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“Differenzen in wesentlichen Fragen”: Was Verleger Dieter von Holtzbrinck über die Trennung von Gabor Steingart sagt

Verleger Dieter von Holtzbrinck (re.), Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart: “Unterschiedliche Beurteilung journalistischer Standards”
Verleger Dieter von Holtzbrinck (re.), Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart: "Unterschiedliche Beurteilung journalistischer Standards"

Nach einer Spiegel-Exklusivmeldung von Donnerstag wucherten die Spekulationen, nun ist es Gewissheit: Gabor Steingart, Herausgeber und Vorsitzender der Geschäftsführung des Handelsblatts verlässt das Unternehmen. Um 15 Uhr teilte Verleger Dieter von Holtzbrinck der Düsseldorfer Belegschaft mit, welche Gründe zur Trennung führten – der Fall Martin Schulz spielte wohl eher eine untergeordnete Rolle.

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In einer Erklärung der Dieter von Holtzbrinck Medien GmbH, die MEEDIA vorab vorliegt, heißt es wörtlich: “Nach sieben Jahren äußerst erfolgreicher und freundschaftlicher Zusammenarbeit haben sich Handelsblatt-Verleger Dieter von Holtzbrinck und der Vorsitzende der Handelsblatt-Geschäftsführung, Gabor Steingart, der zugleich auch Herausgeber des Handelsblatts war, auf eine Beendigung ihrer beruflichen Partnerschaft verständigt.”

Die Gründe seien zum einen “Differenzen in wesentlichen gesellschaftsrechtlichen Fragen”. Hinzu sei aber “eine – nicht generell, aber im Einzelfall – unterschiedliche Beurteilung journalistischer Standards” gekommen. In seiner Vorabmeldung am Donnerstagnachmittag hatte Der Spiegel berichtet, der Verleger habe sich an Formulierungen Steingarts im Morning Briefing über SPD-Chef Martin Schulz gestoßen. Der Handelsblatt-Herausgeber hatte die Wendung des “perfekten Mordes” gebraucht und geschrieben, Schulz wolle Außenminister Sigmar Gabriel “zur Strecke bringen”, um dessen Job zu ergattern. Das Nachrichtenmagazin zitierte aus einem Entschuldigungsschreiben Holtzbrincks an Schulz: “Das heutige Morning Briefing von Gabor Steingart hat mich schockiert. Inhalt und Stil des Sie betreffenden Textes entsprechen weder meinen publizistischen Qualitäts- und Wertevorstellungen noch denen der Handelsblatt-Redaktion.”

Nach der Mitteilung von heute Nachmittag “bedauern” der Verleger und der scheidende Handelsblatt-Chef die Trennung. Man wolle, wie es heißt, “den freundschaftlichen Kontakt aufrechterhalten” und “eine andere Form der Zusammenarbeit” für die Zukunft nicht ausschließen. Das von Gabor Steingart gestartete und eng mit seinem Namen verbundene werktägliche Handelsblatt Morning Briefing werde wie gewohnt weiter erscheinen. Darüber hinaus, so die Medienholding, wird Gabor Steingart in eigener Eigentümerschaft sein eigenes Morning Briefing an die mittlerweile rund 700.000 Abonnenten als unabhängige journalistische Stimme herausgeben.

Zur Trennung sagt Dieter von Holtzbrinck: „Das Multitalent Gabor Steingart hat in wenigen Jahren zunächst das Handelsblatt, danach die gesamte Handelsblatt Gruppe auf großartige Weise weiterentwickelt und erneuert, was höchsten Respekt und größten Dank verdient. Dabei hat sich der preisgekrönte und breit gebildete Publizist als äußerst kreativer und dynamischer Unternehmensstratege gezeigt, als mutiger und charismatischer Führer. So wurde aus der altehrwürdigen Verlagsgruppe Handelsblatt eine auf vielen Medienkanälen marktführende Handelsblatt Media Group. Diesen erfolgreichen Weg werden wir mit Kraft und Begeisterung weitergehen.“

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Gabor Steingart wird in der Mitteilung wie folgt zitiert: „Dieter von Holtzbrinck ist ein wunderbarer Mensch und erfahrener Verleger, dessen Geduld ich über so viele Jahre nicht nur strapaziert, sondern oft genug auch überstrapaziert habe. Dass unsere dennoch – oder deshalb? – so erfolgreiche Zusammenarbeit jetzt abrupt endet, lässt uns beide nicht unberührt. Unsere Freundschaft und meine Wertschätzung ihm gegenüber bestehen unvermindert fort. Im Interesse der Handelsblatt Media Group und ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ihrer Kunden und nicht zuletzt ihrer Leserinnen und Leser arbeiten wir gemeinsam an einem reibungslosen Übergang.“

 

MEEDIA ist ein Tochterunternehmen der Handelsblatt Media Group.

