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“Das Vulgär-Feuilleton wird langweilig”: Bei den Qualitätsmedien ist die Dschungelcamp-Euphorie verflogen

Das Format Dschungelcamp hat sich auch fürs Feuilleton abgenutzt
Das Format Dschungelcamp hat sich auch fürs Feuilleton abgenutzt

Mit dem Erreichen der "Ich bin ein Star – holt mich hier raus"-Halbzeit, wächst die Erkenntnis: Die Dschungelcamp-Euphorie hat ihren Zenit endgültig überschritten. Bot IBES noch vor Jahren ironisch-launigen Stoff für Feuilleton-Edelfedern, verschwindet das Format nun zunehmend von der Bildfläche der Qualitätsmedien und rutscht abseits der Einschaltquoten in die mediale Bedeutungslosigkeit ab.

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So recht will der Funke nicht mehr überspringen in diesem Jahr. Und das, obwohl in der zwölften Staffel von “Ich bin ein Star – holt mich hier raus” (IBES) nach den Langeweile-Staffeln der vorherigen Jahre endlich mal wieder alles dabei ist: Tränen, Aggressionen durch Zigaretten- und Essens-Entzug, Gruppen-Bildung. Das Casting stimmt auf den ersten Blick, die Prüfungen passen und auch redaktionell wie handwerklich zieht RTL mit schlagfertigen Moderationen, fantastischer Musik-Auswahl und einem sehr guten Schnitt alle Register. Dennoch: Eine Dschungel-Euphorie, wie sie TV-Liebhaber noch vor wenigen Jahren erlebt haben, will einfach nicht aufkommen. Schon gar nicht bei den Edelfedern der Alpha-Medien, die das schräge Format nach langem Fremdeln für sich entdeckt und den Hype damit noch verstärkt hatten.

Das macht sich bei den Zuschauerquoten bemerkbar: So rutsche das Format nach der starken Auftakt-Folge am vergangenen Freitag mit 6,49 Millionen Zuschauern am Donnerstagabend einmal mehr unter die 6-Millionen-Marke. Zum Vergleich: Die Rekord-Staffel im Jahr 2014 haben im Durchschnitt aller Folgen 7,98 Mio gesehen; die stärkste einzelne Folge lief am 29. Januar 2011 mit 9,04 Mio. Der Durchschnitts-Wert der 2018-Staffel liegt bislang bei 5,62 Mio.

Die Meta-Betrachtung hat sich totgelaufen

Zum anderen scheint auch in der begleitenden Medienberichterstattung Müdigkeit zu herrschen. Noch vor wenigen Jahren war das Dschungelcamp selbst in den Feuilletons Dauergast und etliche Online-Kolumnisten arbeiteten sich während der Laufzeit des Formats täglich (!) in ironisch-launigen Kommentaren an der aktuellen Folge ab. Damit war “Ich bin ein Star – holt mich hier raus” eine regelrechte Trash-TV-Rarität, die viele Jahre lang ihresgleichen suchte.

Doch in diesem Jahr ist das Bild ein anderes: Zwar schreibt Anja Rützel bei Spiegel Online noch ihre tägliche, sehr gelungene Kolumne und auch auf Süddeutsche.de verfasst Kultur- und Medien-Redakteurin Johanna Bruckner jeden Tag eine Kritik zum Format. Doch damit hört es auch schon auf – zumindest, was die Qualitätsmedien betrifft. Peter Huth, Chefredakteur der Welt am Sonntag, erklärt diese Entwicklung im Gespräch mit MEEDIA damit, dass sich auch das “begleitende Vulgär-Feuilleton – wie das Format selbst – wiederholt und langweilig wird”. Weiter sagt er: “Die Idee, getarnt als Meta-Betrachtung noch deftigere oder vermeintlich hintersinnige Gags als das Team um Micky Beisenherz rauszuhauen, hat sich nach der fünften Wiederholung totgelaufen.”

