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Komplimente aus der Hölle: Kevin Kühnert und die Ignoranz der Medien gegenüber einem Nachwuchspolitiker

Kevin Kühnert polarisiert mit steilen Thesen immer wieder – in der Gesellschaft, aber auch in der eigenen Partei

Der Juso-Bundesvorsitzende Kevin Kühnert zählt mit seinem Nein zur „GroKo“ zu den gefragtesten Gesprächspartnern in der Debatte um die Regierungsbildung. Bei Reden und in TV-Talks lässt der 28-Jährige seine rhetorischen Fähigkeiten aufblitzen. In seiner Partei gilt er als Mann der Zukunft. Viele Medien behandeln Kühnert dennoch wie eine halbe Portion – Ausdruck eines gesellschaftlichen Problems.

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Kevin Kühnert gibt seit einiger Zeit ein Interview nach dem anderen. Laut Aussage seines Sprechers waren es seit Dezember rund 250. Erst in den vergangenen zehn Tagen gab es wieder aufsehenerregende Auftritte: Vorigen Donnerstag saß er bei Maybrit Illner im Studio, diesen Dienstag sah der Zuschauer ihn direkt neben Markus Lanz im Sessel und auch bei der RTL-Sendung „Guten Morgen Deutschland“ hat sich der Juso-Chef gezeigt, um seine politische Ansicht zur möglichen GroKo zu präsentieren. Wie sich schnell herausstellte, war der Juso für die Journalisten kein Gesprächspartner wie andere Politiker – zumindest verhalten sie sich bei der Befragung so.
Bei „Guten Morgen Deutschland“ war er per Video ins Kölner-Studio zu Moderatorin Jennifer Knäble zugeschaltet. Nach zwei Fragen über seine Politik musste es dann aber etwas persönlicher werden, so vermutlich die Logik der RTL-Redaktion. „Was hat sich denn bei Ihnen verändert? Wohnen Sie eigentlich in einer WG? Das ist bei Studenten doch so üblich“, fragte die Moderatorin. Kühnert ist ein Medienprofi und reagierte souverän. Er lenkte über kurze Umwege wieder auf seine Politik. So weit, so gut – wenn es sich denn um einen Einzelfall handeln würde. Der Berliner twitterte dazu unter dem Hashtag #diesejungenleute, der bis Donnerstagnacht über 7.500 Tweets verzeichnete. In seinem Beitrag bemängelte er den Stil der Frage und stellte mit einem markigen Spruch klar, dass er darauf künftig nicht mehr antworten werde.
https://twitter.com/KuehniKev/status/956430464713097217
Auslöser für die Netz-Debatte über den Umgang mit jungen Menschen ist ein Meinungsstück der Spiegel-Jugendseite Bento: Der Autor Steffen Lüdke analysiert darin das Verhalten der Gäste in Maybritt Illners Talksendung vom 18. Januar gegenüber dem Juso-Boss, der ebenfalls in der Runde zugegen war. Wer die Sendung gesehen hat, mag den Eindruck gewonnen haben, dass die Gäste – unter anderem CDU-Politikerin Julia Klöckner und Publizist Albrecht von Lucke – den 28-jährigen Berliner nicht ganz ernst nehmen.
Zunächst nannte Moderatorin Illner den SPD-Politiker Kühnert gleich zwei Mal Kleinert. Das kann passieren. Eine gute Vorbereitung sieht jedoch anders aus. Des Weiteren sprachen die Anwesenden über den SPD-Mann in der dritten Person, als sei er gar nicht im Studio, nannten ihn „diesen jungen Mann“ und Publizist Lucke duzte Kühnert durchgehend, während er die anderen Diskutanten siezte. Bei den Zuschauern der Sendung sorgte diese Behandlung im Kurznachrichtendienst für vehementes digitales Kopfschütteln. Durch Bento initiiert twitterten in den folgenden Tagen viele junge Leute – allen voran Nachwuchspolitiker – über ihre Erlebnisse. Über Begebenheiten, bei denen ihnen ihr junges Alter vorgehalten wurde oder ihnen ob ihres jugendlichen Aussehens die Kompetenz abgesprochen wurde.
https://twitter.com/johannesdal/status/956857373381013504
https://twitter.com/philipp_fuer_DU/status/956094928190308352
https://twitter.com/jamila_anna/status/956122443499831297
https://twitter.com/Ricarda_Lang/status/955921894494089217
