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“Der Journalist von heute hat eine Mission”: das mutige Plädoyer von Papst Franziskus gegen Fake News

Zum “Welttag der sozialen Kommunikationsmittel hat der Pontifex das Problem der Fake-News thematisiert
Zum "Welttag der sozialen Kommunikationsmittel hat der Pontifex das Problem der Fake-News thematisiert

Papst Franziskus hat sich zum Thema Fake News geäußert: In einer am Mittwoch veröffentlichten Botschaft zum "Welttag der sozialen Kommunikationsmittel" analysiert das Vatikan-Oberhaupt das Phänomen der Falschnachrichten eindringlich und erklärt, dass der Sündenfall in der Bibel die erste Fake News gewesen sei. Zudem richtet er einen leidenschaftlichen Appell an die Journalisten von heute.

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Der Bischof von Rom beschreibt in seinem Beitrag mit fein differenzierender Sprache, wie man Falschnachrichten präventiv begegnen kann, was der Wert von Journalisten in einer Gesellschaft ist und welche Rolle die Wahrheit spielt. So definiert er Fake News als gegenstandslose Nachrichten, “die sich auf inexistente oder verzerrte Daten stützen und darauf abzielen, den Adressaten zu täuschen”. Dass sie solch eine Wirkung entfalten, liegt – laut Vatikan-Oberhaupt – an ihrer mimetischen Natur; der Fähigkeit also, Glaubwürdigkeit vorzutäuschen. Er charakterisiert diese Form der Meldungen als verfänglich, weil “sie sich Stereotype und Vorurteile zunutze machen” und dadurch eine große Aufmerksamkeit der Leute bekommen. Außerdem schafften sie es, so der 81-Jährige, Gefühle auszulösen wie Angst, Verachtung, Wut und Frustration. Eine exaktere Beschreibung des Phänomens Falschnachrichten lässt sich selbst in wissenschaftlichen Publikationen schwerlich finden.

Dass diese Form der Desinformation so schwierig aufzudecken und auszumerzen ist, habe damit zu tun, “dass die Interaktion der Personen oft innerhalb homogener digitaler Räume erfolgt, zu den divergierende Meinungen oder Blickwinkel nicht durchdringen können”. Das altbekannte Problem der Filterblasen in sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter, die der Papst im Übrigen nicht beim Namen nennt.

Im Laufe des Textes untermauert er seine gesellschafts- und medienrelevanten Anmerkungen mit biblischen Verweisen. Er beschreibt den Sündenfall im Buch Genesis als die erste Fake News. Jene Erzählung über Verführung und kleine Halbwahrheiten schlage den Bogen zu der heutigen Verbreitung von Falschnachrichten. “Keine Desinformation ist harmlos”, erklärt er. “Im Gegenteil: dem zu vertrauen, was falsch ist, hat unheilvolle Folgen.” Der Leser erinnert sich bei der Lektüre an zahlreiche politische Entwicklungen in der jüngeren Vergangenheit wie die Brexit-Entscheidung im Jahr 2016. Oder an die Auswirkungen der Falschnachrichten bei Facebook auf die US-Wahl im selben Jahr.

Papst Franziskus zeichnet ein dramatisches Bild unserer Gesellschaft im Allgemeinen und des Menschen im Besonderen. Der Grund nämlich, warum sich Fake News gleich einem Virus verbreiten und schwer eindämmen lassen, liege in der menschlichen DNA. Und nicht in der Logik sozialer Netzwerke, wie er betont. Es ist die Gier, “unser Hunger nach Macht und Besitz, unsere Vergnügungssucht”, schreibt der Pontifex.

“Ein Journalismus, der sich nicht vom Strudel der Sensationsgier mitreißen lässt”
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Trotz dieser drastischen Schilderung gibt es Lösungen. Franziskus lobt Bildungsinitiativen, “die lehren, wie man den Kommunikationskontext einordnen und beurteilen kann, ohne sich dabei zum ungewollten Verbreiter von Desinformation zu machen” und ebenso institutionelle Initiativen und das Engagement von Technologie- und Medienunternehmen bei der Bekämpfung von Falschnachrichten.

In die Pflicht nimmt der Argentinier die Journalisten spätestens mit seiner direkten Ansprache im Abschlussteil seines Plädoyers, der mit der Überschrift “Der Friede liegt in der wahren Nachricht” beginnt. Das beste Mittel gegen diese Form der Desinformation seien nicht die Strategien sondern Personen, die Sprache professionell und verantwortungsvoll einsetzen. “Wenn der Ausweg aus der Verbreitung von Desinformation (…) die Verantwortung ist, dann sind hier vor allem jene auf den Plan gerufen, denen die Verantwortung beim Informieren schon von Berufs wegen auferlegt ist: die Journalisten, die die Hüter der Nachrichten sind.“ Und er legt nach: “In der Welt von heute übt der Journalist nicht nur einen Beruf aus: er hat eine Mission. Trotz der Kurzlebigkeit der Nachrichten und im Strudel der Sensationspresse darf er nie vergessen, dass im Zentrum der Nachricht der Mensch steht – und nicht, wie schnell eine Nachricht verbreitet wird und welche Wirkung sie auf das Publikum hat.“

Papst Franziskus wünscht sich einen „Journalismus, der der Unwahrheit, der Effekthascherei und dem prahlerischen Reden den Kampf ansagt”. Ein Wink mit dem Zaunpfahl für all jene Populisten, die mit lauten, reißerischen Äußerungen auf sich aufmerksam machen und auch für Medien, die diesen Botschaften häufig zu viel Beachtung schenken. Der Geistliche erklärt, dass es dem Medienhaus nicht nur darum gehen dürfe, seine Nachrichten möglichst schnell und lukrativ an den Mann oder die Frau zu bringen, sondern Konflikte auf ihre Ursachen hin zu untersuchen und alternativen Lösungen aufzuzeigen. “Ein Journalismus, der sich nicht vom Strudel der Sensationsgier und der verbalen Gewalt mitreißen lässt”, sagt der Pontifex zum Ende seines Appells.

Zugegeben, die Erkenntnisse und Schlussfolgerungen des Papstes sind nicht neu. Und doch wurden sie selten derart präzise zu Papier gebracht. Außerdem finden seine Worte immer noch mehr Gehör als die von anderen öffentlichen Personen. Er liefert eine Botschaft, die man künftigen Generationen von Journalistenschülern vorlegen könnte – oder die schon heute in jeder Redaktion als Pflichtlektüre liegen sollte. So oder so: ein wirklich lesenswerter Text.

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