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Als hätte es #MeToo nie gegeben: Warum "Germany’s Next Topmodel" die Seximus-Debatte verhöhnt

Am Donnerstagabend startete die 13. Staffel "Germany's Next Topmodel"

Kritik an „Germany’s Next Topmodel“ ist nicht neu. Ein Exempel für weibliche Selbstbestimmung oder ein realistisches Körperbild war das Castingformat noch nie, doch angesichts monatelanger Sexismus- und Gleichstellungsdebatten wirkt das Zurschau- und gleichermaßen Bloßstellen junger Mädchen nur noch wie blanker Hohn.

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„Diesmal erwartet meine Mädchen nichts Geringeres als das Paradies“, säuselt Heidi Klum mechanisch aus dem Off. Dass dies mehr als Drohung statt als Versprechen verstanden werden kann, offenbart sich bereits in den ersten Minuten der 13. Staffel von „Germany’s Next Topmodel“ (GNTM). Denn die selbsternannte Model-Mutter fragt weiter: „Wer ist bereit, für den großen Traum seine Grenzen zu überschreiten?“ Was das bedeutet, zeigt sich schnell: Eine der ersten Aufgaben für die Nachwuchsmodels ist ein Oben-Ohne-Shooting. Im Wasser. ProSieben zeigt weinende Mädchen in Großaufnahme, die zunächst „Ich glaube, ich kann das nicht“ schluchzen und sich dann aber doch der Maschine beugen: „Ich werde mich dem stellen.“ Wille gebrochen, Mission erfüllt, Dressur erfolgreich. Herzlichen Glückwunsch, GNTM.

So viele Brüste und Hintern wie möglich

Es ist nicht das erste Mal, dass Vorwürfe gegen ProSieben, Heidi Klum und „Germany’s Next Topmodel“ laut werden; seit Jahren warnen Kritiker vor dem verheerenden Körper- und Frauenbild, das in dem Format transportiert wird. Doch in diesem Jahr fühlt es sich noch mal anders an, noch falscher und vor allem: zynischer. Zu viel ist seit dem Ende der zwölften GNTM-Staffel passiert, um so weiterzumachen wie bisher. Sollte man meinen.
Seit Monaten diskutiert Deutschland über Sexismus und Machtmissbrauch. Und was macht ProSieben? Schneidet die ersten anderthalb Minuten der neuen Staffel so zusammen, dass so viele Brüste und Hintern in Großaufnahme gezeigt werden, wie es nur irgend geht. Junge Mädchen räkeln sich unsicher vor der Kamera im Wasser, werden dabei von Wellen umgeschmissen oder hadern mit Nacktheit – während die Jury erhaben über ihnen thront, buchstäblich auf einem Podest im karibischen Meer und verächtlich darüber lacht, wie ungelenk eine von den Teilnehmerinnen ins Wasser springt.
Dass junge Mädchen einen Beruf als Model verfolgen, ist dabei nicht das Problem. Und dass ProSieben aus diesem Traum eine TV-Show macht, muss nicht per se etwas Schlechtes sein. Auch muss man bei der zum Teil allzu verallgemeinernden Kritik in den vergangenen Jahren Vorsicht walten lassen: Vor allem in Boulevardmedien wird das Format mit Schlagzeilen wie „Heidi treibt die Mädels in die Magersucht“ immer wieder als alleiniger Grund für eine Essstörung dargestellt. Dies greift bei schwerwiegenden, komplexen und selbst von Wissenschaftlern zum Teil noch unverstandenen psychischen Krankheiten (die Autorin des Textes ist Betreiberin der verlinkten Seite „Anorexie heute“, Anm.d.Red.) wie Magersucht oder Bulimie natürlich viel zu kurz und sollte beim Umgang mit dem Thema Essstörung auch kritisch betrachtet werden.

GNTM wirkt grotesk und wie aus der Zeit gefallen

Doch wenn eine 18-jährige Teilnehmerin der aktuellen Staffel erzählt, dass sie „Germany’s Next Topmodel“ schaut, seit sie ein kleines Kind ist, offenbart dies ein viel breiteres Problem. Die heute jungen Erwachsenen sind mit Sendungen wie diesen aufgewachsen: mit Castingformaten, die ihnen vorgaukeln, dass eine ständige Bewertung ihrer Person völlig normal, legitim und für einen erfolgreichen Lebensweg sogar essentiell ist. Dass es okay ist, im Bikini vor einer Jury rumzutanzen und dabei – und das ist besonders wichtig – eben nicht nur nach den Kriterien für eine Karriere als Model bewertet zu werden, sondern auch als das berühmte „Gesamtpaket“: du bist richtig oder du bist falsch. Passt irgendetwas nicht, wirst du durch Kameraführung und Schnitt gnadenlos der Lächerlichkeit preisgegeben – und das vor einem Millionenpublikum.
Angesichts von #MeToo und dem Hinterfragen von Geschlechterrollen – auch und vor allem in der Unterhaltungsbranche – wirkt „Germany’s Next Topmodel“ im Jahr 2018 nicht nur auf groteske und beinah satirische Art völlig aus der Zeit gefallen, sondern auch wie eine Verhöhnung der Debatte, die wir seit Monaten führen. Heidi Klum lässt sich davon nicht beirren. Sie ruft ihren „Mädels“ zu: „Spring weiter, kämpf jetzt mal ein bisschen.“

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