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Alle Kommentare

  1. So stellt man sich eine würdevolle und menschlich saubere Trennung im Berufsleben vor. Keiner verliert hier sein Gesicht. Oder ist es nur der Anfang einer neuen Kooperation? Jedenfalls sollte dieser Vorgang als Beispiel dienen!

      1. Im gesamten GROtesKO-Schmierentheater war Steigart einer der ganz wenigen engagierten Journalisten, die neben dem Medien-Mainstream geschwommen sind und den politischen Anweisungen aus den CDU/CSU/SPD-Zentralen stets widerstanden haben. Jetzt reichte der Handelsblatt Eigentümer von Holtzbrinck dem politischen Druck die Hand, und Steingart mußte gehen. So tötet man unabhängigen Journalismus und erweist der Demokratie in unserem Land und Europa einen Bärendienst. Nicht nur ein journalistisches Armutszeugnis, sondern ein Alarmzeichen!

  2. Man muss Steingarts Stil nicht mögen und kann die Mord-Metapher geschmacklos finden. Aber angesichts des Schmierentheaters, das der Noch-SPD-Vorsitzende seit Monaten aufführt, muss Schulz sowas aushalten. Insofern: Kein guter Tag für die (innere) Pressefreiheit in Deutschland.

  3. Wenn Schulz nicht so dünnhäutig und so unfassbar schnell beleidigt wäre, hätte er noch gestern Abend den Verleger persönlich angerufen und sich – trotz seiner Beschwerde – für Gabor Steingarts Verbleiben beim Handelsblatt eingesetzt.

    Doch für diese Umkehr war Schulz zu feige – und der Verleger ist schon zu erstarrt, um über seine Überreaktion nachzudenken.

    Schulz hat erfolgreich die Pressefreiheit attackiert.

    Diesen Charakter-Zug von Schulz werden sich alle Journalisten merken.

  4. Zum einen zeigt sich mal wieder, wer hierzulande Pressefreiheit definiert. Nämlich die „Menscheneigentümer” (Christian Schultz-Gerstein).

    Zum anderen ist nun eine Alternative zur „Spiegel”-Quadriga auf dem Markt. Sowas kann schnell gehen …

  5. Wenn man die Probleme eigentlich sämtlicher Qualitäts-Medien betrachten, so werden wir daran erinnert: der Fisch stinkt vom Kopfe her.

  6. Ich persönlich vermute auch, dass Schulz hinter den Kulissen da mit dran gedreht hat.

    Selbst Teile seiner eigene Fraktion in Brüssel waren ja damals froh und erleichtert, als er nach Berlin ging, was manche sogar öffentlich kund taten, das gibts auch nicht alle Tage.

    Hoffentlich endet er wieder in Würselen, da kann er dann immerhin Spaß mit seinem Spaßbad haben, das er damals mit auf Teufel komm raus durchgeboxt hatte und das heute eine wirtschaftliche Katastrophe für die kleine Stadt ist.

    Schulz verschwand damals schnell nach Brüssel und die Stadt hat bis heute die Verluste zu tragen.

  7. Stefan Winterbauer ist als Nachfolger von “kaufen sie griechische Staatsanleihen” Steingart hoffentlich gesetzt.

    Als erste Amtshandlung bitte HB Umzug in meine Nachbarschaft stoppen, danke!

  8. Pressefreiheit? Ja für die Bücklinge, die ohne Rücken, für die, die nicht mehr aufrecht gehen und stehen können. Wir bewegen uns weg vom Homo sapiens. Pressefreiheit? Nicht für Querdenker und unbequeme Fragensteller, nicht für intelligentes Hinterfragen. Wir bewegen uns auf eine Gesellschaft der Gleichschaltung und Mundlosigkeit zu. Die Hintermänner- und frauen von Politik, Wirtschaft feiern wieder einen Erfolg und ie Justiz in diesem unseren Staat hilft dabei wo sie nur kann. Aber die Justiz war ja schon immer der Liebediener Nr. 1 in Deutschland. Vor und nach den von uns angezettelten Weltkriegen.

