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“Zeigen Medien wirklich eine ausgewogene Berichterstattung?”: Edelman-Chefin Marell über die Vertrauenskrise der Medien

Susanne Marell ist seit Juli 2012 an der Spitze von Edelman.ergo, dem Deutschlandsitz von Edelman
Susanne Marell ist seit Juli 2012 an der Spitze von Edelman.ergo, dem Deutschlandsitz von Edelman

Manch eine Zahl sorgt im jüngst veröffentlichten Edelman Trust Barometer für Sorgenfalten bei Journalisten. Es wird ein tristes Bild ihres Publikums gezeichnet: Medienmuffel, die sich immer weniger für Nachrichten interessieren und den journalistischen Anbietern vorwerfen, sich nur um eine möglichst große Reichweite zu kümmern. Im Gespräch mit MEEDIA erklärt Susanne Marell, Geschäftsführerin von Edelman.ergo, welche Konsequenzen aus der Umfrage gezogen werden sollten.

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Beim Edelman Trust Barometer, der das Vertrauen in Regierungen, NGOs, Unternehmen und Medien misst, standen in diesem Jahr die Auswirkungen von Fake-News im Fokus. Dafür hat die Agentur 33.000 Menschen weltweit befragt, davon 1.150 Teilnehmer in Deutschland, wie sehr sie Medien generell und dem Journalismus speziell vertrauen. Die Ergebnisse der jährlich veröffentlichten Studie sind teils schockierend, vor allem hinsichtlich des Nachrichtenkonsums. Denn hier zeigt sich, dass immer mehr Deutsche zu Medienmuffeln werden. Laut Umfrage lesen, hören oder sehen 67 Prozent der Befragten weniger als einmal pro Woche Nachrichten. Lediglich 15 Prozent widmen sich mehrmals pro Woche aktuellen Ereignissen in der Welt.

Für Susanne Marell, CEO von Edelman.ergo, ist das die bittere Folge von Fake-News. “Ein Teil der Bevölkerung reagiert durch die Verbreitung von Falschnachrichten damit, sich intensiver zu informieren. Das sind dann die Leute, die Zweit- oder Drittzeitungen im Abo haben und wesentlich bewusster Nachrichten konsumieren”, erklärt sie im Gespräch mit MEEDIA. Diese Entwicklung habe sie nicht überrascht, denn “zumindest in meinem Umfeld hatte sich das abgezeichnet”. Der andere Teil, sagt Marell, habe bereits aufgegeben. “Er fühlt sich verunsichert und orientierungslos. Er informiert sich nicht mehr und kümmert sich stattdessen um sich selbst.”

Dass sich ein derart großer Teil der Deutschen so wenig mit Nachrichten befasst, mag ob der Allgegenwärtigkeit journalistischer Inhalte im Alltag und in den sozialen Netzwerken den einen oder anderen stark verwundern. Susanne Marell ist anderer Meinung:”Wenn sie nur Netflix gucken oder Verkehrsmeldungen anhören, kann man sich sehr wohl gegen den stetigen Nachrichtenkonsum wehren. Es ist durchaus möglich, dass man aktiv an Nachrichten vorbeikommt.” Sie schränkt aber auch ein, dass es in der Studie keine spezifischen Abfragen über den Konsum der Nachrichten gibt und auch der Begriff “Nachrichten” nicht weiter definiert wird. “Da geht es letztlich um individuelle Auffassungen der Teilnehmer, was Nachrichten sind.”

Dass trotz dieser trüben Zahlen die Glaubwürdigkeitswerte der Journalisten um 19 Punkte auf 45 Prozent nach oben geklettert sind, könne unter anderem an den sogenannten 200 “informierten Bürgern” liegen, die einen Teil der Gesamtstichprobe ausmachen. “So ein Befragter aus der informierten Öffentlichkeit mit hohem Medienkonsum hat eine Tendenz zur Zweitzeitung und legt mehr Wert auf Qualitätspresse. Damit fallen die Daten in diesem Bereich positiver aus.“ Diese Gruppe weist – laut Definition in der Studie – zusätzlich folgende Charakteristika auf: Sie sind zwischen 25 und 64 Jahre alt, haben einen Hochschulabschluss und ein überdurchschnittliches Haushaltseinkommen.