Die Debatte dreht sich um ein gesellschaftliches Phänomen, das sich in vielen Bereichen manifestiert und in der Wissenschaft ein eigenes Forschungsfeld ausmacht. Unter dem Begriff Altersdiskriminierung (englisch: Ageism) wird untersucht, welche sozialen und ökonomischen Folgen für einzelne Personen und Gruppen entstehen, wenn sie wegen ihres Alters benachteiligt werden. In den Medien sind Symptome dieses Phänomen derzeit wie unter einer Lupe zu beobachten. Eine irritierende Überheblichkeit gegenüber dem aufstrebenden Nachwuchs. Denn obwohl die Diskussionen mit jungen Politikern wie Kevin Kühnert meist inhaltlich geführt werden, schwingt häufig ein Unterton mit, dass diese oder jene Meinung nur dem Alter geschuldet sei. Flausen und wilde Ideen, die ausschließlich auf die jugendliche Naivität und Unerfahrenheit zurückzuführen seien. Jener Unterton sorgt für Stimmungsbilder beim Publikum, der junge Frauen und Männer auf ihr Alter reduziert.
https://twitter.com/henfling_m/status/956059146381660160
Journalisten stellen Fragen, die unterhaltsam und sicher nicht böse gemeint sind, über deren Relevanz in politischen Gesprächen jedoch gestritten werden darf. So fragte Markus Lanz den Juso-Bundesvorsitzenden in seiner Sendung, ob er Entscheidungen im Vorfeld mit seinen Eltern besprechen würde. Ein Porträt über Kühnert auf Tagesschau.de trägt den Titel „Kevin ganz groß: Portrait des Juso-Chefs“. Schlagzeilen wie „Angela auf Tour…“, „Martin macht’s…“ oder ähnliche Überschriften lassen sich über gestandene Politiker nicht finden. Und auch hohe politische Ämter machen einen nicht immun gegen Anspielungen aus dieser Ecke: ARD-Moderatorin Sandra Maischberger wollte von ihrem Gast kürzlich wissen, ob er noch einen Studentenausweis besitze. Ihr gegenüber saß kein Geringerer als Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz, 31 Jahre alt. Auf die Frage antwortete er kurz und trocken:“Nein.“ Die Journalistin setzte nach:“Sicher nicht? Haben Sie sich davon entledigt?“ Der Bundeskanzler verneinte nochmals und betonte, dass er schon seit langer Zeit andere Aufgaben hat.
Aus Sicht der Journalisten ist es verständlicherweise bemerkens- und damit berichtenswert, dass Kurz bereits mit 24 das Amt des Staatssekretärs übernommen hat und seit Dezember 2017 Bundeskanzler ist. Wenn über seine Biografie berichtet wird, sollte das nicht verschwiegen werden. Schließlich möchte auch das Publikum solche Informationen erfahren. Ebenso kann das Alter bei Kühnert und anderen aufstrebenden, jungen Menschen aus Politik, Wirtschaft und Medien durchaus interessant sein. Es sollte jedoch nicht dazu genutzt werden, um diesen Personen ihre Kompetenz abzusprechen oder Diskussionen weg von den Inhalten hin zu persönlichen, meist irrelevanten Details zu lenken.
Nun muss bei aller berechtigten Aufregung angemerkt werden, dass prominente Betroffene wie Kühnert und seine Twitter-Sekundanten, mit dieser Behandlung zurecht kommen werden. Sie alle sind smart und in ihren jeweiligen Jobs kompetent genug, um jener abfälligen Art der alten Generation entgegenzutreten und sich den Respekt zu erkämpfen, der ihnen zusteht. Zudem ist das beschriebene Phänomen ganz sicher kein Neues. In jeder Gesellschaft gibt (und gab) es jene Ü50-Fraktion, die den Nachwuchs belächelt und nicht für voll nimmt. Allerdings hat sich die demographische Struktur Deutschlands gewandelt: Das Verhältnis zwischen Jung und Alt verschiebt sich mehr und mehr in Richtung der betagten Bürger. Die Meinung der nachkommenden Generation muss dennoch vertreten werden. Über verschiedene Vorschläge, wie das Problem in den Griff zu kriegen ist, wird schon seit Jahren diskutiert: zum Beispiel über eine Quote für junge Menschen im Bundestag. Danach sollten 20 Prozent der Bundestagskandidaten unter 35 Jahre alt sein.
Die Netz-Debatte könnte der Beginn einer weit greifenden Auseinandersetzung mit dem Thema sein: Daher sollten die vielen Tweets als Denkanstoß gesehen werden, wie mit jungen, engagierten und kompetenten Menschen umgegangen wird. Wichtig dafür ist, dass die Botschaft auch die richtigen Empfänger erreicht. Übrigens hat der Satiriker Shahak Shapira, auch erst 29 Jahre alt, ebenfalls einen Beitrag zur Debatte geleistet, mit einer kleinen mathematischen Gleichung.
https://twitter.com/ShahakShapira/status/956446212688896000

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