Partner von:
Anzeige

“Setzen bewusst einen Kontrapunkt”: ZDF erklärt strittigen GroKo-Kommentar seines Vize-Chefredakteurs

Elmar Theveßen, stellvertretender Chefredakteur des ZDF, hat sich zum Vertrag der GroKo geäußert.
Elmar Theveßen, stellvertretender Chefredakteur des ZDF, hat sich zum Vertrag der GroKo geäußert.

Die Einschätzungen zur Qualität des Koalitionsvertrags sprachen mehrheitlich von Stillstand und Geldumverteilung. Eine Ausnahme bildete Elmar Theveßen, stellvertretender Chefredakteur des ZDF. Die Maßnahmen seien "konkret beschrieben und finanziell gedeckt", kommentierte er im "heute-journal" und betonte, dass es nun darauf ankommt, was die künftige Regierung umsetzt. Publikum und politische Beobachter diskutieren seinen Beitrag kontrovers.

Anzeige
Anzeige

Im Vergleich zur starken Kritik vieler Journalisten, die ein schlechtes Bild vom Koalitionsvertrag zeichnet, erscheint Elmar Theveßens als Einzelmeinung in der deutschen Meinungslandschaft. Sein Kommentar mit dem Titel “Diese Koalition muss liefern, was sie verspricht” analysiert die Stärken des Vertrags und bemängelt dabei die pessimistische Sichtweise vieler anderer Beobachter. “Dieser Kommentar richtet sich an die Kleingeister, Besserwisser, Miesmacher, die von Stillstand reden”, sagt er und fügt an:”Wer lesen will, ist klar im Vorteil.” Auf knapp 180 Seiten stünde ein Satz, so Theveßen. “Wir kümmern uns – endlich.”

Die Regierung verspreche, was jeder Bürger von seiner Regierung zu Recht erwartet, leitet der 50-Jährige in den Mittelteil seines Meinungsbeitrags. Darin nennt er die Vorhaben der wohl künftigen GroKo, die von der Digitalisierung der Schulen über die Gerechtigkeit bei der Arbeit, in der Gesundheit und in der Rente bis hin zur europäischen Einigkeit sowie dem Kampf gegen Hass und Menschenverachtung in Deutschland reichen. “Die Maßnahmen dazu sind – lesen Sie es nach – konkret beschrieben und finanziell gedeckt”, so Theveßen. Lediglich das Führungspersonal wecke Zweifel, denn dort fehle der personelle Aufbruch. “Aber”, heißt es weiter. Wer sich lediglich der Floskel “kein großer Wurf” bediene, habe ein Bild von Deutschland wie Donald Trump von den Vereinigten Staaten. “Nein, dieses Land steht auch dank der letzten GroKo nicht am Abgrund”, sagt Theveßen.

Zum Abschluss konstatiert er, dass Bürger in der vorigen Regierung zu wenig bekommen hätten. Dies sei der Grund dafür, dass die AfD in den Bundestag gekommen ist, so Theveßen. Er endet mit: “Wenn die Versprechen von heute nicht erfüllt werden, dann werden Merkel, Seehofer, Schulz und Scholz abgewählt, wie einst auch Helmut Kohl.”

In den sozialen Netzwerken sorgte der Meinungsbeitrag im Laufe des Donnerstags für viele Hundert Kommentare, die gespaltener kaum sein könnten. Allein auf der Facebookseite von “ZDF heute” haben die Nutzer den Beitrag bis zum späten Nachmittag 625 Mal geteilt. Während die einen den Journalisten dafür loben, dass er Klartext spreche, sehen andere darin eine allzu positive Beurteilung des Vertragswerks, die wie Schönrederei wirke. Erst kürzlich wurde die ARD-Journalistin Tina Hassel für ihre euphorischen Tweets zum Grünen-Parteitag kritisiert. “Der Kommentar von Elmar Theveßen setzt bewusst einen Kontrapunkt zu denjenigen, die nach der Einigung von Union und SPD von Stillstand reden”, erklärt das ZDF auf Anfrage von MEEDIA. “In einem Kommentar äußert ein Journalist eine persönliche ‘Meinung'”, heißt es. Und weiter:”Er war als solcher gekennzeichnet.”

Wer jetzt, wie viele Personen bei Facebook, Twitter und Co., von Staatsfunk redet und Theveßen als künftigen Regierungssprecher vorschlägt, macht sich die Sache jedoch zu leicht. Theveßens Beitrag ist ein auffallend positiver Kommentar zum Koalitionsvertrag. Auch deshalb, weil viele Politjournalisten in ihren Analysen ein auffallend ernüchterndes Fazit ziehen. “Der Kommentar macht deutlich, dass, wer den Vertrag genau liest, zu folgender Einsicht kommen kann”, sagt das ZDF gegenüber MEEDIA. “Darin sind die Maßnahmen konkret beschrieben, mit der in vielen Politikfeldern Verbesserungen erreicht werden können.” Theveßens Beitrag mache auch klar, so das ZDF, dass “die GroKo wird liefern und die im Koalitionsvertrag nachlesbaren Versprechen umsetzen müssen”. Auch SZ-Chefredakteur Kurt Kister zielt in eine ähnliche Richtung wie Theveßen und distanziert sich damit von den besonders kritischen Einschätzungen. Er schrieb in der Donnerstagsausgabe der SZ:”Nichts fällt leichter, als die Regierung, so wie sie sich abzeichnet, zu kritisieren, egal wo man politisch steht. Und dennoch ist sie das Beste, was unter den gegebenen Umständen möglich war.“

Der Ton des stellvertretenden ZDF-Chefredakteurs ist durchaus vielseitig interpretierbar. Dennoch legt der Journalist nachvollziehbar dar, wenn auch gerade zu Beginn seines Beitrags gegenüber Andersdenkenden despektierlich, wieso er zu seiner Einschätzung kommt. Und womöglich liegt die Schwierigkeit der Deutung in den sprachlichen Details, die nach einmaliger Lektüre untergehen. Theveßens Kommentar ist kein Loblied auf den Koalitionsvertrag: Er kritisiert die vorige GroKo und fordert, dass die nächste Regierung liefern und ihre Versprechen umsetzen muss. Denn sonst werde sie spätestens 2021 abgewählt. Eine Mahnung an Union und SPD.

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige
Meedia

Meedia