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Eine “nahezu bleierne” Dschungel-Müdigkeit beobachtet auch er seit Jahren und attestiert dieser, dass sie immer weiter zunehme. “Die Spiele sind redundant, die Kandidaten und die Zuschauer wissen, was sie erwartet und ertragen das alles stoisch. In der zwölften Staffel sind alle Strategien, in welche Rollen man sich begeben kann und welche Auswirkungen das hat, bekannt und werden lustlos abgespielt.”

Nichts ist mehr unvorhersehbar

Tatsächlich zeichnet sich seit mehreren Staffel immer deutlicher ab, dass die Dschungelcamper – Peter Huth bezeichnet sie als “professionelle Reality-Darsteller” – ganz genau wissen, was sie tun müssen, damit am nächsten Tag über sie geschrieben wird; oft wirkt es nahezu wie ein Plan, der im Vorfeld ausgearbeitet wurde, um möglichst viel Sendezeit und Presse gleichermaßen abzustauben. Wenn Matthias Mangiapane, Teilnehmer der aktuellen Staffel, wiederholt behauptet, er würde durch seine Teilnahme an den Dschungelprüfungen ja wenigstens viel “Screen-Time” bekommen, und kurz darauf trotzig behauptet, es sei ihm egal, wenn die Medien ihn “morgen als Heulsuse” bezeichnen, zeigt das eindrücklich, dass mittlerweile wirklich jeder Möchtegern-Promi verstanden hat, wie der IBES-Hase läuft und sein Verhalten am Lagerfeuer dementsprechend anpassen kann. Reizvoll, aufregend oder gar unvorhersehbar wie zur Hochphase des Formats ist das nicht mehr – weder für die Zuschauer noch für die Journalisten.

Im Boulevard bzw. bei den People-Magazinen hat das Format freilich noch seinen Platz: Von Bild über Gala oder InTouch bis Promiflash berichten alle. Doch auch hier beobachtet Peter Huth, der bis 2017 Chefredakteur der B.Z. war, eine zunehmende Erschlaffung: “Weil die Kandidaten so uninteressant sind, gibt es kaum noch Material für Hintergrundgeschichten, mit denen der Boulevard einen Mehrwert für den geneigten Zuschauer bieten kann. Also bleibt nur das Nacherzählen der Sendung.” Online funktioniere dies noch gut, so Huth, weil der Zuschauer dadurch die Möglichkeit hat, nachzulesen, was er verpasst hat, und gegebenenfalls Meinungen abgleichen kann. “Das Feuilleton aber hat das Interesse verloren wie an einem Aktionskünstler, der, sagen wir mal, dafür gefeiert wurde, sich einen Nagel ins Knie zu hauen und dabei Rilke zu zitieren”, sagt der Welt-Chefredakteur. “Das ist dreimal spektakulär, dann nur noch blutig.”

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Alle Kommentare

  1. Naja und nachdem “Fack ju Göhte” vor Gericht das geerntet hat, was viele sich schon immer gedacht haben (obwohl, man gewöhnt sich an alles) reicht es mit dem Dschungel aus genau den von Ihnen genannten Gründen. Soeben kam die Mail einer Tonka-PR mit “So profitieren die Teilnehmer in sozialen Medien”…und genauer Aufklärung über Beliebtheit, Zugriffe, Verluste, Gewinner. Die Tabelle lautet “Fans gesamt, Fanwachstum absolut, Fanwachstum in % im Zeitraum X”. Gewinner mit 64,8% Fanwachstum auf Instagram ist Mangiapane. Tja…

  2. Mit Verlaub, liebe Nora, IBES ist in diesem Jahr gerade nicht mehr so gut geschnitten wie früher und die Musikauswahl WAR einmal legendär … jetzt ist sie ziemlich effekthascherisch … es könnte vielmehr daran liegen, dass das Camp eben handwerklich lange nicht an die stupende Größe früherer Zeiten heranreicht, sondern schlichter RTL-Standard eingezogen ist.

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