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Constructive-News-Vordenker Haagerup: Warum konstruktiver Journalismus die Medienindustrie retten kann

Ulrik Haagerup bemängelt, dass wegen zu vieler Meinungs-Artikel viele Zeitungen von “News- zu Viewspapers” geworden wären
Ulrik Haagerup bemängelt, dass wegen zu vieler Meinungs-Artikel viele Zeitungen von "News- zu Viewspapers" geworden wären

Die Taxi-Fahrt vom Radio-Haus des NDR in Hamburg Rotherbaum bis zum Airport dauerte exakt 17 Minuten und 25 Sekunden. Zeit genug für Ulrik Haagerup im MEEDIA-Interview mit einer Vielzahl von Missverständnissen aufzuräumen. Beim konstruktiven Journalismus gehe es nicht um eine Fixierung auf gute Nachrichten, sondern schlicht um die "beste verfügbare Version der Wahrheit" und darum die Medienindustrie zu retten. Denn wenn die Branche so weitermache, werden sich immer mehr Menschen von ihr abwenden.

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Eine Stunde zuvor hatte der Däne ein düsteres Bild vom Zustand des Journalismus und vor allem der Medienbranche und ihres Verhältnisses zu den Lesern, Zuhörern und Zusehern gezeichnet. Der stete und scheinbar niemals versiegende Strom ausschließlich negativer Meldungen sorge dafür, dass die Nachrichten immer mehr Menschen nur noch deprimieren würden und sie sich deshalb abwenden.

Mit ihrer klassischen Form der Nachrichten-Berichterstattung würde sich die gesamte Medienindustrie immer nur auf die Vergangenheit von berichtenswerten Geschehnissen konzentrieren. So seien beispielsweise alle W-Fragen (was, wann, wie, wo und warum) rückwärtsgewandt. Aber niemand würde die logische und zudem noch viel konstruktivere Frage nach dem “was jetzt?” stellen.

Aus diesen Überlegungen heraus entwickelte Haagerup, der bis zum Sommer des vergangenen Jahres noch Chefredakteur des öffentlich-rechtlichen Senders Dansk Radio war, das Konzept des konstruktiven Journalismus. In Deutschland gibt es erste Startups, die sich mit dem Ansatz beschäftigen. Auch Radio- und Fernseh-Formate von ARD und ZDF setzen mittlerweile auf das von Haagerup propagierte lösungsorientierte Storytelling. Zudem experimentieren Web-Größen wie Zeit Online, Focus Online oder auch Spiegel Online immer wieder mit entsprechenden Stücken und Artikel-Serien.

Auf Einladung der Hamburg Media School trafen sich in Hamburg nun Macher und Interessierte des Konzeptes zum ersten Constructive News Day. Stargast war Ulrik Haagerup, der für eine gute Stunde und einen Kurzvortrag zwischen einer Konferenz in Amsterdam und dem Heimflug im NDR-Radiohaus vorbeischaute. Auf dem Weg zurück zum Flughafen sprach MEEDIA mit dem 54-Jährigen.


So ein Taxi-Interview hat immer das Flair eines Gespräches mit einem Superstar. Herr Haagerup, sind Sie der Popstar des konstruktiven Journalismus?
Nein. Ich will nur meine Frau mal wieder sehen und muss deshalb dringend meinen Flieger erreichen. Deshalb sprechen wir im Taxi.

Aber viele sehen in Ihnen schon so etwas wie den Messias des konstruktiven Journalismus.
Wenn es so wäre, wäre das wirklich peinlich.

Die Bezeichnung passt natürlich trotzdem ganz gut, weil Ihr Konzept immer auch als Bewegung wahrgenommen wird und da ist die Überspitzung von einer Religion zu sprechen auch nicht mehr so weit.
Einspruch. Konstruktiver Journalismus ist nichts, zu dem man konvertieren kann. Ich versuche ihn eher als Spiegel zu beschreiben, in den die ganze Branche blicken und zusammen lachen kann, wenn sie versteht, wie die Menschen uns Journalisten wirklich sehen.

Einen Spiegel?
Nur so können wir uns die Fragen stellen, warum uns die Menschen nicht mehr vertrauen, warum wollen nur so wenige für unsere Produkte zahlen, warum verbringen die Menschen immer weniger Zeit mit dem Konsum von traditionellen Nachrichten? Was ist eigentlich unsere Rolle in der Gesellschaft und hat sich diese Rolle geändert, weil die Menschen nicht mehr so sehr die Nachrichten zu brauchen scheinen wie früher?

