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"Es ist nicht meine Aufgabe, politische Seelen zu streicheln": Marietta Slomka über Talks mit Dobrindt, Lindner & Co.

Mariette Slomka im "heute journal"-Gespräch mit Alexander Dobrindt, Christian Lindner oder auch Sigmar Gabriel

Im Medienjournalismus gibt es einen neuen Begriff: „geslomkat“. Davon ist immer dann die Rede, wenn Marietta Slomka im „heute journal“ mal wieder auf die ihr eigene Art einen Politiker hart, bohrend und zugleich lächelnd befragt. Im MEEDIA-Interview erklärt die Moderatorin, warum ihr Formulierungen wie „Grillen“ oder „Festnageln“ nicht gefallen, wie sich vorbereitet und warum sie weder bei Facebook noch bei Twitter aktiv ist.

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Seit gut 17 Jahren präsentieren Sie das “heute journal” im ZDF. Trügt der Eindruck, dass man Sie jedoch zugleich immer häufiger vor allem mit besonderen Politiker-Interviews verbindet?
Mariette Slomka:
Auch vor 10 oder 15 Jahren haben schon manche Gespräche Resonanz erzeugt – aber noch kein Social-Media-Echo, das wie ein Verstärker wirkt. Insofern: Nein, ich führe politische Interviews heute nicht anders als früher.
Was verbinden Sie mit dem Begriff “geslomkat”?
Nach dem Jamaika-Aus tauchte im Netz der Begriff “gelindnert” auf: wenn jemand unvermittelt Verhandlungen abbricht. Als ich direkt danach ein Interview mit dem FDP-Vorsitzenden führte, das einige Aufmerksamkeit weckte, entstand “geslomkat”. Das soll wohl heißen: jemanden kritisch befragen. Wenn es so gemeint ist, soll es mir recht sein.
https://www.youtube.com/watch?v=H3FMKqeZjUI
Passt ihnen das überhaupt, dass man mit Ihnen diese hart-nachfragende Art von Interviews verbindet?
Ja, warum auch nicht? Politische Interviews sind doch kein weicher Smalltalk, bei dem man harmlose Nettigkeiten austauscht. Dafür wäre unsere knappe Sendezeit zu schade. Unsere Gesprächsgäste wissen das auch und lassen sich doch immer wieder gerne darauf ein. Mich erstaunt, ehrlich gesagt, wenn eine möglichst präzise und dadurch manchmal auch scharf wirkende Interviewführung so viel Aufmerksamkeit weckt. In Großbritannien, das für die Medienfreiheit in der Bundesrepublik ja Vorbild und Lehrmeister war, gehen Interviewer noch wesentlich härter zur Sache und werden gerade dafür geschätzt.
Trotzdem ärgern Sie mit Ihren Interviews offenbar einige Zuschauer, die sich gar über Ihre frechen oder wenig-nachrichtlichen Fragen aufregen.
Die Forderung, Journalisten sollten doch bitte „nicht so frech“ oder „nachrichtlicher“ sein, kommt häufig von Parteigängern, die die eigene Meinung oder die ihrer Meinungsführer nicht hinterfragt sehen wollen. Dabei wird dann gern übersehen, dass Fragen keine persönlichen Meinungsäußerungen des Interviewers sind und der Diskurs mit der Gegenseite nicht weniger kritisch geführt wird. Wir sorgen da ja insgesamt für Ausgleich. Abgesehen davon sind wir keine klassische Nachrichtensendung. Sondern seit Anbeginn, seit 40 Jahren ein Magazin, noch zudem am späten Abend, wenn viele Nachrichten und Äußerungen schon bekannt, gesendet oder getwittert sind. Schon deshalb kann es bei uns kein reines Abfragen von Statements geben. In unseren Interviews geht es meist darum, den nächsten Schritt zu gehen, nämlich Aussagen – egal welche – zu hinterfragen und damit ein Thema weiter zu drehen.

„Solange die Beschwerden von der linken und rechten Seite gleichermaßen kommen, gibt es keinen Anlass zur Sorge“

