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"Durch das Antikapitalismus-Sieb gedrückt" – zum Zustand der Wirtschaftsberichterstattung in ARD und ZDF

Wirtschaftssendungen bei ARD und ZDF

Wirtschaft und Gesellschaft sind in der Moderne untrennbar verbunden. Und so sollte es auch zum gesellschaftlichen Auftrag öffentlicher Rundfunkanstalten gehören, angemessen über Wirtschaft, Unternehmen und die Finanzwelt zu berichten. Aber erfüllen ARD und ZDF diese Maßgabe? Der Kommunikationsexperte Hasso Mansfeld ist der Meinung, dass der öffentliche Rundfunk seine Aufgaben in dieser Hinsicht sträflich vernachlässigt. Mit einer Ausnahme. Ein Gastbeitrag.

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Von Hasso Mansfeld
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk (ÖRR) hat einen Auftrag, der sich aus Art. 5 Abs. 1 Satz 2 des Grundgesetzes ergibt und der zudem im Rundfunkstaatsvertrag gesetzlich festgeschrieben ist. Zum Auftrag gehört es danach, dem Bürger die Möglichkeit der Teilhabe an der freien demokratischen Meinungsbildung zu bieten und so zur publizistischen Meinungsvielfalt in Deutschland beitragen. Explizit heißt es beispielsweise bei der ARD, man will „die Vielfalt gesellschaftlichen Lebens widerspiegeln.
Aber ist das wirklich so?
Wie sieht es denn aus, wenn dort beispielsweise Wirtschaftsthemen verhandelt werden? Das Institut für empirische Medienforschung (IFEM) hat sich der Frage einmal angenommen und herausgefunden, dass die wenigen Minuten, die täglich im ÖRR für Wirtschaftsfragen bleiben, in der ARD von 2014 auf 2016 noch einmal um zwei Minuten auf nunmehr gerade noch 13 Minuten gekürzt wurden. Noch schlechter sieht es beim ZDF aus, dort stieg zwar die Zeit, die man der Wirtschaftsberichterstattung widmet, jedoch nur um 60 Sekunden auf bescheidene 8 Minuten pro Tag. Und dabei ist von Institutseite nicht einmal diskutiert worden, was genau da in der kurzen Zeit behandelt wird. Die wenigen Sende-Minuten nämlich mehrheitlich mit extrem unternehmenskritischen Betrachtungen gefüllt.
Dabei sollte es doch eigentlich Aufgabe solcher Sendungen sein, zu überprüfen und kritisch zu begleiten, in wie weit die Wirtschaft etwa die eigenen Regeln einhält. Also eine Effektivitätsbeschau vorzunehmen und die Frage nach der Gewinnoptimierung zu stellen.
Schaut man aktuell einmal auf den Themenkatalog von „Plusmimus“, der klassischen Wirtschaftssendung der ARD, ergibt sich ein abweichendes Bild: Besprochen werden hier Themen wie Versicherungsfallen, Preissteigerungen im Paketzustellungsdienst, Lebensmittelverschwendung, Steuertricks bei Immobiliengeschäften, sogar Risiken moderner Autotüren. Hier haben die grundsätzlich kapitalismuskritischen Stimmen Oberwasser. Die einzige Sendung in ARD und ZDF, die sich die sonst omnipräsente Kapitalismuskritik spart,  ist die „ARD-Börse“ kurz vor der „Tagesschau“ und im Internet, aber dazu gleich mehr.

Ist Wirtschaft pfui geworden?

