Partner von:
Anzeige

Ansehnliches Steak-Buffet (noch) ohne Nachspeise: So gut ist das Schweizer Digitalmagazin Republik

Rotierender Chefredaktor der Republik: Constantin Seibt
Rotierender Chefredaktor der Republik: Constantin Seibt

Vorhang auf für die Republik: Das weltweit am besten finanzierte Journalismus-Crowdfunding-Projekt aus der Schweiz hat das Licht der Welt erblickt. Und es ist ein ganz schöner Brocken geworden, was Umfang und Niveau der Texte betrifft. Die Premiere ist gelungen, die fehlende Leichtigkeit darf noch hinzukommen.

Anzeige
Anzeige

Der vielleicht am meisten beachtete und geteilte Text aus dem ersten Schwung an Republik-Artikeln war das Stück „Zuckerbergs Monster“ von Adrienne Fichter. Die Autorin gibt einen Überblick über den Aufstieg und aktuellen Zustand des Social-Network-Riesen Facebook mit all seinen Problemen, Hoffnungen und Unzulänglichkeiten. Am Ende kommt sie zu einem fatalistischen Fazit. All die Versuche von Gründer Marc Zuckerberg, Facebook wieder „gut“ zu machen, all die Mitarbeiter in Lösch-Zentren, all das Herumschrauben am Algorithmus, die ganze künstliche Intelligenz – das alles sei wertlos:

Es wird nichts nützen. Egal, wie oft man die Hydra der politischen Manipulation köpft – der Schlange werden stets mehr Köpfe nachwachsen. Egal, wie viele Filter die Facebook-Programmierer einbauen werden – täglich fliessen die Datenströme von fünf Millionen Anzeigenkunden durch den Apparat. Diese Datenflut ist schlicht zu gross. Facebook könnte Zehntausende weitere Begutachter einstellen, die Anzeigen prüfen. Und wird doch stets hinterherhinken.

„Zuckerbergs Monster“ könne man nur beikommen, indem man es abschalte, also töte, um im Bild der Monster-Überschrift zu bleiben. Darüber kann man streiten. Unbestreitbar ist, dass der Text gut ist; wie eigentlich alle bislang vom Autor dieser Rezension gelesenen und angelesenen Republik-Texte. Das sprachliche Niveau ist hoch, die Länge in den allermeisten Fällen herausfordernd. Nicht umsonst wünschen sich viele Leser in den ersten Leser-Kommentaren Audio-Versionen der besonders langen Stücke.

Neben dem Facebook-Text gibt es u.a. einen tollen Beitrag von Andreas Reinke über die Verhandlungskünste der deutschen Kanzlerin Angela Merkel. Es findet sich ein Interview mit der Framing-Expertin Elisabeth Wehling. Nicht mehr ganz taufrisch das Thema, aber immer wieder interessant. Und einiges mehr.

Nicht vergessen darf man, dass Republik ein Schweizer Produkt ist und so stößt man hier und da naturgemäß auch auf Schweizer Themen und Eigenheiten. Etwa wenn in der Kolumne von Daniel Binswanger von „de Foifer und s Weggli“ die Rede ist und es in dem Text von Carlos Hanimann über die möglichen Verstrickungen einer Schweizer Bank bei einem Prozess über die Finanzierung einer Guerillaorganisation auf Sri Lanka geht. Das ist für deutsche Leser schon eher, sagen wir mal, speziell. Ganz und gar  unverständlich für hiesige Ohren ist das auf Schweizerdeutsch gesprochene Video „Appenzell, Schweiz“ aus der offenbar als Reihe angelegten Rubrik „Unterwegs mit Nahr“. Naja, man muss ja nicht alles kapieren.

Die gute Nachricht für Deutschländer ist, dass die Republik aber auch ganz ohne Einblicke in die Besonderheiten und Idiome des kleinen, feinen Nachbarlandes genug Lesestoff bietet. So legte Constantin Seibt, neben Christof Moser einer der beiden Erst-Chefredaktoren (die Chefs rotieren bei der Republik quartalsweise), mit „Demokratie unter Irrationalen“ an Tag zwei gleich ein mächtig langes Essay über langsames und schnelles Denken vor. Gespickt mit vielen Bezügen zur Verhaltenspsychologie, Politik, Wahlkämpfen und einer Volte, warum das alles dafür spricht, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in der Schweiz (SRG) zu erhalten. Dazu muss man wissen, dass es in der Schweiz eine No-Billag-Initiative gibt, die die Schweizer Rundfunkgebühren (Billag) in Höhe von 451 Franken pro Jahr abschaffen will und damit die Existenz des öffentlichen Schweizer Rundfunks in Frage stellt.