Zum Beispiel?
Wenn Christian Lindner in der Nacht die Sondierungsgespräche abbricht, dann geht es in einer frühen Sendung am Morgen danach zunächst mal darum, diesen Abbruch ausführlicher begründet zu bekommen. Diese Begründungen sind bis zum “heute journal” am späten Abend aber schon weithin gelaufen, inklusive Pressekonferenzen mit Herrn Lindner. In unserer Sendung muss es dann eher darum gehen, seine Begründung zu diskutieren – am besten und fairsten mit ihm selbst.
Wie reagieren die Politiker auf den Ansatz, immer deren Begründungen zu hinterfragen?
Das sind doch Profis, die in einer streitbaren Demokratie wissen: ich konfrontiere sie nicht mit meiner Meinung, sondern hinterfrage ihre. Aber, ja, es gab wohl auch schon Beschwerden. Ein früherer Intendant sagte mir mal vor vielen Jahren: „Solange die Beschwerden von der linken und rechten Seite gleichermaßen kommen, gibt es keinen Anlass zur Sorge.“
Und was müssen Sie sich von den Politikern persönlich anhören?
Bei mir direkt und persönlich hat sich noch keiner beklagt. Ich habe von politischen Schwergewichten, die selbst gut austeilen können, auch schon mal gehört, dass sie sogar ganz gerne mit mir Interviews führen. Dass ihnen das durchaus Spaß macht: „Mit Ihnen langweilt man sich jedenfalls nicht.“ Die nehmen das dann sportlich.
Tun das nicht alle?
Da gibt es schon Unterschiede. Heute gibt es in einer neuen Partei Funktionäre, die permanent öffentlich gegen „die Medien“ oder „die Lügenpresse“ zu Felde ziehen, bis hin zu persönlichen Drohungen. Das gab es von Parlamentariern früher in der Form nicht. Aber natürlich gab und gibt es auch bei den anderen Parteien immer wieder mal Verärgerung. Dass sich ein Spitzenpolitiker aber ganz offiziell bei meinen Vorgesetzten über mich beschwert, habe ich selbst bisher nur einmal direkt mitbekommen – als sich CSU-Chef Horst Seehofer, der zugleich im Verwaltungsrat des ZDF saß, beim Intendanten über ein Interview beschwerte, das ich mit SPD-Chef Sigmar Gabriel geführt hatte. Da bekam die Große Koalition eine zusätzliche Note… Schon komisch, wenn man zugleich von anderen als „Regierungsfunk“ beschimpft wird.
https://www.youtube.com/watch?v=Ow-36rH-nY8
Wenn es hart auf hart kommt, halten die Politiker dann wohl doch auch zusammen.
Was heißt denn hart auf hart? Wir machen unseren Job und die ihren. Aber es gibt doch wahrlich keinen Grund, einen rhetorisch kraftvollen Spitzenpolitiker vor einer einzelnen Journalistin in Schutz zu nehmen, die Fragen stellt, auf die direkt reagiert werden kann.
Nehmen Sie sich selbst denn als harte Nachfragerin wahr?
Im Gespräch achte ich nur darauf: wo sind Widersprüche, wo sind Knackpunkte, und ich hake nach, wenn ausgewichen wird. Das ist mein Job. Es ist nicht meine Aufgabe, politische Seelen zu streicheln.
Sie empfinden keine diebische Freude, wenn Sie das Gegenüber – meistens einen Politiker – mit immer neuen Nachfragen piesacken?
Das klingt so, als ob ich immer in eine große Schlacht ziehen würde. Spektakel ist aber nicht mein Interview-Ziel. Es gibt auch politische Interviews mit ganz leisen Tönen. Etwa ein Gespräch mit dem inzwischen verstorbenen CDU-Politiker Peter Hintze über Sterbehilfe, das mir persönlich auch nahe ging. Solche leisen Momente sorgen aber nicht für hohen medialen Wellengang. Konfrontation ergibt sich oft aus einem speziellen Kontext heraus. Wenn es in der Politik hochhergeht, etwa bei Machtkämpfen oder folgenschweren Entscheidungen, liegt auch in Interviews hohe Brisanz.

