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Marc Brost über das Interview-Format “Eine Frage der Zeit”: “Als guter Fragesteller geht man in einem Gespräch auch ins Risiko”

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Nur eine Frage mit maximal zwei Nachfragen. So funktioniert das innovative Video-Interview-Format "Eine Frage der Zeit" von Marc Brost und Tina Hildebrandt. Im MEEDIA-Interview erklärt der Leiter des Hauptstadtbüros der Wochenzeitung den Erfolg der kurzen Clips, was ein gutes Interview ausmacht und warum die Leser und Zuseher - nicht nur im Social-Web - ein großes Bedürfnis nach Authentizität haben.

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Was sagt der Interview-Experte: Was sollen wir jetzt machen? Ein Wortlaut-Interview oder einen Text mit langen Passagen in wörtlicher Rede?
Marc Brost:
Ich bin kein Experte, ich frage doch nur. Und wenn Sie mich befragen wollen, fände ich ein Wortlaut-Interview eigentlich ganz angemessen.

Guter Punkt. Wo liegen die Vorteile bei einem Wortlautinterview?
Ein gutes Interview zwingt den Befragten zum Nachdenken. Im besten Fall entsteht daraus ein wirkliches Gespräch. Und im allerbesten Fall entwickeln sich daraus spannende, interessante Gedanken, die einem vorher selbst noch gar nicht so klar waren.

Und das schafft man nicht mit einem Fließtext?
Genau.

Wobei der Fließtext ja immer den Vorteil hat, dass sich langwierige Erklärungen sinnvoll verknappen lassen.
Aber auch im Wortlaut kann man sich etwas erklären lassen. Eine Schwäche vieler Interviewfragen liegt für mich in den Versuchen der Fragesteller, erst einmal Augenhöhe mit dem Gegenüber herzustellen. Dazu packt man ganz viel Vorwissen in eine viel zu lange Frage – und engt damit die mögliche Antwort ein. Manchmal wäre es so viel einfacher, nur nach dem „Warum“ oder „Wozu“ zu fragen.

Interview mit Conchita Wurst

Dann frage ich doch mal nach dem Warum?
Ich nehme an, Sie wollen mit mir über unser neues Video-Interviewformat „Eine Frage der Zeit“ sprechen. Das ist eine Print/Online-Kooperation zwischen dem Hauptstadtbüro der Zeit und den Kollegen von Zeit Online. Meine Kollegin Tina Hildebrandt oder ich konfrontieren die Gesprächspartner mit nur einer Frage: Der Frage der Woche; der Frage, die wir immer schon stellen wollten; der Frage, die uns gerade unter den Nägeln brennt. Daraus ergeben sich vielleicht noch eine oder zwei Nachfragen, und das war es.

Geben Sie uns eine paar Beispiele, wie diese Fragen lauten können?
Den Schauspieler Matthias Brandt fragten wir: „Woran erkennen Sie, dass ein Politiker schauspielert?“ Von Justizminister Heiko Maas wollten wir auf dem Höhepunkt der Hasswelle gegen ihn wissen: „Wem würden eigentlich Sie gerne mal eine reinhauen?“ Und kurz nach der Wahl in Österreich interviewten wir Conchita Wurst – da führte eine vergleichsweise einfache Frage zu einem ganz interessanten Gespräch.

Wie lautete sie?
„Was ist bloß in Österreich los?“ Der Effekt war, dass Conchita, die ja eine Kunstfigur ist und in ihrer Heimat auch angefeindet wird, uns klarmachen wollte, dass es ja wohl nicht nur in Österreich ein Problem mit Rechten und Rechtsextremen gibt – sondern auch in Deutschland und überall in Europa. Und das brach regelrecht aus ihr heraus: Die Stimme wurde tiefer, der Ton härter – und auf einmal stand da nicht mehr die Kunstfigur Conchita, sondern Tom Neuwirth.

Interview mit Jamie Oliver

Das Format wird vom Berliner Büro der Zeit gemacht. Liegt es da nicht besonders nahe, dass überwiegend Politiker befragt werden? So erinnere ich mich an ein Gespräch mit Robert Habeck von den Grünen.
Wir haben aber auch Chris Dercon, den Intendanten der Berliner Volksbühne gefragt, woher der Hass in der Berliner Kulturszene komme. Und vom britischen Starkoch Jamie Oliver wollten wir wissen, was er zum Brexit kochen wird.

Und was kocht er?
Einen Teller voll Glasscherben. Und dann sprach er sehr emotional über sein Land und was durch die Brexit-Entscheidung alles zerbrochen sei. Ich empfand den Teller voll Glasscherben als sehr spontanes, aber auch sehr persönliches und passendes Bild. Und dann sagte Jamie Oliver, dass ihm diese Frage zuvor noch niemand gestellt habe. Daran sehen Sie schon: Wir wollen Fragen finden, die den Befragten irritieren und kleine Gespräche von bis zu drei Minuten entstehen lassen.

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Was mir sehr gut an dem Format gefällt und womit es sich von vielen Interviews, vor allem von gedruckten unterscheidet ist, dass es so roh ist.
Es ist ungeschnitten. Es ist nicht inszeniert und es gibt keine Mätzchen.

Gibt es ein Bedürfnis der Leser nach mehr Rohmaterial?
Ich glaube es gibt ein großes Bedürfnis nach Antworten und nach Authentizität.

Nur bei den Lesern oder auch bei den Gesprächspartnern?
Auch bei den Gesprächspartnern. Das bekommen wir immer wieder als Feedback.

Wie bereiten sie sich vor? Geht das dann auch schon schnell?
Nein. Wenn Sie nur eine Frage haben, muss die auch sitzen.

Das aktuelle Interview führte Tina Hildebrandt mit Markus Söder. Die Frage: “Ist Ihnen die Kanzlerin zu links?”

Achten wir Journalisten nicht zu sehr darauf, dass wir nicht zu schlecht aussehen?
Ja.

Gute Antwort. Es war schließlich eine Ja- oder Nein-Frage. Also dann anders: warum ist das so?
Weil man als Fragesteller bei einem guten Gespräch auch ins Risiko geht. Es kann ja sein, dass man an den Punkt kommt, an dem auch mal das eigene Unwissen offenbaren muss. An dem man sagen muss: Das habe ich jetzt nicht verstanden. Womöglich haben wir Journalisten manchmal zu große Furcht davor, uns zu blamieren.

Würden die Leute denn überhaupt Interviews lesen, in denen es offensichtlich ist, dass der Fragesteller wenig Ahnung hat?
Ja. Wenn trotzdem die richtigen Fragen gestellt werden. Für mich gibt es keine dummen, nur schlechte Fragen.

Sind Interviews trotzdem fauler Journalismus?
Wie kommen Sie darauf?

Weil es oftmals leichter ist, einfach jemanden zu befragen und das gleich zu drucken, als ein Thema erstmal zu recherchieren und dann zusammenzufassen.
Ach, Arbeit und Mühe macht doch beides. Ich würde eher sagen: Schlechte Interviews sind einfach schlechter Journalismus.

 

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