  9. Wie teilweise ja bereits angeklungen ist die Schulz-Glosse als angegebener Grund mit absoluter Sicherheit nur vorgeschoben. Das gesteht Holtzbrinck im Prinzip auch selbst ein wenn er von “gesellschaftsrechtlichen Fragen” nebuliert.

    Wenn man die Äußerungen Gaborts über die letzten 12 Monate revue passieren lässt halte ich eher die Interpretation von Jens Berger auf den NDS für stichhaltig, auch wenn ich mir seine Wortwahl nicht zu eigen machen will. Die passt jedenfalls zu den “gesellschaftsrechtlichen Fragen”.

    Es ist eine Schande.

  10. Was ist das nur für eine merkwürdige Art, den Steingart zu schassen? Der Newsletter war doch völlig harmlos, und in der Sache vor allem vollkommen treffend.

    Dafür mal eben alles, was Steingart aufgebaut hat, zu plätten, das ist schon mutig. Der Mann hatte 700.000 Abonnenten seines Newsletters, das ist mehr als die Print-Abos des Spiegel. Ich hatte allerdings den Eindruck, dass seine Politik im Blatt ohnehin nicht gefördert wird, so wurde etwa die Handelsblatt-App kürzlich von zeitgemäß wieder auf eine klassische Redaktionsschluss-E-Paper-App “zurückmodernisiert”.

    Fatal ist zudem der Eindruck des Eingriffs in die Pressefreiheit. Holtzbrinck scheint sich gar nicht klar zu sein, was man damit für ein Signal an die Redakteure sendet. Ich habe mein Abo des Newsletters jedenfalls heute gekündigt und warte mal ab, bis der Steingart selbst was herausbringt.

      1. Setzen, sechs!

        Sie kriegen eine Straf-Hausaufgabe, mit folgenden Fragen:

        1. Der Name welchen Mediums taucht in der Email-Betreff-Zeile jedes Steingart-Newsletters regelmäßig auf (unabhängig von dessen Öffnung)?

        2. Jeder der 700.000 Leser hat den Newsletter *irgendwann* mal abonniert. Bedeutet das eine positive oder negative Wertung der Marke “Handelsblatt” durch den Abonnenten?

        Begründen Sie Ihre Antwort.

        3. Welche Faktoren machen ein Medium “meinungsbildend”?

        Begründen Sie wiederum Ihre Antwort, unter besonderer Berücksichtigung, ob hierzu auch die sog. “Durchklickrate” auf Werbung bei Newslettern zu zählen ist.

        4. Interpretieren Sie den Satz “Was darf Satire? Alles.” von K. Tucholsky.

        Nehmen Sie dabei insbesondere auch Stellung zur Problematik konzerninhaberschaftlicher Medien (z.B. Washington Post, Zeit, Handelsblatt) im Gegensatz zu Medien mit eigenem Verlag (z.B. Spiegel, FAZ).

      2. Hallo Herr Lehrer!

        Sie schrieben: “Dafür mal eben alles, was Steingart aufgebaut hat, zu plätten, das ist schon mutig. Der Mann hatte 700.000 Abonnenten seines Newsletters, das ist mehr als die Print-Abos des Spiegel.”

        Das interpretiere ich als Erstklässler so, dass sie das für eine wirtschaftlich relevante Leistung halten. Also dem, was man von einer wohl eher hoch bezahlten Führungskraft in dieser Position erwartet.

        Den Zusammenhang zwischen Newsletteradressen und bezahlten Abos eines nicht gerade unbedeutenden Nachrichtenmagazins verstehe ich dann vielleicht in der Gesamtschule.

        Ansonsten verweise ich auf meinen Kommentar weiter oben.

    1. Ich habe meinen Newsletter gleichfalls gekündet und die Facebookseite des Handelsblatts war voll von Kommentaren von (nun ehemaligen) Lesern, die gleich ihr Abonnement mitgekündigt haben.

      Natürlich ist Gabor Steingart entlassen worden, weil er seit Jahren schon einer der wenigen Leitmedienredakteure war, der sich dem hegemonialen Meinungsdiktat nicht anpasste. Wir leben in Zeiten extrem asymmetrischer Vermögensverteilung und da hat unterhalb der Milliardärsriege jeder auf gut bezahlten Posten nur noch die “Meinungsfreiheit” zu haben, sich der durch kräftige Spinningarchitektur organisierten Hegemonialmeinung anzuschließen.