„Nageln“ oder „Grillen“ sind falsche Begriffe

Vor einem Interview nehmen Sie sich also nicht extra vor: Den nagel‘ ich jetzt bei diesem Detail fest?
Natürlich nehme ich mir vor, an bestimmten Stellen besonders kritisch nachzufragen. „Nageln“ oder „Grillen“ sind aber Begriffe, die ein falsches Bild projezieren. Beim Grillen legt man wehrloses Fleisch ins Feuer. Wir hingegen haben es mit höchst vitalen Politikern zu tun, die durchsetzungsstark sind, eine medial organisierte politische Anhängerschaft haben und zudem fachlich von einem großen Mitarbeiterstab umgeben sind. Dagegen bereite ich mich vergleichsweise einsam vor, lese mich beispielsweise in Details einer Steuerreform ein, über die ich dann abends mit dem Bundesfinanzminister auf Augenhöhe reden soll – neben den fünf anderen Themen, die wir in der Sendung haben. Die Ausgangslage ist insofern asymmetrisch.
Wie viel Vorbereitung brauchen Sie für Ihre Interviews?
Eine gute inhaltliche Vorbereitung ist wichtig. Wenn möglich verwende ich dafür schon einige Stunden am Nachmittag. Mehr Zeit bleibt mir im tagesaktuellen Betrieb nicht. Allerdings wird ein Interview erst dann dynamisch, wenn man sich nicht an die eigenen vorgefertigten Fragen klammert. Ich mache mir Stichpunkte, überlege mir eine Eingangsfrage, aber ansonsten lasse ich es laufen und reagiere spontan. Nie habe ich Fragen auf dem Teleprompter. Da sehe ich nur meine Gesprächspartner; das eingehende Videobild wird mir auf die Kamera gelegt. So schaue ich ihm oder ihr immer direkt ins Gesicht, fast so, als würde man einander gegenüberstehen.
Kann Ihr Interview-Partner Sie auch sehen?
Technisch ist das leider bislang nur möglich, wenn der Gesprächspartner aus dem ZDF-Studio in Berlin zugeschaltet ist. Ich wünschte, das wäre überall so, zumal es hilfreich ist, wenn man einem Gegenüber mit der Mimik Signale setzen kann, etwa: „Ihre Antwort ist jetzt schon sehr lang, nun wäre auch mal wieder Zeit für eine Frage…“

„Selbstverständlich stehe ich nur selten kurz davor loszuprusten“

Tatsächlich hat man sehr häufig den Eindruck, als ob der andere Sie sehen würde. Denn manchmal sieht es so aus, als ob Sie ihrem gegenüber gleich auslachen müssen und es nur Ihrer unglaublichen Körperbeherrschung zu verdanken ist, dass Sie nicht losprusten müssen. Trügt der Eindruck?
Dieser Eindruck trügt sehr. Selbstverständlich stehe ich nur selten kurz davor loszuprusten. Unsere Themen geben das in der Regel auch nicht her. Natürlich darf in einem Interview auch Ironie sein, generell ist Humor im politischen Raum nicht verboten. Aber nie würde ich mich über Politiker plump lustig machen. Diese Stammtischhaltung, dass „die da oben“ alle nur Dödel seien, teile ich überhaupt nicht. Das verkennt die Komplexität und Härte, die mit Spitzenjobs in der Politik einhergehen – in jeder Partei.
Ich erinnere mich jedoch an ein Gabriel-Interview von Ihnen, da wirkte der damalige SPD-Chef schon sehr gereizt.
Herr Gabriel wirkte auch schon bei anderen Interviewern gereizt. Na und? Mit Temperament habe ich kein Problem. Sigmar Gabriel gehört zu denen, die Konfrontationen nicht aus dem Weg gehen. Das Interview damals fand im übrigen in einer Situation statt, die für ihn politisch schwierig war. Da war Druck im Kessel – so auch im Gespräch.
Was muss passieren, damit Sie sagen: Das war ein gutes Interview?
Wenn ich zum Kern eines Themas vorstoße und da dann auch bleibe. In dem Interview kürzlich mit Alexander Dobrindt beispielsweise wollte ich an Kern-Begriffe des von ihm in der Zeitung Die Welt veröffentlichten Grundsatz-Textes. Anstatt ihn zu den verschiedenen Forderungen der CSU für die Sondierungsgespräche zu befragen, denn das hätte dem Gespräch die Konzentration auf ein Thema genommen. Manchmal hätte ich dafür gerne noch mehr Zeit. Fünf Minuten sind schon sehr schnell rum.
https://www.youtube.com/watch?v=uAIG5cnXTW8
Dobrindt ist ja ein wunderbares Beispiel für die erstaunlichen Reaktionen, die Ihre Interviews mittlerweile hervorrufen. So war unter anderem die Rede davon, dass sie ihn wahlweise gegrillt, provoziert, auflaufenlassen oder entzaubert haben. Aber war es nicht eher das Besondere, dass Dobrindt vor allem so gar nichts Substanzielles zu seinen eigenen Thesen sagen konnte?
Das ist eine Sicht. Aber genauso gibt es Dobrindt-Anhänger oder CSU-Anhänger oder auch Zuschauer rechts von der CSU, die das ganz anders wahrgenommen haben. Die Frage, wie Zuschauer ein Interview beurteilen, hängt, wie gesagt, stark von ihrem jeweiligen Meinungsbild ab.
Allerdings ist es sicherlich auch so, dass sich im Social-Web vor allem die Leute zu Wort melden, die sich beschweren wollen. All jene, denen ein Interview gefallen hat, posten ihre Begeisterung ja nicht so häufig?
Ja, heftige Ablehnung ist ein besonders starkes Motiv, sich zu äußern. Schon deshalb sollten Journalisten sich davor hüten, den Resonanzboden Social-Media überzubewerten. Das gilt aber nicht nur für heftige Kritik oder gar Hass. Genauso wenig ist es Aufgabe von Journalisten, Fans um sich zu scharen und sich umschmeicheln zu lassen. Der Jubel von gestern kann auch schnell die Empörung von morgen sein.

