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Boulevard-Serie über “Kinderschänder”: Warum die Bild-Zeitung dieses Unwort nicht mehr benutzen sollte

Die Bild-Zeitung berichtet intensiv über sexuellen Missbrauch und verwendet dabei meistens das Wort “Kinderschänder”
Die Bild-Zeitung berichtet intensiv über sexuellen Missbrauch und verwendet dabei meistens das Wort "Kinderschänder"

Seit Anfang dieses Jahres bilden sexueller Missbrauch, Gewalt gegen Kinder und Pädophilie einen thematischen Schwerpunkt der Bild-Zeitung. Dabei schreibt das Boulevardblatt bei nahezu jedem Text konsequent das Wort "Kinderschänder" in die Überschrift. Dieser Begriff stigmatisiert und retraumatisiert die Kinder – und spielt als Folge den Tätern in die Hände.

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Ein besonders schwerwiegender Fall von sexueller Gewalt gegen ein Kind sorgt zurzeit in Deutschland für Entsetzen: Ein neunjähriger Junge wurde von seiner Mutter und seinem Stiefvater im Internet gegen Geld zur Vergewaltigung angeboten. Nach ihrer Festnahme kam ans Licht, dass beide offenbar eine tragende Rolle in einem deutschlandweiten Kindesmissbrauch-Ring spielen.

Diese schockierende Enthüllungen nahm die Bild zum Anlass, einen ihrer thematischen Schwerpunkte auf sexuellen Kindesmissbrauch zu legen. In den vergangenen zwei Monaten veröffentlichte das Boulevardblatt über 30 Texte dazu. Und allein im Januar 2018 waren es 20 Beiträge, in denen das Wort “Kinderschänder” in der Überschrift stand. Während eine intensive Beschäftigung mit dem Thema Gewalt gegen Kinder sowie mit der Rechtslage im Fall von Kindesmissbrauch natürlich überaus wichtig sind, hat der wiederholte Einsatz dieses umstrittenen Wortes jedoch einen einen gegenteiligen Effekt.

“Neben dem Leid steht der Verlust des Ansehens, der soziale Abstieg”

Kinderschändung beziehungsweise Kinderschänder setzt sich zusammen aus den Worten Kinder und Schändung. Dabei bedeutet die Schändung zum einen, jemandem Schaden zuführen, aber zum anderen eben auch, jemanden zu entweihen, zu entehren und zu beschmutzen. “Das Wort ‘Schändung’ verweist auf die Schande, die dem Opfer bereitet wird und der damit verbundenen Stigmatisierung”, schreibt die Sprachwissenschaftlerin Maria Pober in ihrem Buch “Gendersymmetrie.” Das Wort “Vergewaltiger” hingegen ist ein sogenanntes Nomen agentis – ein Hauptwort, das von einem Verb abgeleitet wird und in direktem Zusammenhang mit seinem Akteur steht. Spreche man also von einem Vergewaltiger – ausgehend von der Tat Vergewaltigung –, stehe, so Prober, der Täter anstelle des Opfers im Mittelpunkt und mache ihn und seine Tat selbst explizit.

Paul-Josef Raue, der ehemalige Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen Zeitung, schrieb dazu im Jahr 2015: “Neben dem Leid steht auch noch der Verlust des Ansehens, der soziale Abstieg. Zudem suggeriert der Begriff: Das Opfer der Vergewaltigung hat sich nicht gewehrt, es vielleicht sogar provoziert, es ließ sich schänden und gehört somit nicht mehr zum ehrenwerten Teil der Gesellschaft.”

Auch die bereits verstorbene deutsche Psychologin, Frauenrechtlerin und Autorin Monika Gerstendörfer forderte in ihrem Buch “Ein Plädoyer für eine angemessenere Sprachführung”, das Wort “Kinderschänder” nicht mehr zu benutzen, weil es zu einer “gewalttätigen Sprache” gehöre: “Wörter, Begriffe und Namenstäfelchen, die Tat und Täter nicht beim Namen nennen und so die wirkliche Problematik nicht erfassen, sondern die Opfer (nochmals) verletzen, die Taten bagatellisieren und die Täter entlastet”, so Gerstendörfer.

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Die Berichterstattung macht das Kind zum ewigen Opfer

Bei der Bild ist nun also das geschändete Kind nahezu ständig im Fokus der Berichterstattung über sexuellen Missbrauch und Vergewaltigung – mit Überschriften wie “Kinderschänder betreute auch meinen Sohn”, “Kinderschänder schauen im Knast KIKA” oder “So machtlos ist die Polizei bei Kinderschändern”. Besonders eindrücklich zeigt sich die Problematik dieser Berichtserstattung an dem Beitrag mit dem Titel “Kann so ein Kind jemals wieder normal leben? Zwar steht hier das Wort Kinderschänder nicht in der Überschrift, sondern nur im Teaser, und der Text an sich, ein Interview mit dem Psychologen Dr. Sebastian Bartoschek, ist auch durchaus konstruktiv. Doch das Opfer wird hier mit nur einer einzigen Frage dauerhaft gebrandmarkt. Zunächst stellt schon die Formulierung „So ein Kind“, den Jungen auf eine andere Seite. Und der zweite Teil der Überschrift “jemals wieder normal” suggeriert: Dieses Kind hat nicht nur grauenvolle Gewalt erleben müssen, sondern wird auch nie wieder so sein können wie andere Kinder. Er ist für sein Leben lang gezeichnet, gehört nicht mehr – womöglich nie wieder – dazu.

Screenshot: Bild.de

Die Leserkommentare unter Facebook-Postings zu den entsprechenden Texten sind bezeichnend. Zum einen werden Kastrations- und Todesstrafe-Forderungen („Rübe ab”) „für alle Pädos“ gefordert – völlig unabhängig davon, ob alle Menschen mit pädophiler Neigung überhaupt Straftäter sind (weiterführender Lesetipp: “Was ist Pädophilie”, Zeit Online) . Moderiert werden Aussagen wie diese von der Bild-Zeitung im Übrigen nicht. Und zum anderen finden sich unter den Facebook-Postings eben auch Aussagen wie „Der kleine unschuldige Mensch wird für den Rest seines Lebens kaputt sein.“

Durch diese Form der Berichterstattung besteht nicht nur die Gefahr, dass ein Mensch, der im Kindesalter sexuelle Gewalt erleben musste, durch das Lesen dieser Stigmatisierungen retraumatisiert wird. Auch wird er oder sie in der Presse erneut zum Opfer gemacht – und damit potenziell für immer.

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