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"Eindruck einer Satire-Session": Focus Online bemüht sich jetzt um konstruktiven Journalismus

Will, dass ihre Redakteure konstruktiver arbeiten: Linda Hinz, stellvertretende Chefredakteurin von Focus Online

Der Ansatz des konstruktiven Journalismus hat mittlerweile in weiten Teilen der Branche Anklang gefunden. Nun erweitert sich der Kreis der Experimentierfreudigen um einen prominenten, reichweitenstarken Teilnehmer, der bei Beobachtern für Überraschung wie auch Verwirrung sorgt: Focus Online. Das Burda-Portal ist journalistisch nicht unumstritten. Was steckt hinter dem Engagement?

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„Drohende Fahrverbote treffen Unternehmer: ‚Umrüstung kostet knapp 3500 Euro pro Auto'“, „Betrüger stellt 175 falsche Gutachten aus und entzieht Eltern damit das Sorgerecht“, „Skandal um Stalag-Schild in Bundeswehr-Camp in Afghanistan“. So lauten die Schlagzeilen, mit denen Focus Online am Vormittag eines gewöhnlichen Wochentages auf seiner Startseite aufmacht. Es sind Themen, wie sie auch auf anderen Nachrichtenportalen zu finden sind, wenn auch hier und da mit weniger zugespitzten Überschriften und nicht als Aufmacher platziert. Viele Meldungen liefen am Morgen auch über die Agenturen. So gewöhnlich die Nachrichten sein mögen, so wenig haben sie mit konstruktiven Journalismus zu tun. Dem aber hat sich nun auch Focus Online verschrieben, wie Macher des Portals in der vergangenen Woche bei einer Veranstaltung deutlich gemacht hatten.
Das klingt erst einmal überraschend, verbinden Beobachter und Medienkritiker mit dem Burda-Portal womöglich erst einmal Attribute, die von Verfechtern des konstruktiven Journalismus kritisiert werden sowie publizistisch fragwürdige und immer wieder kritisierte Methoden. Dazu zählen neben Clickbaiting-Überschriften und -Facebook-Teasern von Focus Online als „Nutzwert“ kategorisierte Stücke, in denen laufend Schnäppchen und Werbeprospekte vorgestellt werden. Oder Ungenauigkeit in der Darstellung von Fakten, oder immer wieder auffallende, journalistische Ausfälle, für die sich die Redaktion anschließend entschuldigen oder erklären muss – beispielsweise für rassistische Überschriften wie über die Frauenfußball-Trainerin Steffi Jones oder dafür, dass es die Pogromnacht wieder in die Gegenwart geholt hat.
 
https://twitter.com/martinhoffmann/status/965183933389459456
Erst am gestrigen Donnerstag warfen Redakteure der Welt dem Burda-Portal vor, „Textaufbau, Einstieg, teilweise ganze Passagen“ eines exklusiven Stückes kopiert zu haben. Erst kürzlich einigte sich Burda außergerichtlich mit der zu Axel Springer gehörenden Bild, die Focus Online wegen solcher Methoden verklagen wollte.
Vorfälle und Verhaltensweisen wie diese dürften der Grund dafür sein, dass ein von Focus Online veranstaltetes Panel beim Digital Media Camp in der vergangenen Woche in München auf großes Interesse gestoßen war. Focus Online gab dort Einblicke in seine Strategie für konstruktiven Journalismus und sorgte mit seinem Beitrag für Diskussionen und Reaktionen, die Publikumsteilnehmer über soziale Medien teilten. Auf manche Nutzer machte der Vortrag eines Redakteurs des Nachrichtenportals „den Eindruck einer Satire-Session“, der Vortrag sei eine „Farce“ und nicht wirklich überzeugend. Vorgestellt hatte der Mitarbeiter unter anderem, dass „alle Redakteure“ konstruktiv seien und auch jedes Thema einem konstruktiven Ansatz verfolgen solle.
https://twitter.com/mmontag/status/965182989650092032
https://twitter.com/jgesthuizen/status/965184982049320960
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Martin Hoffmann, ehemaliger Social-Media-Chef der Welt und nun Medienunternehmer, kramte parallel zum Vortrag bei Facebook wie auch von der Startseite von Focus Online Beispiele hervor, die dem Ansatz des konstruktiven Journalismus alles andere als gerecht werden.
Verfechter des Konzepts haben sich der Idee verschrieben, journalistische Arbeit nicht mehr nur problemorientiert anzugehen und Rezipienten damit womöglich negativ zu belasten, sondern auch Folgen und Lösungen aufzuzeigen. Viele von ihnen machen den etablierten Nachrichtenjournalismus mitunter für den Vertrauensverlust in die Medien verantwortlich. An der Spitze der Bewegung steht der Däne Ulrik Haagerup, der zuletzt vor einigen Tagen auch noch einmal in Deutschland für konstruktiven Journalismus geworben hatte. Dabei wird immer wieder, wie zuletzt im Interview mit MEEDIA, auch darüber diskutiert, ob konstruktiver Journalismus letztlich nichts anderes ist als die Wiederbesinnung auf journalistisch sauberes Handwerk.
Von der Diskussion losgelöst experimentieren mittlerweile auch deutsche Nachrichtenmedien und Online-Portale mit dem Ansatz, der sich als Gegengewicht zu negativen Nachrichten und Skandalisierung etablieren soll. In Europa haben sich einige Medien und Projekte sogar komplett dem Constructive-Journalism-Ansatz verschrieben.

