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In dubio pro Recherche: Weshalb die Berichterstattung des Zeit Magazins im Fall Dieter Wedel richtig war

Die Zeit-Journalistinnen Annabel Wahba (li.) und Jana Simon recherchierten und schrieben die Titelgeschichte des Zeit Magazins über die Vorwürfe gegen Regisseur Dieter Wedel

MEEDIA-Redakteur Marvin Schade fand die Berichterstattung über Dieter Wedel nicht vorsichtig genug. Und zu undifferenziert. Dabei kann man das Stück im Zeit Magazin über mutmaßliche sexuelle Übergriffe freilich auch ganz anders beurteilen: als zurückhaltend, detailreich und differenziert. Die Autorinnen zeichnen präzise nach, welche Unsitten am Set auch der deutschen Filmindustrie herrschen. Sie räumen dabei mit einem großen Versäumnis des deutschen Journalismus auf: dass Opfern meist weniger Empathie und Gehör geschenkt wird als den Mächtigen und den Tätern.

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Ein Gastkommentar von Christian Füller
Die beiden Autorinnen Annabel Wahba und Jana Simon betreiben keine Vorverurteilung. Sie behaupten an keiner Stelle als Tatsachenfeststellung, dass Wedel die mutmaßliche Vergewaltigung tatsächlich begangen habe. Der berühmte Regisseur kommt schon in der Einleitung mit dem Dementi zu Wort, er habe Frauen nicht physisch bedrängt oder gar versucht, „sie in irgendeiner Form zu sexuellen Handlung zu zwingen.“ Das ist wichtig, denn niemand könnte heute noch eindeutig feststellen, ob Wedel die insinuierten Taten tatsächlich begangen hat – außer es gäbe eine Aufnahme oder ein Geständnis. Die Unentschiedenheit liegt also in der Natur der Sache. Anders als fragil ist diese Story nicht zu erzählen.
Die Autorinnen stellen die Schilderungen der Frauen und die Wedels gegeneinander. Das ist handwerklich einwandfrei. Dennoch gelingt es ihnen, die These des machtvollen Übergriffs zu untermauern. Sie tragen eine Vielzahl starker Aussagen und Indizien zusammen, die die Sichtweise der Betroffenen plausibel machen. Gehörte Personen, die den Opfern – respektvoller ist es, sie Betroffene oder Überlebende zu nennen – als erstes begegnet sind oder mit ihnen damals zu tun hatten, bestätigen die Schilderungen der Betroffenen. Eine Psychotherapeutin etwa erinnert sich – von der Schweigepflicht befreit –, dass ihr von der mutmaßlichen Vergewaltigung berichtet wurde. Desgleichen ein altes unveröffentlichtes Buchmanuskript. Auch im zweiten geschilderten Fall tauchen keine Ungereimtheiten auf, verschiedene Zeugen bestätigen, dass ihnen der unterstellte Übergriff geschildert worden sei. Ein – inzwischen getrennter – Partner hat noch die zerrissene Bluse vor Augen, mit der die Schauspielerin vom Besuch bei dem Regisseur zurückkehrte.
Nun ist auch das noch keine smoking gun. Es bleibt weiter offen, was wirklich geschehen ist. Die Autorinnen machen das deutlich: „Wenn sich das alles so zugetragen hat“ – so lautet ihre offene Formulierung. Es wird nicht geurteilt, sondern es werden Puzzlesteine bereit gelegt – und es fehlen auch welche. Jeder Lesende kann sich hier ein eigenes Bild machen, nein, er/sie muss sich die Mühe machen, das Puzzle aus Abhängigkeit, Verführung, Macht, sexueller Offerte (die übrigens unbestritten ist, lediglich die Art ihrer Durchsetzung bleibt offen), Existenzangst und Indizien selbst zusammen zu basteln – oder es eben anders zu sehen. Der Text führt so meines Erachtens zu maximaler Differenzierung. Jede Leserin und jeder Leser – und das zeigen beinahe alle Reaktionen auf die Geschichte – macht sich ein je eigenes Bild.
Wahba und Simon haben auch nicht Sex, Macht-Missbrauch und das autoritäre Verhalten Wedels am Set unzulässig zu Lasten des Regisseurs verquirlt. Die Reporterinnen liefern kein simples #metoo-Remake, sie skizzieren vielmehr ein Big Picture, das große Drama nicht eindeutig zu klärender Vorwürfe. Dass das Film-Milieu mit seinen traumhaften Karrierechancen, aber brutalen Rekrutierungsbedingungen dafür ein ideales Umfeld bietet, wird nicht nur in den Schilderungen der Autorinnen deutlich. Meiner Ansicht nach helfen Wedels Äußerungen, dieses Bild kräftig zu kolorieren. Die Janusköpfigkeit von Sex und Macht wird deutlich. Wedel selbst berichtet, dass über ihn einst verbreitet worden sei, er habe nach einer Bademantel-Begegnung eine Kollegin nicht angeheuert, „weil sie nicht auf meine Avancen eingegangen sei.“ Das bedeutet, der Regisseur greift sogar in seiner eidesstattlichen Erklärung das Motiv auf, um das es im gesamten Text geht. Freilich markiert Wedel diese Schilderung als unzutreffend und „halb scherzhaft“. Der Regisseur als „Hexenmeister“ (Markus Schächter) der Selbst-Verspiegelung.