Wie lautet denn die Antwort auf die letze Frage, die Sie aufgeworfen haben. Brauchen die Menschen wirklich Nachrichten weniger als früher?
Ich bin jedenfalls nach wie vor davon überzeugt, dass sie Journalismus brauchen. Mehr als jemals zuvor. Aber dann auch wirklichen Journalismus.

“Gehöriger Unterschied, ob ich Geld verdiene, um guten Journalismus zu machen oder ob ich Journalismus mache, um Geld zu verdienen”

Sie sagen, dass der nicht enden wollende Strom negativer Nachrichten immer mehr Menschen deprimiere. Dabei glauben die meisten Journalisten noch immer fest an den Grundsatz: only bad news are good news. Sie halten die Regel für überholt. War sie denn jemals zutreffend?
Erst einmal verwehre ich mich immer gegen jede Form von journalistischer Vergangenheitsverklärung im Sinne von “the good old days”. Mit der Ausnahme, dass es in den frühen Jahren von Pulitzer beispielsweise noch anders war, weil der Journalismus noch nicht die Aufgabe hatte, den Profit von Kapital-Gesellschaften zu erhöhen.

Aber es gehörte doch schon immer zum Geschäftsmodell der Medienhäuser, mit ihren Inhalten auch Geld zu verdienen.
Es macht aber einen gehörigen Unterschied, ob ich Geld verdiene, um guten Journalismus zu machen oder ob ich Journalismus mache, um Geld zu verdienen. So gesehen gab es einen erheblichen Shift in den 80er Jahren. Ich sage Ihnen noch etwas…

Bitte…
Nach den Bürgerrechtsbewegungen in den 70er- und auch noch in den 80er-Jahren, sind viele Menschen in den Journalismus gewechselt, nicht weil sie die Leser schlauer machen wollten, sondern um sie zu beeinflussen. Das waren und sind als Journalisten verkleidete Aktivisten. Eine direkte Folge davon ist beispielsweise die Debatte, ob Journalisten einen Standpunkt haben sollen oder nicht. Es ist nämlich viel leichter und auch günstiger, einfach Standpunkte und Meinungen zu vertreten, als News. Die Folge: Viele Zeitungen haben sich längst von Newspapers in Viewspapers gewandelt. Diese Entwicklung macht mir Angst. Ich bin nicht gegen politische Ansichten oder Aktivismus, aber ich bin gegen Menschen, die sich Journalisten nennen, aber eigentlich eine politische oder aktivistische Agenda haben.

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“Unser Ziel müsste es sein, den Lesern die beste verfügbare Version der Wahrheit zu liefern”

Aber echte Objektivität ist bei Journalisten bekanntlich ja auch unmöglich.
Ich verweigere mich aber der Logik: Weil wir nicht objektiv sein können, sind wir halt subjektiv. Ein professioneller Journalist, dessen Ziel es ist, seinen Lesern die beste verfügbare Version der Wahrheit” (Carl Bernstein: “best obtainable version of the truth”) zu liefern, muss einfach versuchen, stets beide Seiten einer Story sehen zu wollen. Es ist leider so, dass viel zu viele Journalist nur noch aus einer Hypothesen-Position heraus arbeiten. Nach dem Motto: “Es wäre doch eine tolle Story, wenn ich jemanden finde, der sagt….”. Sie finden immer jemanden, der ihre These stützt. Das können sie mir glauben, ich war einer der Besten darin. Dabei habe ich nie gelogen, aber immer genau die Person oder den Paragraphen gefunden, der meine Hypothese stützte.

So wie Sie es beschreiben, hat diese Vorgehensweise längst System?
Das ist auch so.

Wie läuft es dann weiter?
Mit den auf meiner Hypothese basierenden Beweisen oder Experten-Aussagen suche ich mir dann einen Politiker, der mir ins Mikrofon sagt, für wie ernst er das Problem hält und das es längst an der Zeit ist, mehr dagegen zu unternehmen. Spätestens jetzt habe ich meine Story, die ich für die nächsten Tage weitertreiben kann. Genau nach dieser maschinelle Methode wird heute sehr viel Journalismus produziert. Das sind keine Fake-News, sondern einfach schlechter Journalismus.

