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„Tagesschau“ macht Buhrufe gegen Trump lauter – Manipulation oder „journalistische Präzision“?

Rechtfertigt das Lauterdrehen von Buhrufen gegen US-Präsident Donald Trump in einem “Tagesschau”-Posting: ARD-Aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke
Rechtfertigt das Lauterdrehen von Buhrufen gegen US-Präsident Donald Trump in einem "Tagesschau"-Posting: ARD-Aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke

Die „Tagesschau“ hat in ihrem Social Media-Kanälen in einem O-Ton-Ausschnitt zu Donald Trumps Auftritt auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos Buhrufe aus dem Publikum lauter gemischt, um sie hörbar zu dokumentieren. Einige werfen der ARD-Nachrichtensendung nun Manipulation vor, „Tagesschau“-Chef Kai Gniffke rechtfertigt den Eingriff als „journalistische Präzision“.

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Die Ton-Veränderung ist in diesem Ausschnitt, den die „Tagesschau“ getwittert und bei Facebook veröffentlicht hat, klar zu hören.

Nachdem US-Präsident Donald Trump in der ihm eigenen Manier auf die Presse und die Medien geschimpft hat, werden die Hintergrundgeräusche merklich lauter und man kann kurz Buhrufe hören. Mit ins Rollen brachte die Diskussion um den Ausschnitt Bild-Chef Julian Reichelt, der den Vorgang als „klare Grenzüberschreitung bei einer Nachrichtensendung“ bezeichnete, wobei der entsprechende Ausschnitt in der „Tagesschau“-Sendung selbst gar nicht zu sehen war.

Die Bild berichtete dann auch recht groß über den Fall. Im Bild-Artikel kommt u.a. Rainer Nowak, Chefredakteur der österreichischen Zeitung Die Presse, vor, der als Augen- und Ohrenzeuge twitterte, die Buhrufe seien „definitiv nicht laut“ gewesen.

Die Süddeutsche Zeitung brachte am Wochenende eine große Seite-Drei-Reportage über Trumps Auftritt in Davos, ihr waren Buhrufe noch nicht mal eine Erwähnung wert.

Die Aufregung im Social Web kochte schnell hoch, zumal die Redaktion via Twitter den Eingriff in die Tonlautstärke bestätigte. 

ARD-Aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke reagierte mit einem Beitrag im „Tagesschau“-Blog. Gniffke nannte den Eingriff freilich nicht „lauter gemacht“, sondern er erklärte etwas umständlich, man habe „den Originalton aus dem Saal während der Buhrufe mit einem hohen Tonpegel offen stehen lassen, um zu belegen, dass es diese Reaktion tatsächlich gab“. Wenn ein Korrespondent die Information vermittle, dass der US-Präsident ausgebuht worden sei, dann müsse er das belegen. Dazu habe der Ton gedient, so Gniffke weiter. Der „Tagesschau“-Chef verwies darauf, dass es die Buhrufe tatsächlich gab (was niemand bestritten hat). Er verglich den Vorgang damit, dass Zeitungen auch Bild-Ausschnitte vergrößern und eventuell mit einem roten Kreis markieren, um etwas hervorzuheben. Gniffke: „Niemand käme hier auf die Idee, dies Manipulation zu nennen, sondern eher journalistische Präzision.“

Der „Tagesschau“-Chef übersieht bei diesem Vergleich allerdings, dass eine bildliche Hervorhebung, wie ein roter Kreis, für den Leser sichtbar, also nachvollziehbar ist. Genau dies ist bei einem unkommentierten Eingriff in die Tonlautstärke eben nicht der Fall. Umgekehrt haben Bild-Ausschnitte, die einen falschen Eindruck erwecken, natürlich auch nichts mit „Präzision“ zu tun, sondern bestenfalls mit Schlamperei und schlimmstenfalls mit Manipulation.

Die „Tagesschau“ hat mit Kritik an Bild-Ausschnitten auch schon Erfahrungen gesammelt, etwa als einmal ein angeblich einsamer Wladimir Putin an einem Tisch bei einem G20-Gipfeltreffen gezeigt wurde oder als die Nachrichtensendung den Eindruck erweckte, Staatschefs seien bei einem Trauerzug anlässlich des Anschlags auf die Pariser Charlie-Hebdo-Redaktion vorneweg marschiert, obwohl die Staatschefs aus Sicherheitsgründen abgetrennt von den übrigen Teilnehmern liefen.

Das Lauterdrehen der Buhrufe bei Trumps Äußerungen erscheint gerade mit Blick auf solche vergangenen Debatten unverständlich. Die „Tagesschau“, die mit recht viel Wert auf ihre Seriosität legt, schafft hier einen unnötigen Anlass für Manipulations-Kritik. Dass es auch anders gegangen wäre, belegt ein Ausschnitt des britischen Channel 4 von Trumps Auftritt. Hier wurden die Buhrufe nicht künstlich verstärkt, sie werden aber in den Untertiteln erwähnt und sind auch hörbar – wenn auch nicht so laut.

Gegenüber MEEDIA sagte Kai Gniffke:

Man kann einen von 20 bis 30 täglichen Facebook-Posts der Tagesschau nicht mit der Seite 3 der SZ vergleichen. Dieses Trump-Zitat war am Wochenende nicht in der Tagesschau im Fernsehen zu sehen, weder mit noch ohne Buhrufe. Selbstverständlich gilt auch bei einem Facebook-Post die journalistische Grundregel, dass Behauptungen belegt werden müssen. Dazu diente der Post, bei dem die Buhrufe zu hören waren. Da ein Mikrofon sinnvollerweise am Rednerpult steht, sind die Reaktionen im Publikum naturgemäß leiser. Um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, man wolle durch die Platzierung des Mikrofons die Reaktionen des Publikums (Buhrufe) manipulativ unterdrücken, wurde der Tonpegel tatsächlich bei diesem Originalton nach oben angepasst. Bei den Protesten gegen die Kanzlerin hat die Tagesschau natürlich über die Proteste und Buhrufe in Bild und Ton berichtet.

Einige Kritiker hatten nämlich moniert, bei Berichten über den zurückliegenden Bundestagswahlkampf, seien Buhrufe gegen Kanzlerin Angela Merkel von der „Tagesschau“ unterdrückt worden.

„Ich finde es gut, dass wir solche Dinge offen diskutieren. Und die ‚Tagesschau‘ muss ihre Arbeitsweise immer wieder offenlegen und sich bei Fragen oder Kritik dem Diskurs stellen“, schreibt Kai Gniffke am Ende seines Blog-Beitrages. Das ist gut und richtig. Noch besser wäre es, man würde aus Fehlern der Vergangenheit lernen.

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