Dass Hotelzimmer-Begegnungen und Sex mit Schauspielerinnen stattgefunden haben, streitet der Regisseur nicht ab. „Wenn es dazu [zu sexuellen Handlungen] kam, geschah dies in meiner Wahrnehmung im gegenseitigen Einvernehmen.“ Auch hier hat jede Leserin und jeder Leser die Chance, sich einen eigenen Reim zu machen. Da kokettiert jemand damit, wie wichtig die Power des Hexenmeisters an Set und Filmszene ist, um das zu bekommen, was wie Sex aussieht, in meiner Wahrnehmung aber als Machtmissbrauch gewertet werden kann.
Es wird in diesen Tagen viel von in dubio pro reo gesprochen, im Zweifel für den Angeklagten. Ein wichtiger Rechtsgrundsatz. Freilich befindet sich niemand vor Gericht und niemand wird wohl je dorthin vorgeladen, weil die Fälle, wenn es denn welche sind, verjährt wären. Juristisch ist die Akte Wedel also geschlossen, ehe sie angelegt wurde. Das heißt aber nicht, dass für die Frauen, die angeben, Opfer von Machtmissbrauch und physischer Gewalt geworden zu sein, die letzte Klappe schon gefallen ist. Selbst wenn die geschilderten Vorfälle lange zurückliegen, so bestimmen sie doch ihre Biografie und ihr Selbstwertgefühl. Es gehört zu den Stärken des Textes von Annabel Wahba und Jana Simon, dass er keine Anklageschrift gegen einen der Mächtigen ist, sondern eher ein Psychogramm von zwei unsicher-hoffnungsvollen Frauen in einer brutalen Branche zeichnet. Sie hadern nicht nur mit dem mutmaßlichen Täter, sondern sind in große Selbstzweifel verstrickt. Sie quälen sich mit ihrem Anteil an dem, was sie beide als eine massive, zerstörerische, ohnmächtig machende Gewaltanwendung erinnern. Wahba und Simon lassen sie indes nicht als Opfer sprechen, sondern portraitieren Personen, die sich aus der Rolle des Objekts herausgekämpft haben. Beide sind, jede auf ihre Weise, wieder zu Subjekten ihres Lebens geworden. Es treten starke Frauen auf, und dass wir das als Leser überhaupt erkennen können (und nicht etwa wieder ein Manuskript in der Schublade landet), hat mit der Leistung der Autorinnen zu tun: sie schreiben keine Geschichte über das vermeintliche Schwein, sondern hören sehr genau jenen Frauen zu, die einen dramatischen Wendepunkt ihres Lebens schildern.
Seit 2010 und den Enthüllungen sexualisierter Gewalt gegen Kinder – sei es in katholischen Internaten, reformpädagogischen Schulen oder grünen Parteizusammenhängen – hat der Journalismus viel zur Aufklärung beigetragen. Aber auch dies ist keine pure Erfolgsstory. Was es seitdem relativ häufig zu lesen gibt, sind Geschichten, die von dem wohligen Schauer der Befassung mit den Mächtigen und Tätern geprägt sind. Es geht offenbar eine unheimliche Faszination von – weil die Vorfälle fast immer verjährt sind – mutmaßlichen Tätern aus.
Was es aber erstaunlich selten gibt, sind Portraits und Geschichten von so genannten Opfern. Nur wenige Kollegen hören den Betroffenen sexualisierter Gewalt zu. Weil das kompliziert ist – und anstrengend. Es dauert wahnsinnig lange, bis Überlebende in der Lage sind, die große Niederlage ihres Lebens überhaupt zuende zu erzählen. Und es sind nicht immer so starke Frauen wie die beiden, denen Wahba/Simon begegnen. Viele dieser Personen sind arm, es geht ihnen nicht gut, manche sind dissoziiert. Vielen geben sich selbst die Schuld – und manche gehen daran allmählich zugrunde. Sexualisierte Gewalt tötet manchmal sehr langsam. Diese Fälle zu rekonstruieren heißt überdies in einem Umfeld zu recherchieren, das sich oft über 20, 25 oder 30 Jahre hinweg in alle Himmelsrichtungen zerstreut hat. Es tauchen gebrochene Biografien, zerbrochene Beziehungen und schuldbeladene Erinnerungen auf. Solche Geschichten sind nicht hoch angesehen in Redaktionen. „Opfergeschichten sind keine guten Geschichten“, lautet eine der grausamen CvD-Weisheiten. Oder: „Ich will nicht von Hintergründen lesen, sondern von Höschen“.
Annabel Wahba und Jana Simon haben den Frauen trotzdem zugehört und deren Aussagen gründlichst geprüft. Solchen Investigationen gebührt ein neuer Grundsatz: in dubio pro Recherche. Im Zweifel für Recherchen, die möglicherweise keinen Täter rechtskräftig überführen – aber überlebenswichtige Geschichten erzählen können.
Der Kommentar von Christian Füller ist eine Gegenrede auf einen in dieser Woche erschienenen Kommentar von MEEDIA-Redakteur Marvin Schade, den Sie hier nachlesen können.
Über den Autor:
Christian Füller arbeitet als Journalist und schrieb als Autor für die FAZ, taz, WamS, Spiegel Online und Cicero. Zuletzt war er Chefredakteur der Wochenzeitung Der Freitag. In den Büchern „Sündenfall“ (2011) und „Die Revolution missbraucht ihre Kinder“ (2015) hat er Missbrauch und politischen Eros als deutsche Ideologie beschrieben.

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