Wir halten fest: Sie sagen, dass wir unsere Standpunkte und Meinungen nach Möglichkeiten von der Arbeit fernhalten sollten. Was ist dann mit Emotionen? Das Internet und die sozialen Netzwerke sind voll von emotionalen Headlines, Texten und Bildern …
Ich bin nicht gegen Emotionen. Aber man muss das klar unterscheiden. Die Emotionen von Menschen sind viel interessanter als die von Journalisten. Wenn ich eine Story über die Ergebnisse eine Meinungsumfrage mache, die sich mit dem Erstarken der neuen rechten Parteien beschäftigt, dann brauche ich keine Emotionen des Autoren, sondern nur die Fakten.

Kann ein konstruktiver Journalismusansatz Parteien wie die AfD aufhalten?
Das Ziel eines Journalisten sollte es nicht sein, irgendeine politische Bewegung zu stoppen. Die Menschen haben das Recht jede Partei zu wählen, die sie wählen wollen. Die Rolle des Journalisten muss es dagegen sein, den Menschen die beste verfügbare Version der Wahrheit über die jeweilige Partei und ihre Ziele zu liefern. Nehmen wir die deutsche Grenzöffnung im Sommer 2015.

Bitte.
Die deutschen Medien zeigten vor allem junge Mütter und ihre Kinder, die nach Deutschland kamen und hilfsbereite Menschen an den Bahnhöfen. In diesem Fall nahmen viele Medien einen viel zu einseitigen Standpunkt ein. Die eigentliche Aufgabe für Journalisten sollte es vielmehr sein, für die wichtigen Folge-Debatten das Fakten-Fundament zu liefern. Wenn wir dabei nicht alle Fakten nennen, entsteht ein Informations-Vakuum, das sich von interessierten Gruppen dann leicht mit Gerüchten, Übertreibungen und Lügen füllen lässt.

Ist es dann schon konstruktiver Journalismus, wenn ich mich auf die Fakten konzentriere? Das ist doch vielmehr ganz simples Handwerk.
Es sollte erst einmal Teil unserer grundsätzlichen Einstellung sein, immer das genaueste Bild einer Entwicklung zu liefern. Der konstruktive Ansatz liegt dabei eher in der “Was jetzt?”-Frage. Also, wenn eine Millionen Menschen in Deutschland über die Grenze kommen, dann muss es der konstruktive Ansatz sein, nach den Konsequenzen dieser Entwicklung zu fragen. Wer ist da gekommen, welche Qualifikationen haben die? Wie können wir sie integrieren, wollen sie überhaupt integriert werden oder können wir sie überhaupt integrieren? All diese Geschichten sind essentiell.

Gerade räumen Sie so ganz nebenbei mit einem vermeintlichen Vorurteil auf. In den deutschen Redaktionen denken viele, dass das Konzept des konstruktiven Journalismus gerade darin liegt, immer die gute Seite einer Story zu betonen und nicht die schlechte, wie sonst immer.
Das ist wirklich ein großes Missverständnis. Natürlich sagen wir, dass ein großes Problem darin liegt, dass immer ein viel zu negatives Bild gemalt wird. Die Lösung kann aber nicht sein, deshalb einfach mehr positive Stories zu machen. Das ist nicht konstruktiv. Diese Form des Journalismus muss sich mit den großen gesellschaftlichen Fragen beschäftigen und dabei die Frage beantworten: Wenn es ein großes nationalen Problem gibt, ist es irgendwo im Kleinen schon einmal gelungen es zu lösen? Wo war das, wie haben die das gemacht, was können wir davon lernen? Das ist konstruktiv. Nur einfach nicht negativ zu sein, dass ist nicht konstruktiv.

“Constructive News sind nicht die nordkoreanische Version von Journalismus”

Also keine Happy-News?
Das ist etwas völlig anderes. Wir wollen nicht Probleme ignorieren oder sie fröhlicher Darstellen, als sie sind. Constructive News sind nicht die nordkoreanische Version von Journalismus.

