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Streit um Einkaufs-Konditionen: Was der Nestlé-Boykott des Einzelhandels für den Konzern bedeutet

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Bübchen, Vitel, Wagner-Pizza, Maggi, Thomy oder Nescafé: All diese Marken sind fester Bestandteil des alltäglichen Konsumentenlebens, bald nicht mehr in den Regalen von Coop, Edeka und Intermarché aus Frankreich zu finden. Warum? Weil die Handelsketten einen Bestellstopp für die mehr als 160 Produkte des Konzerns verhängt haben. Hintergrund sind Streitigkeiten über die Konditionen im Einkauf. Was richtet der Boykott der Nestlémarken an? Eine Einschätzung des Experten.

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163 Nestlé-Produkte will Edeka aus seinen mehr als 5.800 selbstständigen Märkten verbannen. Beim Schweizer Händler Coop gilt seit dieser Woche ebenfalls ein Bestellstopp für alle gekühlten Thomy-Salatsaucen, Cailler Perles, Nescafé, Azera und Buitoni La Fina. Produkte, die noch in den Läden vorhanden sind, will der Konzern mit einem Rabatt von 50 Prozent ausverkaufen. Die Einzelhandebranche hat den Nestlé-Boykott ausgerufen.

Grund für den “food ban” ist nicht, wie man vielleicht denken könnte, das angekratzte Image des Konzerns, der mit seinen zahlreichen Marken zum weltweit größten Anbieter so genannter fast moving consumer goods gehört, sondern seine Preispolitik. Für den Geschmack der Einzelhändler ruft Nestlé viel zu gesalzene Preise auf. Darüber hatte vergangene Woche bereits die Lebensmittelzeitung berichtet.

Dass gleich drei große europäische Handelsketten auf Nestlé verzichten wollen, hängt am 2015 gegründeten Einkaufsverbund Agecore. Er hatte zuletzt stellvertretend mit dem Konzern verhandelt. Die Umsetzung des Boykotts regeln die Ketten hingegen selbst. Edeka soll seinen Kaufleuten, die ihre Läden selbstständig betreiben, eine fünfseitige Liste mit Produkten zugeschickt haben, die nach und nach aus den Regalen geworfen werden sollen. Engpässe in der Vielfalt des Angebotes werden dann unter anderem von den Eigenmarken aufgefangen. Den Vorgang könnte man gleichzeitig als Experiment bezeichnen, wie Joerg Walbaum, Senior Analyst der europäischen Ratingagentur Euler Hermes, erklärt: „Mittlerweile verfügt Edeka über starke und etablierte Eigenmarken. Es wäre sicherlich mal sehr spannend zu sehen – wenn die kolportierten 163 Produkte von Nestle wirklich dauerhaft aus den Regalen verschwinden würden – ob sich markenaffine Konsumenten daran gewöhnen oder den Supermarkt für ihre Marken wechseln.“

Ein verändertes Kaufverhalten zwingt Nestlé zum Umdenken

Nestlé hatte 2017 weltweit rund 89,8 Milliarden Schweizer Franken (rund 77,9 Milliarden Euro) Umsatz generiert. Zum Jahresbeginn ließ der CEO Mark Schneider verlauten, dass das organische Wachstum im Jahr 2017 zwar innerhalb der gewünschten Bandbreite lag, „aber unter unseren Erwartungen, insbesondere nach einer schwachen Umsatzentwicklung zum Ende des Jahres. Die Umsatzsteigerung in Europa und Asien war erfreulich, doch das Handelsumfeld in Nordamerika und Brasilien blieb weiterhin herausfordernd.“
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Nestlé sei schwächer gewachsen als der Wettbewerb, erklärt Walbaum: „Der Konzern leidet darunter, dass sich das Kaufverhalten dynamisch verändert und immer mehr Konsumenten an Convenience-Produkten vorbei zu frischen Lebensmitteln greifen. Deshalb reagiert sich der Nestlé-Konzern mit einem Strategiewechsel, hat kürzlich einen Umbau gestartet, der auch das Markenportfolio betrifft”, sagt der Experte weiter. Kaffee, Tierfutter, Babynahrung und Wasser lauten nun die vier Segmente, in denen Nestlé wachsen will. “In anderen Bereichen soll teilweise desinvestiert werden.“ Ist das mit ein Grund für den harten Verhandlungskurs mit dem Einzelhandel? Möglich.  Nestlé hat sich auf Anfrage bislang nicht geäußert.
Der Streit zwischen dem Einkaufsverbund und Nestlé kann, sollte er länger andauern, zum Flächenbrand werden und andere Händler dazu bewegen, ebenfalls auf Nestlé-Marken zu verzichten. Der Einzelhandel greift immer wieder zu solch radikalen Maßnahmen. Vor gut drei Jahren verbannte Lidl Produkte von Coca-Cola aus den Regalen. „Durch die hohe Marktkonzentration gehören Handelskämpfe mittlerweile zur Tagesordnung, auch temporäre Lieferstopps einiger Waren sind schon lange nicht mehr unüblich. Der Kampf wird dann auch relativ schnell medial ausgetragen, um den Druck auf die Parteien zusätzlich zu erhöhen“, so Walbaum. „Am Ende des Tages bestimmt der Verbraucher. Wenn er bereit ist, für seine gewohnten Marken den Supermarkt zu wechseln, dann sind Einigungen verhältnismäßig schnell möglich“.

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