      Dies ist jedoch nicht nur ein fatales Signal zum Zustand der Meinungsfreiheit an die Redkakteure, sondern auch an die Gesamtheit Leser, die es aber, wie man am Auflagenrückgang von Medien insgesamt erkennen kann, schon lange intuitiv wissen. Wenn man sich die fatale Erosion des öffentlichen Zusammenhalts bei uns anschaut, die ja an der Erosion der Parteien wie der der Medien ebenso evident wird, kann man sich Reinhard Meys Diagnose in dem genialen Lied “Narrenschiff” von 2006 nur anschließen: Unsere ökonomische und politische Machtelite havariert unkorrigierbar auf den Eisberg zu. Sie lässt sich hiervon auch durch kein noch so deutliches Unwetterzeichen und keinen Aufschrei des Publikums abbringen.

      Ich zitiere:

      “Das Quecksilber fällt, die Zeichen stehen auf Sturm,
      Nur blödes Kichern und Keifen vom Kommandoturm
      Und ein dumpfes Mahlen grollt aus der Maschine.
      Und rollen und Stampfen und schwere See,
      Die Bordkapelle spielt „Humbatäterä“,
      Und ein irres Lachen dringt aus der Latrine.
      Die Ladung ist faul, die Papiere fingiert,
      Die Lenzpumpen leck und die Schotten blockiert,
      Die Luken weit offen und alle Alarmglocken läuten.
      Die Seen schlagen mannshoch in den Laderaum
      Und Elmsfeuer züngeln vom Ladebaum,
      Doch keiner an Bord vermag die Zeichen zu deuten!
      […]
      Der Ausguck ruft vom höchsten Mast: Endzeit in Sicht!
      Doch sie sind wie versteinert und sie hören ihn nicht.
      Sie zieh‘n wie Lemminge in willenlosen Horden.
      Es ist, als hätten alle den Verstand verlor‘n,
      Sich zum Niedergang und zum Verfall verschwor‘n,
      Und ein Irrlicht ist ihr Leuchtfeuer geworden.

      Der Steuermann lügt, der Kapitän ist betrunken
      Und der Maschinist in dumpfe Lethargie versunken,
      Die Mannschaft lauter meineidige Halunken,
      Der Funker zu feig‘ um SOS zu funken.
      Klabautermann führt das Narrenschiff
      Volle Fahrt voraus und Kurs auf‘s Riff.”

      Steingarts Rauswurf, weil er einiger der wenigen war, die die unheilvollen Zeichen and der Wand angesprochen haben (vor allem in seinen deutlichen Worten zum antirussischen Bellizismus), zeigt wieder einmal mehr den unbedingten Willen zum Untergang seitens der transatlantischen Hasardeure.

      Denn zu behaupten, dass Steinbarts Verwendung einer derart alterwürdig-tradierten Metaphorik wie der vom Königsmord für den innerparteilichen Machtkampf der SPD, welche auf Schulzens Versuch des Sturzes Gabriels absolut zutraf, eine journalistische Verrohung darstelle, ist lachhaft. Vermutlich werden, wenn das Publikum die Infamie besitzt, auf einmal wieder die Dramen Friedrich Schillers zu verstehen, dann auch – wie 1941 – deren Aufführung aus ‘Sicherheitsgründen’ bei uns wieder verboten. Die Begeisterung unserer Machtzentren über die Gedankenfreiheit hat sich längst auf die Propagierung exaltierter Genderformen und das #Meeto-Milieu reduziert. Wirkliches Nachdenken über Macht und Gesellschaft ist wieder zur Gefahr für eine Machtspitze geworden, die sich schlichtweg durch eigene Unverantwortlichkeit und Unfähigkeit selbst sabotiert und vor den Augen der Bevölkerung seit 2013 spätestens gründlich diskreditiert hat.

      Was wir sehen ist nur noch erschreckend, stümperhaft, kurzsichtig und hochgradig gefährlich. Ein Drittel hat das Gefühl, als stünden wir parallel vor dem gesellschaftlichen Kollaps und einem Dritten Weltkrieg. Und in Gazetten und von der politischen Bühne: Schweigen und weiter in Richtung Untergang. Steingart hatte die Frechheit, das Offensichtliche auszusprechen. Das ist bei uns nicht mehr erlaubt.

  11. Schade, dass es so kommen musste. Für mich wirft das kein gutes Licht aufs Magazin, denn es scheint, als wollte man hier jemand mundTOT machen. Uppps ich hoffe nicht, dass ich jemandes Gefühle mit dieser METAPHER verletzt habe…
    Meinungs- und Pressefreiheit ist doch wirklich noch alles was wir haben (sollten).