Gegenüber MEEDIA erläutert Linda Hinz, stellvertretende Chefredaktion bei Focus Online, das Vorhaben der Redaktion, konstruktiven Journalismus auch in ihr Produkt einfließen zu lassen. Dabei prallt die Kritik, die beispielsweise beim Panel geäußert worden war, grundsätzlich erst einmal an ihr ab. „Viele Journalisten fordern in ihren eigenen Beiträgen Veränderungen von wirtschaftlichen und politischen Akteuren. Doch wenn es darum geht, selbst etwas zu verändern, sieht man das oft sehr kritisch. Das finden wir sehr schade“, sagt sie. „Auf eine hämische Ebene, die übrigens nur von vereinzelten Zuhörern beim Panel eingenommen wurde, wollen wir uns dabei nicht begeben. Denn das hat mit Konstruktivität nichts zu tun.“
„Unser Ziel ist es, eine eigene Art von konstruktivem Journalismus zu entwickeln, um auf diese Weise möglichst viele Menschen zu erreichen und ihre Perspektiven zu erweitern“, sagt sie. „Wir stellen Lösungsansätze für gesellschaftliche Probleme vor, veröffentlichen Geschichten von Menschen, die sich aus einer schwierigen Lage herausgearbeitet haben, um anderen Mut zu machen. Und wir versuchen auch in Stücken, die keine klassisch konstruktiven Themen behandeln, Perspektiven aufzuzeigen.“ Dies mache man beispielsweise, „in dem wir in unseren Stücken Kästen mit Infos und Hinweisen verbauen, die Hoffnung machen“.
Als Beispiele nennt sie ein Stück über einen sich im Ruhestand befindenden Mediziner, der kostenlos mittellose Patienten versorgt. Oder die Reportage über ein Team ehrenamtlicher Helfer, die im Winter mit dem „Kältebus“ durch München fahren und sich um Obdachlose kümmern. Beispiele wie diese mögen in der heutigen Gesellschaft außergewöhnlich, bemerkenswert und damit journalistisch interessant sein. Sind sie aber auch konstruktiv im Sinne von lösungsorientiert für systembedingte Probleme?
Nichtsdestotrotz finden sich auch bei Focus Online Artikel, denen man einen konstruktiven Ansatz nicht abstreiten möchte. So schreiben Autoren des Portals über Menschen, die einen Weg aus der Depression gefunden haben oder sich dafür einsetzen, dass sich möglichst viele als Stammzellenspender registrieren lassen. Oder über Projekte zur Integration von Flüchtlingen. Stücke wie diese aber sind gemessen an der Masse des Contents, den Focus Online produziert, nur ein Bruchteil der gesamten Berichterstattung und gehen wohl deshalb auch unter.
Einen festen Platz für konstruktive Stücke gibt es auf der Focus-Online-Seite nicht. Gegenüber MEEDIA ordnet Hinz zudem die Gewichtung konstruktiver Stücke im Gesamterscheinungsbild anders ein, als der Vortrag vermuten lässt. Auch wenn zwar an alle Mitarbeiter appelliert sei, konstruktives Denken anzuwenden, gebe es in jedem Team so genannte „Solutionists“, wie Hinz sie nennt, „denen das Thema besonders am Herzen liegt“ und die es vorantreiben sollen. Auch wenn der konstruktive Ansatz im Nachrichtengeschäft nicht immer leicht zu verfolgen sei und man noch einen „weiten Weg“ vor sich habe, wolle man das Ziel weiter verfolgen.
Neben der Überzeugung, Journalismus durch konstruktive Arbeit glaubwürdiger und attraktiver zu machen, spielt bei Focus Online aber auch der wirtschaftliche Aspekt eine nicht zu unterschätzende Rolle. „Konstruktiver Journalismus bietet die Basis für neue inhaltliche und wirtschaftliche Kooperationen, womit wir unsere Zukunft nachhaltig sichern“, hatte es auf einer der Folien beim Panel geheißen. Es gehe den Verantwortlichen sicher auch darum, ihr Image aufzupolieren, kommentierte einer der Publikumsteilnehmer im Nachgang. „Weil ihnen die Knie schlottern wegen des Trends in der Online-Werbebranche.“

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