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DSDS-Kandidat Diego sorgt für Diskussionen: “Ein psychisch kranker Mensch wird richtiggehend ausgestellt”

Der 25-jährige Diego hat beim DSDS-Casting teilgenommen und es in die nächste Runde geschafft. Sein Fall sorgt für Diskussionen
Der 25-jährige Diego hat beim DSDS-Casting teilgenommen und es in die nächste Runde geschafft. Sein Fall sorgt für Diskussionen

Der Auftritt des Kandidaten Diego in der neuen Staffel von „Deutschland sucht den Superstar" (DSDS) wirkte bizarr. Er sei der Sohn von US-Rapper Tupac Shakur, von der Mafia entführt und nach Deutschland verschleppt worden. „Wir brauchen so verrückte Typen", sagte Jury-Mitglied Dieter Bohlen nach dem Auftritt. Was der Zuschauer nicht im TV erfuhr: Diego ist in psychiatrischer Behandlung. Aus medienethischer Sicht ein kritischer Fall.

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„Erzählst du uns ein bisschen was von deiner Familie?”, fragt DSDS-Juror Dieter Bohlen gleich zu Beginn. „Ich muss es ganz ehrlich sagen, ich wurde gekidnappt”, antwortet der 25-jährige Diego, Kandidat der RTL-Casting-Show. Auf Nachfrage von Bohlen fügt der Kandidat hinzu, dass er von der Mafia aus den USA nach Deutschland verschleppt wurde und unbedingt zurück müsse. Denn: Er sei der Sohn des verstorbenen US-Hiphoppers Tupac Shakur. Die Jury-Mitglieder sind verwundert bis amüsiert – und die Verwunderung steigert sich während Diegos Performance weiter. Er hüpft durch das Studio, springt auf den Juroren-Tisch und verlässt diesen artistisch mit einem Rückwärtssalto. Die Jury spricht nach dem Auftritt gar von „New Level Shit“.

Selbst für den Maßstab einer Unterhaltungssendung wie „DSDS” wirkten Diegos Benehmen und seine Äußerungen seltsam wirr. Die Wirkung wurde durch Einblendungen, die das zuvor Gesagte im Stil von Bild-Zeitungs-Schlagzeilen zeigten, weiter verstärkt. Bohlen sagte im Anschluss des Auftritts:„Es muss ja nicht immer alles Mainstream sein. So ein Typ, der ein bisschen verrückt ist. Das probieren wir mal.” Diego schaffte es in die nächste Runde. Was der Zuschauer jedoch nicht bei RTL erfuhr und was die Bild-Zeitung am Montag groß auf Seite 1 brachte: Diego ist seit zwei Jahren in psychiatrischer Behandlung – wegen einer Psychose.

Die Graf Recke Stiftung hat dazu am Wochenende ein Statement veröffentlicht und erklärt:„Diego wird in einem unserer stationären Häuser für Menschen mit psychischen Einschränkungen betreut.” Diegos größter Wunsch sei es, Musiker zu werden und bei DSDS anzutreten. In dem Statement heißt es dazu weiter:„Wir nehmen dieses Anliegen sehr ernst und begleiten ihn nach sorgfältiger Klärung aller damit verbundenen Fragen bei der Teilnahme.” Auf Nachfrage von MEEDIA teilt Anke Eickmeyer, Sprecherin von RTL, mit:„Die Teilnahme von Diego geschah in enger Abstimmung mit der Graf Recke Stiftung.” Die Befürwortung seiner Teilnahme basiere auf der Grundlage der Stiftung, dass jeder Mensch das Recht habe, selbstbestimmt zu leben und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, auch an einer Castingsendung.

Aus medienethischer Sicht ist der Fall „Diego” allerdings grenzwertig. Hätte RTL den medienunerfahrenen Kandidaten nicht vor sich selbst schützen müssen, bevor dieser einer so großen Öffentlichkeit präsentiert wird? MEEDIA hat mit Professor Marlis Prinzing, Medienethikerin an der Hochschule Macromedia in Köln gesprochen. Sie sagt:„Ich halte das alles für ethisch völlig unzumutbar.” Mit Selbstbestimmtheit von psychisch Beeinträchtigten, wie RTL argumentiert, habe das nichts zu tun.  „Das ist wie einst in der mittelalterlichen Schaustellerei, wo mit Menschen, die körperlich, geistig oder psychisch beeinträchtigt oder anders als andere waren, als Objekten allgemeiner Belustigung Geld verdient wurde.”