  12. Der wahre Grund: DvH hat hier in Meedia ein paar Wochen die Kommentare mitgelesen. Das kann jeden vernünftig Denkenden am menschlichen Intellekt zweifeln lassen.

  13. Wenn es tatsächlich so sein sollte, was die Spatzen von den Dächern pfeifen, dass der Verleger auf “Bitte” von Martin Schulz Steingart entlassen hat, dann war´s wohl knapp daneben Herr Holtzbrinck, oder? Mit Zitronen gehandelt.
    Apropos Zitronen: Die La Repubblica aus Italien beschreibt den Abgang Schulz´ mit den Worten er sei “in tausend Stücke gerissen” worden. Was würde Herr Holtzbrinck denn dazu sagen?

  14. Mit dem Regime legt man sich eben nicht an, weder unter der Größten Führerin aller Zeiten noch unter dem Größten Führer aller Zeiten.

  15. Nach dem Fiasko bei der Wirtschaftswoche, nun auch beim Handelsblatt das gleiche Spiel. Um der deutschen Journaille die notwendige Seriösität einzuprügeln, gibt es sicher genug und hinreichend dringendere Personalien als Steingart. Der konnte, im Gegensatz zu den Bumsbacken bei ARD und ZDF bzw. in Personalunion mit Zeit und SZ-Hampelmänner, zu den tatsächlich wichtigen Themen zumindest zielführende mitdenken, anstatt wie dort nur die eigene sexuellen Triebe und primitives bzw. “antifaschistisches” Geschwätz abzusondern.
    Aber wer glaubt denn ernsthaft daran, dass mit diesem Wegmobben sozialdemokratische Hassprediger wie Stegner, Maas, Gabriel, Schnulzig oder VerbalproletInnen a là Nahles denn nun tatsächlich zu Handelsblattleser werden? Was derzeit auf Seiten der SPD an wirtschaftspolitischer Intelligenz durch die Gegend rennt, entspricht doch eher dem rentensichernden Niveau einer arabischen Fachkraft im Rumschieben von fremdgepressetem Orangensaft. Als nunmehr ehemaligem Handelsblattleser bleiben einem in Deutschland dann nur noch ausländische Presseerzeugnisse. Aber immerhin kann man beim nächsten Sektempfang dem sozialistischen Minister für Bullshitting wieder ohne Hemmungen und lachend unter die Augen treten. Für manchen reicht dies schon aus.

  16. Lieber Gabor Steingart,

    jetzt muss ich aus aktuellem Anlass mal Ihren “morning briefen”!

    Es ist ja zum Heulen! Kaum habe ich mich als chronischer Abonnementskeptiker auf ein Abo beim HANDELSBLATT eingelassen -und zwar vornehmlich wegen Ihrer Beiträge – und schon sind Sie wieder weg!

    Eine Tragödie wahrhaft klassischer Anmutung! Aber wie bei den alten Griechen – es war vorhersehbar und es kam wie es kommen musste. Journalistischer Mut an der Grenze zur Tollkühnheit traf auf verlegerische political correctness, geradezu symptomatisch und passend zum aktuellen Spannungsfeld der von Ihnen kommentierten Politik zwischen wertevergessenden, machtverkrampften Bestandswahrern und jugendlich-dynamischen Aufrührern, die den Versuch wagen, die vernachlässigten Werte aus dem Würgegriff der machtpsychologischen Tabus zu befreien.