Betrachten wir das ganze aus ökonomischer Sicht. Sie sagen, dass in den vergangenen 20 Jahren zu viele negativen Nachrichten produziert worden wären, weil die Faustregel galt: only bad news, are good news. Jetzt wenden sich die Leser ab und immer weniger sind bereit, für diese Form des Journalismus zu bezahlen. Wie reagieren die Redaktionen? Sie Produzieren unter Volldampf noch mehr Stories, die aber alle den alten Grundsätzen folgen. Wenn diese Logik stimmt, dann müsste das Management der Medienhäuser doch längst gegensteuern. Allein, um auch weiterhin den maximalen Gewinn mit ihrem Produkt machen zu können.
Es fällt einfach unglaublich schwer, seine Gewohnheiten zu ändern, vor allem, wenn sie auf alten – scheinbaren – Gewissheiten beruhen. Gerade ältere Journalisten haben über Jahrzehnte gehört: “if it bleeds it leads”. Oder anders gesagt: Wenn wir Gewalt, Kriminalität und nackte Frauen haben, dann verkauft es auch. News-Untersuchungen zeigen dagegen, dass der ständige Reigen von schlechten Nachrichten beim Zuschauern dazu führt, dass er abschaltet. Die Menschen – vor allem Frauen und junge Erwachsene – wollen diese Konzentration auf Bad News nicht mehr und wenden sich ab.

Sie sagen also, das erste Medienunternehmen, das seine Gewohnheiten wirklich ändert, kann Millionen machen?
Davon bin ich überzeugt. Der Guardian startete gerade eine Testreihe mit konstruktiven Geschichten und fand heraus, dass diese Stücke viel häufiger gelesen werden, als andere.

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Alle Kommentare

  1. Perspektiven liefern, Möglichkeiten aufzeigen statt mit permanenten Doomsday Stories die Menschen in einen verzweifelten Fatalismus zu treiben, der sie zur leichten Beute von zweifelhaften Führergestalten macht, die ihnen Erlösung aus dem von ihnen wahrgenommenen Elend anbieten.
    Fachzeitschriften leben davon, dass sie nach Lösungen für Probleme suchen, statt sie einfach nur zu beschwören. Lese ich einen Artikel der Harvard Business Review, so stoße ich dort auf die gleichen Probleme. Aber anders als beim Boulevardjournalismus werden Probleme dort nur abgehandelt, wenn auch mögliche Lösungswege aufgezeigt werden.
    Kein Autor käme dort auf die Idee beispielsweise das Thema Diversity als Bedrohung aufzufassen, die man nur bändigen könne, wenn man sie abschafft. Sie ist ganz einfach gegeben und die Frage lautet: wie geht man damit am Besten um?
    Von solcher Berichterstattung ist der Alltagsjournalismus leider himmelweit entfernt.

  2. Einige Analysen sind richtig, andere kommen mir zu kurz. z.B. die fehlende Zeit.
    Jemand der einen Vollzeitjob hat, dem fehlt schlicht die Zeit eine Tageszeitung gründlich zu lesen. Ein Arbeitsloser hätte die, kann sich aber ein so teures Jahresabo gar nicht leisten. ( noch dazu bei ständigen Preiserhöhungen ! ). Außerdem kommen Arbeitslose in der deutschen Presse nicht gut weg, warum sollten die ein Presseerzeugnis kaufen, in welchem sie ständig herabgesetzt werden ?
    Nur bei der BILD Zeitung funktioniert dies kurioserweise….
    Jemand der gut verdient, einen Vollzeitjob hat, vielleicht noch Partner/in und Kind(er), der schafft kaum den SPIEGEL oder DIE ZEIT. Warum sollte er dann noch viele andere Zeitschriften/Zeitungen kaufen ? Früher hatte man Abos, selbst wenn man z.B. im Handelsblatt nur 5% las, weil es diese Infos woanders nicht gab. Durchs Netz hat sich dies erledigt. Dazu kommen die hohen Renditewünsche der Zeitungskonzerne. In England ist man mit weniger zufrieden und hat viele Titel seit bis zu 10 Jahren preisstabil gehalten. z.B. eine DAILY MAIL wird trotz des oft fragwürdigen Inhalts von vielen in England gekauft, obwohl sie politisch eine andere Einstellung haben, weil sie umfangreich und günstig ist, dazu noch Rätsel, Comics, Rezepte und Lebenshilfe bietet.
    In D hat man die Comics aus Kostengründen überall gestrichen, irgendwo über dem Impressum versteckt sich noch ein Sudoko oder Rätsel. Wer nur die Nachrichten von gestern bringt, verbunden mit einem politischen Meinungseinheitsbrei, der direkt aus dem Kanzleramt kommen könnte, darf sich über mangelnde Nachfrage nicht wundern.

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