Grundsätzlich geht es in „Wirtschaftssendungen“ des ÖRR um verbraucherrelevante Themen und längst nicht mehr um eine originäre Wirtschaftsberichterstattung. Geht ein Unternehmen an die Börse, wird schon reflexartig besprochen, welche Nachteile sich daraus für den Verbraucher ergeben, anstatt sich die viel naheliegendere Frage zu stellen, was das nun für die Eigner bzw. Aktionäre bedeutet, welche wirtschaftlichen Chancen das für das Unternehmen eröffnet, inwieweit die Marktstellung dadurch verbessert werden kann, was das mit der Wettbewerbsfähigkeit macht, mit der Infrastruktur, den Beschaffungsmöglichkeiten. Und welche Folgen das für den Wirtschaftsstandort hat.
Man gewinnt so den Eindruck, Wirtschaft sei irgendwie pfui geworden. Priorität jedes Unternehmens ist aber nun mal die langfristige Gewinnmaximierung. Unabhängig übrigens davon, ob ein Unternehmen auch dem Gemeinwohl zu dienen hat. Möglicherweise bedingt das eine sogar das andere. Die Gewinnerzielungsabsicht der Unternehmen wird in der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung sogar mit Kampfbegriffen diskreditiert. Googelt man einmal die Begriffe „Milliardengeschäft“ und „ARD“ gemeinsam, kommt man auf ca. 45.000 Treffer. Nüchterne Wirtschaftberichterstattung verschwindet nach und nach zugunsten einer zunehmend kapitalismuskritischen Berichterstattung.
Dass nun aber die langfristige Gewinnoptimierung Unternehmensziel Nr. 1 ist und bleibt und damit unverrückbar im Zentrum unseres marktwirtschaftlichen Systems steht, interessiert die öffentlich-rechtlichen Fernsehmacher augenscheinlich wenig. Nun ließe sich sogar sagen, der moralische Wert der Wirtschaft entsteht aus den Ergebnissen, die sie produziert. Aus den Produkten und Dienstleistungen zur Versorgung der Bevölkerung, der Schaffung von Arbeitsplätzen und nicht zuletzt der langfristigen Finanzierung des Staatshaushaltes durch Steuern auf Unternehmensgewinne und alle Wertschöpfungsfaktoren der Wirtschaft. Dieser gesellschaftliche Nutzen wird nun durch einen grundsätzlich wirtschaftskritischen Blick auf den bösen Kapitalismus entwertet.
Das kann nicht sein. Wenn so grundsätzlich kapitalismuskritisch auf „Milliardengeschäfte“ geschaut wird, könnte man am Ende den Eindruck gewinnen, dass Unternehmen, die weniger verdienen, per se die besseren sind.

Das Antikapitalismus-Sieb

Warum nicht stattdessen eine ergebnisoffene Betrachtungsweise und Berichterstattung ohne gleich alles durch das Antikapitalismus-Sieb zu drücken? In diesem Kontext erscheint die Finanzmarktberichterstattung in der ARD mit einem Online-Angebot wie boerse.ARD.de und der Sendung „boerse vor Acht“ wie eine Hymne auf die deutsche Wirtschaft – ohne dabei freilich kritiklos zu sein. Ein einsamer Rufer in der Wüste? Berichtet wird hier über die wichtigsten Vorgänge in der Finanzwelt. Im Mittelpunkt stehen Entwicklungen von Aktien, die in den Depots deutscher Privatanleger am weitesten verbreitet sind. „Die Redaktion sieht ihre vorrangige Aufgabe darin, die interessantesten Bewegungen herauszufiltern und anschaulich zu erläutern“, heißt es in der Selbstbeschreibung der Sendung. Wäre es denn eine kühne Vorstellung, Formate wie dieses auszuweiten, ihnen Raum, noch genauer hinzuschauen, Hintergrundberichte zu erstellen oder gar direkt mit und aus den Unternehmen zu berichten. Warum eigentlich nicht?
Über den Autor:

Hasso Mansfeld arbeitet als selbstständiger Unternehmensberater und Kommunikationsexperte unter anderem für Unternehmen der Tabak-, Glücksspiel-, Finanz- und der Chemiebranche. Für seine Ideen und Kampagnen wurde er unter anderem dreimal mit dem deutschen PR-Preis ausgezeichnet. Hasso Mansfeld schreibt außerdem regelmäßig für das Online-Debattenmagazin diekolumnisten.de. Mansfeld trat 2014 als Kandidat der FDP für die Europawahl an.

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