„Bin mir nicht sicher, ob sich jeder Politiker oder Journalist einen Gefallen tut, unter einem persönlichen Twitter-Account mal schnell einen rauszuhauen“

Andererseits sind die heftigen Reaktionen ja auch eine schöne Bestätigung Ihrer Arbeit.
So darf ich aber nicht denken. Mit Interviews will ich doch nicht die Anhänger einzelner Parteien ärgern. Ich finde es eher bedrückend, zu sehen, in welcher Tonlage Menschen in den sozialen Medien unterwegs sind. Und ich versuche, dazu Distanz zu halten.
Stellen Sie das nur in den sozialen Medien oder auch offline fest?
Offline stelle ich das bisher gar nicht fest.
Springen die Politiker zu schnell und zu stark auf den hyperventilierenden Ton aus den sozialen Netzwerken an?
Denn Eindruck kann man manchmal haben. Dass da gelegentlich auch Tonlagen verrutschen, weil der Klang insgesamt so schrill ist. Deswegen bin ich mir auch nicht sicher, ob sich jeder Politiker oder Journalist einen Gefallen tut, unter einem persönlichen Twitter-Account mal schnell einen rauszuhauen.
Twittern Sie?
Nein.
Keine Lust?
Nein. Unter anderem aus diesem Grund. Ich bin bei Twitter unterwegs, weil das zu meinem Beruf gehört, aber nicht erkennbar unter meinem Namen.
Also…
Bevor Sie fragen: Ich tweete aber auch nichts mit einem anonymen Account. Ich folge nur passiv einer Reihe von Leuten weltweit, die mich interessieren.
Gilt das auch für Facebook?
Ja. Ich möchte kein persönliches, prominentes Forum für all jene bieten, die das dann wie eine Klotür nutzen für Hatespeech oder Propaganda.
Perlt die Kritik in den sozialen Medien von Ihnen ab oder nagt so ein kleiner Shitstorm dann doch schon mal an einem?
Zivil formulierte Kritik perlt nicht ab! Aber wenn Leute nur pauschal “Lügenpresse” schreien oder ordinär werden, dann muss man innerlich Distanz wahren. Dass ich manches gar nicht erst lese, zumindest nicht täglich, ist für meine Arbeit eher hilfreich, glaube ich. Ich versuche, mich auf die jeweiligen Inhalte zu konzentrieren und dem Lärm drumherum nicht so viel Raum zu geben.

„Donald Trump zu interviewen ist möglicherweise keine Freude“

Wen interviewen Sie lieber: Politiker oder Wissenschaftler?
Dann doch lieber Politiker. Und am liebsten solche, die sich auf Dialog und Diskurs einlassen und nicht versuchen, in ellenlangen Antworten auszuweichen.
Wen würden sie unbedingt gerne noch einmal interviewen. Außer Donald Trump?
Donald Trump zu interviewen ist möglicherweise keine Freude. Dialog geht generell schwer mit Gesprächspartnern, die Diskurs als Angriff empfinden. Interviews sind keine One-Way-Veranstaltungen. Es braucht auch die Bereitschaft Ihres Gegenübers, sich auf Fragen und Gegenargumente überhaupt einzulassen.
Gibt es diese Probleme auch mit der AfD? Ich erinnere mich an ein Interview mit Alice Weidel während des Wahlkampfes, bei dem die Politikerin empört aus dem Studio stürmte…
Das lag im konkreten Fall aber nicht an mir. Zudem war das in einer Talkshow. Das ist ein gänzlich anderes Format als ein Gespräch zwischen zwei Personen.
https://www.youtube.com/watch?v=QdANoH6Noco
Wen würden Sie also denn gerne mal interviewen?
Spaß hätte ich daran, häufiger auch wichtige ausländische Regierungschefs zu interviewen. Uns bewegen ja nicht nur deutsche Themen. Gelegentlich haben wir das ja auch im „heute journal“, aber das Format ist dafür nicht optimal geeignet. Wenn Dolmetscher dabei sind, brauchen Sie mehr Zeit, und Schaltgespräche über Satellit sind dann auch schwieriger. Aber klar: Mit einem Emmanuel Macron oder einer Theresa May würde ich schon gerne mal ein Interview führen…

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