vertriebsnetzes ist aufwändig. Ob Tageszeitung, Publikumspresse, Special-Interest-Magazin oder Rätselheft – die Anforderungen an den Pressevertrieb können sehr unterschiedlich sein. Der Verlagskoalition und unserem Verband ist es am Ende doch gelungen, die verschiedenen Interessen zu bündeln und einen gemeinsamen Weg für die Zukunft aufzuzeigen. Wir müssen uns nun auf die Reise machen.

Die neue Vereinbarung über die Handelsspannen soll dazu geführt haben, dass die Verlage für die Vertriebsleistung der Grossisten deutlich weniger zahlen müssen. Im Raum steht eine Summe im hohen zweistelligen Millionenbereich. Müssen die Grossisten nun kräftig Federn lassen?
Die Absenkung der Margen tut uns weh, keine Frage. Die größte Herausforderung liegt allerdings darin, das Pressesortiment attraktiv und verfügbar zu halten. Die Menschen lieben Zeitungen und Zeitschriften. Viele wollen Nachrichten, Unterhaltung oder Special-Interest weiterhin haptisch erfahren. Wir müssen jeden Tag hart daran arbeiten, dass die Menschen am Regal eine attraktive Auswahl vorfinden und weiter bzw. wieder kaufen wollen.

Sind die Grossisten jetzt gezwungen, deutliche Kosteneinsparungen vorzunehmen, um den Rückgang der Roherlöse auszugleichen?
Wie gesagt, Marktrückgang und Margenverlust stellen uns vor ganz neue Anforderungen. Wir werden alle Optionen prüfen und neue Prioritäten setzen müssen. Bunte Schleifchen können wir uns einfach nicht mehr erlauben. Experten warnen jedoch vor einem radikalen Sparkurs. Wohin das führt, sehen wir im Ausland. In Frankreich steht das Pressevertriebssystem vor dem Kollaps.

Die Verlags-Allianz hatte gefordert, dass sich die Branche der Grossisten deutlich konsolidiert. Als Ziel stand eine Zahl von 15 Grossisten im Raum. Haben Sie sich auf einen Fahrplan geeinigt?
Die Fortentwicklung des Grosso-Systems ist das übergeordnete Ziel der neuen Branchenvereinbarung. Dazu zählt die Fortsetzung und Beschleunigung der laufenden Konsolidierung. Das ist unsere Aufgabe, die die Mitglieder konsequent umsetzen wollen. Festlegungen auf eine konkrete Anzahl von Grosso-Firmen gibt es aber nicht. Die Verlage und der Grosso-Verband werden diesen Change-Prozess konstruktiv begleiten. Die neue Grosso-Struktur soll zukunftsfest und kraftvoll sein sowie Perspektiven für neue Geschäfte eröffnen.

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Sind die Verlage bereit, den Konsolidierungsprozess finanziell zu begleiten?
Das ist eine interessante Frage. Denn Konsolidierung braucht in der Tat zunächst Investitionen und Zeit. Und die Effekte nehmen vergleichsweise eher ab, weil in größeren Einheiten unter Zeitdruck weite Räume überbrückt und der Kontakt zum Kunden erhalten bleiben muss. Bisher gibt es keine finanziellen Zusagen der Verlage. Die neuen, für uns schlechteren Konditionen gelten ab sofort. Die Verlage wollen den Veränderungsprozess aber wie gesagt konstruktiv begleiten.

Wird sich die Zahl der Verkaufsstellen verringern?
Zunächst muss man sagen, dass wir in Deutschland ein einmalig dichtes Verkaufsstellennetz für Presse haben. Wir beliefern mehr als 104.000 Händler – jeden Werktag. Die Ubiquität stand in den Verhandlungen nicht zur Disposition. Pressesortimente in der Fläche verfügbar zu halten, ist auch weiterhin ein USP des vollversorgenden Pressegroßhandels. Durch den Strukturwandel ist unser Händlernetz immer in Bewegung. Es zeichnet sich eine noch stärkere Filialisierung ab. Hierauf stellen wir uns ein.

In den Verhandlungen wurde gefordert, den Vertrieb von Presseprodukten, die geringe Auflagen haben und das Grosso-System mehr fordern, stärker zur Kasse zu bitten. Müssen diese Titel einen Handelspannen- Aufschlag zahlen?
Dass, was Sie ansprechen ist branchenpolitisch eine wichtige neue Regel, die wirtschaftlich eine Steuerungsfunktion hat. Ein Ziel der Verhandlungen war es, die Konditionen gerechter in Bezug auf die Kostenverursachung zu gestalten. Für alle Titel, die einen bestimmten Mindestumsatz je Verkaufsstelle erwirtschaften, ändert sich durch dieses Konditionen-Element nichts. Lediglich die Titel, die den entsprechenden Mindestumsatz unterschreiten, erhalten einen moderaten Zuschlag. Keine Rolle spielt dabei, ob ein Titel den Mindestumsatz verfehlt, weil das Geschäftsmodell auf einem besonders niedrigen Preis beruht oder ob der Verlag zu viele Händler beliefern lässt, die den Titel nicht verkaufen. Dann sprechen wir davon, dass der Verkauf pro Händler, der sog. VD, zu gering ist. Jeder Verlag hat es aber selbst in der Hand, binnen einer Übergangsphase von sechs Monaten seine vertrieblichen Kennzahlen durch eine entsprechende Preispolitik und VD-Steuerung so zu verbessern, dass ein Zuschlag vermieden wird. Wir sind zuversichtlich, dass sich das Marktsteuerungsinstrument bewährt.

Die Fragen wurden schriftlich per Mail gestellt.

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Alle Kommentare

  1. Das “Rumpf-Kartell” der Großverlage ist geschickt aufgebaut und wird das deutsche und beste Presse-Vertriebs-System der Welt in den Abgrund führen !

    Leider ist das Kartellamt auch von der Sicherstellung einer Allüberall-Erhältlichkeit der Printmedien für den Verbraucher (Leser) abgerückt.

    Herr Mundt und seine Damen und Herren sind daher an dem
    Niedergang des Systems maßgeblich beteiligt, obwohl sie die schlechten
    Beispiele in England, Frankreich und den USA vor Augen haben…

    CHRISTIAN G. CHRISTIANSEN, Berlin

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