    Und da hat sich Ihr Verleger bedauerlicherweise auf die falsche Seite geschlagen. Selbst unterstellt, Ihr “Mordkommentar” wäre nur der “Tropfen” gewesen, der ein ohnehin vorhandenes Fass zum Überlaufen gebracht hat, wäre Ihr Kommentar, ungeachtet seiner Schärfe, der ungeeignetste Anlass gewesen, Kritik an Ihnen zu üben. Denn außerge-wöhnliche Anlässe müssen auch außergewöhnliche Kommentare zulassen. Diese Ihre sensibel-dynamische Abstimmung zwischen der Bedeutung der Anlässe und dem Ton Ihrer Kommentierung hat ja gerade die in der deutschen Medienlandschaft besondere Attraktivität des HANDELSBLATTS in den letzten Jahren ausgemacht. Und es gab überhaupt keinen Grund, sich bei Martin Schulz für Ihren Mordabsichtsverdacht zu entschuldigen. Seine Rolle in der Auseinandersetzung mit Siegmar Gabriel war ja schließlich nur die Spitze eines Eisbergs von Eindrücken, die aus seinem Verhalten in den letzten Monaten gewonnen werden mussten und die immer mehr sein charakterliches Rückgrat als das eines Regenwurms haben erscheinen lassen. Wenn seine Schwester Recht hat, die die SPD als Schlangengrube bezeichnet, dann hat er dort die Rolle der Blindschleiche gespielt. Schulz hat seit Beginn seiner Führungskarriere in der SPD zunehmend schon durch seine Mimik, seine Gestik, und seine Rhetorik einen oft verstörenden Bruch zum verbalen Inhalt seiner Äußerungen demonstriert. Auch dem nur wenig psychologisch sensiblen Betrachter musste sich der Eindruck aufdrängen, dass die durch diesen Bruch zu Tage tretende mangelnde Überzeugungskraft wohl damit zu erklären war, dass der Mann “mit den Haaren im Gesicht” dabei weniger von tiefer, eigener Überzeugung bewegt war, als von irgendetwas anderem – naheliegenderweise von der vorrangigen Verfolgung seiner eigenen Karriereziele. Der absurde politische Zickzackkurs in dem er dann in liebedienerischem Opportunismus seine früher vorgespiegelten Überzeugungen einem populären mainstream opferte, musste diesen Eindruck zur Gewissheit werden lassen. Indem er dann, das absehbare Scheitern seiner Karriereziele vor Augen, seine angebliche Überzeugung ein weiteres Mal verriet und dabei einen früheren Vertrauten beiseite zu stoßen im Begriff war, hat er eine rote Linie überschritten, die auch den dickfelligen Tabuwahrern des politischen Geschäfts unter die Haut gehen musste. Einen solchen Vorgang als versuchten Mord zu bezeichnen, ist angesichts der Exorbitanz des Vorgangs nicht nur angemessen und zulässig, sondern in einer Zeit der medialen Verwirrung aus informativer Reizüberflutung und der Verwässerung unserer Faktenbegriffe geradezu zwingend! Auch die offensichtliche Verzweiflung, aus der der eigentlich bedauernswert Scheiternde heraus handelte, kann diese Bewertung und das Recht zu klarer Sprache darüber nicht mildern. Die nachträgliche Reaktion der SPD darauf hat ihren Kommentar nochmals in besonderer Weise gerechtfertigt.

    Aber natürlich haben Sie damit ein machtpsychologisches Tabu gebrochen. Die “Raben” des politischen Machtgeschäfts -und dazu gehören wohl auch die großen Verleger- dürfen zum Schutz ihrer “höheren” Ziele nun mal den “Rabenkollegen” kein Auge “aushacken” und sei das auch noch so gerechtfertigt. Und zum Opfer gemacht wird ein Leuchtturm des wohltuenden Klarsprechs, ein Mann, für dessen Konturschärfe man kaum eine politische Voreingenommenheit verantwortlich machen kann. Einer der selten gewordenen Journalisten mit einem Bildungshintergrund der ihm eine Wortgewalt eines Tucholsky verleiht und dessen überaus treffenden Zitate unserer Klassiker seine uns vermittelten Erkenntnisse noch überzeugender macht. Es ist ein Jammer! Herr von Holtzbrinck hat mit Ihrer Abberufung natürlich sich selbst am meisten geschadet, indem er sein HANDELSBLATT kastriert hat. Wenn sein Blatt ohne Sie in ein Leib- und Magenblatt von bloßen Kurszettellesern zurückfällt, werde ich mein Abonnement schnell wieder kündigen. All die bei Ihrem Abgang bemühten Rechtferti-gungsversuche und die halbherzig wirkenden gegenseitigen Lobeshymnen klingen hohl, angesichts des Zensurverdachts, der hier beim Aufeinanderprallen des Eigentumsrechts mit dem der Meinungsfreiheit und der Presseunabhängigkeit aufkommen muss. Aber vermutlich haben Sie im Gegensatz zu Ihren Kollegen beim HANDELSBLATT, über denen jetzt das Damoklesschwert einer fortdauernden Disziplinierung hängt, wenn diese eine in nur schwächlichem Trotz erklärte Absicht der Fortsetzung Ihrer Linie weiterverfolgen, das bessere Ende mit einer neuen Freiheit erwischt. In diesem Sinn wünscht Ihnen

    eine frohgemute Fortsetzung Ihrer Arbeit

    Ihr treuer Leser

    Cornelius Wiedemann

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