Der Seibt-Text ist natürlich ganz vorzüglich geschrieben, voller Elan und Stil und trotz des nur scheinbar sperrigen Themas hervorragend in einem Rutsch wegzulesen.

Anzeige

Nunmehr gibt es neben dem doch recht teuren Jahresabo (240 Franken) auch die Möglichkeit, ein jederzeit kündbares Monatsabo (22 Franken) abzuschließen. Auf Wunsch bekommt man zudem eine Auswahl an Texten als Leseprobe gratis zugeschickt. Ansonsten setzt die Republik auf eine harte Paywall. Wer als Abonnent einen Text teilt, macht diesen dann aber öffentlich verfügbar.

Neben den Texten hat die Republik auch Debatten-Module gestartet. Die Redaktion trennt die Diskussion damit ein bisschen von den eigentlichen Artikeln ab, so dass die Debatte, zum Beispiel zum Facebook-Text oder zu Seibts Denk-Essay, auch alleine stehen können. Die Autoren sind zudem verpflichtet, zumindest während der ersten 48 Stunden in den Debatten zu ihren Texten Präsenz zu zeigen. Eine sehr gute Idee. Die Debattenkultur ist einem ersten Eindruck nach zu urteilen überaus engagiert und konstruktiv. Gleichzeitig kann die Republik auch Debatten anstoßen, die ganz ohne Bezug zu einem Artikel auskommen. So dreht sich eine aktuelle Debatte naturgemäß darum, wie die Leser den Auftritt der Republik finden (In a nutshell: Texte toll aber sehr lang. Präsentation dezent aber sehr gut. Funktionen OK aber ausbaufähig).

Rein optisch präsentiert sich die Schweizer Republik zurückgenommen und klar strukturiert ohne optische Experimente und gottlob ohne Digital-Storytelling-Firlefanz, wo es zischt, tutet und wackelt. Man kann zwischen zwei Ansichten wählen: einer Magazin-Ansicht, die eine redaktionell gewichtete Reihenfolge der Inhalte mit Optiken präsentiert, und einer Feed-Ansicht, die im Stil eines RSS-Readers die Inhalte chronologisch nur mit Headlines sortiert. Auch das eine feine Idee. Apps für iOS und Android sollen folgen.

Insgesamt lässt sich also wenig meckern über diesen Start. Man sieht dem Webmagazin Republik an, dass da viele gute Leute mit Herzblut arbeiten. Der Anspruch, besonders anspruchsvoll zu sein, wird eingelöst. Auch dass die Themen und Texte nicht von Aktualität getrieben sind, ist im Sinne der Erfinder.

Eine kleine Sache gibt es dann aber doch zu meckern, sonst wäre das hier ja auch kein richtiger Mediendienst (Zwinkersmiley): Constantin Seibt hatte vor dem Start eine Mischung aus kurzen, knackigen und langen tiefgründigen Inhalten versprochen. Im Gespräch mit MEEDIA sagte er: „Im Grunde genommen ist das Publikum sehr vernünftig: Es will das Dessert und das Steak. Das Gemüse dazwischen lässt es weg.“

Nun hat die Redaktion zum Start ein ansehnliches Steak-Buffet aufgebaut, das Dessert aber neben dem Gemüse leider auch weggelassen. Das ist vielleicht verständlich, am Anfang will man ja erst einmal zeigen, was man alles so drauf hat. Wenn zu den inhaltlichen Schwergewichten künftig auch noch der eine oder andere Lacher hinzukommt, dann kann aus der Republik ein außerordentlich gut verdauliches Medien-Menü werden.

Korrekturhinweis: In einer früheren Fassung wurde der Jahresbeitrag der Schweizer Rundfunkgebühr mit 356 Franken angegeben. Korrekt sind 451 Franken. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Meedia

Meedia