Nun ist es eine Sache, dass sich RTL und die Graf Recke Stiftung dazu entschieden haben, Diego beim Casting teilnehmen zu lassen. Das haben beide Seiten in Absprache miteinander, wie sie betonen, sorgfältig abgewägt. Eine andere ist es jedoch, wie der rund fünfminütige Abschnitt mit dem 25-Jährigen zusammengeschnitten ist und welcher Eindruck dadurch erweckt wird. Viele werden sich ob des bizarren Verhaltens gewundert haben. Von einer psychischen Erkrankung erfährt der Zuschauer allerdings weder etwas in der Bauchbinde noch durch den Sprecher. Warum also hat RTL seinem Publikum Informationen vorenthalten, die bei der Einordnung der Person Diego und seines Auftritts geholfen hätten? RTL-Sprecherin Eickmeyer sagt dazu:„Die Entscheidung, seinen Hintergrund nicht von Beginn an öffentlich zu machen, geschah ebenfalls in Absprache mit der Graf Recke Stiftung.” Dies entspreche dem Wunsch der Stiftung und diene zusätzlich dem Schutz der Persönlichkeitsrechte von Diego.

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RTL legitimiert die Entscheidung, Diego am Casting teilnehmen zu lassen folgendermaßen:„Er hat die Jury von sich überzeugt und für seine Leistung drei Ja Stimmen erhalten.” Ob die positive Rückmeldung tatsächlich an seiner guten Leistung gelegen hat oder am Skurrilitäts-Faktor, mag jeder für sich entscheiden. Das typische Erzählmuster der kommenden DSDS-Episoden könnte im Fall „Diego” wie folgt aussehen: Ein außergewöhnlicher Kandidat mit diskussionswürdigem Talent – aber interessanter Geschichte – wird durch einige Runden gewinkt. Stück für Stück entfaltet sich dem Zuschauer das persönliche Schicksal. Bei Diego wären das seine Vergangenheit in den USA und vor allem die aktuelle Situation in der psychiatrischen Einrichtung. Irgendwann scheidet der Kandidat dann aus.

Dass jemand wie Diego die Folgen eines solchen öffentlichen Forums angemessen einschätzen kann, ist fraglich. Journalismus-Forscherin Prinzing sagt dazu:„Die Verantwortung von RTL umfasst, Menschen vor sich selbst zu schützen, die zur souveränen Entscheidung über ihr eigenes Handeln nicht wirklich in der Lage sind.” Dennoch liegt die Entscheidung, ob jemandem eine öffentliche Bühne gegeben wird, schlussendlich bei den Medien. Prinzing schränkt aber ein: „Auch wenn der Betroffene (wie es die Pressekodex-Richtlinie 8.6 empfiehlt) einverstanden ist und zudem die den Betreffenden betreuende Einrichtung hier einwilligt, sind Medien nicht aus der Verantwortung entlassen.”

Für Prinzing handelt es sich bei dieser Art der Unterhaltung um Voyeurismus. „Schon jetzt wird unübersehbar die Schaulust des Publikums bedient: ein psychisch kranker Mensch wird richtiggehend ausgestellt und zum Klatschobjekt, er wird benutzt, um medial breit durch diesen offenbar vorsätzlich erzeugten ‘Skandal’ auf die Sendung aufmerksam zu machen”, erklärt sie. Über den Einzelfall „Diego”hinaus kränke und stigmatisiere solch ein Voyeurismus psychisch kranke Menschen im Allgemeinen.

Der Fall „Diego” werde damit auf einer weiteren Ebene zur Publikumsethik, so Prinzing. Sie fordert:„Möglichst viele Menschen sollten RTL ein Stoppschild zeigen und klar machen, dass sie das nicht unterhaltsam finden.”

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