Positives Bild wird stark getrübt

Die Studie zeichnet ein Bild, das die Widersprüchlichkeit der Vertrauenskrise in die Medien offenbart. Am meisten leiden die sozialen Plattformen wie Facebook, Twitter und Google unter der Verbreitung von Fake-News. In 21 von 28 untersuchten Nationen schwindet deren Glaubwürdigkeit. Im Gegenzug gewinnen traditionelle Medien wie Zeitungen und TV-Sender deutlich an Vertrauen: Hierzulande vertrauen sechs von zehn Befragten dem Journalismus. Das positive Urteil wird jedoch dadurch getrübt, dass knapp jeder zweite Teilnehmer der Meinung ist, dass Nachrichtenorganisationen nur an einer hohen Reichweite interessiert sind und nicht an der Vermittlung von faktischen Informationen. Ebenso geben die Befragten an, dass diese eine politische Agenda haben und nicht neutral über die Ereignisse berichten. Marell erklärt:”Wir fragen die Teilnehmer, was sie eigentlich von den Medien erwarten.” Und das wäre? “Sie erwarten eine hohe Informationsqualität und dass verschiedene Meinungen stärker abgebildet werden.” Scheinbar haben Teile der Bevölkerung nicht mehr das Gefühl, dass die Nachrichten diese Meinungsvielfalt abdecken. “Es gibt eben nicht nur Schwarz und Weiß, sondern viele Grautöne.”

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Die Ergebnisse werfen eine Frage in den Raum, die Journalisten künftig beantworten müssen, meint Marell. “Zeigen wir in den Medien wirklich eine ausgewogene Berichterstattung? Sollte nicht über jede Meinung diskutiert werden, statt sie direkt in eine bestimmte politische Ecke zu stellen?” Der enorme Vertrauensverlust in die Qualitätspresse birgt zudem Gefahren für eine Gesellschaft, sagt die Agentur-Chefin gegenüber MEEDIA. “Eine Institution, wie die Medien es sind, muss die Demokratie stärken und sie bewahren. Und aktuell vermisse ich eine stärkere öffentliche Debatte über den demokratischen Wert von Journalisten für eine Gesellschaft.” Ihrer Ansicht nach muss in Zukunft eine Frage möglichst sachlich beantwortet werden, nämlich was Qualitätsjournalismus ist und wie man diesen schützen kann.

Falschinformationen und seriöse Quellen schwer zu unterscheiden

Ein weiteres grundlegendes Problem wird in der 18. Auflage des  Stimmungsmessers deutlich: Nicht nur dass 61 Prozent der Befragten Angst vor Fake-News haben, jeder Zweite ist gar nicht in der Lage sie zu erkennen. Bei Facebook, Twitter und Co., sagen die Befragten, sehen alle Nachrichten gleich aus. Eine Unterscheidung zwischen Falschmeldung und Qualitätsjournalismus falle da schwer. Für Marell haben diese Zahlen wichtige Implikationen. “Es muss mehr in die Bildung investiert werden”, sagt sie. “Kinder und Jugendliche müssen eine mediale Erziehung erhalten. Das gehört zum Auftrag der Kultusministerien.” Welche Medien und Organe sind seriös? Welche verbreiten Fake-News? All diese Fragen müssten dabei im Vordergrund stehen. “Und vielleicht ist es manchmal besser, mal etwas zu Hause im Brockhaus nachzuschlagen, als immer bei Google zu suchen.”

Angesichts solcher Probleme sind für Marell die jüngst angekündigten Schritte von Facebook nur ein Anfang. “Auf jeden Fall würde ich ein Fragezeichen dahin setzen, ob es ausreichend ist, dass die Nutzer angeben sollen, welche Nachrichtenquellen sie kennen und falls ja, ob sie ihr vertrauen”, sagt sie. “Die Regulierung nur der Gesellschaft zu überlassen, reicht jedenfalls nicht aus. So etwas muss auch von außen reguliert werden.” Deshalb sei es wichtig, dass die Europäische Union und die deutsche Regierung diese Debatte zur Bekämpfung von Falschmeldungen und Hasskommentaren begonnen haben, betont Marell.

Die Erhebung wurde online in 28 Ländern durchgeführt und dauerte rund 30 Minuten. Bei der aktuellen Umfrage haben 33.000 Teilnehmer in einem dreiwöchigen Zeitraum zwischen Ende Oktober und Mitte November 2017 teilgenommen. Darunter fallen 6.200 Befragte aus der „informierten Öffentlichkeit“.

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